Die verkannte Tamar (Genesis 38) - Eine Bibelarbeit zu Ehren von Alfred Russel Wallace

Noch mit frischer Begeisterung über ein Blockseminar mit einer Reihe hervorragender Studenten am religionswissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig im Rücken, hatte ich während Zugfahrten und Nachtstunden die Chance, über eine Anfrage eines Bibelkreises gleich vier lange gehegte Wünsche zu erfüllen.
Erstens wollte ich unbedingt einmal darlegen, warum ich die faszinierende Geschichte der Tamar, verfemt und gefürchtet wie kaum ein anderes Kapitel der Bibel, nun schon bei einigen Vorträgen insbesondere Biologen ans Herz gelegt habe. Denn ich halte den Text für auch evolutionstheoretisch außerordentlich spannend, Tamar zudem für eine in ihrer Bedeutung noch weitgehend verkannte Heldin der religiösen Überlieferung!
Zweitens habe ich einen Weg gesucht, den auch in Deutschland sträflich vernachlässigten Mit-Entdecker der Evolutionstheorie, Alfred Russel Wallace, einmal zu würdigen. Da Wallace sich selbst bis zu seinem Lebensende (in sogar eher wachsendem Maße) als Christ verstand, schien mir die Präsentationsform einer Bibelarbeit geeignet, um aufzuzeigen, dass Wallace in mindestens drei Aspekten gegenüber dem darwinistischen Mainstream empirisch richtig lag und leider (bis heute) weitgehend überhört wurde:
a) in seiner Ablehnung des Malthusianismus und der daraus folgenden, pseudo-wissenschaftlichen Rechtfertigung von Krieg
b) in seiner Ablehnung der Frauenfeindlichkeit, die leider mit auch wissenschaftlichen Folgen den Darwinismus erfasste sowie (damit zusammenhängend) seiner Ablehnung der Eugenik
c) in seiner Wertschätzung der Religiosität als Bestandteil des Evolutionsprozesses
Drittens wollte ich mit der "Form" der Bibelarbeit einmal ein neues Format für die Darstellung religionswissenschaftlicher Inhalte ausprobieren. Ich glaube, dass es möglich ist, die in Heiligen Schriften verewigten Beobachtungen und Assoziationen respektvoll zu erschließen, ohne die religionswissenschaftliche Regel des "methodologischen Agnostizismus" zu verletzten (die besagt, dass ein religiöser Glaubensinhalt weder als wahr vorausgesetzt noch ausgeschlossen werden kann). Wenn dieser Ansatz erfolgreich ist und beim Leser ankommt, könnte ich mir das auch wieder und ggf. auch einmal mit einem anderen Heiligen Text vorstellen.
Und viertens habe ich die Hoffnung, auch mehr Theologen für einen offensiven Zugang zum spannenden Thema Evolution - Religion zu gewinnen! Denn es bereitet mir, ehrlich gesagt, große Sorge, dass auch in Europa und Deutschland die religiösen und (pseudo-)darwinistischen Fundamentalisten einander zunehmend in einer Weise beharken, die eine seriöse, wissenschaftliche Diskussion über den Zusammenhang von Religion und Evolution erschwert. An mehr auch religiösen Gelehrten auch im deutschsprachigen Raum wie Ulrich Lüke (kath.) oder Wolfgang Achtner (evang.), die kenntnisreich vermittelnde Positionen einnehmen, besteht daher m.E. großer Bedarf.
blume-religionswissenschaft - 1. Jul, 22:15
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