Wallace, A.R.

Sonntag, 1. Juli 2007

Die verkannte Tamar (Genesis 38) - Eine Bibelarbeit zu Ehren von Alfred Russel Wallace

Wussten Sie, dass die Evolutionstheorie von zwei Wissenschaftlern entdeckt wurde? Kennen Sie eine der faszinierendsten Frauengestalten der Bibel? Und kann man einen Dialog zwischen einem Bibeltext und Evolutionstheorie führen? (Der Klick führt zum Skript der Tamar-Bibelarbeit zu Ehren von A.R. Wallace)

Noch mit frischer Begeisterung über ein Blockseminar mit einer Reihe hervorragender Studenten am religionswissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig im Rücken, hatte ich während Zugfahrten und Nachtstunden die Chance, über eine Anfrage eines Bibelkreises gleich vier lange gehegte Wünsche zu erfüllen.

Erstens wollte ich unbedingt einmal darlegen, warum ich die faszinierende Geschichte der Tamar, verfemt und gefürchtet wie kaum ein anderes Kapitel der Bibel, nun schon bei einigen Vorträgen insbesondere Biologen ans Herz gelegt habe. Denn ich halte den Text für auch evolutionstheoretisch außerordentlich spannend, Tamar zudem für eine in ihrer Bedeutung noch weitgehend verkannte Heldin der religiösen Überlieferung!

Zweitens habe ich einen Weg gesucht, den auch in Deutschland sträflich vernachlässigten Mit-Entdecker der Evolutionstheorie, Alfred Russel Wallace, einmal zu würdigen. Da Wallace sich selbst bis zu seinem Lebensende (in sogar eher wachsendem Maße) als Christ verstand, schien mir die Präsentationsform einer Bibelarbeit geeignet, um aufzuzeigen, dass Wallace in mindestens drei Aspekten gegenüber dem darwinistischen Mainstream empirisch richtig lag und leider (bis heute) weitgehend überhört wurde:

a) in seiner Ablehnung des Malthusianismus und der daraus folgenden, pseudo-wissenschaftlichen Rechtfertigung von Krieg

b) in seiner Ablehnung der Frauenfeindlichkeit, die leider mit auch wissenschaftlichen Folgen den Darwinismus erfasste sowie (damit zusammenhängend) seiner Ablehnung der Eugenik

c) in seiner Wertschätzung der Religiosität als Bestandteil des Evolutionsprozesses

Drittens wollte ich mit der "Form" der Bibelarbeit einmal ein neues Format für die Darstellung religionswissenschaftlicher Inhalte ausprobieren. Ich glaube, dass es möglich ist, die in Heiligen Schriften verewigten Beobachtungen und Assoziationen respektvoll zu erschließen, ohne die religionswissenschaftliche Regel des "methodologischen Agnostizismus" zu verletzten (die besagt, dass ein religiöser Glaubensinhalt weder als wahr vorausgesetzt noch ausgeschlossen werden kann). Wenn dieser Ansatz erfolgreich ist und beim Leser ankommt, könnte ich mir das auch wieder und ggf. auch einmal mit einem anderen Heiligen Text vorstellen.

Und viertens habe ich die Hoffnung, auch mehr Theologen für einen offensiven Zugang zum spannenden Thema Evolution - Religion zu gewinnen! Denn es bereitet mir, ehrlich gesagt, große Sorge, dass auch in Europa und Deutschland die religiösen und (pseudo-)darwinistischen Fundamentalisten einander zunehmend in einer Weise beharken, die eine seriöse, wissenschaftliche Diskussion über den Zusammenhang von Religion und Evolution erschwert. An mehr auch religiösen Gelehrten auch im deutschsprachigen Raum wie Ulrich Lüke (kath.) oder Wolfgang Achtner (evang.), die kenntnisreich vermittelnde Positionen einnehmen, besteht daher m.E. großer Bedarf.

Montag, 11. Juni 2007

"Klaute" Darwin von Wallace die Evolutionstheorie?

Die Historiker sprechen vom "delicate arrangement" von 1858: Alfred Russel Wallace hatte Charles Darwin aus den Molukken einen Essay übersandt, der einen ersten, bahnbrechenden Entwurf der Evolutionstheorie enthielt, verbunden mit der Bitte um Weiterleitung und ggf. Veröffentlichung.

Doch Charles Darwin tat dies nicht einfach, sondern konsultierte Freunde mit der Frage, was er selbst denn nun tun solle, habe er, Darwin, die Evolutionstheorie doch bereits seit fast 20 Jahren im Auge und bisher nur Angst vor einer Veröffentlichung gehabt.

Das Bild zeigt Alfred Russel Wallace (links) und Charles Darwin (rechts), Rücken an Rücken. (Klick führt zum Atelier des Künstlers, Jens Rusch.)

So wurden 1858 auf Rat seiner Freunde also Darwinsche Beiträge zur Evolutionstheorie (darunter neu verfasste und samt des Anspruches, Erstentdecker der Evolution zu sein) neben dem Manuskript von Wallace verlesen und veröffentlicht und Darwin legte bereits 1859 sein "On the Origin of Species" auf, bevor Wallace schließlich ein Jahr später nach England zurückkehrte.

Ob Darwin wesentliche oder womöglich gar entscheidende Teile der Evolutionstheorie von Wallace "geklaut" habe, wird seitdem immer wieder kontrovers diskutiert. Einige neuere Funde stärken dabei sogar wieder die These vom Evolutions-Klau.

Allerdings hatte Wallace als Aufsteiger aus armen Verhältnissen und als Vielreisender ohnehin die schlechteren Karten gegenüber dem längst etablierten und wohlhabenden Darwin und erkannte den Vorrang Darwins an, nannte eines seiner späteren Bücher sogar "Darwinismus". Und immerhin hatte ja auch er von Briefwechseln mit Darwin inhaltlich profitiert.

Es ist daher wohl unwahrscheinlich, dass die Geschichte der Evolutionstheorie noch jemals wieder aufgerollt und ggf. umgeschrieben wird. Aber zumal Wallace in vielen Detailfragen gegenüber Darwin und den Sozialdarwinisten Recht hatte (siehe Wallace und die Macht der Mütter), halte ich es für ein Gebot der Fairneß, diesen fast vergessenen Mit-Entdecker der Evolutionstheorie wieder bekannter zu machen. Jeder Kundige kann ein wenig zum verdienten Nachruhm des Forschers beitragen. Und dass es noch so gut wie keine deutschsprachigen Veröffentlichungen von oder über Wallace gibt, muss und sollte nicht so bleiben.

Sonntag, 13. Mai 2007

Alfred Russel Wallace und die Macht der Mütter

Alfred Russel Wallace - der (oft verkannte) Mitentdecker der Evolutionstheorie. Klick führt zum Wikipedia-Artikel.
Der heutige Muttertag bietet eine schöne Gelegenheit, an den fast vergessenen Mitentdecker des Evolutionsprinzips, Alfred Russel Wallace (1823-1913) zu erinnern - der (seiner Zeit weit voraus), die Evolutionsgeschichte und Zukunft der Menschheit wesentlich als Ergebnis der "female choice" (sog. Damenwahl) erkannte, die auch bereits Darwin als wichtige Evolutionsdynamik der "sexuellen Selektion" beschrieben hatte. Entsprechend beschrieb Wallace nicht, wie die meisten Evolutionstheoretiker seiner Zeit, den rücksichtslosen Krieger als Zukunftsbild des Menschen, sondern setzte klar auf die "Women of the Future (Interview 1893)": gebildete, freie und wirtschaftlich unabhängige Frauen, die endlich (wieder) in der Lage sein sollten, sich ihre Partner selbst auszusuchen und sich frei für oder gegen Kinder zu entscheiden. Entsprechend entschieden unterstützte er die frühe Frauenbewegung in ihrem Eintreten für Wahlrecht, Bildung und Frieden.

Seiner Zeit war Wallace damit weit voraus - ebenso wie in seiner Zurückweisung des Malthusianismus, demzufolge sich die Menschheit unaufhaltsam vermehre und also Kampf um knappe Ressourcen unausweichlich sei. Wallace erkannte diese (damals wie heute wissenschaftlich klar widerlegte, aber immer noch von vielen geglaubte) Position "als die größte Täuschung von allen (Interview 1912)" und stellte sich hartnäckig gegen diejenigen, die die Evolutionstheorie für die Rechtfertigung von Krieg, Völkerhass und Eugenik mißbrauchten. Stattdessen plädierte er noch 1912, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges, dafür, durch die Förderung von Demokratie, Gleichberechtigung, Bildung und Wohlstand die allgemeinen Geburtenzahlen zu senken und den Frieden zu sichern.

Schließlich erkannte er weitblickend die unterschätzte Rolle der Religion auch im Evolutionsgeschehen des Menschen - versuchte ihr jedoch mit "spiritualistischen" Experimenten und transzendenten Überlegungen beizukommen, was es seinen Gegnern (bis heute) sehr erleichterte, ihn zu verspotten und auszugrenzen. Dass er seine Überzeugungen zunehmend in Plädoyers für "christlichen Sozialismus" bündelte, marginalisierte ihn lange ebenso und dass er heute auch noch von Vertretern des "Intelligent Design"-Kreationismus als vermeintliche Galionsfigur mißbraucht wird, schadet seiner Reputation weiter.

Wallace vor einer Wiederentdeckung?

Allerdings sprechen eine Vielzahl jüngerer Entwicklungen dafür, dass Wallace doch noch die Wiederentdeckung und faire Würdigung erfahren könnte, die ihm längst zustünde. Die Rolle der Religion in der Evolutionsgeschichte des Menschen ist längst neu in den Blickpunkt geraten. Und wenn auch Wallace's Klärungsversuche ihn aus dem Kernbereich der empirischen Wissenschaften führten, so lag er in der Grundthese doch richtig: Religiosität beeinflußt das Evolutionsgeschehen des Menschen.

In Fragen der Demografie gilt Malthus als widerlegt - und damit hatte (auch) in dieser Frage also nicht Darwin (der Malthus folgte und damit ungewollt Sozialdarwinisten legitimierte), sondern Wallace Recht. Und die entscheidende Rolle der Frauen und ihrer Partnerwahl in der Evolution des Menschen und seiner Religiosität belegen auch heutige, empirische Daten (siehe "Die Gretchenfrage" (S. 17-20)).

Sexuelle Selektion in Daten: Frauenanteil an Kirchenmitgliedschaften sowie Konfessionslosigkeit in Bezug zu Anteil Ehen an Paarbeziehungen, Anteil Paaren mit Kindern, Anteil Single-Haushalten und Alleinerziehenden, Schweizer Zensus 2000

Mr. Wallace - auch wenn Charles Darwin die öffentlichen Erinnerungen dominiert, ich bin längst ein Fan Ihrer Leistungen und vor allem Ihres Engagements für Wissenschaft, Demokratie, Gleichberechtigung - und Frieden! Vor allem aber hoffe ich, dass sich gerade auch heute wieder Wissenschaftler von Ihrer originellen und in einigen Aspekten Darwin überlegenen Lesart des Evolutionsgeschehens anregen lassen!

Dr. Blume

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