USA religious

Montag, 7. Juli 2008

Obama möchte Bushs Finanzförderung für Sozialwerke von Glaubensgemeinschaften fortführen

Auch in den USA ist das Staat-Kirchen-Verhältnis in Bewegung (vgl. Frankreich und die neue, "positive Laizität"). Bisher hatte die strikte Trennung von Kirchen und Staat den Vereinigten Staaten einen intensiven religiös-demografischen Wettbewerb beschert, aber auch den Erfolg fundamentalistischer Lehren und Gruppen gegenüber gemäßigteren Anbietern befördert sowie die Sozialarbeit der Kirchen und Religionen beschränkt.

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama, der als Community Organizer in Chicago entsprechende Erfahrungen gemacht hatte, sprach sich nun dafür aus, ein Programm weiter zu führen und sogar auszubauen, das der noch amtierende US-Präsident George W. Bush auf den Weg gebracht hatte: Demnach sollte auch die Sozialarbeit von Glaubensgemeinschaften staatlich gefördert werden können.

Obama führte dazu laut Meldung des Pew Forums vom 1. Juli aus: "Ich glaube, dass der Wandel nicht von oben herab kommt, sondern von unten herauf. Und wenige sind den Menschen näher als unsere Kirchen, Synagogen, Tempel und Moscheen."

Die Glaubensgemeinschaften seien in der Lage, mit mehr Engagement und weniger Bürokratie effektiv zu wirken und sollten daher nicht von öffentlicher Förderung ausgeschlossen werden.

"Offen gesagt, in einigen Gegenden sind die Glaubensgemeinschaften möglicherweise die einzigen Akteure im Spiel. Und es ist wichtig, dass wir sie nicht außen vor lassen, wenn sie ihre Arbeit fortsetzen.", so Barack Obama.

Allerdings stellte er auch klar, dass staatliche Fördermittel nicht zur Mission verwendet werden dürften und dass die Bezieher solcher Mittel andersglaubende Arbeitnehmer nicht diskrimineren dürften.

(Übersetzung Blume)

Freitag, 14. März 2008

Woran scheitert die Säkularisierung in den USA? - Zur Theorie des religiösen Marktes

Für die hohe Religiosität der USA wird gemeinhin die Erklärung angeführt, dass die Geschichte eine positive Haltung zur Religionsfreiheit begünstigt und die entstehende, religiöse Vielfalt einen aktiven, religiösen Markt hervorgebracht habe. Diese These wird auch durch neueste Daten bestätigt - und durch den Faktor Demografie erweitert.

Zur Geschichte

Zuwanderer in die USA hatten und haben verschiedenste, religiöse Hintergründe. Und nicht wenige waren, wie die Pilgerväter auf der Mayflower, bewusst in die neue Welt aufgebrochen, um dort ihren Glauben frei leben zu können. Die steuerliche Finanzierung oder rechtliche Bevorzugung bestimmter Kirchen, staatlich organisierter Religionsunterricht oder die Verwendung religiöser Symbole in staatlichen Gebäuden wurden per Verfassung verboten, damit keine Konfession mehr anderen ihren Willen aufzwingen konnte. Stattdessen entwickelte sich ein buntes und schnell wachsendes Angebot aus zugewanderten und neu gegründeten Gemeinschaften, die sich selbst organisieren und um Mitglieder aktiv werben mussten, wenn sie überleben wollten. „Ist die eigene Kirche zu liberal, zu konservativ, zu phantasielos, so kann man umsteigen, statt auszusteigen.“ (Michael Zöller in "Gottes eigenes Land" hier (Tagespost-Beitrag))

Der religiöse Markt in den USA

US-Amerikaner machen von dieser Möglichkeit reichlich Gebrauch. Heute gehören 44% nicht mehr der Religionsgemeinschaft an, in der sie aufgezogen wurden. Auch nach Abzug von Wechseln innerhalb einer religiösen Tradition, beispielsweise von einer evangelischen Kirche in eine andere, verbleiben 28% Glaubenswechsel.

Aber: Durchaus Säkularisierung

Allerdings erklärt dies die religiöse Dynamik des Landes nicht alleine, denn auch in den USA wenden sich Menschen von Religion insgesamt ab: 13%, mehr als ein Achtel der derzeitigen Erwachsenengeneration, verließen die durch die Familie vermittelte Glaubensgemeinschaft, ohne sich einer neuen anzuschließen. Teilweise werden diese Verluste durch religiöse Neuzuwanderer, beispielsweise katholische Christen aus Lateinamerika, ausgeglichen. Als dritten Faktor im Wettbewerb der Religionen und Weltanschauungen aber hat das Pew Forum on Religion and Public Life die reproduktiven Unterschiede ausgemacht.

Religionsdemografie der USA - Vergleich Religiöse, Konfessionslose, Atheisten

So leben 54% der US-Amerikaner verheiratet, unter den streng evangelischen (evangelikalen) Christen 59% und unter Muslimen 60%. Dagegen sind nur 46% der Konfessionslosen verheiratet, mehrheitlich (59%) mit religiösen Partnerinnen und Partnern. Und unter den Atheisten, immerhin 1,6% der Gesamtbevölkerung, führen sogar nur 39% eine Ehe.

Entsprechende Auswirkungen ergeben sich im Hinblick auf die Familiengröße: 35% der erwachsenen US-Amerikaner leben mit mindestens einem Kind im Haushalt, 22% mit mehr als einem. Einzelne Gruppen weisen sogar noch viel mehr Kinder auf, beispielsweise Muslime (47%, 34% mehr als eines) oder Mormonen (49%, 35% mehr als eines). Dagegen leben nur 33% der Konfessionslosen und gar nur 25% der Atheisten mit Kindern, nur 20% bzw. 15% mit mehr als einem.

Auch in den USA haben Konfessionslose und insbesondere Atheisten deutlich unterdurchschnittlich Kinder. Zwar wenden sich durchaus signifikante Generationenanteil (> 10%) von den Religionsgemeinschaften ab, werden jedoch durch junge Generationen vorwiegend aus religiösen Familien und Zuwanderern ersetzt.

Gesellschaftliche Auswirkungen: Nachwachsender, religiöser Markt

Entsprechend sind auch nur 7,3% der erwachsenen US-Amerikaner konfessionslos erzogen worden - und von diesen schlossen sich 54% (3,9% aller Erwachsenen) später wiederum einer Religionsgemeinschaft an. Konfessionslose Milieus wie in Teilen Ostdeutschlands, in denen Kinder und Jugendliche mit Religionen kaum in Kontakt kommen, haben sich in den USA kaum entwickeln können.

Die hohe Religiosität der USA ist damit durch das Miteinander eines vielfältigen, religiösen Angebotes, der Zuwanderung religiöser Menschen und vor allem durch die durchschnittlich höhere Kinderzahl religiöser Amerikaner gegenüber Konfessionslosen und (noch stärker) Atheisten bedingt.

Die Teilnahme am religiösen Geschehen ist also auch in den USA durchschnittlich mit biologischem Reproduktionserfolg verknüpft - ein weiterer Beleg für die biokulturelle Evolution der Religiosität.

Wie Friedrich August von Hayek vermutete, überleben nur jene Gemeinschaften den Wettbewerb und also die kulturelle Evolution, die auch aktiv zu Familie und Kindern ermutigen und entsprechende Strukturen schaffen. Und umgekehrt: dass die USA fast ohne staatliche Familienförderung dennoch mit 2,1 Geburten pro Frau die demografische Spitze freiheitlicher und wohlhabender Nationen bilden wird von Demografen weltweit auf die durchschnittlich höhere Religiosität der Einwohner zurück geführt.

Und: US-Konfessionslose noch seltener weiblich

Womöglich gerade aufgrund der geringeren, staatlichen Absicherung und also des höheren Existenzrisikos bei scheiternden Partnerschaften bevorzugen US-amerikanische Frauen verbindliche Sozial- und Familienstrukturen in Religionsgemeinschaften sogar noch stärker als ihre europäischen Schwestern: Waren in der Schweiz Frauen unter den Konfessionslosen mit 46% (siehe hier) schon deutlich unterrepräsentiert, so sind in den USA sogar nur 41% der Konfessionslosen weiblich.

Auch dies bestärkt Hypothesen zur sexuellen Selektion von Religiosität, die sog. "Gretchenfrage-Theorien".

Dr. Blume

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