USA IVLP 2009

Freitag, 6. Februar 2009

USA - Deutschland: Zurück in die Heimat

Um auf dem 70. Geburtstag meines Doktorvaters sprechen zu können, habe ich heute die USA-Reise einen Tag vorher beenden dürfen. Danke, liebe Gastgeber, dass dies möglich war!

Wenn diese Zeilen erscheinen befinde ich mich (hoffentlich ;-) ) bereits im Flugzeug von Washington über Frankfurt ins geliebte Stuttgart. Ja, dazu stehe ich: Nach dreieinhalb Wochen Intensiv-Fernreise, unzähligen Eindrücken der USA und Gesprächen mit Freunden von China bis Malawi sehne ich mich nach unserer kleinen, großen Region mit ihren Menschen, Eigenheiten und Problemen, die sich andere Erdteile nur wünschen können.

Hat sich die Reise gelohnt? Mehr als das. Ich hatte ehrlich befürchtet, das State Department würde uns nur die schönen Seiten Amerikas zeigen wollen. Und die Inauguration des neuen US-Präsidenten war sicher auch ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Dabei waren es gar nicht die politischen Termine oder Analysen, sondern vor allem die Begeisterung der einfachen Menschen, die sich mir einbrannte.

Obama-T-Shirts am Rande der Inauguration des neuen Präsidenten. Die Begeisterung wird abflachen und hoffentlich wird sich doch ein Teil der Hoffnungen erfüllen.

Aber wir sahen eben auch die Schattenseiten der USA, besuchten Obdachlosen- und Minderheitenvertreter, sogar Sexualstraftäter in einer Art Verbannungslager unter einer Brücke Miamis. Wir sahen nicht nur schimmernde Symbole aus Glanz und Macht, sondern auch die letzten Überreste "durch Entwicklung zerstörter", afroamerikanischer Stadtteile und diskutierten mit Journalisten, Politikern und Wissenschaftlern auch über Fragen der Korruption, Konzentration von Medienmacht und unternehmerischer wie außenpolitischer Lobbyarbeit. Hier wurde gar nicht versucht, die USA als perfektes Land, als perfekte Gesellschaft zu präsentieren - sondern als eine Demokratie, die immer wieder (und manchmal auch über Irrwege) nach dem Besseren strebt. Und wenn es etwas Ur-amerikanisches immer wieder zu erleben gab, dann war es eben diese Überzeugung: Dass jeder etwas verändern könne und müsse, dass die Regierung bestenfalls Partner, niemals Ersatz der eigenen Anstrengungen sein dürfe.

Diese Überzeugung bekamen wir in den Armenvierteln ebenso eindrucksvoll vorgelebt und erzählt wie auf Demonstrationen auf der Straße und in den Palästen der Mächtigen. In gewisser Hinsicht ist meine Haltung zu den USA einerseits realistisch-nüchterner und dabei gleichzeitig tiefer geworden - es sind die Menschen in all ihrer Vielfalt, die die USA ausmachen. Es sind keine besseren Menschen, als in Europa oder anderen Erdteilen leben - aber eben doch überwiegend Menschen, die sich darauf eingelassen haben, miteinander zu leben und eine gemeinsame Zukunft zu bauen. Werden auch wir demografisch längst implodierenden Deutschen und Europäer zu dieser Zuversicht, zur Freude an Leben und Familie und einem integrierenden Wir-Gefühl finden? Ich will es hoffen, weil ich glaube, dass unsere Völker und lebendigen Kulturen der Welt noch viel zu geben hätten.

Inhaltlich...

...haben sich meine Erwartungen bezüglich (Religions-)Wissenschaft und entsprechender Literatur großteils erfüllt, die Eindrücke bezüglich Politik und Kommunikation die Erwartungen aber weit übertroffen. Selbst Blogger, hätte ich doch im Traum nicht gedacht, welche Rolle Blogs und soziale Netzwerke in der Politik und Alltagskultur der USA bereits spielen, wie tiefgreifend sie die Institutionen verändern und jene unterspülen, die sich nicht auf den offenen Dialog einlassen wollen. Sowohl die USA wie auch erst Recht wir Europäer stehen erst am Anfang einer Entwicklung, deren Folgen wir in der Mediennutzung der schon geborenen Generationen allenfalls erahnen können.

Großartig...

...waren aber auch die so unterschiedlichen Menschen, die zeitweise oder auf Dauer die Reise begleiteten - und von denen einige zu Freunden wurden. Einzelne habe ich vorgestellt, aber jeden vorher gefragt und auf Gruppenfotos verzichtet - denn wir hatten auch Freunde aus Ländern hier, die ein Risiko eingehen, wenn sie auch nur im Gespräch mit "Westlern" oder gar in den USA gesehen werden. Beim Austausch mit Leuten aus afrikanischen, arabischen und fernöstlichen Diktaturen und Krisenregionen habe ich mich mehr als einmal über unser deutsches Alltags-Jammern geschämt. Wir hätten wohl allen Grund, glücklicher zu sein und unsere Freiheiten stärker zu feiern und auszufüllen.

Ihnen, liebe Leser, vielen Dank...

...dass Sie den Blog auf diesem Reisebericht begleitet haben. Ab Montag wird es dann wieder wie gewohnt religionswissenschaftliche Forschungs- und Nachrichtennotizen sowie Links und Rezensionen rund um unsere faszinierende Spezies Mensch und unser religiöses Verhalten geben. Dass "Gott, Gene und Gehirn" auch in den letzten Wochen von der Kritik freundlich aufgenommen, zunehmend intensiv diskutiert und weiter rege nachgefragt wurde, nehme ich als gutes Omen für ein lebendiges Darwinjahr - und würde mich freuen, wenn Sie auch in Zukunft hin und wieder zu fernen Ländern und Kulturen, (religions-)wissenschaftlichen Studien und Entdeckungen der neueren Evolutionsforschung mitkommen.

Um es - ihnen dankend - in den Worten der hiesigen Gastgeber zu schreiben: May God bless you - and may God bless all the people on the small and precious planet we share!

Donnerstag, 5. Februar 2009

Vor der Abreise: Kapitol, Native-American-Museum und WW2-Monument

Der letzte Programmtag der Reise fing gut an: Angela Merkels erfreulich klare Worte zum Papstkurs fand sich mit Bild auch in der Washington Times. Dem Klischee vom ewigen, deutschen Antisemiten bin ich dagegen (und vielleicht auch deswegen) hier nicht begegnet - die Papstäußerung selbst wurde hier eher mit Kopfschütteln aufgenommen und mit der Regensburger Rede an die Muslime in Beziehung gesetzt. Wann kriegen wir Europäer endlich ein würdiges und unaufgeregtes Miteinander der Religionen hin?

Dann aber ein Abschluss-Höhepunkt des Programms - ein Besuch im Kapitol, dem Sitz des US-Zweikammerparlaments (just während dessen Beschlusses zur Krankenversicherung für Kinder) einschließlich Gesprächen mit Mitarbeitern von Abgeordneten und Live-Zeit auf der Besuchertribüne (leider nur ohne Fotoapparat zugänglich).



Verbleibende Zeit galt es dann noch zu nutzen - so beim Besuch der neuen Washingtoner Filiale des National Museum of the American Indian, das schon durch seine erstaunliche Optik und noch mehr durch seine vielfältigen (und religionsreichen ;-) ) Exponate und Möglichkeiten überzeugt.

Die Washingtoner Filiale des National Museum of the American Indian überzeugt nicht nur durch seine äußere Optik.

Mit Waleed aus Australien brach ich dann noch zu einer Abendwanderung zu einigen Nationalmonumenten auf. Unser Weg endete beim monumentalten Denkmal für die Soldaten des 2. Weltkrieges, das in der Dunkelheit und Ruhe noch seltsamer und bedrückender wirkte.



An dieser Stelle wurde mir nochmal besonders bewusst, was für ein großes Wunder eigentlich das große Ansehen ist, das Deutschland heute in den USA und auch den anderen Ländern wieder erworben hat - wie ich gerade in den letzten Wochen in Begegnungen mit Vertretern Dutzender Länder immer wieder erfahren durfte. Als Volk, das sich seiner Geschichte stellt, sind wir weit gekommen. Und es bleibt zu hoffen, dass wir auf dieser Verantwortung aufbauen und eine neue, auch patriotisch-integrierende Identität in und mit der Vielfalt der Völker und Religionen werden aufbauen können. Denn Kriege, Hass und Unrecht hatten wir genug und die Aufgaben, die vor uns liegen, werden wir Menschen, so glaube ich, nur gemeinsam bewältigen können.

Mittwoch, 4. Februar 2009

Das GAO und Home Hospitality

Heute hatten wir Begegnungen und Gespräche mit PR-Leuten und Wissenschaftlern des Government Accountability Office (GAO), das für den Kongress arbeitet und in Deutschland dem wissenschaftlichen Dienst des deutschen Bundestages entspricht. Nur ist das GAO als NGO konzipiert, deutlich größer und stärker auf auch direkte Information von Presse und Öffentlichkeit gerichtet. Kommunikation über YouTube inklusive:



Am Abend hatten einige von uns (denen der entsprechende Termin wegen des Eissturms in Tulsa entgangen war) dann doch noch Gelegenheit, die in den USA traditionsreiche "Home Hospitality" kennen zu lernen. Dabei laden US-amerikanische Bürger internationale Gäste zu sich nach Hause zu Gespräch und Abendessen ein. Wir hatten das Glück, beim wunderbaren Ehepaar Christenson eingeladen zu sein (er ein pensionierter Lehrer, sie früher für den Foreign Service tätig), die noch dazu ein deutsch-amerikanisches Paar (Wolfgang & Christine) zu sich gebeten hatten. Hier Hao und ich bei der Übergabe von Gastgeschenken an die Christensons (na klar warb ich auch bei dieser Gelegenheit für einen Besuch im Herzen Europas, in Baden-Württemberg! ;-) ).

Home Hospitality bei den Christensons, Washington D.C. Danke für den wundervollen Abend!

Die Christensons haben im "Unruhestand" übrigens auch ein interessantes Projekt auf den Weg gebracht: Sie erstellten mit PBS eine Fernsehdoku über den Marshallplan. In den USA recht erfolgreich, ist dieser jedoch bislang in Deutschland leider nicht zu sehen...

Apropos Deutschland: Hätte nicht gedacht, dass mich der Klang deutscher Sprache wieder so tief berühren würde. Aber es ist schon so: In der Ferne wird einem auch der Wert des Eigenen wieder viel bewusster.

Dienstag, 3. Februar 2009

Je beeindruckend: Das Institute of International Education und bestattende Säugetiere

Heute standen wieder vor allem politische und internationale Termine auf dem Programm, so dass ich die Gelegenheit nutzen möchte, die beeindruckend effizienten und dabei stets freundlichen NGO-Hauptpartner unseres Programms vorzustellen: die Homepage des Institute of International Education, das sich den wissenschaftlichen und pädagogischen Dialog zwischen den USA und anderen Ländern verschrieben hat, Programme, Stipendien, Themenschwerpunkte o.ä. organisiert, ist für an den USA Interessierte auf jeden Fall einen Klick wert!

Das Institute of International Education ist eine weltweit tätige NGO zur Förderung des wissenschaftlichen und pädagogischen Austauschs der USA mit anderen Ländern, die durch Professionalität und Freundlichkeit überzeugte. Klick führt zur IIE-Homepage.

Und langsam beginne ich mich auch wieder auf den deutschen Terminrhythmus einzustellen: Nutzte die Mittagspause zum Friseurbesuch und den Spätnachmittag zur Erkundung des Smithsonian National Museum of Natural History (Homepage hier). "Smithsonian" (nach Herrn Smith, einem frühen Millionensponsor) heißt übrigens: Das Museum wurde in Partnerschaft von Spendern und öffentlicher Hand errichtet, hier ist der Eintritt frei.

Und so stand ich staunend zwischen ganz kleinen Exponaten...



...den größeren...



...und den GANZ großen (den ich leider nur in Bruchstücken aufs Bild bekam)...

Was für Wesen mögen diese Krallen wohl vor einigen Jahrmillionen alles so gepackt haben? *Grusel*

Neandertaler bestatteten ihre Toten

Aber bitte haben Sie Verständnis - es sind eben erst in zweiter Linie die Tiere, die mich faszinieren. Dieser Blog dreht sich ja um die Evolution religiösen Verhaltens. Und so stand ich denn auch begeistert vor der Szenerie einer Neandertaler-Bestattung - denn neben Homo Sapiens hatte auch diese Menschengattung religiöses Verhalten entwickelt, bevor sie vor wenigen Jahrzehntausenden leider erlosch.

Neben Homo Sapiens evolvierte auch Homo Neandertalensis religiöses Verhalten. Hier die Darstellung einer Neandertaler-Bestattung im Smithsonian National Museum of Natural History, Washington DC.

Wenn Sie das Thema Evolution der Religiosität interessiert ein aktueller Fachartikel dazu hier.

Sonntag, 1. Februar 2009

Von Erdbeben und Polizei, Indianern und Palästinensern

Der heutigen Zeitung konnte ich den Grund entnehmen, warum ich gestern um 5 Uhr verwirrt aufgewacht war: Es hatte ein Erdbeben der Stärke 4,5 gegeben. Größere Sorgen bereiten den Seattlern aber derzeit weiterhin die Erschütterungen der Weltwirtschaft, die mehrere der großen Unternehmen und den überlebenswichtigen Außenhandel in Mitleidenschaft gezogen haben.

Interessant war Vorstellung und Gespräch mit führenden Vertretern der "Crime Stoppers of Puget Sound", die samt Fernsehshow eine Art zivilgesellschaftliches "Aktenzeichen XY ungelöst" repräsentieren. Die Organisation als NGO ist dabei eine weitere Folge der Informationsfreiheit in den USA: Da Bürger den Staat zur Preisgabe von Informationen (bis hin zu Telefonlisten von Beamten) auffordern können, kann hier nur eine nichtstaatliche Organisation die strikte Anonymität garantieren, die beispielsweise Gangs oder Drogenringe aufzusprengen hilft. Sogar das Belohnungssystem für Hinweise, die zur Ergreifung von Tätern führen, werden hier strikt anonym über ein PIN-Nummer-System abgewickelt.

Auf den Besuch eines Native American-Kulturzentrums hatte ich mich besonders gefreut und habe auch eifrig Informationen und Fotos zu Heiligen Orten, Gerätschaften und Überlieferungen sammeln können. Dazu aber mal ein gesonderter Bericht.

Am Nachmittag begegneten wir auch einer amerikanisch-arabischen Demonstration gegen die Zerstörungen im Gaza-Streifen. Hier die in Jerusalem lebende Palästinenserin Reem Eid Halawani (rechts, weiße Schuhe) im Gespräch mit Demonstranten.

Auch amerikanische Muslime und Araber bringen sich in den USA zunehmend in den politischen Diskurs ein. Hier eine Aufnahme einer Demonstration gegen die Zerstörungen in Gaza, Seattle Januar 2009.

Auch hier fand sich eine Beobachtung bestätigt, die erst langsam ins Bewußtsein der europäischen Öffentlichkeit zu sickern beginnt: In den USA gelingt die Integration von Muslimen weit besser als in Europa, "homegrown terrorism" ist ein überwiegend europäisches Phänomen! Auch die Demonstranten schilderten, dass sie sich in den USA mit ihrer Religiosität insgesamt akzeptiert fühlten, Eingebürgerte verwiesen mit Stolz auf die US-Flagge und auf die Möglichkeiten, sich im demokratischen System friedlich für Veränderungen einzusetzen. Auch der Dialog zwischen Religionsgemeinschaften ist (mit regional großen Unterschieden!) weit entwickelt, in Diskussionsrunden und Friedensaktionen treffen Juden, Christen und Muslime auf Augenhöhe aufeinander. Wie es eine arabisch-amerikanische Mutter ausdrückte: "Es gibt junge Leute bei uns, die meinen, sie könnten nichts verändern. Denen sage ich: Ihr habt Amerika nicht verstanden!" (Ein etwas älterer Vortrag zum Thema Islam in den USA als pdf hier).

Hier begegnete mir auch zum wiederholten Mal eine Beobachtung, die sich unter Muslimen weltweit auszubreiten scheint: Die Schwäche der arabischen Diktaturen wird mit der relativen Stärke der türkischen Demokratie verglichen. "Während die arabischen Regime letztlich von den USA abhängig sind, konnte Tayyip Erdogan [der Ministerpräsident der Türkei, Anm. Blume] sowohl den Irakkrieg ablehnen wie jetzt auch Shimon Peres die Meinung sagen. Denn er wird vom Volk gewählt.", so eine Palästinenserin.

Zuletzt...

...möchte ich noch erwähnen, dass eine Kombination aus amerikanischen Kopfschmerztabletten und SWR 3-Webradio fast so etwas wie Wunder wirkt. Da morgen wieder ein Mammut-Reisetag (Rückflug nach Washington D.C. inkl. 3 Stunden Zeitverschiebung) ansteht, bitte ich im Falle einer Blog-Verzögerung schon mal um Verständnis...

Samstag, 31. Januar 2009

Politik in Washington State

Heute hatten wir die Gelegenheit, in die Staats- (in Deutschland wäre das: Landes-)politik des Bundesstaates Washington hinein zu schauen. Und in der Tat: Der 6-Millionen-Staat gönnt sich in der Hauptstadt Olympia (!) ein Zwei-Kammern-Parlament (Senat und Repräsentantenhaus, je Teilzeitabgeordnete) und eine Gouverneurin (in Deutschland wäre das eine Ministerpräsidentin), die gemeinsam in einem eindrucksvollen Kapitol aus Marmor im griechisch-römischen Stil residieren.

Das Kapitol des US-Bundesstaates Washington, in dem beide Parlamentskammern und die Gouverneurin residieren.

Auch innen läßt es der Bau an ornamentalem Luxus nicht fehlen und der Sitz des Obersten Staats-(in Deutschland wäre das Landes-)gerichts liegt denn auch gleich gegenüber. Und trägt den Namen: Temple of Justice - Tempel der Gerechtigkeit. Die neun Richter werden hier ebenfalls direkt vom Volk gewählt, derzeit sind vier der neun Frauen.

Im Kapitol wirken dagegen die je ebenfalls direkt gewählten Politiker, hier Representative (Abgeordneter) Bob Hasegawa im Gespräch mit unserem Delegationsmitglied Said Mohammed Carpenter aus Nigeria.

Der demokratische Abgeordnete im Repräsentantenhaus Washington State Bob Hasegawa im Gespräch mit Said Mohammed Carpenter, Nigeria.

Traditions Fair Trade Cafe

Mein persönliches Tageshighlight war jedoch das Traditions Fair Trade Cafe der Hauptstadt - ein Eineweltladen mit angeschlossenem Restaurant. Einerseits kam mir vieles aus Deutschland wunderbar bekannt vor - die kleine Handbibliothek voller Bücher zu innerem und äußerem Frieden, der Duft von Räucherkerzen, das Angebot urtümlicher Kleidung, handgefertigter Waren und Kaffeesorten, Musik und Mottos von guten Menschen für gute Menschen. Good vibrations, die durch beste Wünsche unterstrichen wurden.



Aber das Cafe in Olympia hatte auch noch so viel unbekanntes zu bieten: Zum einen ein sehr viel größeres Angebot an religiöser und spiritueller Musik, Güter und Literatur (einschließlich einer ganzen Regalreihe von und zu Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie) - und weit mehr Angebote für Kinder. In den USA erweisen sich auch Friedensbewegte als durchschnittlich religiöser und - damit verbunden, wie treue Leser dieses Blogs wissen - als durchschnittlich kinderreicher als die entsprechende Szene in Deutschland.

Als alten Tolkien- und Rollenspiel-Fan hatte mich aus dem Angebot an "kooperativen Spielen" sofort das Brettspiel "Oger & Elfen" angesprochen...



...bis ich erstaunt lesen mußte, dass es in diesem Spiel darauf ankam, die Edelsteine zwischen Ogern und Elfen so gerecht aufzuteilen, dass am Schluss alle glücklich sein würden. Wenn Tolkien das noch erlebt hätte...

Und haben Sie gewusst, dass es tibetanische (!) Barbeque-Soße gibt? Lecker, und man hat ein garantiert gutes Gewissen dabei!

Also, liebe Leser: Sollten Sie jemals nach Olympia im Staate Washington kommen, fahren Sie nicht am Traditions Fair Trade Cafe vorbei, das idyllisch fast im Schatten des Kapitols liegt. Hier finden Sie eine ganz besondere Oase der Güte und Friedfertigkeit in einem vielfältigen Land, das in letzter Zeit ja eher Männer mit Gewehren in den Mittelpunkt seiner Zelebrationen stellte...

Freitag, 30. Januar 2009

Bloggen in Seattle

New York, Miami, Washington, San Francisco, Los Angeles, Boston - die USA hat viele interessante Städte zu bieten. Aber Seattle hat sich in nur anderthalb Tagen bei mir den Spitzenplatz erworben - die Smaragdstadt ist einfach klasse! Das gilt im Hinblick auf die großen Eindrücke wie die Skyline...

Die Skyline von Seattle im Bundesstaat Washington, USA, zeigt sogar im Januar noch Farbe.

...aber auch auf Details wie die Skulptur eines Trolls unter einer Brücke.

Humor in Seattle: Skulptur eines Trolls, der ein Auto gegriffen hat, unter einer Brücke in Seattle.

Das Angebot an kulturellen Angeboten, Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten ist atemberaubend und z.T. in einer kompakten Downtown konzentriert, die sich zu Fuß oder kostenlos per Bus erkunden läßt. An jeder Ecke laden Starbucks zum Verweilen, Wifi-Internetzugang ist hier stadtweit gegeben. Was eine Stadt aber natürlich letztlich interessant macht, sind seine Menschen - und hier in Seattle leben Ingenieure, IT-Fachleute, Händler, Künstler, Wissenschaftler und Politiker dicht beieinander, der blaue (d.h. in Wahlen 70-80%ig demokratische) Staat Washington ist eine Hochburg kreativer Vernetzung. Derzeit gehen auch hier leider die letzten beiden Regionalzeitungen ein, an ihre Stelle tritt aber eine lebendige und vielfältige Bloggerszene, deren bekannteste Vertreter sich auf lokale Themen spezialisiert haben.

So trafen wir im World Trade Center West Andrew MacDonald, der bei Microsoft arbeitet, Bezirksvorsitzender der hiesigen Republikaner ist und mit Sound Politics ein Flagschiff der konservativen Lokalblogs betreibt.



In einer Stadtbibliothek (mit Extra-Regalen zu Themen der Evolutionsforschung, in Seattle hält man viel von Religion, aber wenig von Fundamentalismus ;-) ) tauschten wir uns mit David Goldstein aus, der mit dem linken Blog Horse's Ass zu Bekanntheit aufgestiegen ist und sowohl durch direkte Lokalberichterstattung wie auch durch eine enge Vernetzung mit der nationalen Bloggerszene so manchen Skandal aufdecken konnte (am prominentesten vielleicht das unrühmliche und vor allem unfachliche Vorleben des Katastrophenschutz-Chefs, der für das Versagen in New Orleans verantwortlich war. Drei Tage, nachdem zuerst HA und dann die nationale Bloggerszene dieses pikante Detail der Bush-Ernennung aufzeigten und die Fernseh- und Printmedien auf die Story aufsprangen, erfolgte die hastige Entlassung.)



Die schnell wachsende Rolle von Internetmedien (v.a. Blogs und Social Networks) nicht nur in Wahlkämpfen und Berichterstattung, sondern auch in politischer Bildung und Aktivität erforscht das Center for Communication and Civic Engagement der Universität Washington (des Bundesstaates im Westen, nicht der Hauptstadt im Osten der USA). Im Bild Maria Demeova, die für eine Vertretung der Roma-Minderheit in der Slowakei arbeitet und der philippinische Journalist Raffy Tima Jr. im Eingangsbereich des Zentrums.

Maria Demeova, Slowakei und Raffy Tima Jr., Philippinen, vor dem CCCE der Universität Washington, Seattle.

Hier trafen wir den Institutsleiter Prof. Lance Bennett und Mitarbeiter, die sich auf die Erforschung und Erprobung politischer Bildung und Aktivitätsformen junger Menschen spezialisiert haben - eine Zielgruppe, die gerade auch in Seattle durch die klassischen Medien (einschließlich Fernsehen) kaum noch erreicht wird, andererseits aber über das Internet neue Politikformen gestaltet und u.a. maßgeblich die Obama-Kampagne förderte und zum Erfolg führte. Die vielen Eindrücke und Informationen und die tiefgreifenden Veränderungen, die das Web für die politische Kultur der Zukunft bedeuten, wurden an diesem Tag deutlicher denn je und wir werden heute noch mehr erfahren. Statt eines Fotos lasse ich Lance Bennett aber vielleicht lieber selbst zu Wort kommen.

Donnerstag, 29. Januar 2009

Ankunft in Seattle

Als Shadowrun-Gamer der ersten Stunde war ich natürlich wahnsinnig gespannt auf Seattle - jene Stadt zwischen Natur und Hightech, die sich nach Norden nach Kanada, nach Süden uns Osten in die Herzlande der USA, vor allem aber nach Westen zum Pazifik und den Nationen Asiens hin öffnet. Microsoft, Amazon, Boeing und Starbucks sind nur einige der Weltfirmen, die hier ihren Ursprung nahmen, Bill Gates und seine Familie wohnen immer noch hier.

Und obwohl wir erst spät abends ankamen, enttäuschte die Stadt die Hoffnungen nicht: eine von Licht und Leben pulsierende Downtown, dabei aber eher elegant-konzentriert als oberflächlich-glitzernd wirkend. Der Volksmund hat Seattle den Namen Emerald City - Smaragdstadt verliehen, der sich auch auf das viele Grün in und um die Stadt bezieht. (Wozu ich aber des Nachts wegen noch nichts sagen bzw. schreiben kann.)

Eine Impression aus den Straßenschluchten von Seattle, genannt Emerald City (Smaragdstadt).

Im Programm der kommenden Tage sind Begegnungen mit US-Bloggern, Wissenschaftlern und Politikern vorgesehen, außerdem Termine zur Stadt und Native Americans. Würde mich freuen, wenn es Ihr Interesse fände. Der Zeitunterschied zu Deutschland beträgt von hier aus 9 Stunden - hier ist es 21.20 Uhr, wenn es in Deutschland schon 6.20 Uhr am Folgetag ist.

Mittwoch, 28. Januar 2009

Eingeschneit

Auf den Eissturm folgte der Schnee - die glatte Oberfläche mit einem dünnen, weißen Mantel einkleidend. Das Ergebnis war ein fast völliger Zusammenbruch des Verkehrs, die Schließung der Schulen und der meisten Geschäfte und mit all dem auch unseres heutigen Programms. Freude löste das Ereignis aber auch aus, hatten doch einige Freunde aus südlichen Ländern noch nie Schnee erlebt und waren entsprechend interessiert und auch erfreut. Wir nutzten den Tag insgesamt zur Erholung, für kleinere Erledigungen (hier in Tulsa gab es mehr Bookshops als in Miami :-) ) und natürlich zu vielen Gesprächen innerhalb der Gruppe.

Vor dem Hintergrund vereister Wege und verschneiter Straßen ist hier Lulzim Peci aus dem Kosovo zu sehen, Direktor des KIPRED-Institutes.

Lulzim Peci. Direktor des KIPRED-Institutes im Kosovo, vor dem frisch eingeschneiten Tulsa.

Morgen steht die Weiterreise nach Seattler (über Denver) an und schon wegen der Wetterverhältnisse wage ich keine Prognose, ob ein Blogbericht am Abend noch möglich sein wird.

Dienstag, 27. Januar 2009

Eissturm in Tulsa, Oklahoma

Von den sonnengefluteten Stränden Miamis in einem Flugtag (mit Umstieg über Dallas) eine Zeit- und Klimazone weiter in einen Eissturm in Oklahoma - was für ein vielfältiges Land! Leider mußten heute einige Programmpunkte ausfallen, weil Straßen und Wege unpassierbar wurden, auch die Stromversorgung und Internetverbindung fiel zeitweise aus (daher das späte Einstellen des Beitrags, sorry). Und doch hätte das Erlebte und Erlernte wieder für einige Blogbeiträge gereicht.

So lernten wir die Stadt Tulsa kennen, deren Aufstieg im 20. Jahrhundert Ölfunden und damit verbundenem Maschinenbau zu verdanken war, verewigt u.a. im Standbild eines Ölbohrers. Im Vordergrund Muhanned Al Munaizel, der beeindruckend junge PR-Chef des Premierministers aus dem schönen (und heute noch ölreichen) Königreich Bahrain - der Chance zu dieser Bildkomposition konnte ich nicht widerstehen. ;-)

Tulsa war laut Selbstbezeichnung einmal die "Ölhauptstadt der Welt" und an diese Zeit erinnert u.a. das Monument eines Ölbohrers. Im Vordergrund Muhanned, ein Freund aus Bahrain.

Oklahoma ist ein tiefroter (d.h. hier republikanischer) Staat des südlichen Bibelgürtels - die eigentlichen politischen Kontroversen finden hier zwischen moderaten und rechtskonservativen Republikanern statt. Hispanische Zuwanderer, häufig illegal eingereist und teilweise seit Jahrzehnten ohne stabilen Rechtsstatus, tragen maßgeblich zur Wirtschaftskraft bei und bilden bereits ein knappes Fünftel der Gesamtbevölkerung, werden aber zugleich fehlender Bildung und der Entstehung von Parallelgesellschaften geziehen. Im Bild eine Ausgabe der Hispano de Tulsa - eine zweisprachige (englisch-spanische) Lokalzeitung.

Die Hispano de Tulsa ist eine zweisprachige (englisch-spanische) Lokalzeitung in Tulsa, Oklahoma, USA.

Die afroamerikanische Bevölkerung geht maßgeblich auf Sklaven zurück, die von Native Americans erworben und (zum Teil auf deren Flucht vor weißen Siedlern) in die Region gebracht wurden - aus den zahlreichen Mischehen zwischen Indianern und schwarzen Sklaven ging gar eine eigenständige Schicht der Freedmen ("befreite Leute") hervor. Zumal viele afroamerikanische und Freedmen-Familien vor der Ankunft weiterer , v.a. weißer Zuwanderer bereits Land und Zugang zu Bildung besaßen, entstand hier in Tulsa im Rahmen der Segregation ein besonders erfolgreicher, schwarzer Stadtteil: Greenwood wies (neben einiger Armut) auch eine Rekordzahl schwarzer Unternehmer, Künstler, Mediziner und Anwälte auf und wurde als "schwarze Wallstreet" bekannt. Aber 1921 kam es zu schweren Rassenunruhen, den Tulsa Race Riots, in deren Verlauf die (weiße) Polizei auf Seiten der Mehrheit eingriff und große Teile Greenwoods zerstört, zahlreiche Menschen getötet wurden. Die folgende "Stadtentwicklung", zu der die Neuordnung des Grundbesitzes und der Bau einer Autobahn mitten durch Greenwood gehörten, besiegelte das Schicksal des einmaligen Stadtteils endgültig - heute erinnert nur noch eine kleine Stiftung und ein erhaltenes Haus der afroamerikanischen Oberschicht an eine einstmals besonders erfolgreiche, schwarze Gemeinde im Süden der USA. Allerdings berichten diese von einem wachsenden Interesse an der Geschichte Greenwoods sowohl von Schulklassen aus dem Nahbereich wie auch von historisch Interessierten aus dem In- und Ausland.

Greenwood war einmal eine besonders erfolgreiche, afroamerikanische Gemeinde in den USA, bevor sie 1921 durch Rassenunruhen zerstört wurde. Die Besichtigung des letzten erhaltenen (Oberschicht-)Hauses, das heute von einer Stiftung erhalten wird, empfand ich als sehr beeindruckend.

Dass sich trotz aller Konflikte ein gewisser Zusammenhalt der Stadt entwickelt hat, wurde von mehreren Gesprächspartnern vor allem den Kirchen zugesprochen, die sowohl in ethnisch getrennten wie gemischten Gemeinden auftreten und in Kontakten miteinander wie auch der Lokalverwaltung stehen. Sowohl persönliche Kontakte religiöser Funktionäre wie auch gemeinsame, spirituelle Erfahrungen (z.B. an Feiertagen) begründen einen Dialog des Alltags, der Grenzen nicht aufhebt, aber aufweicht. So befindet sich Tulsas große Universität nicht nur in privater Hand und beruft sich auf christliche Traditionen, sondern hat außer einer Kirche auch eine Moschee für seine Studenten errichtet. Unter dem Eindruck fremdenfeindlicher Gesetzgebungen haben sich zudem seit kurzem Hispanics, Afroamerikaner, Native Americans, Juden, Muslime, weitere Minderheiten mit aufgeschlossenen Weißen zu Allianzen wie der American Dream Coalition u.a. zusammen geschlossen - deren Arbeit u.a. erheblich dazu beitrug, dass Barack Hussein Obama (entgegen den Erwartungen vieler) auch Mehrheiten hispanisch-amerikanischer und jüdischer Stimmen gewinnen konnte. Und eine deutschsprachige Schilderung Tulsas wäre nicht komplett ohne den Hinweis auf eine immer noch lebendige deutsch-amerikanische Tradition in der Stadt, die u.a. in einer Anzahl (auch) deutschsprachiger Einwohner, einer deutsch-amerikanischen Gesellschaft und einer Partnerschaft mit der Stadt Celle ihren Ausdruck findet.

Dr. Blume

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