UFO-Glauben

Donnerstag, 3. April 2008

Titelgeschichte Journal für UFO-Forschung

Im Seminar "Angewandte Religionswissenschaft" an der Universität Leipzig sollte es ja darum gehen, auch mutiger solche Themen anzusprechen, die eine breitere Öffentlichkeit interessieren. Daher habe ich dann auch die kreative Herausforderung des engagierten Studenten Martin Bamert zu einer akademischen Pro-Contra-Debatte über die Einordnung der UFO-Phänomene angenommen.

Das Medieninteresse des Abends war mit Zeitung, Fernsehen, Radio und Internetmedien bereits verblüffend genug - nun hat das "JUFOF - Journal für UFO-Forschung" der GEP e.V. den Abend sogar zur Titelgeschichte gemacht:

Die UFO-Veranstaltung von Martin Bamert und mir als Titelgeschichte des Journals für UFO-Forschung der GEP e.V. Klick führt zu einer enthaltenen Kurzversion meines Plädoyers.

Gerne war ich bereit, der JUFOF-Redaktion die Erlaubnis zum Abdruck einer gekürzten Version meines Vortrags zu erteilen - mit der Bitte, sie dann aber auch meinen Bloglesern zugänglich machen zu dürfen. Per Klick auf das Cover können Sie es als pdf abrufen. Die weiteren Veranstaltungsberichte, Kommentare etc. sind dann im Heft zugänglich, das in wenigen Tagen erscheinen soll.

Noch einmal ein "Danke!" für das breite Interesse an der Veranstaltung und darüber hinaus, die insgesamt faire Diskussionskultur, die wir an diesem Abend zwischen UFO-Glaubenden und -Skeptikern etablieren konnten sowie jetzt auch der freundlichen und kompetenten Zusammenarbeit mit Henriette Fiebig von der GEP und JUFOF-Redakteur Danny Ammon.

Obwohl mancher darüber die Nase rümpfen mag, habe ich mir schon vorgenommen, auch in Zukunft hin und wieder mal etwas zu Religion & Außerirdischen zu manchen, zumal es ein spannendes, zeitgenössisches Thema ist und offensichtlich viele Menschen bewegt und interessiert.

Mein Part in der UFO-Debatte mit Martin Bamert an der Universität Leipzig am 11.01.2008. Darin vertrete ich die Auffassung, dass sich die UFO-Sichtungen und Kontakte sehr viel besser als neureligiöses Phänomen denn als physikalisches Ereignis beschreiben lassen.

Montag, 14. Januar 2008

UFOs als Thema der Religionswissenschaft

Die Sichtung von oder Begegnung mit UFOs (Unidentified Flying Objects / Unidentifizierte fliegende Objekte) gehört zu den Erfahrungen, die von Menschen individuell oder auch gemeinschaftlich als außergewöhnlich erlebt, erinnert und/oder erzählt werden können. Andere außergewöhnliche Erfahrungen (AGE) umfassen zum Beispiel Erscheinungen (z.B. Verstorbene, Maria o.ä.), Nahtodeserfahrungen, Ahnungen, Offenbarungen, Entführungen / Himmelsreisen o.ä.

Ob alle diese AGEs nur als personal erinnerte bzw. berichtete oder ggf. einige auch als physikalisch fassbare Phänomene zu betrachten sind ist (trotz neuer Theorien etwa aus der Neurobiologie) noch ungeklärt und wird auch kaum je für jeden Einzelfall endgültig aufzuklären sein.

Entsprechende Erfahrungen werden dann wiederum häufig subjektiv gedeutet, anderen erzählt, interpretiert und so zu sozialen Phänomenen, die Teil oder sogar Ausgangspunkt kulturell-religiöser Mythologien und Gemeinschaften werden können. So wurden außergewöhnliche Sichtungen, Begegnungs- oder Entführungserinnerungen in der Geschichte beispielsweise als göttliche Zeichen, Geister, Engel, Dämonen, Dschinns, Elfen, Hexen o.ä. erzählt.

Erst im 20.Jahrhundert wurden UFOs zunehmend als Raumschiffe außerirdischer Spezies gedeutet und es entwickelte sich eine populäre Mythologie, die andere klassische AGEs und Themen wie u.a. Entführungen, Bündnisse verschwörerischer Mächte, eine sich verfestigende Ikonographie u.v.m. umfasst. Auch in Deutschland ergeben repräsentative Befragungen einerseits eine immer noch deutlich überwiegende Anzahl klassischer AGEs, aber eine doch zunehmende Tendenz von UFO-Sichtungen unter der jüngeren Generation, vor allem unter jungen Männern.

Auszug aus einer repräsentativen Befragung zu Außergewöhnlichen Erfahrungen (AGE) im Auftrag des IGPP-Instituts Freiburg 1999. Verglichen werden die Anteile von Befragten, die sich an Erscheinungen (meist Verstorbener) bzw. an die Sichtung von UFOs erinnern.

Zu unterscheiden...

...ist der Glaube an außerirdische Besucher der Erde im Übrigen von den kosmologischen Schätzungen zur möglichen Existenz außerirdischen Lebens (etwa entlang der Drake-Formel). Sehr viele Forscher halten die Existenz extraterrestrischen Lebens für möglich oder gar wahrscheinlich, ohne deswegen die Deutung von UFOs als "Besuche" anderer Spezies zu übernehmen.

Entstehung von UFO-Religionen

Mit prägenden Einflüssen aus der Esoterik bzw. Theosophie, deren maßgebliche Begründerin Helena Blavatsky Ende des 19.Jahrhunderts "Kontakte" mit "Meistern von der Venus" berichtete, entstanden auf Basis der sich schnell entwickelnden UFO-Mythen ab der Mitte des 20.Jahrhunderts UFO-Religionsgemeinschaften um Kontaktpersonen. Diese blieben zwar meist zahlenmäßig klein und kurzlebig, entfalteten jedoch über Bücher, Medien und Filme eine beachtliche kulturelle Wirkung. Nach dem Baylor Religion Survey 2005 von Gallup stimmte jeder fünfte (20,2%) Befragte in den USA der Aussage zu (Agree), dass es sich "bei einigen UFOs um Raumschiffe" handele, zusätzliche 3,7% äußerten sogar "starke Zustimmung" (Agree strongly). Die wenigen deutschen Befragungen ergaben bislang Zustimmungswerte von 10-15%, um die 2% der (erwachsenen) Einwohner wissen von eigenen UFO-Sichtungen zu berichten.

In Deutschland hat vor allem der Religionswissenschaftler Prof. Andreas Grünschloss das Thema erschlossen und über die Kosmologien von UFO-Gemeinschaften und die Deutung der mutmaßlich von Außerirdischen geprägten Menschheitsgeschichte (sog. Paläo-SETI durch Erich von Däniken u.a.) gearbeitet. Aus dem englischsprachigen Raum ist (unter anderem) die kanadische Religionssoziologin Susan J. Palmer zu nennen, die über den Raelianismus, die derzeit größte UFO-Religionsgemeinschaft, forschte und schrieb.

Sind UFO-Glaubende ggf. einfach psychisch gestört?

Nein, die bisherige, sozialpsychologische Forschung (hier zusammengefasst von Edgar Wunder, einem Heidelberger Soziologen) konnte keinen generellen Zusammenhang feststellen - was im übrigen ebenso für andere AGEs gilt, die ein fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte zu sein scheinen.

Allerdings können sich sowohl UFO-glaubende Einzelpersonen wie besonders auch Gemeinschaften bisweilen in eine eskalierende Selbstabschottung zur umgebenden Gesellschaft begeben - wie drastisch an den Massenselbstmorden der Sonnentempler und 1997 der Mitglieder von Heaven's Gate deutlich geworden. Hier tritt also ein Problemkomplex möglicherweise verstärkt auf, der in wenigen Extremfällen auch aus anderen religiösen Kontexten belegt ist.

Bilden UFO-Glaubenserzählungen und -gemeinschaften also Religionen wie andere auch?

Einerseits ja: Sie lassen sich in ihren Formierungen, Verbreitungswegen, Strategien usw. religionswissenschaftlich beschreiben und sind daher für die vergleichende Forschung (etwa zur Selbstorganisation mythologischer Erzählungen) außerordentlich interessant.

Andererseits könnte die Vermischung wissenschaftlicher und religiöser Argumentationen sowohl ihren Reiz wie auch ihr Strukturproblem darstellen: gegen den Strom ständiger, wissenschaftlicher Falsifikationen (wie z.B. der Erkenntnis, dass es auf der Venus kein Leben gibt u.ä.) schützten und schützen sich UFO-Gemeinschaften häufig durch Verschwörungstheorien, die zu einer Immunisierung gegen andere Erkenntnisse und eskalierenden Selbstabschottung beitragen können.

Insofern wird es darauf ankommen, einerseits den Menschen mit ihren (oft kreativen) Glaubens- und Weltdeutungen respektvoll zu begegnen; andererseits aber auch kritische (Selbst-)Reflektionen zu ermöglichen. Letztlich gilt auch für diesen neureligiösen Bereich: Es scheint angeraten zu sein, mit- statt nur übereinander zu sprechen.

Mein Part in der UFO-Debatte mit Martin Bamert an der Universität Leipzig am 11.01.2008. Darin vertrete ich die Auffassung, dass sich die UFO-Sichtungen und Kontakte sehr viel besser als neureligiöses Phänomen denn als physikalisches Ereignis beschreiben lassen.

Auch in politikwissenschaftlicher Hinsicht ist ein häufig massives Mißtrauen gegen das Funktionieren demokratischer Regierungssysteme zu konstatieren, die häufig als von Verschwörern gelenkt beschrieben werden. Auch wo UFO-Gemeinschaften politische Aussagen gemacht haben (z.B. Scientology, Aetherius Society) wecken diese oft erhebliche Zweifel an der Bejahung einer freiheitlichen Grundordnung. Hier werden also einerseits bestehende Vertrauensdefizite aufgegriffen, diese aber ggf. auch wiederum selbst verstärken. Ein gesellschaftliches Ignorieren dieser Entwicklungen erscheint also auch demokratietheoretisch nicht empfehlenswert. Auch hier zeigt sich: die schlichte Tabuisierung von UFO-Themen und Verweigerung des Gesprächs mit UFO-Glaubenden trägt weder zu Problemlösung noch Erkenntnisgewinnen bei.

Sollte man also UFO-Sichtungen geistes- und naturwissenschaftlich erforschen?

Auf jeden Fall! Wissenschaft sollte sich grundsätzlich um Erkenntnisse bemühen und daher jede Form physikalischer und/oder sozialer Phänomene zu verstehen versuchen. Denk- oder Forschungsverbote liefen hier nicht nur einem breiten, öffentlichen Interesse entgegen, sondern würden Verschwörungstheorien und Abschottungstendenzen nur verstärken.

Gerade die empirische Forschung und Aufklärung rund um UFO-Phänomene und ihre Deutungen bietet Skeptikern wie Glaubenden die Möglichkeit, miteinander (wieder) in den Dialog zu finden, Tabuisierungen und Abschottungen abzubauen und eskalierende Fehlentwicklungen ggf. zu vermeiden. Das Gewinnen und Reflektieren empirischer Erkenntnisse ist häufig ein gemeinsames Anliegen. Aber auch die Kirchen könnten gut daran tun, sich konstruktiv mit den Sehnsüchten wie auch philosophisch-theologischen Fragen auseinander zu setzen - wie zum Beispiel der katholischen Akademie Hohenheim hier beispielhaft anregend gelungen.

Wie bei anderen AGEs (z.B. Nahtodeserfahrungen, Erscheinungen) auch ist die Religionswissenschaft im Bezug auf UFO-Phänomene auf interdisziplinäre Partner wie die Psychologie, Physik, Neurobiologie u.a. angewiesen bzw. kann diese in fruchtbare Gespräche miteinander bringen.

Mindestens dürften dabei wertvolle Erkenntnisse zur Wirklichkeitskonstruktion des Menschen, zur Entstehung und Weitergabe von Mythologien und ggf. auch in der interessierten Öffentlichkeit erweiterte Kenntnisse an empirischer Naturwissenschaften herauskommen.

Wir dürfen also gespannt sein, ob sich nach und nach mehr Wissenschaftler interdisziplinär an das Thema wagen und was hier die nächsten Jahre und Jahrzehnte hervorbringen werden. Den fairen Verlauf einer ersten Pro-Contra-Diskussion am 11.Januar 08 in Leipzig habe ich persönlich dabei als durchaus ermutigend erlebt.

Mittwoch, 9. Januar 2008

Der Suizid von Heaven's Gate (1997)

1972 trafen in den USA Marshall Herff Applewhite, der sich später (u.a.) „Do“ nennen würde, auf die Krankenschwester Bonnie Lu Nettles, innergemeinschaftlich später (u.a.) „Ti“ genannt. Applewhite, der Sohn eines presbyteranischen Predigers, hatte sich aus psychologischen Gründen und zur erhofften „Heilung“ von Homosexualität in Behandlung begeben, nachdem seine Ehe geschieden, seine Rolle als zweifacher Familienvater zerfallen und seine Arbeitsstelle an einer Universität gekündigt worden war.

Das Paar kam zu der Auffassung, die Erde und Menschheit würden als verderbter Ort durch eine kommende Katastrophe "gereinigt", nur wenige Auserwählte würden "the next Level of Evolution", die "nächste Stufe der Evolution" erreichen. Sie entwickelten einen UFO-Kult mit esoterischen und christlich-apokalyptischen Mythologien, dem sich bald Anhänger anschlossen.

So wurden Do und Ti als "die UFO-Zwei" als Kontaktpersonen und zeitweilige Inkarnationen (sog. Walk-Ins) Außerirdischer geglaubt, u.a. von Jesus (Applewhite) und Gottvater (Nettles). Sie würden einige Auserwählte zur Evakuierung durch ein UFO vor der zum Millennium kommenden Katastrophe vorbereiten.

Mitglieder mussten bald ihre Habe aufgeben, den Kontakt zu ihren Familien und Freunden abbauen und ihre Sexualität völlig überwinden – später kam es sogar zu einigen Selbstkastrationen unter männlichen Mitgliedern (einschließlich Applewhites). Nach einer Reihe von Umbenennungen wurde die Gruppe als "Heaven's Gate" (Tor zum Himmel) bekannt und nutzte, wie andere UFO-Gemeinschaften vor und nach ihr, auch das Internet zur Propagierung ihrer Thesen. (Homepage von 1997 hier.)

Das Logo der UFO-Religion Heavens Gate, deren Mitglieder 1997 in Erwartung eines Sternenschiffes in den Massenselbstmord gingen.

Die Gruppe schottete sich, auch aufgrund kritisch-satirischer Medienberichterstattungen, immer stärker von der Außenwelt ab und begann sich als Opfer von Verschwörungen zu sehen, hinter denen „luziferianische“ Aliens stünden.

Als Nettles 1985 an Krebs starb, spitzte sich die Lehre noch einmal zu: das Millenniums-UFO würde die Auserwählten nicht mehr körperlich an Bord beamen, sondern nur jene aufnehmen, die –wie Nettles- bereit wären, ihre „physischen Container“ zurück zu lassen. Der Begriff „Selbstmord“ wurde nun umgedeutet: als Selbstmord galt nicht mehr der Akt der Tötung, sondern umgekehrt die Weigerung, sich auf den „next Level of Evolution“, die „nächste Stufe der Evolution“ zu begeben und sich so in die Hände der kommenden Erdkatastrophe zu begeben. (Siehe hier)

Im November 1996 verkündete ein texanischer Amateur-astronom, neben dem nahenden Hale-Bopp-Kometen einen „länglichen Begleiter“ gesehen zu haben. Obwohl andere Astronomen diese UFO-Sichtung schnell als Fehlinterpretation eines Fixsterns erkannten, hatte sich der Mythos unter UFO-Glaubenden bereits über Internet und Radio ausgebreitet. Die Widerlegungen wurden in der Szene (und auch von Heaven's Gate) weithin als die "üblichen" Vertuschungen und Verschwörungen von Staat, Kirchen und Wissenschaftlern abgetan.

Applewhite galt diese "Sichtung" vielmehr als untrügliches Zeichen des nahenden Rettungs-UFOs, die fehlenden Jahre bis 2000 wurden als historischer Kalenderfehler betrachtet.

Am 29.März 1997, kurz bevor Hale-Bopp der Erde am nächsten kam, verübten 39 Mitglieder der Gruppe (darunter der Gründer Applewhite) gemeinschaftlichen Selbstmord.

Hale-Bopp aber zog ungerührt (und ohne UFO) weiter, hier eine Zeitrafferaufnahme über Wimbledon, England...


Wie schon Jahre zuvor beim Massenselbstmord der Sonnentempler-Gruppe, die nach Sirius evakuiert werden wollte, kam es auch in der nahen Folgezeit zu wenigen weiteren Selbstmorden bzw. Selbstmordversuchen.

Die Heaven’s Gate-Katastrophe fügte der Verbreitung von UFO-Mythologie zeitweise einen empfindlichen Rückschlag zu. Inzwischen ist sie der nachwachsenden Generation aber kaum mehr präsent bzw. wird auch subkulturell in Musikstücken und Internettexten durchaus verklärt.

Am Fall Heaven's Gate zeigte sich das strukturelle Problem von UFO-Glaubensgemeinschaften: während andere, religiöse Bewegungen nach einer Formierungszeit der Abgrenzung und Weltentsagung gewöhnlich wieder in den Dialog mit staatlichen Behörden, den Wissenschaften, etablierten Religionsgemeinschaften o.ä. finden, lassen sich die vermeintlich "wissenschaftlichen" UFO-Mythologien gegen faktische Widerlegungen nur durch die Konstruktion von Verschwörungstheorien schützen. Ohne, dass es die Umwelt registrieren muss, rutschen nicht wenige UFO-Glaubende so in eine parallele Wahrnehmung der Welt ab, in der staatliche Behörden die Wahrheit unterdrücken ("Men in Black"), Politiker und die Geistlichen anderer Religionen pauschal unwissend, verdorben oder gar selbst Werkzeuge "böser Aliens" sind und sich korrupte Wissenschaftler und Medienleute an angeblich globalen Vertuschungs- und Verfälschungsaktionen beteiligen. Die auf Unbeteiligte teilweise verschroben und lächerlich wirkenden Mythologien und (Selbst-)Benennungen erschweren auch jedes Mensch-zu-Mensch-Gespräch, der dialogische Kontakt zur Außenwelt stirbt so sukzessive ab. Auftretende Krisen- oder Verfolgungserfahrungen können dann in tragischen Eskalationen enden.

Es wäre natürlich völlig falsch jede Faszination für UFO-Sichtungen mit Suizidgefahren zu verbinden. Aber das Eintauchen in Weltdeutungen, die nur mittels Verschwörungstheorien "funktionieren", vermittelt zwar Kurzzeit-Nervenkitzel als Anspruch "geheimen (esoterischen) Wissens", verschärft aber biografische und lebensweltliche Probleme weit öfter, als es sie lösen könnte.

Donnerstag, 3. Januar 2008

Die UFO-Glaubensgemeinschaft der Raelianer

Sind UFO-Sichtungen und die aus ihnen abgeleiteten Deutungen empirisch fassbar oder eher als neureligiöse Bewegungen zu verstehen? Auch in Vorbereitung zu einer öffentlichen Disputation zum Thema UFO-Glauben am 11.Januar in Leipzig möchte ich Ihnen in lockerer Folge Aspekte aus UFO-Mythologien und -gemeinschaften vorstellen.

Die Raelianer...

...bilden, auch dank geschickter Medienarbeit, die heute wohl bekannteste UFO-Kultgemeinschaft mit weltweit zwischen 65.000 (Eigenangaben) und 30.000 (unabhängige Schätzungen) Anhängern. Die Gemeinschaft wurde 1974 von Claude Vorilhon (heute: Rael) gegründet, einem (zuvor mäßig erfolgreichen) französischen Rennfahrer und Popsänger, der von einer UFO-Landung und einem Offenbarungsgespräch mit einem Außerirdischen berichtete.

Die Raelianer vertreten einen strikten, wissenschaftlich legitimierten Atheismus. Die Götter ("Elohim") seien "in Wirklichkeit" Aliens gewesen, die unter anderem das Leben auf der Erde geschaffen und die Religionsstifter (u.a. Jesus, Buddha, Muhammad) mit entsprechenden Botschaften zur Vorbereitung der Menschheit gesandt hätten. So sei Jesus aus einer Vereinigung eines Außerirdischen mit Maria hervorgegangen, wie auch Vorilhon (der seiner jungen Mutter unehelich geboren wurde) eigentlich von "Yahwe" als biologischem Vater abstamme. Er sei der letzte der von den Elohim gesandten Propheten, der eine Botschaft zu ihrer Begrüßung errichten solle (für die Geld gesammelt wird).

Der Versuch, diese Botschaft in Israel oder im Libanon zu errichten, scheiterte (auch) daran, dass das Symbol der Raelianer aus einer Verbindung von Davidstern und Swastika (Hakenkreuz) bestand. Zeitweise änderten die Raelianer (auf Anraten der Elohim) daher das Symbol. Als aber auch dies den Widerstand der israelischen Regierung und des Oberrabbinates nicht beendete, ließ Rael wieder die alte Form verkünden (PM dazu hier). In europäischen und amerikanischen Kontexten wird aber derzeit noch weiterhin meist auf die Swastika verzichtet.

Das Symbol der Raelianer. Um zu einer Verständigung mit Israel zu gelangen und um europäische und amerikanische Kritik an der Verwendung der Swastika (Hakenkreuz) abzuwehren, wurde zeitweise und wird noch teilweise das Emblem ohne Swastika verwendet. Im Grundsatz aber gilt das alte Symbol seit 2007 als wieder hergestellt.

Einen missionarischen Clip, der das Selbstverständnis der Raelianer zum Ausdruck bringt, finden Sie im Folgenden:


Sichtbar wird hier die Umdeutung religiöser Überlieferungen und Symbole im Rahmen eines wissenschaftlichen Fortschrittsglaubens, der "Säkularisierung" transzendenter Akteure und Erfahrungen und einer Zukunftshoffnung. Gerade dieser Bezug machte es jedoch nötig, subsequente wissenschaftliche Erkenntnisse, die der Lehre widersprechen, auch zurück zu weisen - ein Schicksal fast aller UFO-Mythologien. Die Raelianer vertreten so beispielsweise einen atheistischen Kreationismus: es wird bestritten, dass sich komplexes und vor allem menschliches Leben allein aus Evolutionsprozessen entwickelt habe; vielmehr hätten die Elohim je die entsprechenden Arten "gepflanzt". Und auch die Elohim seien von einer anderen Spezies geschaffen worden - in einer Kette ohne erfassbaren Anfang. Auch die Kontinente seien (entlang der biblischen Genesisüberlieferung!) nicht in einem natürlichen Prozess, sondern durch Terraforming der Elohim geprägt worden.

Neben der klassischen UFO-Kontakterfahrung greift die Rael-Gemeinschaft auch weitere, etablierte UFO-Mythologien auf: so die Atombombe als entscheidendes Ereignis, das die Außerirdischen zu Kontakten anrege und die Menschheit vor die Wahl zwischen interstellarem Aufstieg oder Untergang stelle. Der Spot lässt sogar die Gestaltänderungen der Außerirdischen nachvollziehen: waren bis in die 70er Jahre weltweit vor allem Humanoide (oft Ikonen-ähnlich und nicht selten Brüder, Nachkommen oder Inkarnationen Jesus) vorherrschend, so wurden die "Grauen" (kleine Menschenähnliche mit großen Augen) zunächst in den USA populär und setzten sich dann mit Stephen Kings "Begegnung der dritten Art" von 1977 weltweit durch. Auch in der Rael-Überlieferung "entwickelte" sich das Bild der Elohim von der ersten gezeichneten Ikone zu einer helleren und freundlicheren Version der Grauen (stärkeres Kindchenschema, weniger bedrohliche Augen). Auch Meditationen und die Übertragung von Botschaften gehören zum raelianischen Angebot, wobei der Kontakt zu den Elohim nur von Rael ausgeht.

Sogar der Zusammenhang von Religionen und Reproduktion ist bei den Raelianern angesprochen: Einerseits lehnen die Raelianer aus ihrer Sicht "veraltete" Ehe-, Familien- und Sexualitätsgebote ab und sorgten beispielsweise mit der gezielten Verteilung von Kondomen an katholische Studenten in den USA für Aufsehen. Denn die zukünftige Reproduktion solle zunehmend über Klonen erfolgen - und das (nach nie bestätigten Angaben der Gemeinschaft) erfolgreiche Klonen eines Mädchens namens Eva (!) pünktlich zu Weihnachten (!) 2002 gehörte zu den größten Medienerfolgen der Gruppe.

Auch der Umstand, dass weibliche Mitglieder zwar im Rahmen von Missionskampagnen prominent vorgestellt werden, aber in der Anhängerschaft deutlich unterrepräsentiert erscheinen, fügt sich in die evolutionspsychologischen Befunde zur unterschiedlichen sexuellen Selektion ("Gretchenfrage") religiöser Glaubensinhalte, wie sie u.a. Harald Euler vermutet und empirisch belegt hat: UFO-Mythologien und freiheitlichere Sexualregeln sprechen deutlich überwiegend jüngere Männer an.

Das Klonen wird von der Gemeinschaft als eine wissenschaftliche Variante zur Erlangung von Unsterblichkeit betrachtet, zumal spätere Entwicklungen zur Übertragung auch der "Software" (d.h. biografischen Erinnerungen, Fähigkeiten etc.) führen könnten. An die Firma "Clonaid" wenden sich auch viele Nicht-Raelianer, die beispielsweise hoffen, verstorbene Angehörige, Kinder oder auch Haustiere "wieder zu bekommen". Bisher sind keine erfolgreichen Klone belegt und erscheinen nach derzeitigem Kenntnisstand auch unwahrscheinlich.

Da sich auch die raelianischen Elohim bisher jeder empirisch verifizierbaren Beobachtung entziehen, können sie als transzendente (im Sinne von außer- bzw. überhalb der beobachtbaren Natur stehende) Akteure bezeichnet werden. In diesem Sinne sind die Raelianer umfassend als neureligiöse Glaubensgemeinschaft auf Basis und in der Tradition populärer UFO-Mythologien beschreibbar.

Dr. Blume

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