Die Sichtung von oder Begegnung mit UFOs (Unidentified Flying Objects / Unidentifizierte fliegende Objekte) gehört zu den Erfahrungen, die von Menschen individuell oder auch gemeinschaftlich als außergewöhnlich erlebt, erinnert und/oder erzählt werden können. Andere außergewöhnliche Erfahrungen (AGE) umfassen zum Beispiel Erscheinungen (z.B. Verstorbene, Maria o.ä.), Nahtodeserfahrungen, Ahnungen, Offenbarungen, Entführungen / Himmelsreisen o.ä.
Ob alle diese AGEs nur
als personal erinnerte bzw. berichtete oder
ggf. einige auch als physikalisch fassbare Phänomene zu betrachten sind ist (trotz neuer Theorien etwa aus der
Neurobiologie) noch ungeklärt und wird auch kaum je für jeden Einzelfall endgültig aufzuklären sein.
Entsprechende Erfahrungen werden dann wiederum häufig subjektiv gedeutet, anderen erzählt, interpretiert und so zu sozialen Phänomenen, die Teil oder sogar Ausgangspunkt kulturell-religiöser Mythologien und Gemeinschaften werden können. So wurden außergewöhnliche Sichtungen, Begegnungs- oder Entführungserinnerungen in der Geschichte beispielsweise als göttliche Zeichen, Geister, Engel, Dämonen, Dschinns, Elfen, Hexen o.ä. erzählt.
Erst im 20.Jahrhundert wurden UFOs zunehmend als Raumschiffe außerirdischer Spezies gedeutet und es entwickelte sich eine populäre Mythologie, die andere klassische AGEs und Themen wie u.a. Entführungen, Bündnisse verschwörerischer Mächte, eine sich verfestigende Ikonographie u.v.m. umfasst. Auch in Deutschland ergeben repräsentative Befragungen einerseits eine immer noch deutlich überwiegende Anzahl klassischer AGEs, aber eine doch zunehmende Tendenz von UFO-Sichtungen unter der jüngeren Generation, vor allem unter jungen Männern.
Zu unterscheiden...
...ist der Glaube an außerirdische Besucher der Erde im Übrigen von den kosmologischen Schätzungen zur möglichen Existenz außerirdischen Lebens (etwa entlang der Drake-Formel). Sehr viele Forscher halten die Existenz extraterrestrischen Lebens für möglich oder gar wahrscheinlich, ohne deswegen die Deutung von UFOs als "Besuche" anderer Spezies zu übernehmen.
Entstehung von UFO-Religionen
Mit prägenden Einflüssen aus der Esoterik bzw. Theosophie, deren maßgebliche Begründerin Helena Blavatsky Ende des 19.Jahrhunderts "Kontakte" mit "Meistern von der Venus" berichtete, entstanden auf Basis der sich schnell entwickelnden UFO-Mythen ab der Mitte des 20.Jahrhunderts UFO-Religionsgemeinschaften um Kontaktpersonen. Diese blieben zwar meist zahlenmäßig klein und kurzlebig, entfalteten jedoch über Bücher, Medien und Filme eine beachtliche kulturelle Wirkung. Nach dem
Baylor Religion Survey 2005 von Gallup stimmte jeder fünfte (20,2%) Befragte in den USA der Aussage zu (Agree), dass es sich "bei einigen UFOs um Raumschiffe" handele, zusätzliche 3,7% äußerten sogar "starke Zustimmung" (Agree strongly). Die wenigen deutschen Befragungen ergaben bislang Zustimmungswerte von 10-15%, um die 2% der (erwachsenen) Einwohner wissen von eigenen UFO-Sichtungen zu berichten.
In Deutschland hat vor allem der Religionswissenschaftler
Prof. Andreas Grünschloss das Thema erschlossen und
über die Kosmologien von UFO-Gemeinschaften und die
Deutung der mutmaßlich von Außerirdischen geprägten Menschheitsgeschichte (sog. Paläo-SETI durch Erich von Däniken u.a.) gearbeitet. Aus dem englischsprachigen Raum ist (unter anderem) die kanadische Religionssoziologin
Susan J. Palmer zu nennen, die über den
Raelianismus, die derzeit größte UFO-Religionsgemeinschaft, forschte und schrieb.
Sind UFO-Glaubende ggf. einfach psychisch gestört?
Nein, die bisherige, sozialpsychologische Forschung (
hier zusammengefasst von Edgar Wunder, einem Heidelberger Soziologen) konnte keinen generellen Zusammenhang feststellen - was im übrigen ebenso für andere AGEs gilt, die ein fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte zu sein scheinen.
Allerdings können sich sowohl UFO-glaubende Einzelpersonen wie besonders auch Gemeinschaften bisweilen in eine eskalierende Selbstabschottung zur umgebenden Gesellschaft begeben - wie drastisch an den Massenselbstmorden der
Sonnentempler und 1997 der Mitglieder von
Heaven's Gate deutlich geworden. Hier tritt also ein Problemkomplex möglicherweise verstärkt auf, der in wenigen Extremfällen auch aus anderen religiösen Kontexten belegt ist.
Bilden UFO-Glaubenserzählungen und -gemeinschaften also Religionen wie andere auch?
Einerseits ja: Sie lassen sich in ihren Formierungen, Verbreitungswegen, Strategien usw. religionswissenschaftlich beschreiben und sind daher für die vergleichende Forschung (etwa zur Selbstorganisation mythologischer Erzählungen) außerordentlich interessant.
Andererseits könnte die Vermischung wissenschaftlicher und religiöser Argumentationen sowohl ihren Reiz wie auch ihr Strukturproblem darstellen: gegen den Strom ständiger, wissenschaftlicher Falsifikationen (wie z.B. der Erkenntnis, dass es auf der Venus kein Leben gibt u.ä.) schützten und schützen sich UFO-Gemeinschaften häufig durch Verschwörungstheorien, die zu einer Immunisierung gegen andere Erkenntnisse und eskalierenden Selbstabschottung beitragen können.
Insofern wird es darauf ankommen, einerseits den Menschen mit ihren (oft kreativen) Glaubens- und Weltdeutungen respektvoll zu begegnen; andererseits aber auch kritische (Selbst-)Reflektionen zu ermöglichen. Letztlich gilt auch für diesen neureligiösen Bereich: Es scheint angeraten zu sein, mit- statt nur übereinander zu sprechen.
Auch in politikwissenschaftlicher Hinsicht ist ein häufig massives Mißtrauen gegen das Funktionieren demokratischer Regierungssysteme zu konstatieren, die häufig als von Verschwörern gelenkt beschrieben werden. Auch wo UFO-Gemeinschaften politische Aussagen gemacht haben (z.B. Scientology, Aetherius Society) wecken diese oft erhebliche Zweifel an der Bejahung einer freiheitlichen Grundordnung. Hier werden also einerseits bestehende Vertrauensdefizite aufgegriffen, diese aber ggf. auch wiederum selbst verstärken. Ein gesellschaftliches Ignorieren dieser Entwicklungen erscheint also auch demokratietheoretisch nicht empfehlenswert. Auch hier zeigt sich: die schlichte Tabuisierung von UFO-Themen und Verweigerung des Gesprächs mit UFO-Glaubenden trägt weder zu Problemlösung noch Erkenntnisgewinnen bei.
Sollte man also UFO-Sichtungen geistes- und naturwissenschaftlich erforschen?
Auf jeden Fall! Wissenschaft sollte sich grundsätzlich um Erkenntnisse bemühen und daher jede Form physikalischer und/oder sozialer Phänomene zu verstehen versuchen. Denk- oder Forschungsverbote liefen hier nicht nur einem breiten, öffentlichen Interesse entgegen, sondern würden Verschwörungstheorien und Abschottungstendenzen nur verstärken.
Gerade die empirische Forschung und Aufklärung rund um UFO-Phänomene und ihre Deutungen bietet Skeptikern wie Glaubenden die Möglichkeit, miteinander (wieder) in den Dialog zu finden, Tabuisierungen und Abschottungen abzubauen und eskalierende Fehlentwicklungen ggf. zu vermeiden. Das Gewinnen und Reflektieren empirischer Erkenntnisse ist häufig ein gemeinsames Anliegen. Aber auch die Kirchen könnten gut daran tun, sich konstruktiv mit den Sehnsüchten wie auch philosophisch-theologischen Fragen auseinander zu setzen - wie zum Beispiel der katholischen Akademie Hohenheim
hier beispielhaft anregend gelungen.
Wie bei anderen AGEs (z.B. Nahtodeserfahrungen, Erscheinungen) auch ist die Religionswissenschaft im Bezug auf UFO-Phänomene auf interdisziplinäre Partner wie die Psychologie, Physik, Neurobiologie u.a. angewiesen bzw. kann diese in fruchtbare Gespräche miteinander bringen.
Mindestens dürften dabei wertvolle Erkenntnisse zur Wirklichkeitskonstruktion des Menschen, zur Entstehung und Weitergabe von Mythologien und ggf. auch in der interessierten Öffentlichkeit erweiterte Kenntnisse an empirischer Naturwissenschaften herauskommen.
Wir dürfen also gespannt sein, ob sich nach und nach mehr Wissenschaftler interdisziplinär an das Thema wagen und was hier die nächsten Jahre und Jahrzehnte hervorbringen werden. Den fairen Verlauf einer ersten
Pro-Contra-Diskussion am 11.Januar 08 in Leipzig habe ich persönlich dabei als durchaus ermutigend erlebt.