Rezensionen

Dienstag, 24. Februar 2009

Christian Pantle: Die Varusschlacht - Der germanische Freiheitskrieg

2009 ist nicht nur Darwinjahr, sondern auch der 2000te Jahrestag der Varusschlacht, deren historische Folgen sich wohl kaum ermessen lassen. Das hervorragende Buch von Dr. Christian Pantle hat mich begeistert.

Seit einem gelungenen Jugendroman über die (wie ich heute weiß: unbelegte) Jugend des Arminius in Rom hatte ich mich für das Geschehen zwischen Rom und dem frühen "Germanien" interessiert, war aber immer wieder am schlecht sortierten Wust ungesicherter Fakten frustriert. Mit Dr. Pantles "Die Varusschlacht" hat dieser Zustand nun endlich ein Ende gefunden: Der Autor holt erfreulich weit aus, z.B. in die Kultur und Religion der Germanen oder die Dienstzeit des Varus in Judäa, um vor diesem Hintergrund das archäologische Wissen um die Varusschlacht überzeugend (und unter Darstellung auch der Gegenmeinungen) darzustellen. Das liest sich nicht nur unglaublich interessant und löst viele populäre Irrtümer über beide Völker auf, sondern leuchtet auch ein: Wer z.B. weiß, mit welchen Taktiken Varus Aufstände der Juden in Israel niederschlug, kann dessen Verhalten in Germanien tatsächlich besser verstehen. Und nach den eindrucksvollen Schilderungen sowohl der germanischen wie römischen Lebenswelten wurde mir erstmals überzeugend klar, warum die Römer die Unterwerfung der Germanen versuchten und vor allem warum sich Arminius und die Stämme eigentlich gegen Rom auflehnten. Spannende Vergleiche zu heutigem Verhalten braucht Pantle da nur noch anzudeuten - hier wird von ganz alleine deutlich, dass sich aus Geschichte zum Verständnis des Menschen weiterhin viel lernen lässt!

Fehlende Fußnoten gleicht Pantle durch einen Index, Zeittafeln und ein umfangreiches Literaturverzeichnis sowie die sehr gute Praxis von Steckbriefen und Infokästen aus. Was mich schließlich endgültig begeisterte, war aber die grafische Gestaltung eben nicht nur von Schlachtreihen, sondern auch von Karten, Panoramabildern und Grafiken. Zu einem fairen Preis bekommt der Leser hier Geschichte auf bestem Niveau geboten - faszinierend durch neueste, bestens aufgearbeitete und nachvollziehbar gewichtete Informationen.

Montag, 26. Januar 2009

Edward Humes: Monkey Girl - Evolution, Education, Religion, and the Battle for America's Soul

Da heute die Weiterreise von Miami nach Tulsa in Oklahoma anstand (USA-IVLP-Reisebericht hier), möchte ich die Chance nutzen, ein Buch zu rezensieren, dass mir in Washington in die Hände gefallen ist.



Der (u.a. bereits mit einem Pulitzer ausgezeichnete) Sachbuchautor Edward Humes schildert in "Monkey Girl" Vorgeschichte und Verlauf des Dover-Gerichtsprozesses um Kreationismus und (dessen Variante) Intelligent Design in staatlichen Schulen der USA. Spannend wie ein Thriller wird deutlich, wie religiöse Fundamentalisten 2003 den gewählten Schulrat ("School board") der Kleinstadt Dover übernahmen und versuchten, die Evolutionstheorie im Rahmen des Biologie- bzw. Wissenschaftsunterrichts zu attackieren und durch Intelligent Design, eine Variante des Kreationismus, zu "eränzen". Schnell sammelten sich mächtige und finanzstarke Vertreter der religiösen Rechten, das ID-Discovery Institute mit einer handvoll auch in Deutschland "bekannter" ID-Vertreter (z.B. Michael Behe, William Dembski) und das Thomas More Law Center, um dem Dover-Board taktische und rechtliche Unterstützung zu geben. Und aus der Überzeugung heraus, den christlichen Glauben und Amerika gegen "die atheistische Evolutionstheorie" zu verteidigen, setzten führende Vertreter dieses Lagers schnell auch auf Druck, Lügen und Finten, um die Gesetzgebung und Rechtsprechung zur Trennung von Staat und Kirche(n) zu unterlaufen und "Gott wieder ins Klassenzimmer zu bringen". Der Titel des Buches bezieht sich auf den Spottnamen, den Fundamentalisten einer jungen Christin verpassten, die an der Vereinbarkeit von Evolutionstheorie und Glauben festhält.

Aber auch die aufgeklärte Seite organisierte sich: Empörte Eltern, Biologielehrer, Wissenschaftler (einschließlich des Wissenschaftsbloggers Nick Matzke, dessen Beiträge und Recherchen den Fall maßgeblich beeinflußten), Theologen und die Bürgerrechtsvereinigung ACLU (American Civil Liberties Union) gingen vor Gericht, kostenlos vertreten durch eine pro Bono-Entscheidung der Anwaltskanzlei Pepper Hamilton in Philadelphia. Und schon in der Schilderung auch dieser Personen erwarten die Leser handfeste Überraschungen - so waren die meisten der ID-Gegner keineswegs glaubensfeindlich, sondern selbst praktizierend religiös (v.a. Katholiken, Lutheraner und Juden), die aber eben keinen Widerspruch zwischen Evolutionsforschung und Glauben sahen und die Unterscheidung von Kirche und Staat, Religion und Wissenschaft gerade auch als Schutz- und Freiheitsrechte verteidigt wissen wollten. Die vermeintlich zwingende Folgerung von Atheismus aus der Evolutionstheorie, wie sie religiöse Fundamentalisten und polemische Religionskritiker gleichermaßen behaupten - sie erweist sich als eine der Irreführungen, die in Dover (erneut) widerlegt wurde.

So kam es also zum Dover-Prozess (nach Ansicht vieler Beobachter eine fundiertere Neuauflage des weitgehend inszenierten "Affenprozesses" in Scope 1925) und die Anfangsbedingungen sahen eher gut für die Vertreter von ID aus: Deutliche Mehrheiten in lokalen Wählerbefragungen, der politische Aufstieg der Neokonservativen einschließlich des Präsidenten George W. Bush, der sich öffentlich für die Einbeziehung von ID im Schulunterricht aussprach, die Ernennung rechtskonservativer Richter, eine seit Jahren auf ihre Chance wartende, kreationistische Lobby - und dann noch ein per Losentscheid bestimmter Richter John E. Jones, der als republikanischer Kommunalpolitiker Karriere gemacht hatte...

Die spannungsreiche 40-tägige Verhandlung, das dramatische Pro und Contra vor und hinter den Kulissen und schließlich die klare Entscheidung von Richter Jones gegen Intelligent Design im staatlichen Schulwesen (das komplette Urteil Kitzmiller vs. Dover School District übrigens zum Download hier) werden durch Humes umfassende Recherchen und spannenden Schreibstil zum psychologisch unterfütterten Gerichtsthriller, zum faktenreichen Geschichtsbuch und, ja, auch zur gelungenen Einführung in Wissenschafstheorie und Evolutionsforschung, ihre Chancen und Grenzen. Wahrscheinlich dürfte es derzeit keine bessere Fallstudie zur Auseinandersetzung zwischen Fundamentalismus und reflektierter Wissenschaft geben. Wer zu diesen Themen ernsthaft informiert sein will, sollte Monkey Girl unbedingt gelesen haben.

Montag, 12. Januar 2009

Ferdinand Mirbach: Die deutschen Parteien und der Islam: Politische Konzepte zur Integration von Muslimen

Art. 21 Abs. 1 des Grundgesetzes (GG) definiert: „Die Parteien wirken an der Bildung des politischen Willens des Volkes mit." Zum deutschen Volk gehört aber auch eine schnell wachsende Anzahl an Muslimen. Wie gehen die deutschen Parteien damit um?

Eine politikwissenschaftliche Arbeit von Ferdinand Mirbach, die auf hohem Niveau Bemühungen deutscher Parteien um Muslime erforscht und mit einer Befragung parteiaktiver Muslime ergänzt.

Der Politikwissenschaftler Ferdinand Mirbach schließt mit der vorliegenden Arbeit eine drängende Forschungslücke. Denn die Frage, wie die Einbeziehung auch der Muslime in die bestehenden Parteien gelingt, hängen wiederum Fragen der Integration, der Extremismusprävention und letztlich des Selbstverständnisses unserer zunehmend vielfältigen Gesellschaft ab. Wer z.B. die Mitarbeit von Muslimen in den bestehenden Parteien ablehnt, wird dauerhaft wohl der Entstehung eigener, islamischer Kommunalwahllisten und Parteien gegenüber stehen.

Bei soziologischen und demokratietheoretischen Überlegungen überlässt es aber Mirbach erfreulicherweise nicht - vielmehr beschreibt er Entstehung und Funktion bereits bestehender Strukturen. Wer kennt schon die zunehmend wachsenden Deutsch-Türkischen Foren der CDU oder die Türkisch-Deutsche Vereinigung der Liberalen? Wer die FDP-Kommission für Kirchen und Religionsgemeinschaften, in der bewusst Vertreter der Kirchen, jüdischen und muslimischen Organisationen eingebunden werden? ImmiGrün e.V. und den Arbeitskreis grüner Muslime/-innen? Den Islambeauftragten und die Arbeitsgruppe Integration und Islam der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag? Und wer hätte gedacht, dass die SPD bislang am wenigsten Aktivität in diesem Bereich entfaltet und den religiösen Muslimen (von der SPD-Islambeauftragten im O-Ton) erklärtermaßen die kalte Schulter zeigt - weil sie sich der Stimmen der deutsch-türkischen Wählerschaft ohnehin (und womöglich zu Unrecht) auf Dauer sicher wähnt?

Die schon für sich spannende und auch für Fachleute mit gänzlich neuen Informationen garnierte Schilderung beschließt Mirbach mit der Auswertung einiger Studien und einer Befragung unter 51 in den demokratischen Parteien aktiven Muslimen über deren Selbsteinschätzung (z.B. Religiosität), Erfahrungen inner- und außerhalb ihrer Partei, Ziele und Hoffnungen. Wer sich für einen bislang unterschätzten Aspekt der Zukunft der politischen und religiösen Landschaft in Deutschland interessiert, sollte sich Mirbachs Buch vornehmen!

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Rodney Stark: Cities of God

Religionsgeschichte mit empirischen Ansatz zum Siegeslauf des frühen Christentums auch gegen staatliche Verfolgung. Atemberaubend spannend zu lesen, endlich empirisch-frischer Wind statt dem trägen Nebel wilder Spekulationen!

Warum setzte sich das Christentum eigentlich gegen die große, religiöse Konkurrenz und Jahrhunderte staatlicher Diskriminierung und Verfolgung im römischen Reich durch? Was wurde aus Konkurrenten wie den (ebenfalls von den Römnern zeitweise verbotenen) Kulten der Isis und Cybele oder den zahlreichen, oppositionellen "Christengruppen" mit teils eigenen Evangelien? Wie wichtig waren die Eintritte je früher Juden- und Heidenchristen für die Ausbreitung der Kirchen? Und wie tolerant verhielten sich die christlich-römischen Kaiser gegenüber ihren nichtchristlichen Bürgern?

Hätte Rodney Stark nur weitere Vermutungen zu diesen Themen präsentiert, hätte ich es kaum gesondert empfohlen. Aber er tut etwas ganz anderes, dass sein Buch auch für Forscher interessant macht, die einfach an wissenschaftlicher Methodik interessiert sind: Stark arbeitet kreativ empirisch und testet widerstreitende Hypothesen!

So wählt er als ein Sample die Städte des römischen Reiches mit über 30.000 Einwohnern und codiert, ob diese Hafen- oder Inlandsstädte waren, wo und wann die ersten christlichen Kirchengemeinden entstanden, jüdische Gemeinden florierten, Tempel der Isis, Cybele und Schulen der Gnostiker errichtet wurden usw. Zur Untersuchung der Ausbreitung monotheistischer Glaubenslehren vergleicht er die poly- oder monotheistischen Anrufungen auf Grabsteinen. Die Frage nach der Toleranz christlicher Kaiser beantwortet Stark ebenso wenig mit je kirchlicher oder kirchenkritischer Polemik - sondern mit einer Auswertung der Religionszugehörigkeit leitender Beamter, die vom Kaiser berufen wurden - usw. Viele gängige Thesen werden auf diese Weise gestärkt, einige aber auch nachhaltig erschüttert - Wissenschaft in progress! Denn genau dies ist nun einmal der wissenschaftliche Erkenntnisweg: Beobachtungen zu machen, daraus Hypothesen zu bilden und diese an weiteren Beobachtungen zu testen, zu ersetzen oder zu verbessern usw.

Ein Genuss sind auch seine Hinweise oder Vorschläge für weitere Datenansätze: So lassen sich aus den Mengen bestellten Messweines gewisse Rückschlüsse auf den Kirchenbesuch in mittelalterlichen Regionen machen. Und die abertausenden Graffito in antiken Städten sind noch so gut wie gar nicht empirisch ausgewertet, z.B. im Hinblick auf Anrufungen oder auch Verunglimpfungen von Göttern, mögliche Geschlechterunterschiede von Gebetsanliegen usw.

Natürlich: Immer noch gibt es viele Historiker, Kultur- und sogar Sozialwissenschaftler, die unentwegt Ad-hoc-Thesen produzieren, es aber unter ihrer Würde finden, diese empirisch zu überprüfen. Und sie werden es leicht finden, an Starks Sampeln zu nörgeln, zu reklamieren, dass historische Daten immer mit Unsicherheit behaftet sind und dass man es immer noch besser machen könnte. Aber genau das ist Starks Punkt: Der Anspruch, dass empirische Studien (nur) durch noch bessere empirische Studien zu entkräften sind. Wäre es nicht schön, wenn das 21. Jahrhundert weniger wilde und willkürliche Spekulation und mehr kreativ-überzeugende Datenerhebungen auch im Bereich der Geschichtsforschung erleben würde? Starks Buch ist ein beeindruckendes, methodisch und inhaltlich überzeugendes Plädoyer dafür!

Eine (durch Befunde weiterer Forscher ergänzte) Diskussion inhaltlicher Thesen finden Sie übrigens auch per Klick hier:

Freitag, 19. Dezember 2008

Rüdiger Vaas: Hawkings neues Universum

Über die Persönlichkeit des Kosmologen Stephen Hawking führt Rüdiger Vaas in den aktuellen Stand der Astronomie und die derzeitigen Debatten ein - das Ganze garniert mit Tiefsinn und philosophischen Seitenblicken.

Fachlich von einem von der Physik weit entfernten Stern kommend, kann ich immer wieder darüber staunen, wie es Rüdiger Vaas gelingt, komplexe Themen wie die Entstehung des Universums, das Verhältnis von Raum und Zeit und aktuelle Ergebnisse und Debatten der Astronomie, Mathematik und Philosophie verständlich darzustellen. In diesem Buch hat Vaas dabei seine Stärken kombiniert: 1. Die Vorstellung der Forscherpersönlichkeiten mit ihren jeweiligen charakterlichen Eigenheiten und oft dramatischen Biografien, ohne dabei voyeuristisch zu sein (besonders, aber nicht nur bei Hawking gelungen). 2. Die möglichst verständliche Vorstellung ihrer aktuellen Theorien. Und 3. deren Einordnung in das aktuelle Feld neuer Messungen, Funde und Argumente - das Ganze garniert mit anschaulichen Grafiken, die wirklich hilfreich sind. So entsteht das Panorama eines faszinierenden Forschungszweigs, dessen Protagonisten keines Alleswisser sind, sondern ständig neue Theorien entwerfen, gegeneinander ins Rennen schicken, testen und verwerfen - und Stück für Stück ein immer rätselhafteres Universum erkunden. Sowohl der Fortgeschritte wie der Laie bekommen bei Vaas die Faszination der Kosmologie pur geboten!

Sonntag, 14. Dezember 2008

Rainer Hermann: Wohin geht die türkische Gesellschaft? Kulturkampf in der Türkei

Der langjärhige FAZ-Korrespondent Rainer Hermann beobachtet seit Jahren den internen Kulturkampf in der Türkei. Absolut lesenswert für alle, die das politische Verhalten von Türken in der Türkei und hier in Deutschland verstehen wollen.

Das politische Verhalten der Türken in der Türkei wie auch in ihren neuen Heimatländern hat längst große Bedeutung gewonnen, erschließt sich dem Blick von außen aber nicht gleich. Warum würden manche westlich gekleidete und gebildete Türken am liebsten die demokratisch gewählte Regierung ihres Landes stürzen? Warum hat das Militär dort eine so starke Stellung und wird das Verbot religiöser Kleidung und Symbole sowie von Minderheitensprachen oder auch nur -namen so massiv durchgesetzt? Und warum wiederum loben Deutschland, die EU und auch die Kirchen in der Türkei die Reformanstrengungen ausgerechnet der regierenden, islamisch geprägten Partei? Sind deren Demokratisierungsinitiativen ernsthaft gemeint, oder nur Teil einer verborgenen Agenda?

Seitdem ich das Buch von Rainer Hermann gelesen habe, kann ich Menschen mit solchen Fragen endlich guten Wissens ein einziges Buch empfehlen, das den inneren Konflikt der Türkei zwischen nationalistisch-säkularen Oberschichten und aufstrebenden Mittel- und Unterschichten von der Endzeit des Osmanischen Reiches über Atatürk bis in die heutige Zeit hinein nachvollziehbar schildert. Dabei beschränkt sich der langjährige FAZ-Korrespondent nicht auf die Politik, sondern bietet spannende Einblicke in Wirtschaft, Kultur und die Situation auch der Minderheiten. Vermisst habe ich lediglich ein paar wenige Grafiken beispielsweise zum (zunehmenden) Wirtschafts- und (abschmelzenden) Bevölkerungswachstum, der Arbeitslosigkeit, Wahlbeteiligung u.ä., um dem Leser die Entwicklungsdynamik und Herausforderungen des Landes aufzuzeigen. Nach praktischer wie wissenschaftlicher Erfahrung sowie der Lektüre Dutzender Türkeibücher darf ich schließen: Wer über das Land und seine derzeitige Entwicklung ernsthaft diskutieren will, sollte Hermann gelesen haben!

Montag, 10. November 2008

Reinhard Wolf: Respekt

Die Politikwissenschaft war mein zweites Hauptfach, aber ihre Literatur hatte ich nur noch teilweise verfolgt. Als ich auf der Frankfurter Buchmesse die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift für Internationale Beziehungen (ZIB - Homepage hier) in die Hand nahm, stieß ich auf einen interessanten Beitrag mit dem schlichen Titel "Respekt" von Prof. Dr. Reinhart Wolf (Frankfurt) auf S. 5 - 42.

Absolute Positivüberraschung!

Und dieser Artikel war von einer Qualität, wie ich sie lange nicht mehr erlebt hatte! Ganz nüchtern geht Wolf davon aus, dass die klassischen Motivannahmen Macht, Sicherheit und Wohlfahrt in der Analyse internationaler Beziehungen (Fachjargon: IB-Theorien) nicht ausreichen, kam es doch auch in der Evolution des Menschen (einzeln und in Gemeinschaft) auf etwas Entscheidendes weiteres an: Respekt!

Individuelle und vor allem (!) kollektive Akteure waren und sind dringend darauf angewiesen, von anderen als eigenständig und bedeutungsvoll Handelnde auf Augenhöhe anerkannt zu werden - und waren und sind also bereit, zur Erlangung von Respekt Enormes zu leisten. Zitat-Kostprobe:

"Kaum jemand weiß dies besser als Professorinnen und Professoren, die als "ihre eigenen Chefs" gut dotierte Lebenszeitstellen bekleiden und trotzdem immer noch genauso um die Aufmerksamkeit und Wertschätzung ihrer Kollegen bemüht sind wie junge Wissenschaftlerinnen, die noch am Beginn einer unsicheren Karriere stehen. [...] Von anderen respektiert zu werden, ist ganz offensichtlich ein grundlegendes menschliches Bedürfnis (Sennett 2004:49, ähnlich Goffman 1967: Kap. 1)"

Wolf macht hier auf eine Wahrnehmungs- und Forschungslücke aufmerksam (die auch damit zusammen hänge, dass amerikanisch-europäische Wissenschaftler das Respekt-Gefälle in den internationalen Beziehungen weniger wahrnähmen als jene andere Kontinente) und belegt seine These anhand von Fallbeispielen und Befragungsdaten.

Wie begründeten die Warschauer Juden den letztlich aussichtslosen Aufstand oder die Palästinenser die zweite Intifada? Warum jubelten zunächst viele Muslime (und auch Nichtmuslime!) in der 3. Welt Bin Ladens Schlag gegen die USA zu? Warum nimmt Russland so enorme Kosten auf sich, um militärisch wieder auf Augenhöhe mit der NATO zu kommen?

Sind schon diese Einzeluntersuchungen bedenkenswert, so noch mehr die globalen Daten des Pew Research Center, mit denen auch dieser Blog schon mehrfach gearbeitet hatte. Warum wünschen sich klare Mehrheiten der Befragten (auch Europäer inkl. Deutsche), dass es zu den USA eine Gegenmacht gebe - obwohl sie keinen Wunschkandidaten benennen können und bei Alternativvorschlägen (Russland, China, EU etc.) zurück schrecken? Warum wiesen nicht nur Muslime, sondern auch hinduistische Inder dem Westen die Schuld an der Karikaturenkrise zu (siehe auch Blogbeitrag hier)?

Zwischen nichtmuslimischen Europäern und Muslimen weltweit (auch in Europa) besteht ein Dissens darüber, wer für die Eskalation um die Muhammad-Karikaturen verantwortlich sei. Allerdings tendieren auch Dritte, z.B. das mehrheitlich hinduistische Indien mit einer reichen Bilderkultur, eher dazu, der "Respektlosigkeit des Westens" die Schuld zu geben. Daten: Pew Global 2006

Wolf meint: Hier spielte jeweils nicht ein direktes Streben nach Macht, Sicherheit oder Wohlfahrt die Hauptrolle, sondern das Streben nach Respekt - das auch oft explizit so thematisiert wird. Werde es ignoriert, so seien in den IB folgenschwere Fehlanalysen und -entwicklungen die Folge.

Fazit

Persönlich gesprochen halte ich Wolfs Artikel für einen der besten, politikwissenschaftlichen Texte, die ich in den vergangenen Jahren lesen durfte. Er enthüllt eine Variable nicht nur des individuellen, sondern auch des kollektiven Handelns (und, ja, ich würde es auch bei Religionsgemeinschaften attestieren), das im Rahmen der bisherigen, pseudo-rationalistischen Annahmen analytisch übersehen wurde. Politiker und mehr noch ihre Anhängerschaften betreiben Politik auch als emotionales Geschäft - und der hohe, ritualisierte Formalisierungsgrad gerade auch der internationalen Diplomatie verweist auf die Kunst, diese Emotionen nach Möglichkeit in konstruktive Rahmen zu lenken. Kleine Gesten (Kanzler Brandts Kniefall in Warschau, Premier Scharons "Besuch" auf dem Tempelberg, die Regensburger Rede des Papstes, die Eröffnung der Duisburger Moschee durch Ministerpräsident Rüttgers etc.) können hier große Wirkung entfalten.

So habe ich an Reinhard Wolfs Text eigentlich nur eines auszusetzen: Dass die Respekt-These zwischen Menschen und Menschengruppen noch nicht weiterentwickelt und in Buchform vorgelegt ist! Denn das Potential dazu hat sie, sogar weit mehr als das! Bravo, Prof. Wolf! Oder, als höchstes Lob in den Worten heutiger Jugend: Respekt!!!

Freitag, 10. Oktober 2008

Ulrich Schnabel: Die Vermessung des Glaubens

Forscher ergründen, wie der Glaube entsteht und warum er Berge versetzt

Ich habe einen Tip: Im Darwinjahr 2009 wird das Thema "Evolution der Religiosität" eine zentrale Rolle in den Diskussionen spielen. Rüdiger Vaas und ich durften vor wenigen Tagen "Gott, Gene und Gehirn" präsentieren, mit "Die Vermessung des Glaubens" legt der Zeit-Redakteur Ulrich Schnabel nun ein "Schwesterbuch" vor.



Und ich finde: Ulrich Schnabel ist mit "Die Vermessung des Glaubens" ein wissenschaftsjournalistisches Kunststück gelungen. Der Physiker und ZEIT-Redakteur präsentiert einen Streifzug durch die Evolutionsforschung zur Religiosität, der ebenso faszinierend wie leicht zu lesen ist. An einzelnen Themenschwerpunkten (wie Hirnforschung - Religion oder Spiritualität) orientiert, lädt uns Schnabel zu einer gelungenen Mischung aus eigenen Reflexionen, verständlichen Darstellungen von Streit- und Forschungsfronten und Interviews mit sehr interessanten Forschern und Denkern ein. Sein Interesse gilt dabei weniger der verfaßten Religiosität und stärker der reflektierten Spiritualität und er läßt die eigene Position durchblicken, ohne Gegenstimmen zu verschweigen.

Als Religionswissenschaftler, der selbst in dem von Schnabel beschriebenen Gebiet arbeitet und publiziert, kann ich die Qualität des Buches nur unterstreichen - hier wird auch inhaltlich kein Schund vermarktet. Der Autor konzentriert sich auf bestimmte Fragen und Themen, stellt diese dann aber auch von verschiedenen Perspektiven, oft mit Beschreibung der Wissenschaftler und aktueller Kontroversen und in der gebotenen, konstruktiv-kritischen Distanz dar. Als Wissenschaftler kann man sich Wissenschaftsjournalismus nicht besser wünschen. Ulrich Schnabel hat einen hervorragenden Reiseführer durch das neue, interdisziplinäre Forschungsfeld der naturwissenschaftlichen Erforschung von Religiosität geschrieben und dabei die Themen, Thesen, aber auch Menschen in den Blick genommen.

Und wenn sich nächstes (Darwin-)Jahr viele Menschen kundig nach dem Thema umschauen, selbst in die Debatten einbringen, vielleicht (hoffentlich ;-) ) auch weiterführende Sachliteratur verschlingen - dann wird das auch ein Verdienst von Ulrich Schnabel sein, dessen Buch bis dahin sicher viele Menschen für die evolutionäre Religionswissenschaft begeistert hat!

Montag, 15. September 2008

Friedrich Wilhelm Graf: 10 Thesen zur Religion im 21. Jahrhundert

In der aktuellen Geokompakt (Nr. 16) zum Thema "Glaube und Religion. Götter, Rituale, Spiritualität: Die Faszination des Übersinnlichen" finden sich einige interessante Artikel (und eindrucksvolle Fotos). Inhaltlich besonders interessant fand ich die 10 Thesen des Münchner Theologen Friedrich Wilhem Graf, die ich hier kurz vor- und zur Diskussion stellen möchte.



1. Die Gegenwartsmoderne ist keine gottlose Zeit. Sondern stark geprägt durch eine Attraktivität religiösen Glaubens.

Hier verabschiedet Prof. Graf die linearen Säkularisierungsthesen. Und schließt mit der bemerkenswerten Feststellung: "Denn schon aus demografischen Gründen wird Religion weiter an Gewicht gewinnen: Die besonders Frommen zeugen in allen Weltteilen und in allen Religionen mehr Kinder als andere."

Da sage ich wohl mal einfach: "Danke!" Und: Ja! :-)

(Artikel dazu z.B. hier)

2. Neue Formen des Christentums wachsen mindestens ebenso stark wie der Islam – und sie missionieren aggressiver.

Hier weist Prof. Graf m.E. zu Recht sowohl auf das dynamische Wachstum christlicher Gemeinschaften auf der Südhalbkugel wie auch in Ländern wie Südkorea hin - und auf den Aufstieg verbindlicher, teilweise auch fundamentalistischer Gemeinschaften in nahezu allen westlichen Ländern, während die liberalen Mainstream-Kirchen schrumpfen. Auch hier: meinerseits Zustimmung.

(Vgl. Artikel "Religiöse Identität und Fundamentalismus in Europa" hier)

3. Durch Migration gewinnt Religion neue Bedeutung.

Menschen, die ihre Heimat wechseln, wenden sich auf der Suche nach Verwurzelung oft besonders intensiv mitgebrachten oder neuen Religionsgemeinschaften zu. Und globale Migrationsströme nehmen zu. Auch hier also: Zustimmung.

(Vgl. Kategorie Migration und Religion)

4. Im globalen Kapitalismus müssen Gott, die Götter und der Glaube vermarktet werden.

5. Auf Religionsmärkten sind „harte“ Formen des Glaubens erfolgreicher als weiche, liberale.

Der (auch demografische) Wettbewerb der Religionen und auch der nachweisbare Nutzen verbindlicher Normen und Regeln, die von übernatürlichen Akteuren erlassen seien, spielten hier mehrfach eine Rolle, beispielsweise auch in der Frage der "Bio-Logik der 10 Gebote" oder der religionshistorisch und experimentell belegten Ritualtheorie des Anthropologen Richard Sosis. Auch hier also: meinerseits volle Zustimmung!

6. Die Religionskulturen des 21. Jahrhunderts leben in permanenter Wechselwirkung. Das führt zu Konflikten.

Das ist wohl selbsterklärend. Die Zahl der mit Religion(en) verbundenen Konfliktthemen reicht von Alltags-, Kleidungs- und Bauthemen bis zu internationalen Spannungen und Gewalt. Auch atheistische Regime (z.B. China, Nordkorea, Birma) und Bewegungen gerieren sich dabei zunehmend intolerant gegenüber dem Aufleben religiöser Bewegungen. In Deutschland äußert sich Religionsfeindlichkeit noch immer antisemitisch, "mutiger" aber auch islamophob und fast als Allgemeingut auch antiamerikanisch (als Chiffre für antichristlich). Dass beispielsweise in den USA die Integration der Muslime bislang weit besser gelingt als im säkularen Europa hat sich noch kaum herumgesprochen. Noch sind wir Europäer dabei, zu lernen, mit dem Wiederaufleben von Religionen umzugehen. Auch hier also: Klare Zustimmung zur These Grafs.

7. Das Christentum, den Islam oder den Buddhismus gibt es nicht.

Tja, für Religionswissenschaftler, die mit der Vielfalt der Ausprägungen auch innerhalb einzelner Weltreligionen zu tun haben, eine Selbstverständlichkeit. Man vergleiche zum Beispiel die katholische Weltkirche mit den deutschsprachigen Amischen, um nur zwei christliche Gemeinschaften zu vergleichen, die sich wiederum in zahlreiche Untergruppen aufgliedern. Auch hier also: Zustimmung.

8. Europa wird zum Einwanderungskontinent für Muslime. Aber die islamischen Lebenswelten in Europa sind bunt und vielfältig.

Zur Integration des Islam in Europa vertritt Prof. Graf eine klare Position: "Stereotype wie „der europäische Islam“ müssen vermieden, Bildungs- und Aufstiegschancen eröffnet werden. Es hängt von den Nichtmuslimen ab, ob die zunehmende Präsenz von Muslimen in Europa zur Erfolgsgeschichte wird."

Naja, hier würde ich ein wenig einschränken: Es hängt von beiden Seiten ab, wie sich das Miteinander entwickelt. Den Muslimen jede Selbstverantwortung und jede Chance auf Selbstgestaltung abzusprechen halte ich für etwas paternalistisch. Aber mir scheint, Prof. Graf will hier vor allem auch an den gängigen Klischees rütteln, nach denen nur "die Muslime" sich zu bewegen hätten. Und wie hartnäckig sich Stereotype halten, erlebe ich immer wieder am Erstaunen darüber, dass auch die Geburtenraten von Muslimen weltweit rapide sinken. Mancher will von kruden Feindbildern einfach nicht lassen. In diesem Sinne: Zustimmung zur Grafschen Grundthese.

9. Viele Glaubenssucher verknüpfen Elemente unterschiedlicher religiöser Überlieferungen miteinander.

Ja. Auch in Europa breitet sich auch das Phänomen von Mehrfachmitgliedschaften aus - Menschen beschreiben sich z.B. gleichzeitig als Christen und Buddhisten oder gehören einer Gemeinschaft an, nehmen aber auch Elemente der anderen in ihr Leben auf. Fachbegriffe dafür lauten religiöses Patchworking oder Bricolage. Längst gibt es auch etablierte Gemeinschaften auf Basis religiöser Kombinationen, z.B. die anthroposophische Christengemeinschaft, die über Rudolf Steiner auch hinduistische Lehren (wie Karma und Wiedergeburt) rezipiert hat. Zustimmung.

10. Deutsche Christen leben in überlegter Distanz zu den Kirchen – und sind dennoch religiöser, als viele meinen.

In der Tat. Schon bei unserer ALLBUS-Auswertung 2006 erlebten wir ein sehr viel breiteres, religiöses Spektrum (und sehr viel deutlichere, demografische Auswirkungen) als wir erwartet hatten. Zustimmung.

Fazit

Den 10 Thesen von Prof. Graf stimme ich ausnahmslos zu, wenn ich auch im Detail manchmal einige Akzente anders setzen würde. Was meinen Sie?

(Gesamttext der 10 Thesen hier.)

Freitag, 29. August 2008

Carsten Könneker (Hg.): Wer erklärt den Menschen?

Ganz unter uns: Ich habe eine Schatzkiste gefunden! Sie ist in Buchform gepresst und sieht so aus:

Der Sammelband aus dem Dialog von Hirnforschern, Psychologen und Philosophen ist die Lektüre wert!

Was darin zu finden war? Ausgewählte Schmuckstücke, hochkarätig und auch sprachlich meist vom Feinsten, aus dem Dialog zwischen Hirnforschern, Psychologen und Philosophen und dem Archiv von Gehirn & Geist (der Zeitschrift, dessen Chefredakteur der Herausgeber ist).

Die insgesamt 40 Texte namhafter (und auch kreativ-junger!) Autoren des Sammelbands, viele Kleinode darunter, gliedern sich um sechs Hauptkapitel:
1. Die Biologie des Bewusstseins
2. Die Zukunft der Hirnforschung
3. Quo Vadis, Psychologie
4. Willensfreiheit
5. Grenzen der Hirnforschung
6. Neuroethik und Menschenbild

Und zu jedem dieser sechs Kapitel finden wir Forschungsberichte, Essays und (eine besondere Abrundung) Streitgespräche zwischen den Vertretern verschiedener Positionen. Griffiger ist ein Überblick mit zahlreichen Anknüpfungspunkten nicht zu haben!

Zu den Autoren und Diskutanten zählen Gerhard Roth, Henning Scheich, Onur Güntürkün, Detlef Linke (eines seiner letzten, großen Diskussionsgespräche, hier mit dem Theologen Ulrich Eibach), Wolf Singer, Stephan Schleim, Eckart Voland und Thomas Metzinger. Mein persönlicher Lieblingstext (neben dem Linke-Eibach-Dialog zur "Kopflastigkeit der Religion") aber stammte von einem Autor, den ich bis dahin gar nicht kannte: "Von Fledermäusen und der Freiheit des Willens" des Magdeburger Philosophieprofessors Michael Pauen sollte m.E. Pflichtlektüre vor jeder Debatte über den Begriff der Willensfreiheit werden!

Überraschung löste bei mir dagegen "Der Preis der Selbsterkenntnis" von Thomas Metzinger aus, in dem dieser darüber spekuliert, ob die Hirnforschung "das Ende der Religion bescheren" werde. Dass Philosophen am Anfang des 21. Jahrhunderts noch eigens Religionsbegriffe konstruieren, um dann deren baldiges Ende durch Erkenntnisse der Hirnforschung (!) zu prognostizieren, hätte ich nicht erwartet... Hätte wohl umgekehrt jemand schreiben dürfen, dass die Hirnforschung religiöse Wahrheiten stützt? Nein, denn auch die deutsche Wissenschaft wird von gesellschaftlichen Trends geprägt und derzeit dominiert außerhalb der Theologie(n) noch die wohlfeile Religionskritik. Auch der Metzinger-Beitrag also ein echter Lesehappen - nicht zuletzt für all diejenigen Theologen und Religionswissenschaftler, die noch immer glauben, man müsse sich am Dialog mit den Naturwissenschaften nicht selbst beteiligen, das werde schon irgendwie...

Also, nach meiner Einschätzung ist hier ein wirklich großartiger, an- und aufregender Sammelband gelungen, in dem Sie sicher eigene und andere Funde machen und Schwerpunkte setzen würden. Wer an diesen Themen interessiert ist oder sich einlesen möchte, findet hier seine Kollektion denkwürdigen und zitierfähigen Gedankenfutters. Die Einzeltexte sind nicht übermäßig lang, so dass man sich auch mal zwischendurch einzelne Themen herauspicken und in Ruhe durchdenken kann. Das einzige, was ich vermisste, war ein Sachregister. Aber andererseits machte das Suchen und Blättern hier an sich schon jede Menge Freude...

Dr. Blume

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