Zwischen westlichen Sicherheitsbehörden und muslimischen Verbänden herrscht nicht selten wechselseitiges Mißtrauen. Da wird von nicht wenigen Muslimen ein Klima des Generalverdachts beklagt und gemutmaßt, dass Sicherheitsleute per se an einer Ausweitung von Verdächtigungen (gerne auch mithilfe von Medien) interessiert seien - definierten sie doch damit die eigene Arbeits- und Stellenbasis. Umgekehrt wünschen sich Sicherheitsleute aus muslimischen Kreisen mehr Informationen und kritisieren, dass zu oft und zu lange weggeschaut und die Auseinandersetzung mit real existierenden Gefährdungen verweigert werde.
Einige vorausschauende sicherheitsstaatliche und muslimische Organisationen haben (auch in Deutschland) jedoch begonnen, eine gemeinsame Brücke zu begehen: die Prävention. Polizisten, die eine Vertrauensbasis zu Moscheevereinen aufgebaut haben, wissen von hervorragend angenommenen Kooperationsveranstaltungen zu berichten, in denen sich besorgte muslimische Eltern über Drogenkriminalität, Betrugsmaschen und zunehmend auch über Extremismus informieren. Dabei lernen sie Polizisten als rechtsstaatliche und vertrauenswürdige "Freunde und Helfer" kennenlernen - was ja weltweit keinesfalls selbstverständlich und auch in Deutschland erst eine junge und umso wertvollere Tradition ist. So werden Ängste abgebaut, steigt das Ansehen von Polizei und Staat wie auch umgekehrt die interkulturelle Kompetenz der Beamten wächst. So entsteht die Vertrauensbasis, die erst gemeinsam gegen Gewalt, Kriminalität und auch Ausgrenzung und Extremismus zu schützen vermag.
Innenministerium und Verfassungsschutz des Landes NRW sind nun noch einen mutigen Schritt weiter gegangen. Nachdem das Aufklärungscomic "
Andi" über Rechtsextremismus aufklärte, widmet sich der Nachfolgeband "
Andi 2" (als
Download und per Post kostenlos beziehbar) dem Schwerpunktthema Islamismus. Wie ist es, aus religionswissenschaftlicher Perspektive, geworden?
Zunächst zur
Story: Der Schüler Andi hat ein Auge auf Mitschülerin Ayshe geworfen und versteht nicht ganz, warum er keine Antwort auf seine Einladung ins Kino erhält. Murat, Ayshes Bruder und Andis Freund, hat jedoch ganz andere Sorgen: die Bewerbungen nach der Schule laufen ins Leere und er bekommt das Gefühl, das könnte auch an Ablehnung aufgrund seines Hintergrunds und Glaubens liegen. Harun bestätigt ihn in dieser Ansicht und beginnt, ihn einem Prediger zuzuführen, dessen schwarz-weiße Weltanschauung mit den gläubigen, aber weitherzigen Traditionen von Ayshes und Murats Eltern sowie ihrer Moschee nichts mehr zu tun hat. Ein Riss tut sich auf - und vor dem Kino kommt es schließlich zum Showdown...
Die
Gestaltung verbindet klassisch-europäischen Comicstil (und Leserichtung) mit einigen Manga-Elementen (Betonung der Augen, dynamisierende Zeichnungen, humorige Kommentare etc.). Ich kann mir vorstellen, dass manche diese Präsentationsform jenseits des Micky-Maus-Stils als verstörend und schrill empfinden - aber, offen gesagt, Mangas sind angesagt, auch mir gefällt es und ich halte es für auch eindrucksvoller und damit symbolisch informativer als das hundertste Fußnotenwerk. Informationskästen erläutern zentrale Begriffe wie Islam, Islamismus, Jihad, Menschenrechte u.v.m.
Die
inhaltlichen Definitionen und Aussagen sind nach heutigem Stand der Religionswissenschaft schlicht und ergreifend
fair und richtig - ein muslimischer Freund meinte sogar, so angemessene und zugleich verständliche Definitionen zum Thema selten gelesen zu haben (O-Ton war "Endlich!").
Die Unterschiede zwischen Islam und Islamismus werden nicht nur im Text, sondern auch im Entwurf der Charaktere so präzise herausgearbeitet, dass "Andi" Islamophobe am meisten ärgern dürfte, die "den Islam" als eine Religion des Terrors und der Theokratie präsentieren wollen. Hier zeichnet sich das Comic durch
echte Fairness aus: so wird schon in der Story selber und dann auch in den Infoteilen (einschließlich einer eindrucksvollen Grafik am Ende) aufgezeigt, dass die übergroße Mehrheit der Muslime in Frieden und Demokratie leben will - und damit selbst den Hass der Radikalen auf sich zieht. Sogar Harun darf aufzeigen, was ihn an der westlichen Gesellschaft stört (z.B. Alkoholismus, Wertebeliebigkeit, Rassismus, globale Konflikte) - nur wird eben deutlich, dass Ideologien des Hasses und der Verachtung (nicht zuletzt auch gegenüber Frauen) keine bessere Welt anzubieten haben.
Seitdem das Comic letzten Oktober erschienen ist, wurde es von Medien, Öffentlichkeit, Kirchen und Verbänden noch wenig thematisiert. Ich nehme an, dies liegt daran, dass hier ein Innenministerium einerseits Neuland erschlossen hat - dies aber zugleich auf einem so hohen Niveau, das Reflexe einfach nicht zuläßt. Murat und Ayshe sind grundsätzlich glaubwürdige Charaktere, der Lebenswelt heutiger Generationen entnommen, wie es (leider) auch Harun und der rechtsextreme Eisenhans sind.
Die Informationen sind sachrichtig und ausgewogen und das Comic weckt beim Leser ebensoviel Verständnis für die Situation und Schwierigkeiten von Muslimen, wie es gegen islamistischen Missbrauch der Religion aufklärt. "Andi" ist verständlich, eindrucksvoll und gut und wird wohl nur diejenigen ärgern, die sich entweder grundsätzlich nicht mit religiös legitimiertem Extremismus auseinandersetzen wollen oder die umgekehrt die respektvolle Darstellung deutsch-muslimischer Normalität nicht wünschen.
Gerade aber die Anschläge Radikaler gegen andersdenkende Muslime weltweit und zuletzt auch
Drohungen islamistischer Akteure auch gegen den Zentralrat der Muslime in Deutschland zeigen deutlich auf: die friedliche Mehrheit der Muslime, Christen, Anders- und Nichtglaubenden stehen miteinander gemeinsamen Gegnern gegenüber. Indem "Andi" im ersten Band gegen Rechtsextremismus aufklärt, verteidigte er Menschen und Würde Deutschlands vor dem extremistischen Missbrauch. Und indem Andis Freunde Ayshe und Murat mit dem Islamismus ringen, leisten sie das gleiche eben nicht gegen, sondern für einen Islam der Gottesliebe und Freiheit. Wen die längst ritualisierte Kritik zwischen manchen staatlichen und muslimischen Akteuren ebenfalls nervt - hier ist eine Chance, einen mutigen und gelungenen Präventionsansatz auch einmal wechselseitig anzuerkennen. Denn es ist ja nicht so, dass nur bei jungen Menschen gegenseitiger Aufklärungsbedarf bestünde...