Rezensionen

Freitag, 6. Juni 2008

Das schönste Islambuch: Meine Heimat ist in mir!

Es gibt viele schöne, spannende, tiefsinnige, beunruhigende, optimistische und informative Bücher über den Islam, den christlich-islamischen Dialog, Integration usw.

Und es gibt ein Schmuckstück, das nur drei Euro kostet und von einer staatlichen Anstalt, der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, herausgegeben wird. Doch, wirklich!

"Meine Heimat ist in mir" von der Landeszentrale für politische Bildung, das vielleicht schönste Buch, das einer staatlichen Anstalt in Deutschland bisher zum Thema Islam gelang.

Hier wird "der real existierende Islam in Deutschland" auf eine verblüffend einfache und realistische Weise dargestellt: In 24 (qualitativ hochwertigen) Fotoportraits und ausführliche Selbsterzählungen, die das abstrakte Thema in reale Menschen verwandeln. Die junge Deutschtürkin auf der Suche nach ihrer Identität, der Handwerker, der zum Moscheevorstand wurde, die Muslimin bosnischer Herkunft, die mit ihrem türkischstämmigen Mann beruflich ins Ausland strebt, der arabische Imam, der mit Goethe und Annemarie Schimmel Deutsch gelernt hat, säkulare, religiöse, zugewanderte, konvertierte Muslime - schon beim Durchblättern wird dem Leser bewusst, wie vielfältig "der Islam" und "der Muslim" in Wirklichkeit sind. Gleichzeitig entmutigt dies nicht, sondern macht Lust auf wirklichen Dialog, auf echtes Kennenlernen - von Mensch zu Mensch.

Wenn Sie also einmal ein Buch suchen, in dem "der Islam" so sichtbar ist, wie er jenseits der Sensationsmedien längst zum Alltag geworden ist, dann gönnen Sie sich den Geheimtip "Meine Heimat ist in mir".

Mittwoch, 21. Mai 2008

Hyperion von Dan Simmons

Arvid Leyh vom Scilog Braincast verdanke ich einen Literaturtip zum Thema Religion(en) und Science-Fiction, der mir nach Jahren relativer Abstinenz wieder gezeigt hat, wie anregend, spannend und anspruchsvoll das Genre sein kann.

Hyperion von Dan Simmons, der nach meiner Erfahrung wohl anspruchsvollste Science Fiction zur Religion. Hier eine englische Taschenbuchausgabe der ersten zwei Teile. Für Leute, die harte Kost lieben, lesenswert!

Rezensionen von Romanen beginnen gerne mit der Floskel, der Autor "entführe" uns in diese oder jene Welt. Dan Simmons entführt nicht, er reißt den Leser hinein in ein Zukunftsuniversum atemberaubender Dichte. Die alte Erde wurde verlassen (und vernichtet?), die Menschheit breitet sich mittels Raumschiffen und der Teleportations-Farcaster-Technologie über hunderte von Welten aus. Dutzende unterschiedlicher Kulturen, ein komplexes, politisches System samt Online-Parlament, eine virtuelle Computermatrix mit drei unterschiedlichen Ebenen, Sternenreisen, bei denen die Altersverzögerung bei nahe Lichtgeschwindigkeit in Jahren berechnet wird und geheimnisvolle Labyrinthe und Artefakte auf einigen Planeten, darunter vor allem auf dem eigentlich randständigen Hyperion - auch fortgeschrittene Science-Fiction-Leser werden hier gefordert, zumal sich Simmons mit Erklärungen und Beschreibungen kaum aufhält.

Und die komplexe Welt der Religionen ist noch gar nicht erwähnt: Da ist die schrumpfende, katholische Kirche auf dem Vatikanplaneten Pax, aber auch Judentum und Islam haben Planeten besiedelt, ein ökologisch orientierter Templerorden bereist das Universum mit Baumschiffen, dominierender sind aber Zen Gnostizismus und ein neuer, geheimnisvoller Kult der Shrike Kirche, die ein furchtbares Wesen auf Hyperion für den Boten der Läuterung hält.

Wissenschaft und Theologie werden in komplexen Dialogen um Evolution und Teilhard de Chardin, Zeit und Gerechtigkeit, die Opferung Abrahams und die Frage, ob und wie Gott evolviert immer wieder überraschend neu zueinander in Stellung gebracht - atemberaubend.

Im Mittelpunkt der Handlung der ersten zwei von vier Bänden steht eine siebenköpfige Pilgergruppe, die die Rätsel von Hyperion zu lösen versucht. Jedem dieser sieben verlieh Simmons eine völlig eigene, packende Geschichte und auch noch klar unterscheidbare Erzählstimmen. Und auch dabei verbindet er Science-Fiction, Religion(en) und Wissenschaft - so gehören zu den sieben ein Jude mit seiner kleinen Tochter, ein Jesuitenpater, ein Kämpfer und Nachfahre palästinensischer Flüchtlinge, ein Templer sowie ein Politiker, eine Detektivin und ein Poet. Die Poesie, insbesondere von Keats, spielt eine zentrale Rolle in der Verbindung in der Durchleuchtung der Begriffe von Zeit, Identität, Wissenschaft und Glauben, von Schöpfung, Zerstörung, Krieg und Neubeginn.

Hyperion ist kein Zyklus für Science-Fiction-Einsteiger und wird auch manchen fortgeschrittenen Leser überfordern. Der uferlos komplexe Erzählstrom windet sich in immer wieder überraschenden Wendungen, eröffnet hinter jedem gelösten Rätsel drei neue Geheimnisse, tost einmal turbulent dahin und verlangsamt dann wieder auf gemächliche, fast irritierend langsame Strecken. Wer Offenheit und Begeisterungsfähigkeit für Science-Fiction bewahrt hat, wer bereit ist, auch Religion(en) unter ganz neuen Blickwinkeln zu sehen (vielleicht mit Ausnahme des Islam, der auch bei Simmons leider in Klischeebildern erstarrt - wenn man vom Mut absieht, einen Palästinenser vorbehaltlos als Helden gelten zu lassen) und wer vor allem Geduld und Zähigkeit aufbringt - den entführt Dan Simmons auf eine Lese-Pilgerreise, nach der sich "Gott und die Welt" anders anfühlen als zuvor. Derzeit wandere ich in den beiden Folgebänden, in denen die Kirche... Ach, das wird eine eigene Rezension werden. Danke für diesen Lese-, eigentlich Pilgertip, Arvid!

Donnerstag, 27. März 2008

Y. Courbage, E. Todd, "Die unaufhaltsame Revolution. Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern.", Piper 2008

Verhalten sich Muslime unter vergleichbaren Umständen grundsätzlich anders als Christen, Hindus oder Konfessionslose? Die (entstehende) Religionsdemografie bietet eine großartige Gelegenheit, diese Frage anhand eines religiös, kulturell, wirtschaftlich, politisch und auch wissenschaftlich zentralen Thema zu untersuchen: dem Familien- und Geburtenverhalten. In diesem Blog konnten Sie bereits darüber lesen, dass religiöse Menschen (in allen Weltreligionen) tendenziell mehr Kindern das Leben schenken als Konfessionslose und dass sich die Geburtenrate von Muslimen also vergleichbar zu Christen, Hindus etc. entwickelt. Entsprechend beobachten wir heute einen allgemeinen Geburtenrückgang mit Bildung, ökonomischer und freiheitlicher Entwicklung, bei gleichzeitig relativ wachsender Bedeutung der individuellen Religiosität für den Familien- und Reproduktionserfolg. Religions- und Familienangelegenheiten fallen zunehmend stärker in den Bereich der individuellen Entscheidung und Lebensführung.

Mit der sozioökonomischen Entwicklung sinken auch die Geburtenraten islamischer Länder. Da allerdings bereits große Jugendkohorten geboren wurden ist für Länder wie z.B. Pakistan noch eine Zeit demografischer Spannung (sog. "Jugendberg") zu erwarten. Die Türkei hat diese Entwicklung gerade hinter sich.

Youssef Courbage & Emanuel Todd

Nun haben Youssef Courbage und Emanuel Todd genau diese Frage in "Die unaufhaltsame Revolution. Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern" bearbeitet. Und die beiden wissen, wovon sie schreiben: Youssef Courbage, geb. 1946 in Aleppo (Syrien), ist Forschungsdirektor am Institut National d'Etudes Demographiques in Paris. Emanuel Todd ist ein Mitarbeiter des Instituts und erfolgreicher Buchautor (u.a. "Weltmacht USA. Ein Nachruf", 2003). Diese beiden untersuchen also nun die Modernisierung in der islamischen Welt anhand des Familien- und Reproduktionsverhaltens.

Daten und Fallstudien zur Religionsdemografie islamischer Länder von zwei ausgewiesenen Fachleuten der französischen Demografie und islamischen Welt.

Die Ergebnisse...

...entsprechen den o.g. Befunden. Ohne ihn zu zitieren (zu kennen?), kommen die beiden französischen Forscher zum identischen Schluss wie bereits Friedrich August von Hayek: Religiosität geht, im interreligiösen Wettbewerb ausgebildet, mit Reproduktionserfolg einher.

Sie erkennen: "Es liegt in der Natur der Sache, dass diejenigen religiösen Systeme, die bis heute weitverbreitet sind, eine positive Einstellung zur Fortpflanzung haben: Andere, welche die Sinnlosigkeit der Fortpflanzung postulieren - und solche gab es durchaus -, sind mitsamt ihren Anhängern zum Aussterben verurteilt." (S. 27)

Der Islam mache dabei keine Ausnahme, könne aber den allgemeinen Geburtenrückgang ebensowenig aufhalten, wie es die christlichen Kirchen vermocht hätten. In beeindruckenden Zeitreihen zeigen die Forscher auf, wie eng der Zusammenhang zwischen der Alphabetisierung von Männern und besonders Frauen (gemessen an dem Zeitpunkt, ab dem 50% des jeweiligen Geschlechts lesen und schreiben konnten) und dem allgemeinen Geburtenrückgang ist. Nur extreme Umstände könnten die Entwicklung zu mehr Entscheidungsfreiheiten und damit diesen Rückgang zeitweise bremsen: derzeit noch ganz oder teilweise gegeben in den Palästinensergebieten, Afghanistan, Somalia und (möglicherweise) dem Irak.

Auch teilen sie eine interessante Beobachtung zu den Youth-Bulge-, deutsch Jugendberg-Theorien mit. Demnach erfolge ein Aufstieg politisch oder religiöser Extremismen meist zwei bis drei Jahrzehnte nach Beginn des Geburtenrückgangs: eine Überzahl junger Männer wird nicht nur mit Ressourcenknappheit, sondern auch mit einem Auflösen traditioneller Familienstrukturen konfrontiert - Extremismus auch als Suche nach Ersatzfamilie und orientierender Sicherheit.

Sehr starke Passagen beschreiben auch die real bestehenden Familienverhältnisse in vielen islamisch und gemischt geprägten Ländern und zeigen auf, wie unterschiedlich die religiösen Lehren umgesetzt werden. Wer weiß schon, dass sich in vielen islamischen Regionen matriarchale Erblinien gehalten haben? Oder dass im Tschad weit mehr Katholiken und Animisten polygam leben (mehrere Frauen geheiratet haben) als Muslime (anim.: 51,4%, kath.: 46,8%, musl.: 35,6%, S. 80)? Einen statistisch nachweisbaren Einfluss weisen die Forscher auch für das Verbot der Mädchentötung bzw. -abtreibung nach: die Rate überlebender Mädchen und Frauen fällt in islamischen Populationen deutlich höher (und oft nahe am natürlichen Verhältnis) aus als in einigen hinduistischen Regionen Indiens oder zwangs-säkularisierten Populationen Chinas.

Fazit

Courbage und Todd haben ein atemberaubend faktenreiches Buch vorgelegt, dass vor dem Hintergrund von Religionsdemografie realistisches Wissen vermittelt und mit Vorurteilen aufräumt. Teilweise sind die verwendeten Datensätze nicht mehr ganz frisch und die wissenschaftliche Sprache sowie das Hin und Her zwischen verschiedenen, islamischen Ländern und Regionen fordert den Leser stark. Es ist also zweifelhaft, ob das Buch die Freunde unseriöser Anti-Islam-Verschwörungsliteratur a la Udo Ulfkotte erreichen wird. Lesern, die auf gehobenem Niveau die politischen, demografischen und religiösen Entwicklungen der islamischen Welt besser verstehen wollen sowie Wissenschaftlern mit Interesse an Religionsdemografie sei das Buch jedoch wärmstens empfohlen.

Mittwoch, 12. März 2008

Stephen J. Stein: The Shaker Experience in America: A History of the United Society of Believers

Das 18. Jahrhundert war in Europa eine Zeit der auch religiösen Gärung. Hunderte neue Religionsgemeinschaften inner- und außerhalb des Christentums wurden gegründet, die jedoch auf dem Kontinent massivem und auch in England noch einigem politischen, gesellschaftlichen und staatskirchlichen Druck ausgesetzt blieben. Viele religiöse Gruppen entschlossen sich daher zur Auswanderung in die USA und trugen so zur bis heute wirksamen religiösen Vielfalt und Lebendigkeit (dem religiösen Markt) der Nation bei.

Zu diesen Gemeinschaften gehörte eine kleine Gruppe aus England, die um 1787 in Albany, N.Y., eine erste Kommune gründete und aufgrund der ekstatischen Erfahrungen und Tänze zunächst als "Shaking Quakers", später als "Shaker" (etwa: Schütteler) bekannt wurde. Stephen Stein hat die Geschichte der Gemeinschaft religionssoziologisch umfassend und auf Basis auch historisch-kritischen Quellenstudiums buchstäblich "neu geschrieben" - obwohl bereits 1992 erschienen, gilt sein Werk bis heute als maßgeblich.

Stephen Stein schrieb eine umfassende, religionshistorische Geschichte von Aufstieg und Verfall der Shaker-Bewegung in den USA. Spannender Lesestoff auch für alle, die sich vergleichend für Erfolgsbedingungen bzw. Scheitern von Religionsgemeinschaften interessieren.

Steins Buch ist umfangreich recherchiert - an manchen Stellen sogar fast zu detailliert geraten. Der Leser wird in die Formationsphase eingeführt, an deren Ende die weibliche Mitgründerin Ann Lee als "Mutter Ann", "zweiter Christus" bzw. weibliche Ergänzung zum männlichen Erlöser zur zentralen Bezugsperson der Glaubensgemeinschaft wurde. Das Wirtschaften in Gütergemeinschaft sowie die strikte Ablehnung von Gewalt, aber auch ein hierarchisches Leitungsamt bildeten Grundlagen der Gemeinden. Bis heute wird diskutiert, inwiefern gerade auch Ann Lees eigene Lebenserfahrung - eine zerbrochene Ehe und der frühe Tod aller drei Kinder - die Regeln strikter Ehelosigkeit und damit den Verzicht auch auf Fortpflanzung innerhalb der Shaker geprägt haben.

Obwohl die Shaker ursprünglich theologische Schriften als Gefährdungen der direkten Gotteserfahrung ablehnten, entwickelten sich doch nach Ann Lees Tod zunehmend verbindliche Überlieferungen, die verschriftet und wiederum ausgelegt wurden. Denn neue Konvertiten wollten Verbindliches über die Gründerin wissen, auch galt es wüsten Angriffen aus der Umgebung, dem bald entstehenden Anti-Shakerismus, entgegen zu treten.

Gleichzeitig entwickelte sich auch eine Leitungsstruktur, die je doppelt männlich und weiblich geprägt war. Durch Mission wuchsen die Shaker bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf mehrere tausend Anhänger und hatten Gemeinschaften bis tief in den amerikanischen Osten gegründet. Die in Gütergemeinschaft gefertigten Produkte, insbesondere Saatgut und die Shaker-Möbel, wurden ein wirtschaftlicher Erfolg. Heute gelten Shaker-Objekte als Sammlerstücke.

Schon an dieser Stelle wird deutlich, wie spannend die Geschichte der Shaker gerade auch unter religionsvergleichenden Gesichtspunkten ist. Die Entwicklungen von spirituell-charismatischen Anfängen zur notwendigen Institutionalisierung, der Erfolg und die prompt entstehenden, fremdenfeindlichen Gegenbewegungen, die Herausbildung und Durchsetzung einer offiziellen Lehre - all dies und vieles mehr lässt sich hier geradezu im Zeitraffer beobachten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann jedoch der Abstieg der Shaker, der zeigt, dass Mission Reproduktion nicht ersetzen kann: Wo immer der Zustrom an neuen Konvertiten auch nur zeitweise ins Stocken geriet, überalteten die Gemeinschaften demografisch und begannen auszusterben. Austritte waren häufig und es gelang vor allem kaum, junge Männer zu halten. Mit der zunehmend notwendigen Einstellung von weltlichen Arbeitern aber litt wiederum die Abgrenzung der Gruppe. Ein Standort nach dem anderen musste wieder aufgegeben werden.

Ein "spirituelles Revival" brachte noch einmal ganz neue Formen der Liturgie, Kunst, Theologie und religiösen Erfahrung, die Gestaltung heiliger Plätze u.ä. hervor, konnte aber den Mitgliederschwund nicht mehr aufhalten. Die Menschen strömten zwar als Zuschauer zu den Shaker-Gottesdiensten, traten aber kaum in die alternde Gemeinschaft ein. Mit Plädoyers für Frauenrechte, Frieden und (wie wir heute sagen würden) ökologische Produkte nahmen Shaker spätere Bewegungen vorweg.

Waren sie während ihres Aufstiegs noch auf massiven Gegenwind gestoßen, so ging mit ihrer Implosion nun eine steigende Verehrung einher - in Zeitschriften, Büchern, Ausstellungen und dann auch Filmen erschienen die Shaker zunehmend als entrückte Zeugen einer anderen Zeit und einer auch femininen Spiritualität, aber eben auch tragischen Scheiterns.

Heute leben die letzten vier Shaker in der letzten Gemeinde, Sabbathday Lake. Nach ihrem Tod oder Ausscheiden sollen die Besitztümer an eine bereits gegründete Stiftung übergehen, die Museum und Andenken der Glaubensgemeinschaft pflegen soll.

Fazit: Jedes Jahr werden weltweit Dutzende, vielleicht Hunderte von Religionsgemeinschaften gegründet, von denen nur ein Bruchteil ein Jahrhundert und ein noch kleinerer Teil mehrere Generationen überlebt. Wen die Bedingungen von Gründung, Aufstieg und Verfall von Religionsgemeinschaften interessieren, hat mit dem Buch eines der faszinerendsten Vergleichsstudien dazu zur Hand. Angesichts der Materialfülle und der historischen Dekonstruktion späterer Mythen werden spirituell Suchende weniger auf ihre Kosten kommen.

Für die Evolutionary Religious Studies sind die Shaker natürlich in mehrfacher Hinsicht interessant: Sie erlauben nicht nur religionshistorische und -soziologische Vergleiche, sondern zeigen auch auf, wie tiefgreifend und unterschiedlich Religionsgemeinschaften Familie und Reproduktion des Menschen prägen können. Gleichzeitig wird deutlich, dass Missionsstrategien Reproduktionsstrategien unterlegen sind: Während die Shaker nach kurzer Blüte wieder eingingen, konnten die Amischen aufgrund großer Kinderzahlen sogar völlig auf Mission verzichten und wachsen trotzdem auch heute noch weiter. Interessant ist z.B., dass den Amischen gerade auch die Einbindung junger Männer weit besser gelungen ist und gelingt.

Während der Zeit des "Rumspringa" (amishes Altdeutsch, dauert von ca. 16-22 J.) dürfen junge Amische in die Stadt, ins Fernsehen, Auto fahren etc. Dann müssen sie sich für oder gegen die Erwachsenentaufe entscheiden. Über 80% bleiben, vor allem in den orthodoxen Amisch-Zweigen.

Insofern sind die Shaker auch ein starkes Beispiel für den religionsdemografischen Wettbewerb und Ausleseprozess religiöser Traditionen und Strategien im Rahmen der kulturellen Evolution, wie sie Friedrich August von Hayek bereits vermutet hat.

Mittwoch, 5. März 2008

John Dickie: Cosa Nostra - Die Geschichte der Mafia

Das Buch des Historikers John Dickie über die Geschichte der sizilianischen Mafia und ihres US-Ablegers, die sich jeweils "Cosa Nostra" - "Unsere Sache" nennt und die eine Nachtwirtschaft, Nachtfamilie und Nachtreligion bildet. Beklemmend lesenswert.

Lange schon hatte ich auf ein Buch gehofft, dass Werden und Dimension der sizilianischen Mafia (und ihres amerikanischen Ablegers) auch wissenschaftlich überzeugend darlegen würde. Denn die Cosa Nostra (ital. "Unsere Sache") erweist sich seit Jahrzehnten als weit mehr als nur ein beliebiges Bündnis von Kriminellen: sie etablierte sich als Gegenstaat, Gegenwirtschaft, Gegenkultur und, ja, Gegenreligion. Und sie stützte sich dabei auf den Missbrauch menschlicher Tugenden wie Mut, Loyalität, Familiensinn und, ja, Glaube.

Indem John Dickie sowohl den Stand italienischer wie internationaler Forschung aufgreift und zusätzlich Unmengen von Medien, Biografien, parlamentarischen Berichten, Vernehmungsprotokollen und Gerichtsakten auswertet, entsteht eine beklemmend überzeugende, umfassende, nicht immer aber leicht zu überblickende Gesamtschau der Geschichte der Cosa Nostra, von ihren Anfängen im 19. Jahrhundert bis in unsere Zeit.

Quasi-religiöse Rituale und Gebote

Schnell entwickelten die Mafiosi mit einem gezielten Gebrauch von Sprache und Ritualen auch eine religiöse Dimension ihrer Kultur.

So gehört zur Initiation ein Schwur und das Streichen von Blut auf ein Heiligenbild, das danach verbrannt wird. Innerhalb der Organisation ist das Lügen streng verboten, was den Zusammenhalt wahren soll und letztlich zu einer Kultur aus Schweigen und Andeutungen beigetragen hat. Inzwischen "liberaler" wird die Verpflichtung zu ehelicher Treue ausgelegt, die die Loyalität der Frauen und Familien sichern sollte.

Religiöse Sprache, Rituale und Symbole wurden (und werden) gezielt eingesetzt: So dient(e) das Amt des Taufpaten als Bündnismittel zwischen Einzelpersonen und Familien, der apulische Mafiazweig nennt sich sogar Sacra Corona Unita - die Heilige Vereinigte Krone.

Eindrucksvoll auch der Lebensstil des Mafiabosses Bernardo "Der Traktor" Provenzano bei seiner Verhaftung am 11. April 2006: der eigentlich schwerreiche Mann hatte sich in großer Schlichtheit, sogar Armut und stets mit einer Bibel versteckt - um die bedrängten und zu Hunderten inhaftierten Mafiosi mit dieser asketischen Haltung der Selbstrücknahme ebenfalls zu Loyalität anzuhalten.

Gezielter Einsatz eigener Mythologie

Zum Erfolgsgeheimnis der Cosa Nostra gehört der gezielte Einsatz eines eigenen Mythos. Demnach stamme das Wort "mafia" aus dem Arabischen und verweise auf die zahlreichen Besatzer Siziliens, gegen die die Sizilianer eine eigene Kultur der Staatsferne, Widerständigkeit, des Zusammenhalts und der Blutrache entwickelt hätten. Entsprechend sei die Mafia gar keine erst im 19. Jahrhundert formierte Organisation, sondern eine kulturelle Haltung - und allzu entschiedene Mafiagegner zeigten eigentlich eine rassistische Haltung gegen die ohnehin marginalisierten Sizilianer.

Die Macht dieses Mythos ruhte (und ruht zum Teil immer noch) in dem Umstand, dass sich keine Gesellschaft -also weder die sizilianische Region noch der Nationalstaat Italien- gerne mit Verbrechern in Beziehung setzen lässt und dass die notorisch schwachen Regierungen Italiens immer wieder auf die sizilianischen Abgeordneten angewiesen waren. Entsprechend war es der Cosa Nostra immer wieder möglich, gerade auch nach schweren Rückschlägen, Verhaftungen und Urteilen eine Zeit lang unterzutauchen, den Verdruss gegen vermeintliche "antisizilianische Übertreibungen" zu schüren, die Verfolger damit ins mediale, gesellschaftliche und politische Abseits zu schieben - und sich währenddessen neu zu formieren. Und da sage noch jemand, heute hätten Mythen keine Macht mehr - und Wissenschaft sei nicht mehr nötig, um ihnen zu begegnen...

Verhältnis zur katholischen Kirche

Parasitär war auch das Verhältnis zur katholischen Kirche. Vor allem in der Frühzeit konnte sich die Mafia sowohl auf kriminelle wie auf allzu verständnisvolle (s.oben) Geistliche verlassen, die mit ihr kooperierten und gegen Verfolgungen auftraten.

Doch auf der anderen Seite gab es von Anfang an auch immer wieder mutige Priester, die gegen die Mafia vorgingen und, wenn sie sich nicht einschüchtern ließen, auch ermordet wurden.

Eine entschiedene Wende führte Papst Johannes Paul II. 1993 ein, als er in Agrigent die "Mafiakultur" als "Kultur des Todes, die zutiefst unmenschlich und gegen das Evangelium gerichtet ist" verurteilte und die Mafiosi vor dem "Gericht Gottes" warnte. Noch im gleichen Jahr antwortete die Cosa Nostra mit zwei Bombenanschlägen auf katholische Kirchen und dem Mord an dem Mafiakritiker Pater Pino Puglisi.

Fazit

Die Geschichte der Mafia ist, ob es uns gefällt oder nicht, ein beklemmender Teil der Menschheitsgeschichte. Und erst indem wir zu verstehen beginnen, wie sie Aspekte von Politik, Wirtschaft, Kultur und auch Religion mißbraucht, steigen die Chancen, sie zu überwinden.

Dem Historiker John Dickie ist ein großer Wurf gelungen. Es wäre zu wünschen, weitere Arbeiten dieser Qualität würden folgen - auch Beiträge von Religionswissenschaftlern. Denn wer den Missbrauch religiöser Formen analysieren will, sollte die Lektionen der europäischen Mafia nicht übersehen...

Montag, 4. Februar 2008

David Sloan Wilson: Darwin's Cathedral: Evolution, Religion, and the Nature of Society

Es gibt selten Bücher, die einen gleichzeitig begeistern und andererseits sehr traurig machen können. David Sloan Wilsons Darwins Cathedral aber tut genau das.

Der Autor David Sloan Wilson gehört zu den unter Fachkollegen anerkanntesten Evolutionsbiologen unserer Zeit und war so mutig, gegen den allgemeinen Trend bis heute die von Charles Darwin vorformulierten Hypothesen der Gruppenselektion wieder in die Wissenschaft einzuführen. Im Rahmen dieses Ansatzes, der sich zunehmend zu einer Multi-Level-Theorie zu differenzieren beginnt, erforscht seit einigen Jahren schwerpunktmäßig die Evolution der Religion. Er ist Begründer des interdisziplinären und internationalen Forschernetzwerks Evolutionary Religious Studies.

David Sloan Wilsons Darwins Cathedral von 2002 war und ist ein Wegbereiter zur Evolutionsforschung der Religion. Da Wilson jedoch im Gegensatz zu Dawkins auf Polemik und Klamauk verzichtet und dafür seriöse Wissenschaft bietet, ist das Buch kaum über Fachkreise hinaus gedrungen und nie ins Deutsche übersetzt worden.

In Darwins Cathedral greift der Naturwissenschaftler Wilson (erste Überraschung!) außerordentlich kenntnisreich auf die Forschungen einflußreicher Religionswissenschaftler, v.a. Emile Durkheims, zurück. Er testet dessen Thesen einer "sozialen Realität" der Religion(en) sowie ökonomische Modelle des Rational Choice und überträgt sie in biologische Modelle. Die so entstandenen Annahmen testet er (zweite Überraschung) an empirischem Material wie den Lehrsammlungen der frühen Calvinisten und einer Zufallsstichprobe des Religionenlexikons von Mircea Eliade.

Die Rational Choice-Modelle fliegen glatt durch; aber Durkheims Thesen erlangen, vertieft um biologische Erkenntnisse, Flügel. Wenn Wilson z.B. die Askesepraktiken des Jainismus oder den Aufstieg des Christentums gegenüber den spätantiken Polytheismen schildert, eröffnet er einen neuen, faszinierenden Blick auf den Zusammenhang von Religion und Evolution, der viele Wissenschaftler inspiriert hat.

Das Traurige...

Aber damit sind wir auch bei der traurigen Seite des Buches: seiner geringen Verbreitung. Wie Richard Dawkins ist auch Wilson Atheist - nur verwechselt er nicht Meinung und Wissenschaft. Wo Dawkins Polemiken produziert, schafft Wilson differenzierte Beschreibungen. Wo Dawkins Anekdoten präsentiert, setzt Wilson auf seriöse Daten. Und wo Dawkins gezielt verkürzt und vereinfacht, prägt Wilson neue Begriffe und Perspektiven. Darwins Cathedral ist aus (religions-)wissenschaftlicher Sicht um Längen besser als es "Der Gotteswahn" je war.

Nur: Offenbar will die Leserschaft, besonders in Deutschland, das gar nicht. Wilsons Buch wurde zwar in Fachkreisen anerkannt, aber nie übersetzt und wird wohl bald gar nicht mehr erhältlich sein. Der deutsche, pseudo-aufgeklärte Buchmarkt kauft lieber Dawkins a la Dieter Bohlen: laut muss es sein, schrill, polemisch und ja nicht zu schwer. Warum auch Fakten, wenn es auch Anekdoten sein können und warum empirische Wissenschaft, wenn sich zum gleichen Preis auch Schmäh genießen läßt?

Deswegen sei jeder Leser von Darwins Cathedral gewarnt: Wer diese hervorragende und anregende Qualität genossen hat und sich dann den Standard deutscher Diskussionen zur Evolution der Religion auch in den Wissenschaften betrachtet - dem wird traurig zumute sein...

Montag, 17. Dezember 2007

Einwanderung als Lösung demografischer Probleme?

Auf dem linksgerichteten Schweineherbst-Blog bin ich folgendem Arte-Video begegnet, in dem einige Grundaussagen der Demografie sehr einfach dargestellt werden und Zuwanderung als Lösung der demografischen Probleme Europas angepriesen wird.



Richtig ist, dass Migration der historische Normalfall ist und nicht selten aufnehmende Länder wirtschaftlich begünstigt hat. Allerdings schießen die Macher meines Erachtens auch über das Ziel hinaus:

So wird, erstens, nur in einem Nebensatz erwähnt, dass eine aktive Familienpolitik durchaus auch Geburtenraten (wieder) anheben und damit die Unterjüngung abschwächen kann. Der Text streift diese Möglichkeit nur, um dann zu "oder eine kontrollierte Zuwanderung" überzugehen. Aber warum denn "oder"? Schon weil alle Länder auch qualifizierte Arbeitskräfte an den internationalen Arbeitsmarkt verlieren werden, dürfte doch nur ein "und" realistisch sein: qualifizierte Zuwanderung und eine Politik der Geburten- und Kinderförderung - die im übrigen auch erst einmal dafür sorgen müßte, dass nicht weiterhin hohe Prozentanteile von Kindern unterqualifiziert das Schulsystem verlassen.

Vor allem aber wird in dem Beitrag, zweitens, auch verschwiegen, dass sich auch das Geburtenverhalten von Zuwanderern, beispielsweise auch von Muslimen der jeweiligen Umgebung anzugleichen tendiert - was eben auch bedeutet, dass die Unterjüngung dann zum gemeinsamen Problem der Einwohner mit und ohne Migrationshintergrund wird. "Nur" durch Zuwanderung lässt sich also die demografische Schieflage, sprich: der Geburtenmangel, europäischer Gesellschaften nicht beheben, wenn das allgemeine Geburtenniveau nicht wieder steigt.

Auch fallen argumentatorische Unsicherheiten auf: einerseits wirbt der Filmtext für eine "kontrollierte" Zuwanderung - andererseits wird die Bekämpfung illegaler Migration ausdrücklich angeprangert und verurteilt. Also doch eine Open-Door-Politik? Und warum dann kein Wort zu Integrations- und Bildungsfragen, Sprachproblemen und Arbeitslosigkeit? Halten die Macher die Zuschauer wirklich für so unterbelichtet, dass sie mit diesen Fragen nicht würden umgehen können?

Fazit
Es ist gut und sehenswert, dass auch einmal (wieder) die demografisch und wirtschaftlich positiven Aspekte von Zuwanderung in die Debatte geworfen werden. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die unterjüngenden Gesellschaften dringend qualifizierte Arbeitskräfte benötigen werden - aber die Betonung liegt eben auch auf "qualifiziert".

Wie legale Migration gestaltet und illegale Migrationsprozesse gebremst, wie Gesellschaften durch Integration sowohl wirtschaftlich wie innerlich wachsen können und einige andere Aspekte mehr haben tatsächlich mehr Betrachtung verdient. Stellenweise wirkt der Film jedoch zu einseitig orientiert - dann fällt auf, dass Fakten dem Ziel des Plädoyers auch für illegale Migration untergeordnet worden sind. Und dann bleibt der schale Geschmack der Manipulation, wie wir ihn gerade auch in der Blogszene auch aus dem rechtsgerichteten Bereich zu Genüge kennen...

Freitag, 30. November 2007

Andi 2 - Islamismus (Aufklärungscomic)

Zwischen westlichen Sicherheitsbehörden und muslimischen Verbänden herrscht nicht selten wechselseitiges Mißtrauen. Da wird von nicht wenigen Muslimen ein Klima des Generalverdachts beklagt und gemutmaßt, dass Sicherheitsleute per se an einer Ausweitung von Verdächtigungen (gerne auch mithilfe von Medien) interessiert seien - definierten sie doch damit die eigene Arbeits- und Stellenbasis. Umgekehrt wünschen sich Sicherheitsleute aus muslimischen Kreisen mehr Informationen und kritisieren, dass zu oft und zu lange weggeschaut und die Auseinandersetzung mit real existierenden Gefährdungen verweigert werde.

Einige vorausschauende sicherheitsstaatliche und muslimische Organisationen haben (auch in Deutschland) jedoch begonnen, eine gemeinsame Brücke zu begehen: die Prävention. Polizisten, die eine Vertrauensbasis zu Moscheevereinen aufgebaut haben, wissen von hervorragend angenommenen Kooperationsveranstaltungen zu berichten, in denen sich besorgte muslimische Eltern über Drogenkriminalität, Betrugsmaschen und zunehmend auch über Extremismus informieren. Dabei lernen sie Polizisten als rechtsstaatliche und vertrauenswürdige "Freunde und Helfer" kennenlernen - was ja weltweit keinesfalls selbstverständlich und auch in Deutschland erst eine junge und umso wertvollere Tradition ist. So werden Ängste abgebaut, steigt das Ansehen von Polizei und Staat wie auch umgekehrt die interkulturelle Kompetenz der Beamten wächst. So entsteht die Vertrauensbasis, die erst gemeinsam gegen Gewalt, Kriminalität und auch Ausgrenzung und Extremismus zu schützen vermag.

Innenministerium und Verfassungsschutz des Landes NRW sind nun noch einen mutigen Schritt weiter gegangen. Nachdem das Aufklärungscomic "Andi" über Rechtsextremismus aufklärte, widmet sich der Nachfolgeband "Andi 2" (als Download und per Post kostenlos beziehbar) dem Schwerpunktthema Islamismus. Wie ist es, aus religionswissenschaftlicher Perspektive, geworden?

Andi 2 - ein Aufklärungscomic des Innenministeriums / Landesverfassungsschutzes NRW zum Schwerpunktthema Islamismus.

Zunächst zur Story: Der Schüler Andi hat ein Auge auf Mitschülerin Ayshe geworfen und versteht nicht ganz, warum er keine Antwort auf seine Einladung ins Kino erhält. Murat, Ayshes Bruder und Andis Freund, hat jedoch ganz andere Sorgen: die Bewerbungen nach der Schule laufen ins Leere und er bekommt das Gefühl, das könnte auch an Ablehnung aufgrund seines Hintergrunds und Glaubens liegen. Harun bestätigt ihn in dieser Ansicht und beginnt, ihn einem Prediger zuzuführen, dessen schwarz-weiße Weltanschauung mit den gläubigen, aber weitherzigen Traditionen von Ayshes und Murats Eltern sowie ihrer Moschee nichts mehr zu tun hat. Ein Riss tut sich auf - und vor dem Kino kommt es schließlich zum Showdown...

Die Gestaltung verbindet klassisch-europäischen Comicstil (und Leserichtung) mit einigen Manga-Elementen (Betonung der Augen, dynamisierende Zeichnungen, humorige Kommentare etc.). Ich kann mir vorstellen, dass manche diese Präsentationsform jenseits des Micky-Maus-Stils als verstörend und schrill empfinden - aber, offen gesagt, Mangas sind angesagt, auch mir gefällt es und ich halte es für auch eindrucksvoller und damit symbolisch informativer als das hundertste Fußnotenwerk. Informationskästen erläutern zentrale Begriffe wie Islam, Islamismus, Jihad, Menschenrechte u.v.m.

Die inhaltlichen Definitionen und Aussagen sind nach heutigem Stand der Religionswissenschaft schlicht und ergreifend fair und richtig - ein muslimischer Freund meinte sogar, so angemessene und zugleich verständliche Definitionen zum Thema selten gelesen zu haben (O-Ton war "Endlich!").

Die Unterschiede zwischen Islam und Islamismus werden nicht nur im Text, sondern auch im Entwurf der Charaktere so präzise herausgearbeitet, dass "Andi" Islamophobe am meisten ärgern dürfte, die "den Islam" als eine Religion des Terrors und der Theokratie präsentieren wollen. Hier zeichnet sich das Comic durch echte Fairness aus: so wird schon in der Story selber und dann auch in den Infoteilen (einschließlich einer eindrucksvollen Grafik am Ende) aufgezeigt, dass die übergroße Mehrheit der Muslime in Frieden und Demokratie leben will - und damit selbst den Hass der Radikalen auf sich zieht. Sogar Harun darf aufzeigen, was ihn an der westlichen Gesellschaft stört (z.B. Alkoholismus, Wertebeliebigkeit, Rassismus, globale Konflikte) - nur wird eben deutlich, dass Ideologien des Hasses und der Verachtung (nicht zuletzt auch gegenüber Frauen) keine bessere Welt anzubieten haben.

Seitdem das Comic letzten Oktober erschienen ist, wurde es von Medien, Öffentlichkeit, Kirchen und Verbänden noch wenig thematisiert. Ich nehme an, dies liegt daran, dass hier ein Innenministerium einerseits Neuland erschlossen hat - dies aber zugleich auf einem so hohen Niveau, das Reflexe einfach nicht zuläßt. Murat und Ayshe sind grundsätzlich glaubwürdige Charaktere, der Lebenswelt heutiger Generationen entnommen, wie es (leider) auch Harun und der rechtsextreme Eisenhans sind.

Die Informationen sind sachrichtig und ausgewogen und das Comic weckt beim Leser ebensoviel Verständnis für die Situation und Schwierigkeiten von Muslimen, wie es gegen islamistischen Missbrauch der Religion aufklärt. "Andi" ist verständlich, eindrucksvoll und gut und wird wohl nur diejenigen ärgern, die sich entweder grundsätzlich nicht mit religiös legitimiertem Extremismus auseinandersetzen wollen oder die umgekehrt die respektvolle Darstellung deutsch-muslimischer Normalität nicht wünschen.

Gerade aber die Anschläge Radikaler gegen andersdenkende Muslime weltweit und zuletzt auch Drohungen islamistischer Akteure auch gegen den Zentralrat der Muslime in Deutschland zeigen deutlich auf: die friedliche Mehrheit der Muslime, Christen, Anders- und Nichtglaubenden stehen miteinander gemeinsamen Gegnern gegenüber. Indem "Andi" im ersten Band gegen Rechtsextremismus aufklärt, verteidigte er Menschen und Würde Deutschlands vor dem extremistischen Missbrauch. Und indem Andis Freunde Ayshe und Murat mit dem Islamismus ringen, leisten sie das gleiche eben nicht gegen, sondern für einen Islam der Gottesliebe und Freiheit. Wen die längst ritualisierte Kritik zwischen manchen staatlichen und muslimischen Akteuren ebenfalls nervt - hier ist eine Chance, einen mutigen und gelungenen Präventionsansatz auch einmal wechselseitig anzuerkennen. Denn es ist ja nicht so, dass nur bei jungen Menschen gegenseitiger Aufklärungsbedarf bestünde...

Dienstag, 20. November 2007

Daniel Kehlmann: Measuring the World / Die Vermessung der Welt

Nach allerhand begeisterter Rezensionen hatte ich mir schon länger vorgenommen, auch einmal einen Blick in Daniel Kehlmanns "Die Vermessung der Welt" zu werfen. Bevor ich jedoch dazu kam, stieß ich in einer Buchhandlung darauf, dass Kehlmanns deutscher Beststeller inzwischen auch ins Englische übersetzt worden war!

Daniel Kehlmanns "Die Vermessung der Welt" hat es, verdient, auch schnell zu einer englischen Übersetzung gebracht.

Kehlmann schildert das Leben zweier deutscher Leuchttürme der Wissenschaftsgeschichte: des rastlosen Entdeckers Alexander von Humboldt und des an der Langsamkeit seiner Umgebung verzweifelnden Mathematikers Karl Friedrich Gauss. Dabei stehen die Personen und ihre Schrullen und Eigenheiten im Mittelpunkt, wird der glühende Forschungseifer der deutschen Aufklärung mit den noch feudal-starren Strukturen (auch der Lehrbetriebe) herrlich kontrastiert - und der Leser wird ganz nebenbei in Geschichte und Wissenschaften der damaligen Zeit eingeführt. Wir leiden mit (und an) Gauss, streifen mit Humboldt durch Wüsten und Dschungel, staunen über das professorale Engagement für den "Neptunismus" und nehmen Platz am Diniertisch der Herrschenden, die sich durch Wissenschaftler gerne unterhalten, ungerne aber in Frage stellen lassen. Wunderbar!

Gerade als deutschsprachiger Leser wird man sich bei Kehlmann immer wieder darüber freuen, wie sehr es dem Autor gelingt, eine Zeit zum Leben zu erwecken, in der von Deutschland auch wissenschaftlich prägende Impulse ausgingen, Berlin noch ein Provinznest war und der US-amerikanische Präsident Sklaven hielt. Natürlich hat man all diese Fakten schon einmal wahrgenommen, Kehlmann aber bringt Farbe in Zeiträume, die in der deutschen Erinnerung derzeit leider noch kaum vorkommen.

Dabei versteht sich der Autor nicht als Lehrer und klärt uns nicht auf über die Grenzen der Recherchen und den Beginn seiner eigenen Fantasie, beschert uns auch keine Zeittafeln oder Register. Er unterhält einfach - und diese Unterhaltung macht nicht nur Freude, sondern lässt uns Zeiten wieder entdecken, in denen Deutschland auch in seiner Schrulligkeit (er-)leuchtete.

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Mit vielen Grüßen aus Fribourg (Schweiz), an dessen Universität ich heute bei Oliver Krüger (auch ein Uni-Heidelberger) über Religionswissenschaft im Beruf spreche.

Samstag, 17. November 2007

Bill Napier: Nemesis

Im Bücherschrank eines Freundes fiel mir ein etwas älterer Wissenschaftsthriller auf, der interessant klang - und mich (nachdem ich ihn mir ausleihen durfte) auch prompt positiv überraschte.

Der Wissenschaftsthriller Nemesis von Bill Napier, einem Asteroidenforscher. Spannende (fast realistische) Story, gelungen erzählt.

Bill Napier ist selbst ein recht bekannter Asteroidenforscher und arbeitet in Nemesis sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse wie auch (merkbar) eigene Erfahrungen im Wissenschaftsbetrieb ein. Überraschenderweise gelingt ihm dabei aber ein außerordentlich spannender Erzählstil und sogar eine geschickte Überblendung der Jetztzeit (naja, des Ende des 20. Jahrhunderts) mit dem Schicksal eines von der Inquisition verfolgten Renaissance-Astronomen.

Die Story: das US-Militär meldet Hinweise darauf, dass Russlands Streitkräfte unter Präsident Schirinowski (sic!) einen Asteroiden Richtung USA manipuliert hätten. Und so wird eine Anzahl von NATO-Spitzenforschern unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit damit beauftragt, diesen Asteroiden ausfindig zu machen und Wege zu seiner Ablenkung auszutüfteln. Eine heiße Spur bildet dabei die Beobachtung eines kaum bekannten Renaissance-Astronomen, der seinerzeit als Ketzer verurteilt wurde. Aber umso tiefer die Forscher graben, umso mehr Widersprüche finden sie - und schließlich wird der Wettlauf mit der Zeit auch noch durch Morde überschattet...

Vorab: die Story ist nur fast realistisch, aber um Längen glaubwürdiger ausgearbeitet als in Deep Impact (den das Buch, wie auch vieles andere, augenzwinkernd zitiert). Der Plot enthält aber genug Überraschungen und Kurven, um auch hartgesottene Thrillerfans in Verzückung zu versetzen. Nur Napiers Versuche, Action- und Erotikszenen zu schildern, bleiben (fast rührend) ungelenk. Spannend geschildert sind aber die Wissenschaftlerdispute, in denen die Faszination astronomischer Forschung aufscheint. Und die erstaunlich breite Perspektive Napiers auf sein Feld wird dann deutlich, wenn er beschreiben kann, wie die Inquisition gegen Vertreter des kopernikanische Weltbild vorging - aber auch, was antike Philosophen und Theologen diskutiert und Giordano Bruno und Nikolaus von Kues bereits Jahrhunderte zuvor entdeckt und gelehrt hatten. Hier kommen sowohl Geistes- wie Naturwissenschaftler auf ihre Kosten!

Und auch der Umstand, dass Nemesis schon einige Jährchen auf dem Buckel hat, beschert ein ganz eigenes Lesevergnügen: beinahe fassungslos durchlesen wir Situationen, die in der jüngsten Vergangenheit spielen - und die wir doch heute per W-Lan-Laptop oder Handy lösen würden. Das Buch informiert uns nicht nur darüber, wie schnell Asteroiden unsere Welt erreichen, wie sie sich ankündigen und was sie anrichten würden - sondern es lässt uns auch erfahren, wie schnell sich unser eigenes Lebensumfeld derzeit eigentlich verändert. Faszinierend.

Dr. Blume

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Stephen Stein schrieb eine umfassende, religionshistorische Geschichte von Aufstieg und Verfall der Shaker-Bewegung in den USA. Spannender Lesestoff auch für alle, die sich vergleichend für Erfolgsbedingungen bzw. Scheitern von Religionsgemeinschaften interessieren.

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