Reflektionen

Freitag, 10. April 2009

Teilweise Radikalisierung des Atheismus in Deutschland?

Im Gegensatz zu den (zum Beispiel evangelischen, katholischen, jüdischen usw.) Theologien geht die Religionswissenschaft nicht von Glaubensannahmen aus, sondern erforscht das Phänomen Religion(en) auf Basis des methodologischen Agnostizismus und mit Mitteln der Geistes-, Sozial- und (zunehmend) Naturwissenschaften. Entsprechend war und ist die Zusammenarbeit von Atheisten, Agnostikern und religiösen Menschen nicht Ausnahme, sondern Alltag - und wird auch als Chance begriffen. Persönlich denke ich zum Beispiel dankbar an jede Minute der Zusammenarbeit mit meinem Doktorvater wie auch mit meinem Mitautor bei "Gott, Gene und Gehirn" zurück, die beide auch Beiratsmitglieder der Giordano-Bruno-Stiftung sind. Auch mit prominenten Vertretern der Religionskritik in Deutschland wie Bernulf Kanitscheider, Michael Schmidt-Salomon oder Ralf König verbinden respektvolle Begegnungen und lebhaft-interessante Diskussionen.

Zunehmende Radikalisierung?

In den letzten Monaten bemerke ich jedoch zunehmend eine Radikalisierung von Teilen der atheistischen Bewegung. Die "Kritik" an den Glaubensauffassungen anderer wird zunehmend verletzender, der "Humor" stetig dunkler und die Diskussionen verlieren an Sachlichkeit. Meist sind es Männer, oft (noch?) kinderlos und mit viel Zeit und Testosteron, die sich offensichtlich über das Internet gegenseitig in ihrer Abneigung gegen "die Gläubigen" immer weiter hochschaukeln, Andersdenkende am liebsten im Rudel attackieren und sich zunehmend in einer eigenen Schwarz-Weiß-Weltsicht verbarrikadieren. Politische Konflikte wie in Berlin um das Volksbegehren Pro Reli, die atheistische Buswerbung oder die gewalttätigen Ausschreitungen gegen das Christival in Berlin putschen offensichtlich zusätzlich auf.

Was mich aber völlig überrascht hat und weiter überrascht: Die Aggression richtet sich zunehmend auch gegen Wissenschaftler, wenn diese es wagen, andere als erwartete Resultate zu erbringen. In den Kommentaren dieses Blogs lässt sich dieser zunehmende Trend zur Feindseligkeit geradezu chronologisch nachvollziehen: In der Anfangszeit standen noch kritisch-konstruktive Rückfragen zur Evolutionsforschung zur Religiosität im Vordergrund sowie auch gute Diskussionen etwa um offene Fragen, Definitionen usw.

Paradox aber: Parallel zu einer sehr freundlichen Aufnahme der Befunde in der Fachwelt (z.B. auch von ausgewiesen religionskritischen Biologen wie Franz Wuketits, vgl. Rezension in der Universitas usw.) wurden die unsachlichen und zunehmend persönlichen Angriffe immer heftiger, häuften sich Fälle von Cyber-Stalking (inklusive übler Verleumdungen und Suchanfragen nach Frau und Kindern!) sowie völlig unsachlichen und zunehmend persönliche Kommentare und Artikel, auf die einzugehen immer weniger Freude machte.

Der Religionswissenschaftler als Erzfeind?

Nun ist das alles ja nichts Neues - vermeintlich "rationalistisch"-atheistische Polemiken und Attacken gegen Evolutionsforscher waren z.B. noch in den 70er Jahren weit verbreitet. Vielleicht kommen sie einfach nur wieder, vielleicht geht es ja auch wieder vorbei. Und so tendiere ich durchaus noch dazu, freundlich zu reagieren, wenn mich z.B. der "aufgeklärte" Redakteur und humanistische Funktionär Andreas Müller gleich zum Start seines neuen Blogs zu seinem "Erz-Nemesis" ernennt, nachdem er schon die Evolutionsforschung zur Religiosität in einem durchaus lesenswerten Beitrag als dunkle Bedrohung bezeichnet hatte.

Die Freude endet aber spätestens bei den Polemiken eines anderen, atheistischen Blogger, der oft durchaus diskussionswürdige Befunde gerne (z.B. hier) mit Einleitungen wie "Der einschlägig bekannte ehemalige Religionswissenschaftler und jetzige Publizist Dr. Michael Blume wird nicht müde zu behaupten..." garniert - die Ihnen, so nehme ich an, wahrscheinlich auch jede Lust auf wissenschaftlichen Austausch in der Sache verderben würden. Schade.

Es mag ja Leute geben, die so etwas auf Dauer nötig haben oder witzig finden. Ich zähle nicht dazu, will weder jemandes Erzfeind sein noch jemandes Bedrohung und nehme die wissenschaftliche Arbeit mit Freude an und Ernst. Ich möchte als freier Mensch sachlich und seriös forschen und dabei persönliche Glaubensüberzeugungen haben dürfen wie jeder andere auch. Und ich möchte mich lieber über Inhalte austauschen als Hundert Mal die gleichen, selbstgerechten Vorurteile gegen "die" Christen, Muslime, Juden usw. widerlegen zu müssen. Kritik an der Wissenschaft, Ergänzungen, bessere Hypothesen usw. sind stets willkommen, sollten dann aber auch wissenschaftlich fundiert sein - und nicht aus Plattitüden und Beschimpfungen bestehen.

Blogende

Da diese Selbstverständlichkeiten immer schwerer zu erreichen sind (und ich auch bei mir selbst Anzeichen von Überdruss bemerke, den neue Kommentatoren wie @itz oder @Daniel eigentlich nicht verdienen), habe ich mich vor einigen Wochen entschlossen, den Blog "Religionswissenschaft aus Freude" zu Ostern auslaufen zu lassen. Bis auf weiteres wird er noch stehenbleiben, werden aber nur noch Veranstaltungshinweise erscheinen.

Ich werde mich wieder stärker auf die RL-Forschung, das Gespräch von Mensch zu Mensch und den wissenschaftlicheren sowie moderierten Chronolog "Natur des Glaubens" konzentrieren und vielleicht später einmal ein englischsprachiges Angebot starten. Die Mehrheit der wunderbaren, nicht-extremen Leser und Kommentatoren dieses Blogs möchte ich herzlich einladen, lieber wieder auf höherem Niveau über die Sache(n) zu diskutieren, als die immergleichen Polemiken der oft gar nicht "neuen" Atheismen erdulden zu müssen.

Im Chronolog Natur des Glaubens stellt Dr. Michael Blume Befunde aus der Evolutionsforschung zur Religiosität und Religionen sowie verwandte Themen vor. Klick führt weiter.

Freitag, 3. April 2009

Todesstrafe - Reflektion der Fehlbarkeit menschlicher Gerichtsbarkeit

Zitiert aus Welt, 27.03.2009, Artikel von Uwe Schmitt:

"Idealfall für Ermitter, Chance für die Unschuldigen. In den Vereinigten Staaten hat die DNS-Analyse Dutzenden verurteilten Hinrichtungskandidaten das Leben gerettet"

Zitat:

Jeder (unschuldig) Hingerichtete ist einer zuviel. Die Zahlen sind eindrucksvoll. Seit 1973 sind 130 Verurteilte in 26 US-Bundesstaaten wegen erwiesener Unschuld freigelassen worden, viele aufgrund von DNS-Beweisen.

Anmerkungen:

Keine. Nur ein Schaudern bei dem Gedanken an jeden einzelnen Menschen, der völlig unschuldig verurteilt und hingerichtet wurde bzw. wird.

Dienstag, 24. März 2009

Der Papst und die Kondome - O-Ton

Große Teile unserer Gesellschaft, darunter oft auch solche Menschen, die sich für besonders "aufgeklärt" halten, scheinen weiterhin eher reflexartig über Religion(en) zu diskutieren. Nachdem eine Zeit lang maßlos über den Islam hergezogen wurde, ist derzeit mal wieder die katholische Kirche dran. Erinnern Sie sich noch an die Erregung, die ein vermeintlich "skandalöse" Kondom-Äußerungen von Papst Benedikt XVI. in Afrika vor kurzem erregt haben?

Hier ist seine angeblich "anstößige" Antwort auf die Frage eines Journalisten im O-Ton. Ob er da etwas Skandalöses gesagt hat - etwas, das ein Papst nicht (mehr) sagen darf? Bilden Sie sich am Besten Ihre Meinung selbst.

Gefunden in Elsas Nachtbrevier:

Frage: Heiligkeit, unter den vielen Übeln, die Afrika heimsuchen, steht besonders die Verbreitung von Aids. Die Haltung der katholischen Kirche über die Art und Weise, wie das zu bekämpfen sei, wird oft als unrealistisch und wirkungslos betrachtet. Werden Sie dieses Thema während der Reise ansprechen?

Papst Benedikt XVI.: Ich möchte das Gegenteil behaupten: Ich glaube, dass die wirksamste und im Kampf gegen Aids präsenteste Organisation eben diese katholische Kirche mit ihren Bewegungen und unterschiedlichen Strukturen ist. Ich denke an die Gemeinschaft Sant' Egidio, die im Kampf gegen Aids so viel im Sichtbaren und im Verborgenen tut, ich denke an die Kamillianer und all die Ordensschwestern, die den Kranken dienen (...)

Ich würde sagen, das Problem Aids kann man nicht bloß mit Werbeslogans überwinden. Wenn die Seele fehlt, wenn die Afrikaner sich nicht selbst helfen, kann diese Geisel nicht mit der Verteilung von Kondomen beseitigt werden: Im Gegenteil, es besteht das Risiko, das Problem zu vergrößern. Die Lösung kann nur mit einem doppelten Engagement gefunden werden: Das erste ist eine Humanisierung der Sexualität, das heißt eine geistige und menschliche Erneuerung, die eine neue Art des Umgangs miteinander bringt. Und das zweite eine wahre Freundschaft auch und vor allem mit den Leidenden, die Bereitschaft, bei ihnen zu sein, auch mit Opfern und persönlichem Verzicht.

Dies sind die Faktoren, die helfen und die auch zu sichtbaren Fortschritten führen. Deshalb möchte ich sagen, ist es diese unsere doppelte Anstrengung, den Menschen innerlich zu erneuern, ihm geistige und menschliche Kraft für ein Verhalten zu geben, das dem eigenen Körper und dem des anderen gerecht wird, und diese Fähigkeit, mit den Leidenden zu leiden, da zu bleiben in den Prüfungen des Lebens. Mir scheint, dass dies die rechte Antwort ist und dass die Kirche dies tut und damit einen sehr großen und wichtigen Beitrag leistet. Danken wir all jenen, die das tun."

Als Anmerkung möchte ich hier noch hinzufügen, dass also auch hier das Internet offenbar zunehmend schnell den Zugang zu Originalaussagen ermöglicht - zumindest für jene Menschen, die sich auch ernsthaft informieren wollen, bevor sie urteilen. Was von vermeintlich so aufgeklärten, mündigen Menschen und Medienmachern doch eigentlich zu erwarten wäre...

Vgl. Der Vatikan und das Internet

Dienstag, 3. März 2009

Neuer Religionswissenschaft-Blog online!

Aus einer hervorragenden Initiative der Lehrbeauftragten und RelWiss-Bloggerin Simone Heidbrink (Om-Sein) ist ein neuer, von Studierenden der Religionswissenschaft betriebener Gemeinschaftsblog entstanden:

http://webreligion.wordpress.com/

Die ersten Beiträge sehen schon Recht vielversprechend aus und das Bloggen im Team könnte ein wichtiges Experimentierfeld und ein guter Schutz gegen den gefürchteten Burnout (der nach Wochen und Monaten des Bloggens schon mal droht) sein.

Herzlich willkommen in der Blogosphäre, liebe webreligion-Blogger - und natürlich auch gleich herzlich willkommen in der Blogroll!

Freitag, 20. Februar 2009

Die Faszination für Katastrophenszenarien

Seitdem uns die Evolution mit entwickelten Vorderhirnen und also mit der Fähigkeit, Zukunftsentwürfe zu erstellen, versehen hat, beschäftigen wir Menschen uns mit Katastrophenszenarien. Evolutionär ist das auch gut zu verstehen: Gefahren frühzeitig wahrzunehmen und also mit besonderer Aufmerksamkeit auf entsprechende Signale zu reagieren, gehört zu unserem ältesten Erbe. Vorab mögliche Gefahren "durchzuspielen" und Wege zu ihrer Vermeidung zu entwickeln, dürfte sich darüber hinaus oft als insgesamt vorteilhaft erwiesen haben.

In den religiösen Überlieferungen sind Erzählungen über endzeitliche Katastrophen daher gang und gäbe - sie gewinnen und fesseln die Aufmerksamkeit, mahnen und warnen die Glaubenden zwischen dem Endlichen und Unendlichen zu unterscheiden und verleihen der religiösen Botschaft Dringlichkeit. Aber auch in säkularen Kontexten entwickeln wir Menschen eine unglaubliche Kreativität im Ausdenken möglicher Katastrophen. Hier ein chinesisches Video über die Folgen eines möglichen Meteoriteneinschlags auf unserer Erde. Wenn Sie ein paar Minuten Zeit haben, verfolgen Sie doch einmal die seltsame Faszination und ihre Folgen in sich selbst.



Gefunden im Blog Erdlicht, mit einer auch ins Englische übersetzten Kommentierung in diesem Post.

Dienstag, 10. Februar 2009

Macht Kinderreichtum glücklich? Wahr?

Immer wieder begegne ich dem Mißverständnis, dass Leute aus der Beobachtung eines durchschnittlich höheren Kinderreichtums religiös vergemeinschafteter Menschen eine lineare Wert- oder Wahrheitsaussage lesen. Sollte Religion schon deswegen in einem absoluten Sinne "gut", "schön" und/oder "wahr" sein, weil sie nachweisbar den Reproduktionserfolg fördert?

Nein, das sind unterschiedliche Kategorien, die zusammenhängen mögen, nicht aber einfach identisch sind. Denn es bleibt festzuhalten: Im Rahmen der Evolutionsforschung beschreibt der differenzielle Reproduktionserfolg nicht weniger, aber auch nicht mehr als die Richtung, in die Gene weitergegeben werden und sich das Leben selbst organisiert. Das ist aber eine empirische Aussage und für sich weder ein absolutes Werturteil noch ein Beweis oder eine Widerlegung von letzten Wahrheitsaussagen.

Flaschenhals Säkularisierung: Mit steigender Bildung sinkt die Geburtenzahl rapide - außer bei einigen Religionsgemeinschaften. Hier Daten der Volkszählung 1996 in Adelaide (Südaustralien).

Religiös vergemeinschaftete Menschen mögen durchschnittlich eher und stabiler heiraten, durchschnittlich höhere Lebenserwartungen genießen, durchschnittlich glücklicher sein und durchschnittlich mehr Kinder haben - aber selbstverständlich gibt es zugleich Abertausende von Fällen, in denen religiöse Ehen scheitern, Menschen für die Religion Gesundheit und Leben opfern, am Glauben unglücklich werden, keine Kinder haben oder am Ende eines religiösen, kinderreichen Lebens mit Verbitterung auf verpasste Lebenschancen zurück blicken. Wie jedes menschliche Verhaltensmerkmal kann sich Religiosität unterschiedlichst auswirken, der statistische Mittelwert entwertet nicht das Einzelschicksal.

Wissenschaftliches Verstehen kann und soll also bestenfalls einen Beitrag leisten, Leben umfassender zu begreifen, Glück zu fördern und Leid zu vermindern; es darf sich aber selbst nicht zum Setzen absoluter Maßstäbe mißbrauchen lassen.

Die Bibel dazu...

Als hätten schon die Autoren der Bibel heutige Debatten um Überleben und Reproduktion im Rahmen der Evolution vorweg geahnt, äußert sich die Schrift auch zu diesem Thema. Einerseits lauten gleich Gottes erste, überlieferte Worte und sein erstes Gebot an die gerade erschaffenen Menschen: "Seid fruchtbar und mehret euch." (Genesis 1,28)

Andererseits aber wird auch, mit einem Anflug sowohl von Bitterkeit wie Warnung, vor einer Verabsolutierung von Langlebigkeit und Fruchtbarkeit gewarnt, z.B. in Prediger 6,3:

"Wenn einer gleich hundert Kinder zeugte und hätte langes Leben, daß er viele Jahre überlebte, und seine Seele sättigte sich des Guten nicht und bliebe ohne Grab, von dem spreche ich, daß eine unzeitige Geburt besser sei denn er."

Sowohl atheistische wie religiöse Denker sind bisweilen der Versuchung gefolgt, Menschen als bloße, im ewigen Wettbewerb zueinander stehende Reproduktionsmaschinen zu betrachten. Insofern wir aber zugestehen, dass dem Menschen über das Beobachtbare hinausgehende Eigenschaften zukommen - zum Beispiel Würde -, braucht sich niemand so etwas als vermeintlich erwiesen aufschwätzen lassen. Naturwissenschaftliche Beschreibungen des Lebens können hilfreich und wichtig sein, ersetzen jedoch die Deutung und Bewertung dieses Lebens nicht.

Mittwoch, 21. Januar 2009

Deutsch-türkischer Erfinder des Döner Kebap verstorben

Mit Bestürzung haben wir auch hier in Washington gerade die Nachricht vernommen, dass Mehmet Aygün gestorben ist - jener Deutschtürke, der 1971 in Berlin auf die geniale Idee kam, den in der Türkei als Tellergericht beliebten Kebap in eine Teigtasche zu füllen und sie für damals 2 DM (Deutsche Mark) zu verkaufen. Daraus entstand ein Leibgericht vieler Menschen, das längst seinen Siegeszug um den Globus angetreten hat, u.a. auch in die USA ausstrahlte und heute in unzähligen Variationen (wie Puten-Döner oder vegetarischer Döner) angeboten wird.

Reich wurde Mehmet Aygün mit der Erfindung nicht, da er sie nie hatte patentieren lassen - aber er hat mit ihr Kulturen und Menschen bereichert. Oft sind es gar nicht die großen Politiker, die im Leben der anderen positive Spuren hinterlassen. Und warum nicht auch hin und wieder derer gedenken, die im Alltag Brücken errichtet haben? Hat in den Döner-Buden dieser Welt nicht mindestens ebensoviel Dialog stattgefunden wie auf den großen Konferenzen?

Herr Aygün wurde auf dem Friedhof der Sehitlik-Moschee in Berlin-Neuköln beigesetzt - ein deutschtürkischer Berliner, auf dessen Kreativität wir gemeinsam stolz sein können. Danke für alles, Mehmet-Bey!

Freitag, 2. Januar 2009

Wissenschaft & Erfahrung

Immer wieder erlebe ich in Diskussionen hier auf dem Blog, aber auch am Rande von Vorträgen u.ä. den Vorbehalt, die evolutionsbiologische Erforschung von Religiosität drohe diese zu entzaubern, verfehle das "Eigentliche".

Dazu kann ich immer wieder nur sagen: Hat es wirklich z.B. die Liebe oder die Musik entzaubert, dass wir heute viel mehr über sie wissen und ihre Funktion(en) in der Natur des Menschen besser begreifen? Nein, es hat doch deren Wertschätzung eher gestärkt!

Und, nein, ich behaupte nicht, dass (evolutionäre) Religionswissenschaft das "Eigentliche" der Religion völlig erfassen könnte - sie beschreibt doch "nur", wie unsere Gehirne zu den religiösen und spirituellen Veranlagungen und Fähigkeiten gekommen sind, die sie heute aufweisen. Ob wir damit eine höhere Wahrheit erfassen oder nicht, ist eine ganz andere, nicht-empirische Frage - die sich mit mehr (natur-)wissenschaftlicher Erkenntnis sicher vertiefter diskutieren, nicht aber klären läßt. So lässt sich z.B. erforschen, warum die Botschaft Jesu erfolgreich war - aber nicht, ob Jesus Gottes Sohn ist. Das bleibt Glaubens- und Erfahrungssache.

Wir erforschen also, wie sich der Glauben an übernatürliche Akteure (Ahnen, Geister, Götter, Gott u.a.) beobachtbar auswirkt, können aber keine abschließenden Beweise für oder gegen die Existenz der Akteure anführen. Glauben und Nichtglauben bleiben somit gleichermaßen möglich.

Die evolutionäre Religionswissenschaft erforscht, ob und wie sich der Glaube an übernatürliche Akteure auf Verhalten auswirkt. Befunde zeigen: Glaubende fühlen sich von den Jenseitigen beobachtet, meiden daher gegenseitigen Betrug. Indem sie Krankheiten und Unglück als Prüfungen und Strafen interpretieren, können sie zudem rituell dagegen vorgehen (mindestens Placebo-Effekte).

Susis Beitrag zum Unterschied von Wissenschaft und (spiritueller) Erfahrung

Auf dem Blog von Elsalaska (per Klick hier) hat die Kommentatorin Susi den Unterschied wissenschaftlicher Erkenntnis und mystischer Schau so präzise in Worte gefasst, dass ich sie hier einfach zitieren möchte:

Die Ratlosigkeit von Laien gegenüber jeder tiefergehenden wissenschaftlichen Erkenntnis ist normal. Es ist normal, dass neue Erkenntnis das bisher sicher geglaubte in Frage stellten. Wissenschaft und insbesondere Naturwissenschaft definiert sich durch die Methode. Ein guter Wissenschaftler weiss, wo der Unterschied zur subjektiven Erfahrung eines Phänomens beginnt. Naturwissenschaftlich arbeiten heisst objektivierbar, reproduzierbar zu arbeiten und zu publizieren und seine Ergebnisse der öffentlichen (Fach-) Diskussion und Überprüfbarkeit preiszugeben. Diese Methode hat (wir wissen es seit Heisenberg) Grenzen. Mit naturwissenschaftlichen Methoden Erkenntnisse zu gewinnen ist harte Arbeit gepaart mit Talent, Glück, günstigen Umständen und - wenn materieller Erfolg eintreten soll (auch ein Physiker muss was essen) - geschickter Promotion. Wissenschaftler bewegen sich immer im Grenzgebiet - da wo Wissen aufhört fangen die Wissenschaftler an Wissen zu schaffen (hard work!).

Der Hauptunterschied zu den Mystikern ist: mystische Erfahrung ist von ihrem Anspruch her nicht objektivierbar, für andere nicht reproduzierbar, sie ist subjektiv.

Wenn ein Chemiker die Funktionsweise der Untereinheiten der Aquaporin-Proteine (Wassereinstromkanäle in den Wurzeln der Maispflanze) versucht zu klären in Bezug auf eine konkrete Fragestellung und wenn ein Mystiker eine Maipflanze incl. Wurzeln bestaunt ist das einzig gemeinsame die Maispflanze.

Montag, 22. Dezember 2008

WDR-Diskussionsrunde West.art: Heidenspass statt Höllenfurcht - Fernsehdebatte online

Ein Internetnutzer, Germansceptic, war so nett, die lebendige WDR-Diskussionsrunde "Heidenspass statt Höllenfurcht" vom 07. Dezember 2008 (weitere Infos hier) in fünf Teilen (wir waren auch fünf Diskutanten) online zu stellen. Hier sehen Sie den dritten Part - und, ja, es hat viel Spaß gemacht, aber ich hatte auch, das sei eingestanden, vor allem am Anfang durchaus Lampenfieber. ;-)



Wer alle Clips sehen will (mit einem herzlichen Dank an Frank für den Hinweis):

1. Teil http://uk.youtube.com/watch?v=21UXN95FtZQ

2. Teil http://uk.youtube.com/watch?v=wxthU7PhWXg

3. Teil http://uk.youtube.com/watch?v=Lsdx1cRSR8s

4. Teil http://uk.youtube.com/watch?v=HGXN1FM_GYo

5. Teil http://uk.youtube.com/watch?v=U1o7ISmsSyk

Freitag, 21. November 2008

Selbstmord vs. Verkehrstote

Allein in Deutschland nehmen sich jährlich etwa 11.000 Menschen das Leben. Die Zahl der Verkehrstoten betrug 2007 dagegen 4.970.

Aus: IdeaSpektrum 46/2008, S. 10, mit Berufung auf die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Der erste Wissenschaftler, der einen Zusammenhang zwischen (durchschnittlich niedrigerer) Selbstmordrate und religiöser Vergemeinschaftung untersuchte war übrigens der Soziologe Emile Durkheim (Beitrag hier).

Dr. Blume

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