Reflektionen

Freitag, 27. Juni 2008

Eine Worldle-Wolke zur Evolutionären Religionswissenschaft aus Freude :-)

Über einen Blogbeitrag von Kamenin bin ich auf das wunderbar einfache Wordle gestoßen. Geschaffen und der Öffentlichkeit kostenfrei zur Verfügung gestellt von Jonathan Feinberg, einem offensichtlich kreativen, fähigen und guten Geist, erschafft das wunderbare Programm aus Texten Grafiken. Auf Basis einer Ganzseite von religionswissenschaft.twoday sieht der Blick in den Textspiegel zum Beispiel so aus:

Eine Worldle-Wolke, erschaffen auf Basis von Texten aus dem Blog religionswissenschaft.twoday.net - Religionswissenschaft aus Freude.

Eine kleine Spielerei, die das Blogleben bunter macht und zum Nachdenken darüber einlädt, welche Worte man selbst so in der wissenschaftlichen Arbeit bevorzugt, vielleicht mal wieder durchdenken, noch klarer definieren, eher meiden usw. usf. sollte...

Samstag, 21. Juni 2008

TOP 10 - Suchbegriffe. And the winner is... Gretchenfrage !?

Über welche Suchbegriffe finden Menschen auf diesen Blog? Ein Blick in den Blogcounter ist immer mal wieder für Überraschungen gut.

So hat die Gretchenfrage, die letztlich von Goethe vorgedachte, evolutionsbiologische Theorie zur sexuellen Selektion von Religiosität (siehe z.B. hier), den von seinen Jüngern gern kritiklos bejubelten Dawkins auf Platz 2 verbannt. Weit vorne auch Neurotheologie und, erfreulich, der Begründer der Religionssoziologie, Emile Durkheim. Beliebter als gedacht wohl auch die Kategorie Kultfilme. Und mit den Rezensionen zu Dawkins "Gotteswahn" (per Klick hier) und Francis Collins "Gottes DNA" (per Klick hier) schließen zwei Buchtitel die TOP 10 der Suchbegriffe ab.

TOP 10 Suchbegriffe (Zugriffe)
1. gretchenfrage (357)
2. dawkins (262)
3. dr. blume (230)
4. neurotheologie (190)
5. michael blume (181)
6. emile durkheim (139)
7. blume (116)
8. kultfilme (105)
9. der gotteswahn (89)
10. francis collins (83)

In der Summe scheint es, als dass tatsächlich inhaltliche Themen besonders nachgefragt seien - was mich enorm freut. Auch die rege Nachfrage nach einem "klassischen" Religionssoziologen deutet m.E. darauf hin, dass die wissenschaftliche Blogosphäre zunehmend auch als ein Dienstleister für anspruchsvollere Fragen wahrgenommen wird.

Noch ein abschließendes Info-Schmankerl für Web-Trendscouts: Noch immer ist Google absoluter Suchmaschinenkönig im Hinblick auf erfolgte Blogzugriffe, aber eine wachsende Zahl von Zugriffen verzeichnet der Blog vom ökologisch engagierten Ecocho (Wahlspruch: Sie suchen. Wir pflanzen Bäume.), das sich mit Yahoo verbunden hat.

Und natürlich ein Dank an alle Besucher & Suchenden!

Samstag, 26. April 2008

Ein Lob der Lokalzeitung(en)

Okay, ich weiß - Lokalzeitungen werden in der akademischen Welt gerne belächelt und wer sich über "wissenschaftliche" Berichterstattungen darin freut, bekommt den Stempel "provinziell".

Heute möchte ich mich jedoch als Lokalzeitungs-Fan gerade auch in der Wissenschafts-Berichterstattung outen! Warum? Weil viele Lokalzeitungen Leser erreichen, die spezialisierte Fachliteratur (bislang) kaum interessiert. Weil Lokalzeitungen oft sehr intensiv gelesen werden. Und weil die Berichte aus Lokalzeitungen von Mensch zu Mensch diskutiert werden.

So verdanke ich einen Moment echten Glücksgefühls diesem Bericht der Filder-Zeitung (einer Lokalbeilage der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten). Schon der Bericht der Autorin Frederike Poggel war sehr nett, die Redaktion hatte auf Basis der Daten aus dem ALLBUS-Artikel eine schöne Grafik gestaltet und es gab eine Umfrage auf der Straße sowie Leserbriefe.

Aber wohl nie vergessen werde ich den Moment, als ich am Erscheinungstag in der Schlange am Postschalter stand - und zufällig mitbekam, wie zwei Kundinnen weiter vorne das Thema diskutierten. ("Glaubsch Du das auch, dass die in dr Kirch mehr Kender hän?" - "Hajo, klar, da musch doch no gucke, wo dr Kender rumspringe. Bei denne, wo d Kirch hoch halte. Koiner will doch viel Kender, wenn er von Gemeinschaft ond Regle nix hält.")

Wenn ich jetzt manchmal nachts über Daten oder Texten brüte und befürchte, es sei doch alles umsonst, für Fakten interessiere sich doch eh keiner - dann denke ich immer wieder an dieses kleine (und für mich große) Ereignis zurück. Und seitdem haben Lokalzeitungen, gerade auch in der Wissenschafts-Berichterstattung, für mich einen ganz besonderen Stellenwert - dazu stehe ich. (-:

Wie ich heute darauf komme?

Christoph Schmitt von der Kreisausgabe des Schwarzwälder Boten hat unter dem Titel "Bildungsgrad ist eine wichtige Säule der Integration" einen Vortrag von mir zum Thema Islam in Deutschland und den USA konzise zusammengefasst, den ich diese Woche in Calw gehalten habe.

Ein Artikel aus dem Schwarzwälder Boten zu einem Islamvortrag in Calw. Klick führt zur ganzen Größe.

Und, ja, ich freue mich über die Berichterstattung in der Kreiszeitung ebenso sehr wie über die in einem akademisch anerkannten Journal. Wer das provinziell nennen mag, soll das ruhig tun. Denn ich finde: erst wenn Wissenschaft auch am Küchentisch, an der Laden- und Wirtstheke diskutiert wird, ist sie bei den Menschen, in dessen Dienst sie stehen sollte, wirklich angekommen.

Mittwoch, 19. März 2008

Oh, in den TOP 20 der Wissenschaftsblogs...

Wie ich soeben etwas verblüfft erfahren durfte, gehört der Religionswissenschaft-Blog zu den TOP-20-Wissenschaftsblogs im deutschsprachigen Raum nach Verlinkungen - so zumindest das Ranking der Wissenswerkstatt.

Da bleibt mir nur, Ihnen allen da draußen ein herzliches Danke für Ihr Interesse zuzurufen - ich hätte mir nicht träumen lassen, dass dieser Blog und der Wissenslog Natur des Glaubens auf so reges Interesse stoßen würden...

Samstag, 15. März 2008

Experimentalphysiker Anton Zeilinger zu Religion & Gott

Die aktuelle Spektrum der Wissenschaft 03/2008, bei spektrum direkt hier, enthält ein Porträt von und absolut lesenswertes Interview mit dem Experimentalphysiker Anton Zeilinger. Dieser wurde unter anderem dadurch berühmt, weil es ihm gelang, die nichtklassischen Interferenzen zwischen Quantendaten (jene "spukhaften" Gleichzeitigkeiten, die den klassischen Realismus in Frage stellen) über viele Kilometer hinweg herzustellen.

Der Interviewer, Michael Springer, stellt ihm unter anderem auch die Gretchenfrage nach der Religion - und die Antwort des Naturwissenschaftlers ist so bemerkenswert, dass ich hier einige Sätze daraus zitieren möchte.

Anton Zeilinger:

"Ich sehe auch in diesen spirituellen Traditionen einen Weg des Wissens, parallel zur Naturwissenschaft, auf dem man etwas lernen kann über die Welt.

Jeder Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft ist in meinen Augen ein Missverständnis.

Die Diskussion über Evolution versus Kreationismus ist intellektuell erschreckend – sowohl, was von fundamentalistischen Vertretern der Religion gerade in den USA vertreten wird, als auch zum Teil von Seiten der Naturwissenschaftler; das Buch von Richard Dawkins, »The God Delusion«, ist so simplifizierend!

Weder Religion noch Naturwissenschaften werden je die Existenz Gottes beweisen oder widerlegen können.

Das ist wie in dem berühmten Witz: Unter den Schriftgelehrten bricht Streit aus, welcher Gottesbeweis zulässig ist, und schließlich sagt der älteste, von allen respektierte Rabbi: Ich verstehe euren Streit nicht! Der Herr ist so groß, er hat es nicht nötig zu existieren!

Mir gefällt die Einstein’sche Position, dass Gott dasjenige Prinzip ist, von dem die Naturgesetze kommen – wobei ich mir durchaus einen Gott vorstellen kann, der in die Welt noch heute eingreifen kann …"

Tja, diesen Worten des Naturwissenschaftlers habe ich schlicht und ergreifend nichts hinzuzufügen, außer einem: Genau! (-:

Dienstag, 11. März 2008

Scilog-Treffen in Deidesheim

Das letzte Wochenende wird in meinem Kalender angestrichen. Denn es war ein Höhepunkt des jungen Jahres und ich bezweifle, ob es so schnell getoppt werden kann. Bilderstrecke vom Wochenende hier.

Der Spektrum-Wissenschaftsverlag hatte Blogger seiner Wissenschaftsblogecke "Scilogs" sowie einige weitere Wissenschaftsblogger zu einem hervorragend organisierten und erfrischend unkompliziert moderierten Bloggertreffen geholt. 40 Leute, von der idealistischen Studentin bis zum abgeklärten Prof, vom Astronomen über die Psychologin, Molekularbiologin und Anatom bis zum Archäologen, Chemiker, Journalisten, Soziologen, Philosophen und Historiker - ich kann mich nicht erinnern, jemals ein so interdisziplinäres und gleichzeitig intensives Miteinander erlebt zu haben. Denn, Überraschung, das Eis brach nicht nur schnell, es splitterte geradezu - so genial war es, sich mit Leuten auszutauschen, die die gleiche Freude an Wissenschaft, Vernetzung und dem Dialog mit der Öffentlichkeit haben.

Dazu trug auch der anregende und informative Einführungsvortrag des Sozialwissenschaftlers Marc Scheloske von der Wissenswerkstatt bei, in dem wir unter anderem erfuhren, dass es derzeit ca. 180 Wissenschafts- und Wissenschaftlerblogs im deutschsprachigen Raum gibt - wovon also ein knappes Viertel zusammen gekommen war. Und dann, Genialität der Veranstalter, kamen erst einmal die Skeptiker zu Wort: Gestandene Herren aus Journalismus und Medienwissenschaft, die kritisch anmerkten, was wohl Blogs alles nie leisten würden. Schon war sie da: Die offene Leitdebatte auf hohem Niveau, der Erfahrungs- und Kompetenzaustausch, die Selbst- und Medienreflektion.

Scilogs-Preise

Mir war es eine echte Ehre, als Laudator Lars Fischers Wissenslog "Abgefischt" für den Scilogs-Preis vorzuschlagen, da Lars schon seit Jahren zunächst im Fisch-Blog kritische und dennoch spannende, sprachlich oft geradezu geniale Qualitätssicherung betreibt und dies jetzt in den Scilogs fortsetzt.

Mit nur einer Stimme Rückstand wurde er dann Zweiter hinter Helmut Wicht vom Brainlog "Anatomisches Allerlei", einem Gesamtkunstwerk, der übrigens im echten Leben genauso locker und zugleich beeindruckend spricht, wie er schreibt. Gratulation, Helmut!

Den dritten Preis errang Katja Schwab mit dem Brainlog "Psychologie des Alltags", die mit Natürlichkeit, Witz und guter Laune virtuell wie real Vorurteile gegen Psychologen widerlegt. Wenn ich jemals nicht weiter weiß...

Wer eher hören als lesen mag, dem sei übrigens der pfiffige "Braincast" von Arvid Leyh empfohlen - MP3-Player, ich komme!

In den "Kosmologs" geht es mit Experten in die Weiten des Weltraums und in den "Chronologs" werken Historiker verschiedenster Schwerpunkte und Disziplinen. Die muntere Diskussion mit Yoav Sapir, einem angehenden Rabbiner aus Jerusalem, der ebenfalls über die zivilreligiösen Funktionen der Holocaust-Erinnerung nachdenkt, hat mir dann noch abschließend gezeigt, dass nichts unmöglich ist in den weiten Weiten der Bloggosphäre.

Was bleibt?

Vor allem: Begegnungen, aus denen -davon gehe ich aus- einige Freundschaften werden. Denn hier begegneten sich Leute, mit denen man auch deswegen im Kontakt bleiben möchte, weil einen über den Moment hinaus vieles verband: die Freude am Wissen, dem Dialog über Fach- und Titelgrenzen, dem Schulterzucken über Denk- und Experimentierverbote, der Lust am kreativen Schaffen und der Bereitschaft, auch aus Erfahrungen zu lernen.

Die Freude, in Deutschland eine eigene Wissenschaftsblogszene zu entwickeln, statt nur zu imitieren, was anderswo schon entstand.

Die Lust an der Diskussion - die gemeinsame Autofahrt mit Edgar Dahl, einem kantigen, tiefsinnigen und hinter aller intellektuellen Schärfe sehr warmherzigen atheistischen Philosophen in Deutschland, war auch intellektuell ein Genuss! Danke, Edgar!

Und schließlich verband und verbindet die Bloggerszene, so habe ich es erlebt, die Grundeinstellung, nichts für unmöglich zu halten, solange es nicht ernsthaft versucht wurde - erst recht keine gewagten, interdisziplinären Brückenschläge (Astrotheologie, wir kommen!!! (-: ). Kann ich nur hoffen, dass ich mit meiner Begeisterung niemandem auf die Nerven gegangen bin - sie war und ist einfach echt.

Wir sehen uns (auch) in den Wissenslogs...

Und entsprechend fiel es den Carsten Könnecker und Richard Zinken auch gar nicht schwer, mir ein konkretes Versprechen zu entlocken: Noch in diesem Monat werde ich (so Gott will (-; ) mit "Natur des Glaubens - Aus der Evolutionsforschung zur Religiosität" in den "Wissenslogs" an den Start gehen. Während hier im Blog die eigenen Forschungsnotizen zur Diskussion erscheinen (wie ich inzwischen weiß, ein "Wissenschaft-ler-blog"), möchte ich dort vor allem auch aufzeigen, was die Kolleginnen und Kollegen anderer Nationen und Disziplinen im Rahmen der Evolutionary Religious Studies so erforschen und bereits mit Daten belegen können - also ein thematisch orientierter "Wissenschaftsblog".

Wenn also in Zukunft öfter einmal unter einer Überschrift hier dieses Logo aufscheint:
In den Wissenslogs von Spektrum der Wissenschaft werden Forscher, Forschungsnotizen und Gedanken von Wissenschaftlern und Wissenschaftsjournalisten vorgestellt. Jeden Klick wert! - dann sehen wir uns einen Klick später einfach im wohl derzeit größten Wissenschaftsblogportal des deutschsprachigen Raums wieder! Auch auf die Gefahr hin, manchen bislang treuen Leser an die 1A-Mitblogger dort zu verlieren! (-:

Freitag, 15. Februar 2008

Der letzte Uri Geller? Die YouTube-Entlarvungen der Fernsehshow

Meine Eltern erzählen noch, wie Uri Geller ab den 70ern die Massen verzauberte. Von Zaubertricks sagte er nichts, sondern raunte -der Zeit entsprechend- von "Lichtenergien" und "Außerirdischen", ohne direkt zu behaupten, paranormale Fähigkeiten zu besitzen. (GWUP-Infos zu Geller hier)

Der Fernsehsender PRO7 hatte nun geplant, diesen Erfolg mit einer Show "The next Uri Geller" zu wiederholen. Und der Star bezog das Publikum passend zur aktuellen Rückkehr der Religionen (zu der laut Bertelsmann Religionsmonitor 2008 durchaus auch wachsender Zweifel an Naturgesetzlichkeiten gehört) ein, indem er es hebräische Zahlen nachsprechen ließ.

Und dann folgte... ein Fiasko. Da die Show sich offenkundig nicht als Trickshow zu erkennen gab, sondern wiederum mit dem Anspruch spielte "echte Mentalismen" zu präsentieren, fühlten sich andere Trickkundige nicht an das Schweigegebot unter Illusionisten gebunden. Folge für Folge werden seitdem über YouTube und andere Clipanbieter die Ansprüche der "nächsten Uri Gellers" entlarvt und auseinander genommen. Hier ein Beispiel, das Stand heute allein bei YouTube über 370.000 Mal abgerufen worden war:



Falsifikationen

Was hat sich binnen weniger Jahrzehnte geändert? Das Internet, von Pessimisten (wie wohl jede Neuerung) gerne als Ende von Kultur voller "Informationsmüll" verschrien, hat die Ein-Weg-Kommunikation in eine Netzwerkstruktur verwandelt. Öffentlich geäußerte Ansprüche werden dadurch einer hunderttausendfachen Kontrolle unterworfen; und auch der Möglichkeit, sie mit wenigen Stunden Engagement medial heraus zu fordern.

Der Verlauf der Uri Geller-Show zeigt damit eine Entwicklung, die beispielsweise auch UFO-Religionen oder auch jüngere Religionsgemeinschaften wie die Mormonen beschäftigt: einerseits erlauben die neuen Medien die schnelle Verbreitung neuer Botschaften, andererseits verbreiten sich Sachanalysen und Gegenargumente fast genau so schnell. Die Außerirdischen von Venus oder Mars oder auch die historische Mythologie des Buches Mormon werden so gnadenlosen Falsifikationen unterzogen. Während die gefestigten und vielfältigen Strukturen älterer Religionen mit Widersprüchen und Widerlegungen über Jahrhunderte hinweg umzugehen lernten, fallen allzu gewagte, neue Konstrukte nun schnell zusammen. Und möglicherweise nimmt durch den zunehmend alltäglichen Umgang mit vielfältigen, selbstgesteuerten Medien auch die kritische Kompetenz der Menschen zu - die gegenrecherchierte Information könnte an Gewicht gewinnen.

Oder werden sich am Ende doch wieder getrennte Netzwerke herausbilden, in denen jede/r nur die Wahrheit sucht, die ins jeweilige Weltbild passt? Noch ist die Entwicklung offen. Aber längst hat das Internet, das Bloggen von Texten und Videos die Spielregeln gerade auch für neureligiöse Ansprüche grundlegend verändert.

Samstag, 2. Februar 2008

Die weltweite Gewalt geht zurück - Die Menschheit wird friedlich

Durch die modernen Medien erreichen uns die Nachrichten und Bilder von Kriegen, Morden etc. Abend für Abend direkt nach Hause. Weit verbreitet ist daher die Wahrnehmung, der Mensch treibe es "immer schlimmer", die Menschheit "versinke in Gewalt".

Nur: rein empirisch gesehen ist das Gegenteil der Fall. So ist die Gewalt- und Mordrate heute selbst in der Bronx deutlich niedriger als unter Wildbeutervölkern (Wildbeuter ist die zunehmend gängigere Bezeichnung für Jäger und Sammler). Und immer größere Regionen der Welt haben es geschafft, die Geißeln regelmäßiger Kriege abzuschütteln.

Aus einem aktuellen Artikel der Presse ("Das Verschwinden der Gewalt, 01.02.2008):

"Der Kriminologe Manuel Eisner (Cambridge) hat es erhoben: In Europa fanden im 15. Jahrhundert 41 von 100.000 Menschen im Jahr einen Tod durch Menschenhand, dann sank die Rate von Jahrhundert zu Jahrhundert (19, 11, 3,2, 2,6), im 20. Jahrhundert lag sie bei 1,4 (Br. J. Criminol., 41, S.618).

Auch die Gewalt zwischen Gruppen ging dramatisch zurück: Wenn Stämme von Naturvölkern aneinandergerieten, kämpfte ein höherer Anteil an Mitgliedern, ein höherer Anteil starb, und von der unterlegenen Gruppe blieb keiner am Leben. Das war auch später so, blättern Sie einmal im Alten Testament, wie es nach der Eroberung einer Stadt zuging! Aber das 20.Jahrhundert war doch das blutigste? Mitnichten, wenn man mit Pinker auf die relativen Zahlen sieht: „Hätten die Kriege des 20.Jahrhunderts den gleichen Anteil der Bevölkerung getötet, wie das in Kriegen zwischen Stämmen üblich war, hätten sie nicht 100 Millionen Tote gefordert, sondern zwei Milliarden.“"

Dem ist nichts hinzuzufügen. Allerdings fehlt den entsprechenden Forschern noch eine schlüssige Erklärung.

"So sind wir doch zivilisiert geworden, im Sinne des Soziologen Norbert Elias – er sah Zivilisation der Verfeinerung der Einfühlung in andere unter gleichzeitiger Verstärkung der eigenen Triebkontrolle –, Pinker verweist auf ihn. Aber warum sind wir es geworden? Die Evolutionstheorie hilft hier nicht weiter, die Veränderung kam viel zu rasch, als dass „Friedensgene“ sich hätten durchsetzen können. Also warum? „Irgendetwas müssen wir richtig gemacht haben. Es wäre fein, genau zu wissen, was.“"

Antwort: Die Demografie

Dabei zeichnet sich die Antwort, aus anderen Disziplinen kommend, bereits ab: die Bevölkerungsentwicklung des Menschen.

Von einem malthusianischen, biogenetischen Imperativ beim Menschen kann keine Rede sein. Vielmehr tendieren Menschen dazu, Familienplanung auf der Basis von Ökonomie und religiösen Werten vorab zu planen. Entsprechend tendieren Wildbeutervölker zu nur leichtem Wachstum, Agrargesellschaften zur Bevölkerungsexplosion und Marktgesellschaften zur Bevölkerungsimplosion. Religionen wirken hierbei reproduktiv unterstützend und damit biologisch erfolgreich.

Wo Populationen wachsen, ohne dass die Ressourcen den "überzähligen Söhnen" Aufstieg und Ehe ermöglichen, werden kriegerische Konflikte fast unausweichlich. Auch die Frequenz und Orte heutiger Gewaltkonflikte lassen sich durch die Einbeziehung demografischer Faktoren erstaunlich gut erklären - und sogar prognostizieren.

Absolut lesenswert dazu: "Warum Kriege entstehen", von Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung:

Wie verhalten sich Demografie und die Häufigkeit von Konflikten zueinander? Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat hierzu eine absolut lesenswerte Studie auf Basis guter Datensamples erstellt.

Die Religionsgemeinschaften wirken damit durchaus ambivalent zur Gewalt. Einerseits sind gewachsene Religionen an Fortbestand und Entwicklung ihrer Anhängerschaft interessiert und tendieren also zu Lehren der Friedfertigkeit nach innen und zunehmend auch außen. Andererseits aber fördern gewachsene Religionen auch den Kinderreichtum ihrer Anhänger - und verschärfen damit vor allem in Agrargesellschaften die Bevölkerungsexplosion und dienen dann auch noch zur Rechtfertigung von Kriegszügen gegen Andersglaubende.

Frieden ist also möglich - Bildung und Dialog, faire Welthandelsregeln, Freiheitsrechte und erfolgreiche Migrations- und Integrationspolitiken (die Bevölkerungsentwicklungen ausgleichend mildern und Kapital in Agrarregionen bringen) erweisen sich als tragende Aspekte gelingender Friedenspolitik. Religionen können wertvolle Beiträge dazu leisten; soweit sie auch den Mut finden, eigene Fehler und Verstrickungen in Vergangenheit und Gegenwart zu erkennen und aufzuarbeiten.

PS: Danke für den Link & Themenhinweis an Ingo Bading vom Studium Generale.

Samstag, 5. Januar 2008

Die Universität als Lebensort, von Dr. Arend Oetker

Noch kurz vor Jahresende fiel mir ein Vortrag in die Hände, den Dr. Arend Oetker, Präsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, gehalten und am 5.12.2007 in einem Namensartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) veröffentlicht hatte. Dabei wirft Oetker m.E. einen nicht nur zutreffend-kritischen, sondern auch aufrüttelnden und dann auch optimistisch-wegweisenden Blick auf Zustand und Zukunft unserer Hochschulen.

In 2007 hatte ich das Buch "Die Natur des Menschen" von Eckart Voland persönlich als spannendstes Wissenschaftsbuch des Jahres empfunden. Und Dr. Arend Oetker hat m.E. den Vortrag des Jahres 2007 gehalten. (-:

Hier ist der Download des Redemanuskriptes "Die Universität als Lebensort" von Dr. Arend Oetker.

Montag, 31. Dezember 2007

Staunen zum Jahresende

Ein ereignisreiches Jahr geht zu Ende. Ich kann persönlich immer noch nicht glauben, was alles passiert ist - angefangen von der Aufnahme in die Titelgeschichte von Bild der Wissenschaft...

Das Cover von Bild der Wissenschaft 02/2007 mit dem Titel "Evolutionsforscher entdecken: Warum Glaube nützt". Titelgeschichte Rüdiger Vaas. (Klick führt auf die BdW-Homepage)

...über die erste Einladung zu einem internationalen Kongress zur Evolution der Religion bis hin zur ersten Buchanfrage eines wissenschaftlichen Verlags...

Die Aufgabe eines Religionswissenschaftlers ist es nicht und kann es empirisch nicht sein, symbolische und letzte Wahrheiten absolut beweisen oder widerlegen zu wollen. Wir sind Beobachtende, Beschreibende. Aber immer wieder bin ich der Auffassung begegnet, Religiosität und Naturwissenschaft würden einander ausschließen - eine Auffassung, die ich nach Jahren von Studium und Forschung nicht teile, nicht erkenntnistheoretisch und nicht in der Erfahrung.

Daher möchte ich das Jahr einfach mit dem Trailer eines naturwissenschaftlichen Biologie-Lehrfilms ausklingen lassen, entdeckt bei Petra Zugschwerdt auf dem BioLogenplatz-Wissenslog.

Und statt eines Kommentares meinerseits dazu werde ich einfach je einen Vers der Bibel, des Korans und eine Aussage von Richard Dawkins, des wohl schärfsten Religionskritikers und Leitfigur des "neuen Atheismus", nebeneinander stellen.



Bibel, Buch Genesis (1.Mose) Vers 1,31

"Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut."

Koran, Sure 45 „Die Kniende“, 3,4

„In den Himmeln und auf der Erde
gibt es fürwahr Beweise für die Gläubigen.
In der Erschaffung von euch
und in den Tieren, die Er verbreitet hat,
finden sich Beweise für Leute,
die ihres Glaubens gewiss sind.“

Richard Dawkins im Stern-Interview 2007:

"Auch ich reagiere quasi religiös, wenn ich zu den Sternen aufsehe, zur Milchstraße und mir das Universum vorzustellen versuche. Das Gefühl, dass ich dann empfinde, könnte man fast so etwas wie Anbetung nennen."

Ihnen ein glückliches, gesegnetes und erkenntnisreiches Jahr 2008!

Michael Blume

Dr. Blume

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