Politik & Religion

Donnerstag, 19. Juni 2008

Erste islamische Schule in Frankreich wird staatlich gefördert

Paris (dpa) - In Frankreich soll zum ersten Mal eine muslimische Privatschule, in der Schleier [Anm. Blume: Kopftuch] getragen werden darf, finanzielle Unterstützung des Staates bekommen.

Vom nächsten Schuljahr an zahle der Staat das Gehalt der Lehrer, sagte am Mittwoch Makhnouf Mameche, Vize-Schuldirektor des Averroes-Gymnasiums in Lille. Grundlage dafür sei ein Vertrag zwischen Schule und Staat, wie ihn auch die katholischen Privatschulen in Frankreich abgeschlossen hätten. Es ist der erste Vertrag dieser Art mit einer muslimischen Privatschule.

Das seit 2003 bestehende Averroes-Gymnasium, das 90 Schüler hat, wurde bislang aus Spenden und Schulgebühren finanziert. Anlass der Gründung war der Ausschluss von 19 muslimischen Schülerinnen aus einer öffentlichen Schule, die sich weigerten, in der Schule ihren Schleier abzulegen. Nach dem Staatsvertrag ist die Schule verpflichtet, dem offiziellen Lehrplan zu folgen und Schüler unabhängig von ihrer Religion aufzunehmen. Der einzige Unterschied zum staatlichen Lehrplan sei Arabisch als zweite Fremdsprache und ein freiwilliger Kurs über die muslimische Religion, sagte Mameche.

Derzeit gibt es vier muslimische Privatschulen in Frankreich.

Ergänzung: Die beginnende Gleichstellung und Integration islamischer Religionsgemeinschaften in das Staat-Kirchen-Verhältnis in Frankreich steht im Kontext der religionsdemografischen Belebung (auch) in Europa: Wie in den USA, stammt ein wachsender Anteil der nachwachsenden Generationen aus den kinderreicheren, religiösen Familien.

Tomas Frejka und Charles F. Westoff vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock wiesen 2006 eine Wirkung von Religiosität auf die Kinderzahl sowohl in den USA wie in Europa hin. Bei vergleichbar hoher Religiosität wie in den USA hätte Europa nach ihrer Modellschätzung eine um 13 bis 14% höhere Geburtenzahl!

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy reagiert auf die Wiederkehr der Religionen mit dem Konzept einer "positiven Laizität". Auch in Deutschland hat der freiheitlich-postsäkulare religionsdemografische Wettbewerb der Religionen bereits eingesetzt.

Samstag, 14. Juni 2008

Streit um Religionsfreiheit: Grüne in Bayern rudern zurück

Noch vor wenigen Wochen hatte ein Kommentar zum FAZ-Interview von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble eine Diskussion ausgelöst, da ich berichtet hatte, einen neuen Trend zu beobachten: Während einige Bürgerliche und Liberale zunehmend die Religionsfreiheit auch religiöser Minderheiten zu verteidigen begännen, würde die politische Linke dagegen Religionsfreiheit(en) insgesamt zunehmend einschränken wollen.

Die Realität war jedoch wieder einmal noch schneller als die Debatte: Der bayerische Landesverband der Grünen forderte auf einem Parteitag in Augsburg das Verbot aller religiösen Symbole und Kleidungen in staatlichen Schulen. Interessanterweise überstimmte dabei die Basis den Landesvorstand, der sich für positive Religionsfreiheit (die gleichberechtigte Zulassung religiöser Symbole und Kleidung) ausgesprochen hatte. "Schülerinnen und Schüler" hätten das Recht "von demonstrativ zur Schau gestellten religiösen Bekenntnissen ihrer Lehrerinnen und Lehrer unbehelligt zu bleiben", daher wurde gefordert: "Alle religiösen Symbole und religiös motivierten Kleidungsstücke haben unserer Auffassung nach daher an der Schule nichts zu suchen."

Ob dieses geforderte Verbot auch die Schülerinnen und Schüler selbst betreffen würde, blieb zunächst unklar.

Doch nach breiter Kritik nicht nur von Kirchen und CSU, sondern auch von SPD, Lehrerverbänden und Öffentlichkeit, die vor allem eine Neuauflage des Kruzifix-Streites befürchteten, räumen die bayerischen Grünen nun Fehler ein und rudern zurück.

"Es war nicht die Intention der Antragsteller, ein Verbot von Kreuzen in den Klassenzimmern einzufordern", heißt es nun seit Donnerstag in einer gemeinsamen Erklärung der Partei- und Fraktionsspitze. Nur ein "Verbot von persönlichen religiösen Symbolen und religiös motivierter Kleidung von Lehrerinnen und Lehrern" sei angestrebt worden. Die Grünen-Führung räumt in der Erklärung ein, dem Beschluss fehle in diesem Punkt "die nötige Klarheit", er könne "auch anders verstanden werden".

"Wir müssen selbstkritisch anerkennen, dass der Umgang mit dem Thema von uns nicht mit der nötigen Sensibilität und Sorgfalt erfolgt ist", schreiben die Landesvorsitzenden Sepp Daxenberger und Theresa Schopper sowie die Fraktionsvorsitzenden Margarete Bause und Sepp Dürr weiter.

Die Grünen-Spitze werde nun die Debatte in der Partei, aber auch mit Kirchen, Religionsgemeinschaften und weltanschaulichen Gruppen weiterführen und sich auf auf dem Oktober-Parteitag wieder damit befassen. "Nicht ein Kulturkampf, sondern der offene Dialog steht auf der Tagesordnung", so die bayerischen Grünen.

Klingt gut...

Die Debatte ist eine gute Gelegenheit...

...um an den deutsch-amerikanischen Vergleich zu erinnern. Während US-Amerikaner aufgrund der eigenen Religiosität und freiheitlichen Tradition religiöser Vielfalt auch eine durchschnittlich positivere Perspektive auf den Islam haben, bündeln sich bei den stärker säkularen Deutschen antiislamische und antireligiöse Vorurteile zu einem massiver ausgrenzenden Klima.

Gefragt, was der Hauptgrund für die fehlende wirtschaftliche Entwicklung in islamischen Staaten sei, unterscheiden sich die Antworten von Deutschen, US-Amerikanern, Türken und Muslimen in Deutschland außerordentlich.

Mittwoch, 11. Juni 2008

Liberalismus & Religionen in Europa - Ein Verhältnis vor dem Umschwung

Der große Liberale und Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek beklagte schon in den 50er Jahren die rationalistische Religionsfeindlichkeit des "kontinentalen Liberalismus". Im Gegensatz zum "echten", evolutionären Liberalismus, den Hayek eher in der angelsächsischen Welt verbreitet sah, der Freiheit (auch) zur Religion verteidigte, meinten Liberale aus Frankreich und dem Kontinent auch die Religion "per Vernunft" abschaffen zu müssen - und schufen damit die Grundlagen für neue Ideologien der Tyrannei.

Historisch ist diese unterschiedliche Ausprägung der Freiheitsbewegungen freilich nicht schwer zu verstehen. Auf dem europäischen Kontinent hatten sich regionale Kirchenmonopole etabliert, die sich meist als Staatskirchen eng mit den jeweiligen Herrschenden verbunden und gemeinsam jeden religiösen Wettbewerb erstickt hatten. Als positiver Wert war Religionsfreiheit hier kaum erlebbar, vielmehr standen die Kirchen oft eher an der Seite der Freiheitsfeinde.

Im Kontrast dazu war die Religionsfreiheit in den Kolonien und insbesondere der heutigen USA sogar ein weiterer Grund zur Auswanderung dorthin - es entstand eine Wertschätzung der Religionsfreiheit, Vielfalt und ein lebendiger, religiös-demografischer Markt aus unzähligen, kleineren Religionsgemeinschaften, die sich unabhängig vom Staat organisierten und daher auf ihre Freiheiten Wert legten. Hier gingen Liberalismus und Religiosität also bald eine starke Allianz ein und beschränkten den Staatseinfluss.

Wo ein religiöses Monopol wie z.B. in Griechenland oder der Türkei oder ein Kartell, wie derzeit noch in Deutschland, herrscht, werden Minderheiten ausgegrenzt, es dominiert das Kollektiv. Echte Freiheit entsteht dort, wo ein fairer, auch religiöser Wettbewerb entstanden ist und Vielfalt wirklich toleriert, ja geschätzt wird. (Klick führt zum Hayek-Vortrag Potsdam mit religionsdemografischen Daten.)

Und heute?

In Europa brechen die religiösen Regionalmonopole derzeit flächendeckend (und nicht zuletzt demografisch) zusammen. Die Großkirchen verlieren nicht nur Mitglieder an die Säkularisierung, sondern erleben auch das Anwachsen verbindlicher, religiöser Minderheiten durch Zuwanderung, Konversionen und deren Geburtenreichtum.

Lebendgeburten pro Frau nach Religionszugehörigkeit, Schweizer Zensus 2000, alle Kategorien. Es zeigt sich, dass "alle" religiösen Gemeinschaftskategorien durchschnittlich deutlich mehr Kinder erreichen als die Konfessionslosen.

Die ehemaligen Monopolkirchen verlieren so ihren Schrecken aus liberaler Sicht - auch die FDP hat unlängst ihre traditionelle Kirchenkritik eingestampft. Und plötzlich erkennt auch das libertäre, noch v.a. ökonomisch orientierte ef-magazin ("mehr netto") in konservativen Kirchenkreisen Verbündete im Widerstand gegen einen allzuständigen Staat (so ein Artikel des Herausgebers Andre Lichtschlag).

Es wird sicher noch einige Jahre oder Jahrzehnte brauchen, bevor es auch in Kontinentaleuropa zu einer stabileren Allianz zwischen den oft (nicht immer!) familienpolitisch konservativen, aber notwendig an Freiheit interessierten Mitgliedern religiöser Minderheiten und den liberalen Bewegungen in den demokratischen Parteien gekommen ist. Ob es dieser Allianz in Zukunft gelingen könnte, die Macht des Staates (wieder) zu beschränken und stattdessen Selbstorganisationen der Bürgerinnen und Bürger wieder stärker zu entfalten? Wir werden sehen.

Dienstag, 13. Mai 2008

Diyanet (Türkei) will mehr Imame, um staatsunabhängige Religionsgemeinschaften einzudämmen

Auch in der Türkei ist die Diskussion um das Verhältnis von Kirche und Staat längst entbrannt. Während Frankreichs Präsident Sarkozy das französische Modell zu einer "positiven Laizität" weiterentwickeln möchte, mehren sich auch in der Türkei die Debatten um Strukturen des Diyanet, das dem Präsidenten unterstellte Amt für Religionsangelegenheiten.

Immer mehr Menschen erkennen den türkisch-kemalistischen "Laizismus" als kaum mehr getarntes, staatskirchliches System, in dem die (Haupt-)Religion staatlich kontrolliert, finanziert und (etwa zur Unterdrückung religiöser, kultureller und ethnischer Vielfalt) bisweilen auch instrumentalisiert wird. So werden Diyanet-Imame aus Steuergeldern als Beamte bezahlt, auch Nichtmuslime müssen islamisch-sunnitischen Religionsunterricht besuchen und der Neubau und freiheitliche Betrieb nichtstaatlicher Gebetshäuser (Kirchen, Synagogen, aber auch Moscheen) ist schwer bis unmöglich.

Dem Westen gegenüber wird dieses Konzept, nicht ohne Erfolg, mit der Bekämpfung von Islamismus und "Sekten" begründet und es wird darauf hingewiesen, dass etwa die längst auch weltweit beachtete, türkische Reformtheologie mit auch starken, weiblichen Stimmen kaum ohne staatliche Patronage erblüht wäre. Und gerade auch in Deutschland hat sich die mit Diyanet verbundene Türkisch-Islamische Union (DITIB) zuletzt dem Dialog sowohl mit Staat und Kirchen wie auch mit anderen, islamischen Verbänden gegenüber geöffnet.

Im sehr zu empfehlenden Islamedia-Newsletter erschien dazu dieser Tage folgende Meldung:

Hürriyet, Mittwoch, 07.05.08 - Diyanet: Mehr Imame

Hürriyet meldet, dass Sait Yazicioglu, Minister und Verantwortlicher für das Amt für religiöse Angelegenheiten in der Türkei (Diyanet) angekündigt habe, mehr Personal einzustellen. Um religiösen Orden entgegenzuwirken und deren Zusammenschlüsse einzudämmen, habe er des Öfteren für die Einstellung von mehr Imamen geworben. Yazicioglu zufolge sei geplant 10.000 neue Imame einzustellen. Eine dementsprechende Gesetzesvorlage sei bereits vorbereitet und soll bis Ende des Jahres verabschiedet sein.

Samstag, 5. April 2008

Ralph Giordanos Aversionen gegen den Islam: Noch links oder schon rechts?

Dieser Frage widmet sich Arne Hoffmann in seinem streitbaren Beitrag Ralph Giordano bleibt sich treu - Der eitle, alte Mann mit Schal hetzt gerne laut.

Dabei kommentiert er das Streitgespräch zwischen Giordano und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, das auch schon Thema dieses Blogs war.

So haben die zunehmend schrillen Ausfälle des betagten Intellektuellen Giordano (O-Ton: „Ich will keine Kopftuch-, Tschador- oder Burka-Verhüllten auf deutschen Straßen sehen. Und ich will es sagen dürfen!“ - Was würde er wohl sagen, würde jemand so z.B. über Hut und Schläfenlocken orthodoxer Juden reden?) immerhin einen Vorteil: Sie entkrampfen die Debattenkultur in unserem Land, indem sie erkennbar machen, dass es keine Menschengruppen gibt, die gegen dumpfe Aversionen und billige Argumente immun wären. Und dass man solchen Polemiken dann auch als Demokrat widersprechen kann - und muss.

Mittwoch, 26. März 2008

FDP gibt Forderung nach strikter Staat-Kirchen-Trennung auf

Die (v.a. auch demografische) Rückkehr der Religion(en) erreicht nun auch den Bereich der Politik:

Noch 1974 stellte sich die FDP mit dem Positionspapier "Freie Kirche im freien Staat" auf einen dezidiert laizistischen Standpunkt, der unter anderem die Aufhebung von Kirchensteuer, Staatsverträgen, dem Status als Körperschaft öffentlichen Rechts für Religionsgemeinschaften u.v.m. forderte.

Zur Bundestagswahl 1994 wurden die Positionen noch einmal verschärft und die "wechselseitige Unabhängigkeit" von Staat und Religionsgemeinschaften zueinander negativ abgegrenzt:

"In diesem Verständnis setzt sich die liberale Politik für die gegenseitige Unabhängigkeit von Staat und Religions-gemeinschaften ein. Es geht darum, jenen Raum freizuhalten, in dem die Kirchen und andere Religionsgemeinschaften ihre Aufgaben nach ihrem eigenen Selbstverständnis erfüllen können. Ebenso darf es keinen unangemessenen Einfluß der Kirchen auf den Staat und öffentlich-rechtliche Institutionen geben."

Gefordert wurde nun auch die Abschaffung des schulischen Religionsunterrichts.

(Die Texte von 1974 und 1994 hier.)

Mit dem neuen Papier von Dezember 2007 "Liberale Leitlinien zum Verhältnis von Staat, Kirchen und Religionsgemeinschaften" wird nun ein Schwenk zum "geltenden Kooperationsprinzip" vollzogen, "nach dem Staat und Religionsgemeinschaften je eigenständig und zugleich im Sinne des Gemeinwohles aufeinander bezogen sind."

Das Recht auf Religionsunterricht wird bekräftigt und statt der Auflösung bestehender Staatskirchenverträge wird nun der Einbezug weiterer Religionen in das Staat-Kirchen-Verhältnis gefordert.

Denn, so heißt es jetzt: "Auch der moderne, plurale und säkulare Staat muss ein Interesse an Wertebegründung, Wertevermittlung und Orientierung haben, denn er ruht auf Voraussetzungen, die er jedoch selbst nicht schaffen darf und kann. [...] Daher ist auch der säkulare Staat auf seine Glaubens- und Religions-gemeinschaften als bedeutsame Gruppen in einer pluralistischen Gesellschaft angewiesen."

Daher sei "die im Grundgesetz festgeschriebene Religionsfreiheit und weltanschauliche Neutralität des Staates in einer Weise auszulegen, welche Religion und Religionen bewusst in den öffentlichen Raum mit einbezieht. Die weltanschauliche Neutralität des Staates gegenüber den Glaubens- und Religions-gemeinschaften ist daher nicht negativ-ausgrenzend zu verstehen, sondern im Sinne einer positiv-kooperativen und partnerschaftlichen Zuordnung."

Das neue Papier gibt es hier.

Eine Impression zur (auch) demografischen Rückkehr der Religionen

Die Grafik wurde aufgrund von Daten des World Value Survey erstellt, die Daniel Enske vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln zu einer Studie verdichtete.

Montag, 25. Februar 2008

Frankreichs Präsident Sarkozy will "positive Laizität"

Die (vor allem demografisch bedingte) und auch in Deutschland längst meßbare "Rückkehr der Religionen" beginnt auch die Staat-Kirchen-Systeme Europas zu verändern.

Weltweit (hier an Daten des World Value Survey in inzwischen 82 Nationen ausgewertet) besteht ein enger Zusammenhang zwischen religiöser Praxis und Geburtenhäufigkeit. Sowohl in Deutschland (rot) wie weltweit (schwarz) haben religiös praktizierende Menschen durchschnittlich mehr Kinder - und damit, biologisch gesehen, mehr evolutive Fitness.

Nach der Türkei gerät nun auch in Frankreich das zweite Modell eines überwiegend religionsfeindlichen Laizismus unter Druck. Sowohl in Rom, Riad wie auch in Vorträgen vor Vertretern verschiedener Religionen in Frankreich hat Staatspräsident Nicolas Sarkozy für eine "positive Laizität" geworben. Dabei solle der Staat einerseits sowohl die positive wie negative Religionsfreiheit schützen und Nichtglaubende wie auch Vertreter aller Religionen gleich behandeln, aber gläubige Menschen auch "nicht mehr als Gefahr, sondern als Gewinn" für den Staat betrachten. Zudem seien die Beiträge besonders des Christentums zur französischen Geschichte und Kultur zu würdigen.

Wie auch in der Türkei gibt es auch in Frankreich dagegen scharfe Proteste vor allem der nationalistischen Linken. Aber mit deren auch demografischer Schwäche (und Überalterung) hat sich auch der Bezugsrahmen der religionspolitischen Diskussionen in beiden Ländern verändert: das von vielen erwartete Aussterben der Religiösen ist ausgeblieben, die Tendenz geht ganz im Gegenteil zum auch demografisch dynamischen religiösen Markt. Dass auch die Integration von Muslimen in den USA weit besser als in Europa gelingt, wird zudem von immer mehr Menschen in Wissenschaft, Politik und Medien verstanden. Wo Politiker in Zukunft erstens Konflikte bewältigen und zweitens noch Wahlen gewinnen wollen, müssen sie zunehmend das faire Management auch religiöser Vielfalt beherrschen.

Ein ausführlicher NZZ-Bericht auch hier.

Samstag, 9. Februar 2008

Deutschland - Deine NS-Vergleiche

Wieder einmal ist es soweit: Keine emotionale Debatte in Deutschland, ohne dass wieder jemand direkte Vergleiche zum Nationalsozialismus zieht.

"Gestern Juden, heute Moslems" war auf Transparenten zu lesen, die aufgebrachte Deutschtürken in Ludwigshafen in die Kameras hielten. Und mancher, der sich darüber ganz fürchterlich aufregen kann, hatte nichts daran auszusetzen, als Frank Schirrmacher erst vor wenigen Wochen angesichts des Überfalls zweier Jugendlicher auf einen deutschen Rentner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung textete: "Zur Klarheit, die vom Staat gefordert ist, gehört auch, dass man ausspricht, dass die Mischung aus Jugendkriminalität und muslimischem Fundamentalismus potentiell das ist, was heute den tödlichen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts am nächsten kommt."

Natürlich wußte Schirrmacher, dass einer der Jugendlichen Grieche und einer Türke war. Womöglich auch, dass das Angreifen älterer Menschen nun wirklich keine islamische Lehre ist. Dass Russlanddeutsche und Deutsche in ähnlicher sozialer Lage nicht seltener zur Gewalt neigen und jedes Jahr Dutzende Menschen von Deutschnationalen angegriffen werden. Und immerhin widersprach ihm zum Beispiel die Süddeutsche hier.

Ebenso wußte wohl der deutsch-türkische Plakateschreiber, dass nur eine sehr kleine Minderheit der Deutschen die Islamophobie auf das Niveau des Antisemitismus heben will. Dass jede Demokratie entwicklungsfähig ist - aber unser heutiger Rechtsstaat erfreulicherweise meilenweit von den Endzeiten der Weimarer Republik entfernt ist. Und immerhin widersprach ihm der türkische Regierungschef Tayyip Erdogan (AKP), unter anderem, in dem er den Einsatz der deutschen Polizei und Feuerwehr lobte.

Deutsche Zivilreligion

Vielleicht haben Sie sich auch schon gefragt, warum eigentlich auch gebildete Deutsche immer wieder in die NS-Vergleiche verfallen. Eine Schlüsselantwort darauf bietet der Begriff der Zivilreligion: Darunter versteht man Erzählungen, Rituale und Jahrestage, die von den politischen Körperschaften (z. B. Staaten, Kommunen, Parteien) gepflegt werden und auf die in politischen Reden, Akten und Symbolen Bezug genommen wird.

Eigentlich haben Zivilreligionen eine integrierende Aufgabe, sie schaffen aus der Vielfalt der Staats- bzw. Stadtbürger eine gemeinsame, politische Identität. Man denke z.B. an die USA, wo auch Einwanderer noch kurzer Zeit "proud to be American" sein, eine Flagge in den Garten stellen und den Unabhängigkeitstag feiern können - ohne dabei aufzuhören, American-Italian, Native American, Christ, Muslim, Jude oder Atheist zu sein.

Die deutsche Zivilreligion ist dagegen aufgrund des Missbrauchs der Nationalgeschichte durch die Nationalsozialisten und die folgende Niederlage bis heute sehr unterentwickelt. Die Bundesrepublik hat beispielsweise nicht einmal ein staatliches Begräbnisritual - was z.B. beim Tod des SPIEGEL-Gründers Augstein zu der peinlichen Notwendigkeit führte, ihn - der doch die Kirche bewusst verlassen hatte - dann doch wieder in einem (staats-)kirchlichen Trauerakt zu ehren.

Auch hat es in Deutschland für Verwirrung gesorgt, dass Muslime ausgerechnet am "Tag der deutschen Einheit" auch den "Tag der offenen Moschee" begehen. In wohl jedem anderen Einwanderungsland wäre eine solche Geste der Minderheiten begrüßt worden. Aber die Idee, dass auch z.B. Kirchen sich aktiv zur Einheit Deutschlands bekennen und Christen wie Nichtchristen zu sich einladen könnten, wirkt auf viele Deutsche noch immer ungewohnt und befremdlich, fast beängstigend. Es wird noch kaum verstanden, dass immer mehr Muslime, Juden, Anders- und Nichtglaubende auch in einem selbstverständlichen Sinne deutsch sind und sein wollen.

Denn ein zentraler Bezugspunkt für die deutsche Zivilreligion (von ganz links bis ganz rechts) bleibt das NS-Regime und die Verbrechen der Shoah. Viele der größten Gesten, bedeutenden Gedenktage, Mahnmale und auch Politikerrücktritte aufgrund von Tabubrüchen kreisen darum. Rechte kleiden auch heute noch ihre Wohnungen in Symbolik aus dem letzten Jahrhundert und Linke versuchen sich auch noch über 60 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes im "Antifaschismus" - wobei jeder politisch Andersdenkende schnell zum "Faschisten" gestempelt wird. Auch in politischen Diskussionen unter Demokraten (beispielsweise um die Bundeswehreinsätze auf dem Balkan) werden die entsprechenden Vergleiche meist von beiden Seiten verwendet: Auschwitz muss dann dafür herhalten, um gegen jeden Krieg zu sein und ebenso dafür, um notfalls mit Gewalt Völkermord zu verhindern.

Derzeit: Ausgrenzen

Was wir derzeit erleben, ist aber auch noch eine abwertende und damit letztlich ausgrenzende Verwendung dieses zivilreligiösen Vokabulars. Ob Schirrmacher oder besagter Deutschtürke: "Die anderen" sollen jeweils die Nazis sein, man selbst möchte gerne in die Opferrolle schlüpfen. Der Bezug auf die Vergangenheit dient hier nicht mehr einer gemeinsamen Verantwortung, sondern der Dämonisierung des je anderen.

Wohin?

Die gute Nachricht ist: Die Abscheu gegen die inflationäre Verwendung von NS-Vergleichen scheint zu steigen. Sowohl Schirrmacher wie auch die Ludwigshafener Vorwürfe sind insgesamt auf scharfe Kritik gestoßen. Es scheint, als sei der Dreiklang aus dem Mißbrauch der NS-Geschichte für zweitklassige Argumentationen, die historische Maßlosigkeit wie auch der Überdruss am immer gleichen Bezugspunkt deutscher Diskussionen am Wachsen.

Doch damit ist die Hauptaufgabe noch gar nicht angepackt: Wird es der deutschen Gesellschaft gelingen, eine gemeinsame und integrierende, positive und doch ehrliche Überlieferung von sich selbst zu schaffen? Gemeinsame Rituale, Feiertage, Symbole zu finden, die Deutsche verschiedener Herkunft und verschiedenen Glaubens sowohl in Alltags- wie auch in Krisenerfahrungen zu verbinden vermögen? Für die Zukunft unseres Landes dürfte das alles andere als eine zweitrangige Frage sein...

Mittwoch, 16. Januar 2008

Der Staat zivilisiert die Religion(en)

Es gehört zu den zentralen, aber immer noch (zu) wenig bekannten Befunden der vergleichenden Religionswissenschaft: im Gegensatz zu populärer Wahrnehmung profitieren entschiedene Religionsgemeinschaften von einer strikten Trennung von Kirche und Staat, es entsteht über Generationen hinweg ein religiöser Markt, in dem sich die missionarischsten und reproduktiv erfolgreichsten Gemeinschaften gegen liberalere und säkulare Strömungen durchsetzen. Auf der anderen Seite würgen staatlich abgesicherte Monopole bzw. Kartelle den Glauben ab und führen zu einem Verfall der Mehrheitsreligionen, an deren Stelle Abspaltungen, Neugründungen und zugewanderte Religionen treten.

In Extremform sind beide Entwicklungen derzeit zum Beispiel in den USA und im Iran zu vergleichen: in den USA hat die Trennung von Kirche(n) und Staat zu einer hoch aktiven Religiosität geführt und bekennend nicht zu glauben ist sogar zum KO-Kriterium für die Wahlchancen führender Politiker geworden.

Die iranische Theokratie hat dagegen Millionen Schiiten binnen einer Generation in eine innere Abwendung von der Religion gestürzt und den Iran (abseits der staatlichen Propaganda und politischen Aufmärsche) zum Land der leeren Moscheen gemacht.

Europäischer Mittelweg?

Gibt es zwischen diesen Polen einen langfristig tragbaren Mittelweg? Und könnte dieser vielleicht gar in Europa, gerade auch in dessen wachsender Vielfalt sowohl an Ländern wie Religionen, mit-gefunden werden?

Lesetip

Wenn Sie Lust haben, über dieses Thema einmal zu reflektieren, empfehle ich Ihnen den taz-Artikel "Der Staat zivilisiert die Religion" von Jürgen Wandel - ein vielseitig recherchierter und geschliffen geschriebener, religionspolitischer Beitrag, wie man ihn sich in deutschsprachigen Medien öfter wünschen würde.

Dienstag, 11. Dezember 2007

Blick über den Tellerrand: Vom Arbeitskräftemangel im Baltikum und armenischen Christen in der Türkei

Die Welt erscheint umso interessanter, umso mehr Perspektiven wir zu ihr einnehmen. Eine schöne, deutschsprachige Möglichkeit ist die "Moskauer Deutsche Zeitung".

Wussten Sie schon, dass selbst im Baltikum inzwischen die Arbeitskräfte knapp werden - und gezielt Gastarbeiter bis aus China angeworben werden? Berthold Forssmann hat einen interessanten Artikel dazu "hier" geschrieben.

Wie ergeht es eigentlich den armenischen Christen in Istanbul? Und stimmt es, dass sich ausgerechnet die islamisch-konservative AKP um eine Verbesserung der Situation von Minderheiten bemüht? Ein sehr lesenswertes Schlaglicht dazu hat Daniela Haussmann ebenfalls "hier" verfasst.

Für Hinweise und Links auf weitere, seriöse und deutschsprachige Medien und Autoren, die auch demografische und religionsbezogene Themen im Ausland differenziert behandeln, bin ich (und sind sicherlich einige Blogleser) sehr dankbar!

Dr. Blume

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Zehra und ich an dem Altar im "Verbotenen Palast" zu Peking, der früher den Opfern der chinesischen Kaiser vorbehalten war und den Mittelpunkt des Himmelsgewölbes markierte. Wir brachten es nicht übers Herz, uns wie andere Touristen auf den Stein zu stellen, sondern reichten uns darüber die Hände.

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