Neurotheologie

Samstag, 24. Mai 2008

Diskussionsveranstaltung mit Andrew Newberg

Andrew Newbergs Hirnscans an meditierenden Franziskanerinnen und Buddhisten hatten Anfang des Jahrtausends für Wirbel gesorgt und neuen Schwung in die Hirnforschung-Religion-Debatten gebracht. Mit geschickter Vermarktung und metaphysischer Deutung als Belege für eine Absolute (und erfahrbare) Einheit allen Seins wurde Newberg berühmt.

Inzwischen ist es etwas stiller geworden: Newbergs Zentralbefunde haben sich als sehr viel vorläufiger erwiesen als zuerst rezipiert und die "Lehre" von der Grunderfahrung Absoluter Einheit hat logische und auch historische Schwachpunkte aufzuweisen.

Dennoch hat Newberg viele Menschen für den wachsenden Forschungsbereich zwischen Biologie und Religion interessiert - und schon dafür gebührt ihm Dank.

Gerade habe ich das Transkript einer aktuellen Diskussionsveranstaltung von Journalisten mit Newberg entdeckt. Vielleicht haben Sie auch schon Lust, mal reinzuschauen? Einen Kommentar dazu gibt es in den kommenden Wochen hier.

Das Transkript "How Our Brains are Wired for Belief" per Klick hier.

Donnerstag, 27. Dezember 2007

Ulrich Schnabel: Warum wir glauben müssen, in: ZEIT Wissen 01/2008

Offen geschrieben: sehr viele populärwissenschaftliche Artikel über die so genannte "Neurotheologie" (also die Erforschung und Deutung religiöser Phänomene mit Methoden der Neurowissenschaften) sind nicht wirklich lesenwerte Lektüre. Allzuoft werden dubiose "Befunde" kritiklos wiedergegeben oder vermeintliche "Sensationen" aneinander geklebt, ohne das Thema ernsthafter zu reflektieren.

Außerordentlich positiv überrascht hat jedoch die aktuelle Ausgabe von Die ZEIT Wissen 01/2008 zum Thema "Warum wir glauben müssen".

Gelungene, populärwissenschaftliche Aufarbeitung des "neurotheologischen" Kenntnisstandes - die Ausgabe 01/2008 der Zeitschrift ZEIT WISSEN mit dem Titelthema von Ulrich Schnabel.

Hier gelang dem Wissenschaftsjournalisten Ulrich Schnabel eine kompakte und dennoch sachgerechte Zusammenfassung des neurowissenschaftlichen Erkenntnisstandes zum Phänomen der Religion, das durch Statements verschiedener Personen aufgelockt wird. Oliver Schwarzwald steuerte eine recht eindrucksvolle Bebilderung bei.

Besonders verdienstvoll ist, dass Ulrich Schnabel die (jeweils desaströsen) Ergebnisse von Überprüfungsstudien dem deutschen Publikum zugänglich machte: etwa die Doppelblind-Studie zu Persingers Religionshelm von Pehr Granqvist und die Wiederholung der Newberg-Meditationsstudie durch Mario Beauregard. Zumal Ulrich Schnabels diesbezüglicher Artikelteil hier kostenfrei abrufbar ist, besteht die Hoffnung, dass Persinger und Newberg zukünftig etwas kritischer gelesen werden und das Niveau der Diskussionen zum Zusammenhang von Religion und Hirnforschung im deutschsprachigen Raum weiter steigt. Ein Dienst an der Wissenschaft, diese Titelgeschichte.

Also gar nichts zu meckern? Nun, schade fand ich es, dass Schnabel nur den Ist-Zustand diskutiert, sich aber kaum mit den Befunden zur Evolutionsgeschichte des Glaubens befasst. Warum entwickelte das menschliche Gehirn die (auch) religiösen Fähigkeiten, die es besitzt? Andererseits ist zuzugeben, dass solches kaum kurz abzuhandeln gewesen wäre und den Artikel wohl überladen und damit Qualität gekostet hätte. So bleibt als vorläufiges Fazit also: eine sehr lesenswerte Titelgeschichte, die Lust auf weitere Ausgaben zum Themenkreis Naturwissenschaft & Glauben macht!

Freitag, 14. Dezember 2007

Neurotheologie - Interview

In der letzten Woche hatte ich ein Interview mit Radioeins Berlin-Brandenburg, zu einer Wissenssendung namens "Die Profis". Schon die Vorbereitung war wunderbar direkt und unkompliziert. Mit "dem" Schwung, der (wohl auf meine Dissertation zurückgehenden) Bezeichnung als "Neurotheologe" und den auch kessen Fragen hatte ich nicht gerechnet - und es hat richtig Spaß gemacht!

Das Interview können Sie als MP3 hier hören. Wenn es zudem auch Ihnen Freude machen und/oder für die faszinierenden Themen der Neurotheologie oder auch der Evolutionsforschung der Religion(en) Interesse wecken sollte, so hätte es seinen Zweck mehr als erfüllt! (-:

Donnerstag, 15. November 2007

Alle Menschen werden Cyborgs?

Eine Tagung der Evangelischen Akademie Iserlohn befasst sich mit den ethischen Herausforderungen von Gehirn-Computer-Schnittstellen

Durch Neuroimplantate – elektronische Geräte, die an menschliche Nervenstrukturen angeschlossen werden – können Körper­funktionen registriert, beeinflusst oder substituiert werden. Schon heute tragen zum Beispiel etwa 10.000 Menschen in Deutschland ein so ge­­nanntes Cochlea-Implantat, das ihnen trotz angeborener oder erwor­­bener Taubheit das Hören ermöglicht. Welche Auswirkungen auf die eigene Identität hat es, wenn aus­gefallene Körperfunktionen oder gestörte Hirnareale durch elek­tronische Prothesen ersetzt werden?

Eine Tagung der Evangelischen Akademie Iserlohn vom 7. bis zum 9. Dezember möchte zur Diskussion darüber anregen, wie weit die technische Gestaltung der menschlichen Natur gehen darf. Die heu­te schon möglichen Anwendungen mit ihren sozialen Implikationen sollen dabei ebenso in den Blick kommen wie ferne Zukunftsvisionen von der Cyborgisierung des Menschen, der end­gültigen Verschmelzung von Organismus und Maschine.


Wenn Computer und Gehirn verschmelzen …
Wie weit darf die Technisierung des Menschen gehen?

Evangelische Akademie Iserlohn
7. bis 9. Dezember 2007
Tagungsort: Haus Ortlohn, Iserlohn

Telefon: 02371 / 352 - 182
E-Mail: g.huckenbeck@kircheundgesellschaft.de



Ausführliches Tagungsprogramm:
http://www.kircheundgesellschaft.de/akademie/documents/tg119_technisierung.pdf

Siehe auch in diesem Blog die Rezension von "Schöne neue Welt" von Rüdiger Vaas.

Dienstag, 31. Juli 2007

Die Linkesche These - Von Alphabetschriften, Hirnhemisphären und Gottesbildern

Nachdem ich zuletzt in dieser Rubrik zwei zwar populäre, aber nach kritischer Prüfung wenig haltbare "Neurotheorien" zur Religion vorgestellt habe, möchte ich heute einmal ein Gegenteil präsentieren: eine These, die kaum bekannt ist, sich aber als wissenschaftlich hochgradig spannend erweisen könnte.

Es handelt sich hierbei um eine Theorie, die der vor zwei Jahren leider viel zu früh verstorbene Neurowissenschaftler Detlef Linke bereits 1995 an der Universität Bonn präsentierte und die so bestürzend einfach klingt, aber seit beinahe zehn Jahren kaum ernsthaft überprüft wurde. Nachdem es mir im Rahmen der Dissertation auch durch intensive Nachforschung nicht gelungen war, sie zu falsifizieren - ich stattdessen auf immer mehr stützende Befunde traf, die Linke noch gar nicht kennen konnte -, habe ich mir erlaubt, sie auf eigene Verantwortung zu bebildern und im Rahmen der Generalversammlung der Görres-Gesellschaft in Regensburg 2006 vorzutragen. Die Resonanz war rege und ich hoffe, der Linkeschen These eines fernen Tages einmal mit einem interdisziplinären Team zu Leibe rücken oder aber andere, Befähigtere darauf aufmerksam machen zu können.

Die Ausgangsthese von Detlef Linke ging von Beobachtungen zu unterschiedlichen Schwerpunkten der Bearbeitung verschiedener Tätigkeiten je in der linken oder rechten Hirnhemisphäre aus.

Linke ging von seinem Habilitationsthema, der Lateralität des Gehirns aus - also der Spezialisierung der beiden Gehirnhälften auf unterschiedliche Tätigkeiten bei komplexeren Tieren bis hinauf zum Menschen. Unser Lesen werde bei Rechtshändern überwiegend in der linken Hemisphäre bearbeitet, die zuerst vom rechten Auge über Kreuz bedient wird.

Entsprechend tendieren wir, so Linke, Schrift von links nach rechts zu erfassen.

Eine Besonderheit aber bilden laut Linke vokalarme Alphabete, wie zum Beispiel Hebräisch. Zur Lesung der Konsonanten habe hier eine intensive, bildhafte Assoziierung der Vokale zu erfolgen, die vor allem auf der rechten Gehirnhälfte erfolge. Entsprechend tendiere das linke Auge zur Führungsrolle, die Schriftrichtung weise von rechts nach links.

Vor allem aber werde jetzt eine zusätzliche Konfrontation mit Bildern als rechtshemisphärische Überlastung empfunden - der Leser eines Konsonantenalphabetes werde Bilder (oder auch Musik) daher tendenziell zu meiden lernen.

In der Lesung eines vokalarmen Alphabetes wie Hebräisch werde, so Linke, auch die rechte Hirnhemisphäre zur Vokaleinfügung einbezogen. Entsprechend störten weitere Ablenkungen wie Bilder und Musik und würden unterbunden. Der Befund passt interessanterweise auch zu Arabisch.

Die weitere Verbreitung eines nichtvokalisierten Alphabetes sollte daher mit einer zunehmenden Bilderfeindlichkeit einhergehen - einer Verringerung der Götterzahl und Darstellung bis schließlich zur Bildlosigkeit des Eingottes.

Erst der Verzicht auf jede Bildlichkeit führe zur wieder gleichmäßigen Beanspruchung des gesamten Gehirns („Tanz“, „Wohlbefinden“), deren Herleitung und Umschreibung bei Linke an das psychologische „Flow“-Konzept (Csikszentmihalyi et al.) erinnern.

Vokalarme Leseerfahrung ohne störende Bilder, Musik etc. wird nach Linke als ausgeglichen und glückreich erfahren. Entspreche führte z.B. Hebräisch in den Monotheismus. Und man vergleiche wiederum das quranische Arabisch!

Eine religionshistorisch entscheidende Phase sieht Linke aber ab dem Moment, ab dem die hebräische Bibel ins Griechische übersetzt wurde, in die Septuaginta.

Eine wiederkehrende, bildlose Lesung eines vokalisierten Alphabetes (wie Griechisch oder Latein) unterfordert laut Linke die rechte Hirnhemisphäre. Entsprechend sei die Bibel nach der Übersetzung zur Septuaginta gewissermaßen verstummt.

Im vokalisierten Griechisch werde die rechte Gehirnhälfte einerseits vom Einfügen der Vokale entbunden - gerade deswegen aber erfolge keine gleichmäßige Beanspruchung mehr.

Der griechisch Lesende mag den bildlosen Eingott und die Bibel schätzen und lieben wie sein hebräisch lesender Zeitgenosse, wird aber gerade dann umso mehr darunter leiden, dass der Buchstabe allein anstrengend und tot bleibt.

Laut Linke traf aus diesem Grund Passionsgeschichte, Botschaft und später Bild des Gekreuzigten, die „Inkarnation des Wortes“ auf große Resonanz vorwiegend unter griechisch lesenden Juden und dann auch Heiden. Sie ging mit realen, positiven Erfahrungen einher.

Eine vokalisierte, heilige Schrift benötige daher, so Linke, ergänzend farbig-dramatische Personalisierungen, tendenziell auch ein Aufweichen des strikt bildlosen Monotheismus. Auch diese These trifft neben dem Christentum auch z.B. auf indische Religionen zu.

Konvergenz I: Änderungen der Schriftrichtung

Einen Konsens, aus welchem Grund das aus dem Phönizischen hervorgehende griechische Alphabet über ein wechselndes Zwischenstadium (Bustruphedon) prompt seine Richtung änderte, konnte ich nicht feststellen - Linkes These entspricht hier einem bisher ungeklärten Sachverhalt. Seine These trifft ebenso auf das Arabische, Koptische und viele weitere Sprachen zu - auch der enge Zusammenhang Konsonantenalphabet zu bildkritischer Kultur- und Religionstendenzen (und umgekehrt z.B. der Explosion von Bildhaftigkeit nicht nur in Europa, sondern auch in Indien nach Einführung der vokalisierten Silbenalphabete) erscheint signifikant überzufällig.

Konvergenz II: Papst Benedikt XVI.

Lassen Sie mich dazu nur einige wenige, aus theologischer Erfahrung gespeiste Sätze zitieren, die Papst Benedikt XVI. 2006 in Regensburg gesprochen hat und die leider aufgrund eines anderen Zitats aus seiner Rede bisher kaum wahrgenommen wurden. So führte der Pontifex aus:

„Das Zusammentreffen der biblischen Botschaft und des griechischen Denkens war kein Zufall. Die Vision des heiligen Paulus, dem sich die Wege in Asien verschlossen und der nächtens in einem Gesicht einen Mazedonier sah und ihn rufen hörte: Komm herüber und hilf uns (Apg 16, 6 – 10) – diese Vision darf als Verdichtung des von innen her nötigen Aufeinanderzugehens zwischen biblischem Glauben und griechischem Fragen gedeutet werden. […]
Heute wissen wir, dass die in Alexandrien entstandene griechische Übersetzung des Alten Testaments – die Septuaginta – mehr als eine bloße (vielleicht wenig positiv zu beurteilende) Übersetzung des hebräischen Textes, sondern ein selbstständiger Textzeuge und ein eigener wichtiger Schritt der Offenbarungsgeschichte ist, in dem sich diese Begegnung auf eine Weise realisiert hat, die für die Entstehung des Christentums und seine Verbreitung entscheidende Bedeutung gewann.“

Linke arbeitete genau an diesem historischen Spezialfall.

Konvergenz III: Jan Assmann et al.

Interessant konvergiert auch die entsprechende Arbeit des Ägyptologen Jan Assmann, der in „Religion und kulturelles Gedächtnis“ (2000) einen historischen Längs- und Quervergleich der Schriftkulturen des vorderen Orients vorgenommen hat, auch etwa im Hinblick auf die Verarbeitung von kulterschütternden Diaspora-Erfahrungen, und schließlich mit Bezug auf Israel zu folgendem Schluss kommt:

„Vieles spricht dafür, dass der jüdische Monotheismus, das Prinzip der Offenbarung und der aus diesem Prinzip entwickelte und sich immer mehr steigende Abscheu gegen traditionelle Formen des Kultes aus dem Geist der Schrift geboren sind oder doch in dem Medium der Schrift in einer sehr tiefen Weise verbunden sind, ganz im Sinne von Moses Mendelssohn, der einen Zusammenhang von Medienrevolution und religiösen Wandlungen schon vor mehr als 200 Jahren postulierte.

Der Schritt in die Religion der Transzendenz war ein Schritt aus der Welt - man möchte fast von einer Auswanderung, einem Exodus, sprechen - in die Schrift.“

Es sei dabei darauf hingewiesen, dass Assmann (wie er mir im Gespräch versicherte) zu dieser bemerkenswert passenden Schlussfolgerung ohne jede Kenntnis der Linkeschen These gekommen ist. Der von ihm zitierte Moses Mendelssohn (1729-1786), der zwischen den Sprachen wanderte und eine Neu- und Direktübersetzung der hebräischen Bibel ins Deutsche vornahm, konstatierte:

„Mich dünkt, die Veränderung, die in den verschiedenen Zeiten der Kultur mit den Schriftzeichen vorgegangen, habe von jeher an den Revolutionen der menschlichen Erkenntnis überhaupt und insbesondere an den mannigfachen Abänderungen ihrer Meinungen und Begriffe in Religionssachen sehr wichtigen Anteil.“

Und wenn wir schon bei Assmann und also der Ägyptologie sind: zu dem leider wenigen, was wir von Pharao Echnaton und seiner proto-monotheistischen Aton-Verehrung kennen, gehört der Umstand, dass er auch eine (proto-alphabetisierende) Schriftreform durchführen und sich selbst, seine Frau sowie seine Töchter mit Schreibtafeln abbilden ließ...

Gerne würde ich an dieser Stelle noch weitere, neuere Autoren - so Uehlinger, Mettinger, Niehr u.a.- anführen, die von strikt religionshistorischer oder religionssoziologischer Warte aus die frühisraelitischen Formierungsprozesse beschreiben und dabei der Linkeschen These ebenfalls verblüffend entsprechen, etwa in der Vermerkung von „Abscheu“ (Aversion), die aus schriftkundigen Kreisen (bisher ohne schlüssige Erklärung) gegen die etablierten
Kultbilder angeführt wurde usw. - aber das würde den Blograhmen dann wohl sprengen.

Konvergenz IV: Der Islam

Mich faszinierte über die Linkesche These zum historischen Spezialfall des Formierung des jüdischen Monotheismus hinaus jedoch auch die potentielle Erklärungskraft im Hinblick auf den Islam.

Linkes These passt genau zur arabischen Antwort auf die Evangelien, den Koran, der vokalarm und von rechts nach links gelesen wird, nur in Arabisch gültig rezitiert werden kann und im Bezug auf Gott und Jesus wieder strikt Gottesinkarnation, Passionserzählung und jede Bilddarstellung ablehnt.

Nach wie vor können wir weltweit miterleben, wie hebräische
und arabische Schriftrezitation in den Originalsprachen Menschen in einen Flow versetzt, während sich die vokalisierte Bibellesung im Regelfall in der Landessprache oder doch einer späteren Übersetzung durchsetzt und mit Bildern, Musik, Liturgie und komplexen Spekulationen ergänzt. Auch Christen mit größter Liebe zur Heiligen Schrift müssen sich nach wenigen Stunden „Bibelmarathon“ ablösen lassen, wogegen Juden und Muslime allein über einer langen Lesung in Verzückung geraten können.

Würde die Form des verwendeten Alphabetes keinerlei Rolle spielen, so sollte doch wenigstens eine der vielen christlichen
Kirchen die entsprechenden Rezitationstechniken entfaltet oder übernommen haben.

Konvergenz V: Reinhard Leichner

Überzeugt hat mich schließlich eine völlig unabhängig entstandene Studie des Darmstädter Kognitionspsychologen Reinhard Leichner zu Musik, Hemisphärenaktivation und das Gefallen von Portraits, die ohne jeden Bezug zu Religion, Linke o.ä. konzipiert war.

Leichner hatte Probanden Portraitfotos nach Sympathie bewerten lassen und sie gleichzeitig per Kopfhörer links-, rechts- oder beidhemisphärisch mit Musik beschallt.

Das Ergebnis entsprach völlig der Linkeschen These: bei stärkerer Doppelbeanspruchung der rechten Hemisphäre wurden die Bilder tendenziell negativer wahrgenommen, bei ausgleichender Beanspruchung der linken Hemisphäre tendenziell positiver.

Fazit

Dass also so viele, auch völlig unabhängige Befunde der Linkeschen These entsprechen, lässt mich an mehr als einen Zufall denken. Unter allen neurotheologischen Thesen fasziniert mich die Linkesche These deshalb so besonders, weil sie sich nicht einer allgemeinen Herleitung religiöser Erfahrung verschreibt, sondern konkrete Phänomene zueinander in Bezug setzt. Ich hoffe, dass es eines nicht allzu fernen Tages ein interdisziplinäres Team gebe, das die Linkeschen These auch experimentell testet. Vielleicht wartet seit mehr als zehn Jahren eine spannende Entdeckung auf uns.

Dienstag, 10. Juli 2007

Der Religionshelm von Michael Persinger

Seit Mitte der 70er Jahre haben Neurologen verschiedenste Gehirnregionen als vermeintliches "Gott-Modul" ins Gespräch gebracht - also als jene Gehirnregion, die mit der Konstruktion religiöser Erfahrung befasst sei.

Wohl am bekanntesten wurde die Theorie von Vilayanur Ramachandran, der einen Zusammenhang von religiöser Erfahrung und Schläfenlappenepilepsie ins Spiel brachte. Dr. Michael Persinger (der sich zuvor mit der These eines Kausalzusammenhangs zwischen UFO-Sichtungen und Erdbeben "einen Namen gemacht" hatte) wurde dann mit dem "Religionshelm" berühmt, der angeblich über elektromagnetische Stimulationen des Schläfenlappens spirituelle Erfahrung "induzieren" könne.

Der "Gotteshelm" von Dr. Michael Persinger, der beanspruchte, damit spirituelle Erfahrungen induzieren zu können. Der Helm wurde medienbekannt, eine unabhängige Bestätigung des Anspruches gelang freilich nie.

Epilepsiethese und Religionshelm wurden von den Medien dankbar aufgegriffen und werden auch heute noch teilweise unreflektiert wiedergegeben, obwohl eine unabhängige Bestätigung nie gelang.

So berichteten Probanden einer streng kontrollierten Doppelblind-Studie an der Universität Uppsala (Schweden) durchaus von spirituellen Erfahrungen: nur leider entstammten 11 der 22 Probanden, die „subtile“ Veränderungen an sich zu bemerken glaubten, und zwei der drei Teilnehmer, die sogar ein mächtiges mystisches Erlebnis hatten, jener Hälfte der Probanden, deren Helm gar nicht wirklich aktiviert worden war. Diese Befunde deuten also auf einen klaren Placebo-Effekt.

Auch der beispielhafte Selbstversuch etwa der Autorin Susan Blackmore schlug fehl, sie berichtet im Vorwort ihres Memetik-Buches von Angstzuständen, die sie erlitten habe.

Persingers weltanschauliche Schlußfolgerungen

Wie auch bereits Richard Dawkins hat der schwache, empirische Befund Persinger nicht davon abgehalten, weitergehende Schlüsse über Gott und den Menschen zu verkünden.

Die Religion erweist sich für Persinger in Neuropsychological Bases of God Beliefs als eine rein illusionäre Konstruktion des Gehirns, die den Atomkrieg herbeibeschwören könne, wenn sie nicht rigoros abgeschafft werde. Ihre Evolution erklärt er über die gesundheitlichen Vorteile von "Mikro-Anfällen", die sich mit der richtigen Theorie jedoch ebenfalls technisch "induzieren" und also "ernten" ließen.

Als vom Schläfenlappen hergestellte Illusion gilt Persinger aber auch das Konzept des "Ich", auf das sich der Mensch "aus Sicht der Wissenschaft" ebenfalls nicht berufen könne. Auch dieses sei zur Sicherheit als illusionär abzuschaffen, "jeder Einzelne" habe sich "dem Überleben der Spezies" unterzuordnen. Interessanterweise fand "dieser" zweite Teil der Persinger-Theorie praktisch nie in die Medien, das galt wohl nicht als marketingfähig...

Verdienste

Im Rückblick erscheint also der Trubel sowohl um den Religionshelm selbst wie auch um die von ihm abgeleiteten Deutungen eher kurios. Und doch hatte und hat er etwas Gutes: die Debatten um den Religionshelm brachten größere Teile der Öffentlichkeit, Theologie und anderer mit Religiosität befassten Disziplinen auf eine sehr plakative Weise erstmals mit dem Thema "Neurobiologie der Religion(en)" in Kontakt. Und auch in der Galerie der "Anmaßung von Wissen", in der Wissenschaftler meinen aus (schwachen) empirischen Befunden gleich definitive Aussagen über Gott und die Menschen machen zu können, hat der Religionshelm einen würdigen Platz verdient.

Die Dynamik der heutigen, ernsthafteren Debatten, ob der Glaube Hirngespinst oder evolutionärer Vorteil sei, und wie sich der biologische Erfolg religionsbezogener Veranlagungen in der Evolution des Menschen erklären könnte, hat Michael Persinger und seinem Helm also durchaus einiges zu verdanken.

Die Neurotheologie-Reihe wird fortgesetzt...

Donnerstag, 5. Juli 2007

Was man mit Wissenschaft und Religion so machen kann...

Seine "Meditationsstudien" haben den Neurologen Andrew Newberg und die sich schon länger entfaltende "Neurotheologie" weltbekannt gemacht.

Auf die Newbergschen Experimente und Thesen (die inzwischen etwas unter Druck geraten sind) möchte ich an anderer Stelle eingehen. Heute geht es mir vielmehr darum, exemplarisch aufzuzeigen, wie sorgsam die wissenschaftliche Vernunft zwischen Intelligent Design und Ultra-Darwinismus verteidigt werden muss.

Denn das Newberg-Buch erschien in Deutschland unter dem Titel Der gedachte Gott. Wie Glauben im Gehirn entsteht mit diesem Cover.

Ein anregender und gut zu lesender Verkaufserfolg in Deutschland. Man beachte aber, wie stark die Übersetzung des Titels vom Englischen ("Why God Won't Go Away." abweicht!

Covergestaltung und Titel legen also dem (eher säkularen, oft religionskritischen) deutschen Publikum nahe, dass es sich bei Gott ggf. "nur" um eine Konstruktion unseres Gehirnes handele.

Bitte betrachten Sie nun das identische Buch in der US-Ausgabe!

Das Newberg-Buch in der US-Ausgabe. Hier wird es eher als Religionsbeweis vermarktet. Beachten Sie zum Vergleich Titel und Cover der deutschen Ausgabe!

Hier steht plötzlich nicht mehr das menschliche Gehirn, sondern der Gottesname im Zentrum. Und der Titel (übersetzt) Warum Gott nicht fortgehen wird. Gehirnforschung und die Biologie des Glaubens verspricht dem (religiösen) US-Publikum eher einen "Gottesbeweis".

Faktisch bezieht Newberg eine mittlere Position: gegen Ende des Buches verlässt er den im engen Sinne wissenschaftlichen Bereich und "verkündet" die Wahrheit eines "Absoluten Einsseins", das der bzw. die Meditierende erfahre. Erfreulicherweise ist er dabei aber ehrlich genug, dies als Glaubenshaltung auszuweisen, die er im Laufe der Forschungen entwickelt habe.

Beobachtung und Bewertung sauber unterscheiden!

Hier machen uns Marketingfachleute beispielhaft vor, wie man mit Wissenschaft "tricksen" kann. Die identischen Befunde, ja, hier sogar das identische Buch können von ganz unterschiedlicher Warte aus interpretiert und bewertet werden. Dem Leser und der Leserin wird je das geboten, was er oder sie bereits lesen (bzw. hören) "will".

Jede(r) aufgeklärte Interessierte sollte daher bei jedem Religions-Wissenschafts-Text (oder Vortrag) unbedingt unterscheiden: was ist wissenschaftlicher Befund (und wie haltbar ist dieser) und was ist weltanschaulich-religiöse Interpretation (und wie glaubwürdig sind diese). Das sind zwei ganz unterschiedliche Ebenen, die man erst dann sinnvoll verknüpfen und diskutieren kann, wenn man sie vorher sauber getrennt hat!

Als Faustregel gilt: wenn Ihnen jemand erzählt, er oder sie könne die Wahrheit oder Unwahrheit der Religion(en) "wissenschaftlich" beweisen oder "wissenschaftlich" widerlegen, haben Sie es entweder mit einem erdgeschichtlich noch nie dagewesenen Genie oder mit einer nicht haltbaren Behauptung zu tun. Bisher galt (und gilt) ausnahmslos Letzteres.

Glaubwürdiger sind dagegen jene Wissenschaftler, die so fähig und ehrlich sind, zwischen ihren wissenschaftlichen Beobachtungen und Thesen einerseits und ihrer Glaubenshaltung und Bewertung andererseits zu unterscheiden, die aber auch keines von beiden verstecken.

Mit diesen macht sowohl das Forschen wie auch das Debattieren Sinn und oft auch Freude. Denn dann geht es wirklich um das "Entdecken" - und nicht darum, die je vorgefasste Meinung durch pseudo-Wissenschaft nachträglich zu rechtfertigen!

Also: lassen wir uns gerade auch auf dem Bereich der Religionsbiologie weder von religiösen noch von atheistischen Fundamentalisten verschaukeln und uns kein X für ein U andrehen. (-:

Meine persönliche Haltung

Mein persönlicher Forschungsschwerpunkt ist die Evolution der Religion, deren Veranlagungen im menschlichen Gehirn (weltweit und ausnahmslos in jeder bekannten Menschenpopulation beobachtbar) sich evolutionslogisch über biologische Vorteile entfaltet haben müssen. Neben gesundheitlichen (salutogenetischen) und gruppenkohäsiven Aspekten (z.B. Zusammenhalt, Vertrauen, auch Kontrolle etc.) ist mein Favorit der Zusammenhang von Kinderreichtum und Religiosität, den ich empirisch untersuche und gerne auch religionsdemografisch diskutiere. Fakt ist: Gerade auch in freien, wohlhabenden und gebildeten Gesellschaften bekommen Menschen in religiösen Gemeinschaften durchschnittlich weit mehr Kinder als Konfessionslose. Wer religiös ist, ist auch heute (durchschnittlich) biologisch klar im Vorteil.

Nur: wie für jede andere menschliche Fähigkeit schließe ich natürlich auch für die Religiosität Fehlentwicklungen nicht aus und bin an den Faktoren interessiert, die Religionen "fehlgehen" lassen (v.a. Bevölkerungsexplosionen, Monopolstrukturen), wie auch an Voraussetzungen, die ein gutes Zusammenleben ermöglichen (v.a. positive und negative Religionsfreiheit, Wettbewerb).

Und wenn ich auch dazu stehe und offenlege, dass ich selbst Christ (und mit einer Muslimin verheiratet) bin, so beharre ich doch auf der Trennung zwischen Wissenschaft (Beobachtung von Fakten) und Glauben (Erfahrung, Bewertung). Die Zusammenarbeit auch mit Andersdenkenden und -glaubenden ist für mich daher ein "Muss".

Aber religiöse Fundamentalisten, die Gott als "Intelligenten Designer" meinen "beweisen" zu können sind mir ebenso suspekt wie sog. "Ultra-Darwinisten" oder auch "Memetiker", die das Label "Wissenschaft" ohne jede seriöse Basis für die Propagierung eines fundamentalistischen Atheismus missbrauchen. Es gibt wirklich genug Blogs, in denen sich diese "Lager" beharken können.

Es wäre mir dagegen Recht, wenn sich Interessierte stattdessen (auch) in diesem Blog wissenschaftlich seriös über die Evolution der Religiosität und Religion(en) austauschen könnten.

Donnerstag, 21. Juni 2007

Neurotheologie

Unter "Neurotheologie" werden Arbeiten von Hirnforschern über religiöse Fähigkeiten des menschlichen Gehirns und die davon ausgelösten Diskussionen zusammengefasst. Die populäre Bezeichnung rührt daher, dass sich dabei regelmäßig Aspekte der (neurologischen) Beschreibung und der (quasi-theologischen, anfangs v.a. religionskritischen) Deutung miteinander verschränken.

Nach erfolgter Dissertation zum Thema und einer Reihe von darauf aufbauenden Vorträgen und Veröffentlichungen konzentrierte ich mich seit 2006 auf den evolutionsbiologischen Teil der Fragestellung: Wie kam und kommt es eigentlich dazu, dass sich religiös befähigte Gehirne in der Evolution des Menschen durchgesetzt haben?

Religion-Hirn-Vortrag bei der Generalversammlung der Görres-Gesellschaft, Regensburg 2006. Neben Grundsatzfragen und Religionsdemografie wird z.B. auch die Linkesche These zum Zusammenhang Alphabetschrift und Monotheismus vorgestellt. (Klick führt zum pdf-Skript.)

Denn wenn es Gott gibt, dann hat Er Humor: waren die meisten "Neurotheologen" als triumphierende Religionskritiker gestartet, so hat sich der von ihnen entfachte Wind inzwischen "evolutionslogisch" gedreht: denn wie hätten so komplexe Veranlagungen des Gehirns über tausende von Generationen hinweg Bestand haben können, wenn sie nur fehlerhaft und schädlich wirken würden? Müssten also nach ihrer eigenen Logik nicht gerade Biologen (einschließlich Neurologen) die biologischen Vorteile von Religion zu benennen beginnen?

Pfiffige Seminarkursarbeit "Neurotheologie" von Albert Schilling!

Meine Begeisterung auch für die "klassische" Neurotheologie und die mit ihr verbundenen Debatten hat in diesen Tagen aber ein Abiturient, Albert Schilling vom Gymnasium Isny, neu entfacht. In seiner konzisen Seminarkursarbeit "Neurotheologie" behandelt er auf nur 25 Seiten den Fall Phineas Gage, die Schläfenlappenepilepsie-Theorie von Vilayanur Ramachandran, den Religionshelm von Michael Persinger, die Alphabet-Monotheismus-These von Detlef Linke, die Meditationsforschung von Andrew Newberg und die Psalmrezitationsstudie von Nina Azari.

Seine Beschreibung, Zusammenfassung und Bewertung der "großen Neurotheologen" ist wunderbar recherchiert, gut bebildert, humorvoll-flott und auch frech zugespitzt geschrieben - kurz: 25 Seiten voller Spass, Anregung und, ja, auch wissenschaftlicher Qualität!

Die Seminarkursarbeit "Neurotheologie" von Albert Schilling, Stufe 12 Gymnasium Isny. Eine absolut lesenswerte Schülerarbeit, veröffentlicht natürlich mit Herrn Schillings Zustimmung. (Klick führt zum pdf-Skript.)

Wissenschaft im Web!

Die herausragende Arbeit Schillings zeigt m.E. nicht nur, dass durchaus auch Schüler bereits selbständig und mutig zu Wissenschaft beitragen können - sondern auch, warum es richtig ist, aktuelle Wissenschaft endlich vielfältiger auch im Internet zugänglich zu machen. Herr Schilling baute seine Arbeit maßgeblich auf Internetressourcen auf - und wäre wahrscheinlich auf viele Inhalte nicht gestossen, wenn sich diese nur verstreut in prestigeträchtigen, teuren Sammelbänden befunden hätten. Das Internet erlaubt gute Zugänglichkeit bei niedrigen Kosten und das kreative, buchstäbliche Vernetzen von Inhalten auch über Sprach- und Fachgrenzen hinweg.

Deswegen sollte es Schülern, Studenten, Lehrern, aber eben auch Wissenschaftlern, Journalisten und Politikern nicht egal sein, dass es im deutschsprachigen Raum bisher kaum zwei Dutzend ernsthafte Wissenschaftsblogs gibt (siehe z.B. die Wissenschaftsblogliste von Bloggerei.de).

Albert Schilling steht beispielhaft für das interessierte, kreative und wissenschaftliche Potential der Menschen, das sich umso besser entfalten kann, umso mehr Information und Dialog auch über das Netz angeboten werden. Und dazu kann nun wirklich jede und jeder etwas beitragen - und auch noch Freude und Erfolg dabei erfahren!

Freitag, 16. März 2007

Schöner Kurzartikel von Lisa Peter zu Neurotheologie, Evolution der Religion u.a.

An der Universität Tübingen hat sich "In.Put" entwickelt, ein Internetmagazin angehender Wissenschaftsjournalisten.

Die Autorin Lisa Peter hat einen Artikel zu "Religion - Hirngespinst oder evolutionärer Vorteil?" geschrieben, der kurz, verständlich und unterhaltsam geschrieben, aber dabei m.E. sachrichtig und lesenswert geworden ist. Hut ab, und jede Weiterempfehlung wert!

Klick hier zum Online-Artikel

Dr. Blume

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