Nachdem ich zuletzt in dieser Rubrik zwei zwar populäre, aber nach kritischer Prüfung wenig haltbare "Neurotheorien" zur Religion vorgestellt habe, möchte ich heute einmal ein Gegenteil präsentieren: eine These, die kaum bekannt ist, sich aber als wissenschaftlich hochgradig spannend erweisen könnte.
Es handelt sich hierbei um eine Theorie, die der vor zwei Jahren leider viel zu früh verstorbene Neurowissenschaftler Detlef Linke bereits 1995 an der Universität Bonn präsentierte und die so bestürzend einfach klingt, aber seit beinahe zehn Jahren kaum ernsthaft überprüft wurde. Nachdem es mir im Rahmen der Dissertation auch durch intensive Nachforschung nicht gelungen war, sie zu falsifizieren - ich stattdessen auf immer mehr stützende Befunde traf, die Linke noch gar nicht kennen konnte -, habe ich mir erlaubt, sie auf eigene Verantwortung zu bebildern und im Rahmen der
Generalversammlung der Görres-Gesellschaft in Regensburg 2006 vorzutragen. Die Resonanz war rege und ich hoffe, der Linkeschen These eines fernen Tages einmal mit einem interdisziplinären Team zu Leibe rücken oder aber andere, Befähigtere darauf aufmerksam machen zu können.
Linke ging von seinem Habilitationsthema, der Lateralität des Gehirns aus - also der Spezialisierung der beiden Gehirnhälften auf unterschiedliche Tätigkeiten bei komplexeren Tieren bis hinauf zum Menschen. Unser Lesen werde bei Rechtshändern überwiegend in der linken Hemisphäre bearbeitet, die zuerst vom rechten Auge über Kreuz bedient wird.
Entsprechend tendieren wir, so Linke, Schrift von links nach rechts zu erfassen.
Eine Besonderheit aber bilden laut Linke vokalarme Alphabete, wie zum Beispiel Hebräisch. Zur Lesung der Konsonanten habe hier eine intensive, bildhafte Assoziierung der Vokale zu erfolgen, die vor allem auf der rechten Gehirnhälfte erfolge. Entsprechend tendiere das linke Auge zur Führungsrolle, die Schriftrichtung weise von rechts nach links.
Vor allem aber werde jetzt eine zusätzliche Konfrontation mit Bildern als rechtshemisphärische Überlastung empfunden - der Leser eines Konsonantenalphabetes werde Bilder (oder auch Musik) daher tendenziell zu meiden lernen.
Die weitere Verbreitung eines nichtvokalisierten Alphabetes sollte daher mit einer zunehmenden Bilderfeindlichkeit einhergehen - einer Verringerung der Götterzahl und Darstellung bis schließlich zur Bildlosigkeit des Eingottes.
Erst der Verzicht auf jede Bildlichkeit führe zur wieder gleichmäßigen Beanspruchung des gesamten Gehirns („Tanz“, „Wohlbefinden“), deren Herleitung und Umschreibung bei Linke an das psychologische „Flow“-Konzept (Csikszentmihalyi et al.) erinnern.
Eine religionshistorisch entscheidende Phase sieht Linke aber ab dem Moment, ab dem die hebräische Bibel ins Griechische übersetzt wurde, in die Septuaginta.
Im vokalisierten Griechisch werde die rechte Gehirnhälfte einerseits vom Einfügen der Vokale entbunden - gerade deswegen aber erfolge keine gleichmäßige Beanspruchung mehr.
Der griechisch Lesende mag den bildlosen Eingott und die Bibel schätzen und lieben wie sein hebräisch lesender Zeitgenosse, wird aber gerade dann umso mehr darunter leiden, dass der Buchstabe allein anstrengend und tot bleibt.
Laut Linke traf aus diesem Grund Passionsgeschichte, Botschaft und später Bild des Gekreuzigten, die „Inkarnation des Wortes“ auf große Resonanz vorwiegend unter griechisch lesenden Juden und dann auch Heiden. Sie ging mit realen, positiven Erfahrungen einher.
Konvergenz I: Änderungen der Schriftrichtung
Einen Konsens, aus welchem Grund das aus dem Phönizischen hervorgehende griechische Alphabet über ein wechselndes Zwischenstadium (Bustruphedon) prompt seine Richtung änderte, konnte ich nicht feststellen - Linkes These entspricht hier einem bisher ungeklärten Sachverhalt. Seine These trifft ebenso auf das Arabische, Koptische und viele weitere Sprachen zu - auch der enge Zusammenhang Konsonantenalphabet zu bildkritischer Kultur- und Religionstendenzen (und umgekehrt z.B. der Explosion von Bildhaftigkeit nicht nur in Europa, sondern auch in Indien nach Einführung der vokalisierten Silbenalphabete) erscheint signifikant überzufällig.
Konvergenz II: Papst Benedikt XVI.
Lassen Sie mich dazu nur einige wenige, aus theologischer Erfahrung gespeiste Sätze zitieren, die Papst Benedikt XVI. 2006 in Regensburg gesprochen hat und die leider aufgrund eines anderen Zitats aus seiner Rede bisher kaum wahrgenommen wurden. So führte der Pontifex aus:
„Das Zusammentreffen der biblischen Botschaft und des griechischen Denkens war kein Zufall. Die Vision des heiligen Paulus, dem sich die Wege in Asien verschlossen und der nächtens in einem Gesicht einen Mazedonier sah und ihn rufen hörte: Komm herüber und hilf uns (Apg 16, 6 – 10) – diese Vision darf als Verdichtung des von innen her nötigen Aufeinanderzugehens zwischen biblischem Glauben und griechischem Fragen gedeutet werden. […]
Heute wissen wir, dass die in Alexandrien entstandene griechische Übersetzung des Alten Testaments – die Septuaginta – mehr als eine bloße (vielleicht wenig positiv zu beurteilende) Übersetzung des hebräischen Textes, sondern ein selbstständiger Textzeuge und ein eigener wichtiger Schritt der Offenbarungsgeschichte ist, in dem sich diese Begegnung auf eine Weise realisiert hat, die für die Entstehung des Christentums und seine Verbreitung entscheidende Bedeutung gewann.“
Linke arbeitete genau an diesem historischen Spezialfall.
Konvergenz III: Jan Assmann et al.
Interessant konvergiert auch die entsprechende Arbeit des Ägyptologen Jan Assmann, der in „Religion und kulturelles Gedächtnis“ (2000) einen historischen Längs- und Quervergleich der Schriftkulturen des vorderen Orients vorgenommen hat, auch etwa im Hinblick auf die Verarbeitung von kulterschütternden Diaspora-Erfahrungen, und schließlich mit Bezug auf Israel zu folgendem Schluss kommt:
„Vieles spricht dafür, dass der jüdische Monotheismus, das Prinzip der Offenbarung und der aus diesem Prinzip entwickelte und sich immer mehr steigende Abscheu gegen traditionelle Formen des Kultes aus dem Geist der Schrift geboren sind oder doch in dem Medium der Schrift in einer sehr tiefen Weise verbunden sind, ganz im Sinne von Moses Mendelssohn, der einen Zusammenhang von Medienrevolution und religiösen Wandlungen schon vor mehr als 200 Jahren postulierte.
Der Schritt in die Religion der Transzendenz war ein Schritt aus der Welt - man möchte fast von einer Auswanderung, einem Exodus, sprechen - in die Schrift.“
Es sei dabei darauf hingewiesen, dass Assmann (wie er mir im Gespräch versicherte) zu dieser bemerkenswert passenden Schlussfolgerung ohne jede Kenntnis der Linkeschen These gekommen ist. Der von ihm zitierte Moses Mendelssohn (1729-1786), der zwischen den Sprachen wanderte und eine Neu- und Direktübersetzung der hebräischen Bibel ins Deutsche vornahm, konstatierte:
„Mich dünkt, die Veränderung, die in den verschiedenen Zeiten der Kultur mit den Schriftzeichen vorgegangen, habe von jeher an den Revolutionen der menschlichen Erkenntnis überhaupt und insbesondere an den mannigfachen Abänderungen ihrer Meinungen und Begriffe in Religionssachen sehr wichtigen Anteil.“
Und wenn wir schon bei Assmann und also der Ägyptologie sind: zu dem leider wenigen, was wir von Pharao Echnaton und seiner proto-monotheistischen Aton-Verehrung kennen, gehört der Umstand, dass er auch eine (proto-alphabetisierende) Schriftreform durchführen und sich selbst, seine Frau sowie seine Töchter mit Schreibtafeln abbilden ließ...
Gerne würde ich an dieser Stelle noch weitere, neuere Autoren - so Uehlinger, Mettinger, Niehr u.a.- anführen, die von strikt religionshistorischer oder religionssoziologischer Warte aus die frühisraelitischen Formierungsprozesse beschreiben und dabei der Linkeschen These ebenfalls verblüffend entsprechen, etwa in der Vermerkung von „Abscheu“ (Aversion), die aus schriftkundigen Kreisen (bisher ohne schlüssige Erklärung) gegen die etablierten
Kultbilder angeführt wurde usw. - aber das würde den Blograhmen dann wohl sprengen.
Konvergenz IV: Der Islam
Mich faszinierte über die Linkesche These zum historischen Spezialfall des Formierung des jüdischen Monotheismus hinaus jedoch auch die potentielle Erklärungskraft im Hinblick auf den Islam.
Linkes These passt genau zur arabischen Antwort auf die Evangelien, den Koran, der vokalarm und von rechts nach links gelesen wird, nur in Arabisch gültig rezitiert werden kann und im Bezug auf Gott und Jesus wieder strikt Gottesinkarnation, Passionserzählung und jede Bilddarstellung ablehnt.
Nach wie vor können wir weltweit miterleben, wie hebräische
und arabische Schriftrezitation in den Originalsprachen Menschen in einen Flow versetzt, während sich die vokalisierte Bibellesung im Regelfall in der Landessprache oder doch einer späteren Übersetzung durchsetzt und mit Bildern, Musik, Liturgie und komplexen Spekulationen ergänzt. Auch Christen mit größter Liebe zur Heiligen Schrift müssen sich nach wenigen Stunden „Bibelmarathon“ ablösen lassen, wogegen Juden und Muslime allein über einer langen Lesung in Verzückung geraten können.
Würde die Form des verwendeten Alphabetes keinerlei Rolle spielen, so sollte doch wenigstens eine der vielen christlichen
Kirchen die entsprechenden Rezitationstechniken entfaltet oder übernommen haben.
Konvergenz V: Reinhard Leichner
Überzeugt hat mich schließlich eine völlig unabhängig entstandene Studie des Darmstädter Kognitionspsychologen Reinhard Leichner zu
Musik, Hemisphärenaktivation und das Gefallen von Portraits, die ohne jeden Bezug zu Religion, Linke o.ä. konzipiert war.
Leichner hatte Probanden Portraitfotos nach Sympathie bewerten lassen und sie gleichzeitig per Kopfhörer links-, rechts- oder beidhemisphärisch mit Musik beschallt.
Das Ergebnis entsprach völlig der Linkeschen These: bei stärkerer Doppelbeanspruchung der rechten Hemisphäre wurden die Bilder tendenziell negativer wahrgenommen, bei ausgleichender Beanspruchung der linken Hemisphäre tendenziell positiver.
Fazit
Dass also so viele, auch völlig unabhängige Befunde der Linkeschen These entsprechen, lässt mich an mehr als einen Zufall denken. Unter allen neurotheologischen Thesen fasziniert mich die Linkesche These deshalb so besonders, weil sie sich nicht einer allgemeinen Herleitung religiöser Erfahrung verschreibt, sondern konkrete Phänomene zueinander in Bezug setzt. Ich hoffe, dass es eines nicht allzu fernen Tages ein interdisziplinäres Team gebe, das die Linkeschen These auch experimentell testet. Vielleicht wartet seit mehr als zehn Jahren eine spannende Entdeckung auf uns.