Migration & Religion

Mittwoch, 4. Juni 2008

Südafrika: Kirchen und Moscheen stemmen sich gegen Fremdenfeindlichkeit

Die fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Südafrika und das Versagen der südafrikanischen Regierung haben Menschen weltweit bewegt.

Doch auch in den Armengebieten gab und gibt es Institutionen, die sich Hass und Gewalt entgegen stemmten und stemmen: vor allem Kirchen- und Moscheegemeinden. Ein Korrespondentenbericht von Stephanie Hanes für den Christian Science Monitor hier.

Evolutionstheoretisch erklärungsbedürftig

Aus streng evolutionstheoretischer Perspektive ist die fremdenfeindliche Gewalt angesichts Armut, scharfer Ressourcen- und Arbeitsplatzkonkurrenz und einer das Flüchtlingsproblem schlicht leugnenden Regierung leider herleitbar (wenn auch natürlich in keiner Weise zu rechtfertigen!). Die oft spontane und dann vor allem in Religionsgemeinschaften organisierte Hilfe gegenüber Nichtverwandten ist dagegen erklärungsbedürftig und für die Zukunft wäre wissenschaftlich zu fragen, ob die vergemeinschaftete Religiosität hierbei eine Rolle spielt.

Noch sind die empirischen Befunde dazu sehr vorläufig, doch zeichnet sich z.B. auch in deutschen Studien eine deutlich höhere Engagement- und Spendenbereitschaft religiöser Menschen (über die Kirchensteuer hinaus) ab. Hier Daten einer sozialwissenschaftlichen Analyse von Eckhard Priller und Jana Sommerfeld vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB):

Die Spendenbereitschaft religiöser Menschen ist in Deutschland deutlich ausgeprägter als jene wenig religiöser oder konfessionsloser Menschen. In den neuen Ländern, in denen die Religiösen eine Minderheit bilden, sind die Unterschiede sogar besonders stark.

Erinnert sei auch an das spieltheoretisch-psychologische Experiment von Norenzayan & Shariff, wonach Probanden, die zuvor vorbewusst mit religiösen oder säkular-zivilreligiösen Worten konfrontiert worden waren, dann im Experiment durchschnittlich bereitwilliger von Spielgewinnen an Nichtverwandte abgaben.

Wurden Probanden mit säkular-zivilreligiösen oder gar explizit religiösen Begriffen konfrontiert, handelten sie in spieltheoretischen "Diktator"-Settings altruistischer als jene, die zuvor nur mit neutralen Wortaufgaben konfrontiert worden waren.

Für eine (auch) evolutionsbiologisch fundierte Religionswissenschaft sind diese Befunde eine Herausforderung, weil sie klar über religiöse Verstärkungen von Familien- und Gemeinschaftsbeziehungen hinaus weisen und damit sozialdarwinistische oder gen-egoistischen Modelle in Frage stellen.

Freitag, 30. Mai 2008

Migration: Rücküberweisungen erreichen Rekordniveau

Aktuellen Berechnungen der Weltbank zufolge haben Migranten im vergangenen Jahr schätzungsweise 318 Milliarden US-Dollar in ihre Heimatländer überwiesen. Der größte Anteil der weltweiten Rücküberweisungen floss nach Indien (27 Mrd. US-Dollar), gefolgt von China (25,7 Mrd. US-Dollar) und Mexiko (25 Mrd. US-Dollar).

Allein 240 Milliarden US-Dollar flossen dabei in Entwicklungsländer. Die Summe dieser Rücküberweisungen ist damit mehr als doppelt so hoch, wie die Ausgaben für die internationale Entwicklungszusammenarbeit. Sie beliefen sich 2006 auf etwa 104,4 Milliarden US-Dollar.

Migration trägt zur Entwicklung von Ländern bei

Die finanziellen Transfers, die Migranten jedes Jahr tätigen, um ihre Familien in den Heimatländern zu unterstützen, leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Armutsbekämpfung. Wie eine aktuelle Studie des Entwicklungszentrums der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt, fließt der Großteil der Rücküberweisungen derzeit jedoch in den Konsum. Um langfristig positive Effekte in der Armutsreduzierung zu erreichen, müsse es gelingen, mehr Mittel in die Bildungs- und Gesundheitsvorsorge zu lenken, so der Bericht.

Quelle: D. Ratha/Z. Xu: Migration and Remittances Factbook 2008, Washington D.C. 2008; OECD Development Centre: Policy Coherence for Development 2007. Migration and Developing Countries, November 2007

Quelle: Deutsche Stiftung Weltbevölkerung

Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist zu ergänzen, dass Emigration zunehmend nur noch aus religiösen Populationen stattfinden, da säkulare Gesellschaften (inklusive armer Länder wie z.B. Russland, Bosnien-Herzegowina etc.) meist bereits mangels Geburten in die Bevölkerungsstagnation und -schrumpfung übergegangen sind.

Daten auf Basis des sehr lesenswerten Buches "Sacred and Secular" von Norris und Inglehart. (Klick führt dahin. Eigentlich ein Muss für Religions- und Politikwissenschaftler!)

Samstag, 17. Mai 2008

Prognose-Dossier für die Heinrich-Böll-Stiftung

Vor wenigen Wochen flatterte eine Anfrage zum Verfassen eines Dossiers in meine Mailbox, die ich aus drei Gründen unmöglich ablehnen könnte:

1. Es war von der Heinrich-Böll-Stiftung, eine der demokratischen Stiftungen unseres Landes, von denen ich (als Adenauer-Altstipendiat) auch aus Erfahrung sehr viel halte! Und es ging um eine Arbeit für eine Aktion im Rahmen des Europäischen Jahres des interkulturellen Dialoges 2008.

Logo, selbsterklärend. :-)

2. Das Thema war spannend: Ich sollte, basierend auf heute vorliegenden Daten, ein Szenario für die Entwicklung der Religion(en) und religiösen Vielfalt in 2020 unter besonderer Berücksichtigung von Migrationsprozessen entwerfen. Klingt kompliziert, wird aber unter der Oberfläche in vielerlei Form (z.B. Säkularisierungs- oder Islamisierungsthesen usw.) längst von sehr vielen Menschen gerade auch außerhalb der Universitäten diskutiert.

3. Der sehr engagiert-freundliche Anfragende Ulf Plessentin ist selbst Religionswissenschaftler - und zwischen den Angehörigen unseres doch eher kleinen Faches herrscht nun mal ein Zusammengehörigkeitsgefühl! (So musste jeder von uns schon die Frage beantworten: "Werdet Sie Pfarrer? Nein!? Ja, wozu ist dann Ihr Fach gut?")

Also habe ich mich eines Nachts an die Tastatur geworfen und für den Internetauftritt der Böll-Stiftung ein Dossier entworfen:

Ergrauende Säkulare, religiös vielfältige Jugend in den Städten - Das multireligiöse Deutschland 2020

Per Klick zum Dossier hier.

Natürlich werden treuen Bloglesern weder alle Argumente noch Berechnungen bzw. Grafiken neu sein - es wäre ja auch seltsam, wenn doch. Interessant war aber die etwas andere Anforderung, beispielsweise mit Foto und Fußnoten. Wenn Sie Lust haben, schauen Sie doch mal rein.

Dienstag, 6. Mai 2008

Bedeutungszuwachs von Religion durch Migration - Beispiel chinesischer Zuwanderer in die USA

Als Faustregel kann gelten: Menschliche Migrationsbewegungen lösen erhöhte, religiöse Aktivität bei den Betroffenen und ihrer Umgebung aus. Dies gilt schon bei inländischen Wanderungen etwa vom Land in die Städte. Und in noch größerem Ausmaß beim Wechsel zwischen Nationen. Die großen Einwanderernationen werden also auch religiös angereichert und gewinnen an religiöser Vielfalt und Intensität.

Millionen Migranten (also Einwohner, die außerhalb des jeweiligen Landes geboren wurden) in den bedeutendsten Einwanderungsländern 1970 und 2000. Die beiden größten Einwanderungsnationen USA und Indien sind zugleich von enormer, religiöser Vielfalt und Aktivität. Grafik vom brainworker.ch

Suche nach Gemeinschaft und Identität

Die Gründe für den Bedeutungszuwachs sind nicht schwer zu finden: Migranten verlassen die gewachsenen Familien- und Freundenetzwerke ihrer Heimat und begeben sich in eine fremde Umgebung. Damit entsteht unmittelbar ein doppelter Bedarf: Einmal an vertrauenswürdigen Beziehungen und zum zweiten an auch emotional ansprechender Orientierung. Entsprechend bilden die Vorstädte, in denen in- und ausländische Zuwanderer aufeinander treffen, den idealen Boden für religiöse Gemeinschaften aller Art, nicht selten auch in fundamentalistischen Varianten.

Titelzeilte "Religiöse Identität und Fundamentalismus", aus Heft 53 von Deutschland und Europa, S. 20 - 27. Per Klick zum Download.

Aus evolutionsbiologischer Perspektive unterstreicht dies die adaptive (Anpassung fördernde) Wirkung religiöser Veranlagungen: der entwurzelte Mensch versucht in der neuen Situation Halt zu finden, sich seine Familie und Gemeinschaft reproduktiv erfolgreich zu stabilisieren.

Beispiel: Chinesische Zuwanderer in Kalifornien (USA)

Eine beeindruckende Fallstudie zum Zusammenhang von Religion(en) und Migration erstellte der chinesischstämmige (Religions-)Soziologe Ping Ren von der Universität Irvine (CA, USA). Im Marburg Journal of Religion 1/2007 veröffentlichte er seinen lesenswerten Bericht "Church or Sect? Exploring a Church of New Chinese Immigrants in Southern California" (pdf-Download hier).

Dieser Fall ist besonders interessant, da die Zuwanderer überwiegend aus dem atheistisch regierten China stammen und gleichzeitig in den USA einen entwickelten religiösen Markt antreffen.

Die Ergebnisse sind prägnant: Einerseits findet ein erheblicher Teil auch der atheistisch erzogenen Chinesen in den USA zu einer Glaubensgemeinschaft, andererseits bilden sich sogar spezialisierte, hier christliche Gemeinden, die die spezifischen Bedürfnisse der chinesischstämmigen Zielgruppen ansprechen. Dazu gehören Haus- und Gemeindekreise nach Herkunftsregionen, Alter, Lebensstand (z.B. unverheiratet, Familien), Bildungsstand, ja gar Arbeitsumfeld (z.B. eine eigene Fellowship für Nachtschichter).

Die Mitglieder finden so eine soziale Anschlussstelle und einander, die rigiden Lehren stabilisieren die Identitäten und Familienverhältnisse, gleichzeitig werden in einer Mischung aus Abgrenzung (z.B. chinesische Sprache) und Integration (z.B. christlicher Glauben, Kontakt mit anderen Gemeinden) Ressourcen zur Bewältigung des Übergangs aktiviert. Gerade auch weil es an tradierter Religiosität fehlt, fallen die religiösen Konversionen sogar anfangs besonders rigide, teilweise fundamentalistisch aus - oft erst nach Jahrzehnten oder in den Folgegenerationen kann eine liberalisierende Öffnung der nicht mehr bedrohten Identität erfolgen.

Eine globalisierte Welt mit massiven Migrationsströmen wird daher auch aus diesen Gründen eine durchschnittlich religiösere Welt sein.

Donnerstag, 24. April 2008

2006 Abwanderungssaldo Deutschland - Türkei

Noch immer spuken die Schreckgespenster angeblich nach Deutschland flutender Einwandererhorden durch die Albträume fremden- und islamängstlicher Menschen. In Wirklichkeit aber ist der Wanderungssaldo der Bundesrepublik (also Zu- minus Abwanderungen) in 2006 auf 22.791 Personen gefallen - weniger als ein Zehntel gegenüber 1996 (282.197).

Einen deutlich positiven Wanderungssaldo erreichte mit 51.151 nur noch (das überwiegend katholische) Polen, aus der Russischen Föderation kamen (inkl. jüdischer Zuwanderer) gerade noch 9.374 mehr Menschen, als abwanderten.

Und die Türkei? Ebenso wie bereits Griechenland (-6.696) und Italien (-6.677) weist 2006 auch die Türkei ein negatives Wanderungssaldo auf: Es verließen 1.780 Menschen mehr Deutschland in Richtung Türkei, als umgekehrt einwanderten.

Verluste gab es auch gen Schweiz (-11.869), USA, Österreich, Großbritannien, Spanien u.a. Insgesamt verließen 51.902 deutsche Staatsbürger mehr das Land, als (wieder) einwanderten - die höchste Nettoabwanderung auch von Deutschen seit 1950. Neben dem wachsenden Sterbeüberschuss gibt es längst auch einen Abwanderungstrend, gleichzeitig scheint Deutschland und sein Zuwanderungsrecht für Migranten (insbesondere Fachkräfte) im Vergleich zu anderen Ländern (USA, Großbritannien etc.) derzeit wenig attraktiv zu sein.

Diese und weitere Daten finden Sie im Bericht "Migration und demographischer Wandel" des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Dort wird auch die Annäherung der Geburtenzahlen beschrieben, die Leser dieses Blogs im Bezug auf Muslime bereits von hier kennen.

Die Geburtenziffern muslimischer Zuwanderer passen sich massiv den familienfeindlichen Strukturen Deutschlands an. Von einer Islamisierung Deutschlands kann also keine Rede sein, vielmehr steigen Zuwanderer per Integration derzeit in das gesamtdeutsche, demografisch sinkende Boot.

Dr. Blume

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Der erste deutsche Mormonentempel wurde 1985 in Freiberg (Sachsen) errichtet - da auch Mormonen aus der DDR heraus kaum Auslandsreisen unternehmen durften. 1987 kam ein Tempel in Hessen hinzu. Dass die Mormonen vor der Wiedervereinigung in der DDR körperschaftliche Anerkennung gefunden hatten, half ihnen beim Erwerb der Körperschaftsrechte in der Bundesrepublik.

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