Memetik, UD & ID

Freitag, 18. April 2008

Evolution & Religion: Interview mit Francis Collins

Sie toben immer noch mit einer gemeinsamen Botschaft herum, die extremen Vertreter des Kreationismus und des sog. "Ultradarwinismus": dass sich angeblich Evolutionstheorie und Gottesglauben (Theismus) ausschließen würden. Dass Bibel und Koran die Natur und Naturerkenntnis als Gottes gutes Werk preisen und dass umgekehrt Charles Darwin ausdrücklich keinen zwingenden Widerspruch zwischen Evolution und Theismus sah (sein Mitentdecker A.R. Wallace blieb sein Leben lang tief gläubiger Christ) blenden die Fundamentalisten beider Seiten lieber aus.

Aber erfreulicherweise äußern sich zunehmend die ausgewogeneren, ernsthaft wissenschaftlichen (inkl. theologischen) Stimmen. So grenzte sich in diesen Tagen die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) klar gegen Kreationisten ab. Von evolutionsbiologischer Seite bekannte z.B. Francis Collins, der als Leiter des Humane Genome Project an der Entschlüsselung der menschlichen DNA entscheidend beteiligt war, dass er zwischen seiner wissenschaftlichen Arbeit und seinem christlichen Glauben keinen Widerspruch erkenne. Vielmehr lasse sich Gott gleichermaßen "in der Kathedrale und im Labor" verehren.

Ein aktuelles, lesenswertes Interview von ihm zu Evolution & Religion hier.

Und eine Besprechung seines Buches "Gottes DNA" finden Sie hier.

Das Buch zum evolutionären Theismus von Francis Collins, dem Leiter des Human Genome Project. Verständlich geschrieben, ermutigend sachlich und gerade auch für Glaubende sehr, sehr lesenswert.

Mittwoch, 30. Januar 2008

Religion - eine Virusinfektion?

(Mit Dank an Edgar Dahl für eine lange und anstrengende, aber m.E. auch ergiebige Diskussion hier.)

Zu den Mediencoups von Richard Dawkins gehört die Bezeichnung von religiösen Überzeugungen als "Viren", die von den "erkrankten" Menschen Besitz ergriffen, besonders gerne und leicht von Eltern zu Kindern.

Insofern man die Virus-Bezeichnung nicht als Ausdruck polemischer Verachtung, sondern als wissenschaftliche Hypothese wertet, ergibt sich freilich ein Widerspruch: Krankheiten schädigen den befallenen Organismus und hindern ihn an erfolgreicher Fortpflanzung - entsprechend müssten im Evolutionsprozess Religions-empfängliche Gehirne ausgesiebt worden sein.

Das Gegenteil ist aber in gleich doppelter Hinsicht der Fall: 1. In der Evolution sowohl des Homo Sapiens wie des Homo Neanderthalensis evolvierte die Religion innerhalb weniger tausend Generationen zu immer größerer Komplexiät und 2. auch heute pflanzen sich religiös vergemeinschaftete Menschen weit erfolgreicher fort als Konfessionslose - ihre Fitness wird also nicht beeinträchtigt, sondern gesteigert.

Eine allgemeinverständliche Einführung in den Zusammenhang von Glauben und evolutionsbiologischem Erfolg, mit Bildern und Tabellen. (Klick zum Download)

Vertikale Transmission -> Symbiose

Durch Zufall bin ich nun auf den Artikel "Parasite Ecology and the Evolution of Religion" des Paläoarchäologen Ben Cullen aus dem Jahre 1998 gestoßen, der die Virus-Metapher ernst genommen hat - und genau zu o.g. Annahmen fand. Cullen wies darauf hin, dass es durchaus Viren, Parasiten oder Bakterien gibt, die sich innerhalb einer Spezies "vertikal" - von Eltern zu Kindern - verbreiten. Dies gelinge jedoch nur dann, wenn damit auch ein symbiotischer Nutzen für die betroffenen Linien verbunden sei - diese sich also erfolgreicher ausbreiteten als ohne einander. Nur Religionen, die sich vorwiegend horizontal ausbreiteten (Cullen nennt als Beispiel Aum Shinrikyo), könnten es sich leisten, ihre Anhänger auszubeuten und zu schädigen.

Religionen, die vor allem durch Familien weiterlebten, würden also (auch im Wettbewerb miteinander) in Richtung reproduktiver Nutzen evolvieren.

Aus einer ganzen Reihe von Gründen halte ich die Viren-These weiterhin nicht für geeignet, um Religion(en) zu beschreiben. Aber vielleicht kann Cullens Artikel doch helfen, die Diskussionen zwischen Brights und (Anders-)Glaubenden zu versachlichen.

Freitag, 2. November 2007

Dawkins wünscht atheistisch-politische Lobby nach "jüdischem Vorbild"

Richard Dawkins ist und bleibt einerseits Medienkünstler, andererseits entfernt sich seine Religionskritik immer weiter von der in Europa lange dominierenden links-aufklärerischen Stoßrichtung und nimmt nicht nur über den Biologismus eher rechtsgerichtete Argumentationsmuster auf (wobei z.B. Antisemitismus und Islamophobie je auf beiden Seiten des politischen Spektrums anzutreffen sind).

So holzte Dawkins in seinem "Gotteswahn"-Buch kräftig gegen Religionen, neben seinen kreationistischen und katholisch-zölibatären Lieblingsgegnern aber auch besonders gegen kinderreiche Gemeinschaften wie Amish, Mormonen und fromme Juden.

Mit dem einführenden Hinweis, dass Hitler doch schon 60 Jahre tot sei, hatte er zuvor für ein neues Nachdenken über Menschenzucht plädiert - und nun forderte er die Gründung einer atheistisch-politischen Lobby "nach jüdischem Vorbild".

Denn die "jüdische Lobby" sei, so Dawkins gegenüber dem Guardian, "fantastisch erfolgreich": obwohl religiöse Juden in den USA "weniger zahlreich" als Atheisten seien, "monopolisiere sie mehr oder weniger die amerikanische Außenpolitik". "Wenn Atheisten einen kleinen Teil dieses Einflusses erringen könnten, wäre die Welt ein besserer Ort."

Das Originalzitat, gefunden von MartinM hier im Guardian:

"When you think about how fantastically successful the Jewish lobby has been, though, in fact, they are less numerous I am told - religious Jews anyway - than atheists and [yet they] more or less monopolise American foreign policy as far as many people can see. So if atheists could achieve a small fraction of that influence, the world would be a better place."

Wie so oft ist nicht klar, ob Dawkins hier einfach wieder lustvoll Tabus brechen und (verkaufsfördernde) mediale Empörung erzeugen möchte oder/und ob er und seine Anhänger tatsächlich auf die Gewinnung auch politischen Einflusses aus sind (was eine weitere Ahnlichkeit religiöser und atheistischer Fundamentalisten aufzeigen würde).

Wie von den teilweise militanten, marxistischen Gegnern der Soziobiologie in den 70er Jahren befürchtet deuten aber auch weitere Debatten der jüngsten Zeit (wie die Behauptung James Watsons eines erblich niedrigeren IQs von Afrikanern oder die satirische US-Dystopie sich vermehrender Dummer in "Idiocracy") darauf hin, dass aus der Biologie heraus wieder eher sozialdarwinistische, fremdenfeindliche und rassistische Stereotype (mitsamt der Verachtung "religiöser Gutmenschen") vermeintlich "wissenschaftlich legitimiert" werden.

Eine wissenschaftlich informierte Öffentlichkeit, die über den Ge-, aber auch Mißbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse urteilen kann, wird damit in Zukunft eher noch wichtiger werden. Insbesondere die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sind aufgerufen, es nicht beim Naserümpfen zu belassen, sondern sich aktiv auch mit der Biologie (und beispielsweise auch der Evolutionsgeschichte der Religion) zu befassen - denn nur dann werden Diskussionen der Zukunft auch sattelfest, fair und informiert geführt werden können.

Eine vor wenigen Wochen erschienene, hervorragend gelungene (und auch vergnüglich zu lesende) Einführung in den derzeitigen Stand der soziobiologischen Stand der Humanforschung ohne politische Untertöne bietet zum Beispiel Eckart Voland in "Die Natur des Menschen", erschienen bei Beck. Bis Sonntag möchte ich auch ein beispielhaft gutes Buch zu den Neurowissenschaften und ihren Folgen von Rüdiger Vaas ("Schöne neue Neuro-Welt", erschienen bei Hirzel) hier rezensieren.

Montag, 1. Oktober 2007

Dawkins mystische Transzendenzerfahrungen

Die internationale und interdisziplinäre HWK-Tagung zur Biological Evolution of Religiosity, in der Biologen verschiedenster Disziplinen (vom Neurobiologen bis zum Primatologen), aber auch Psychologen, Mediziner u.v.m. aus den USA bis China zusammen kamen, war ein echtes Erlebnis! Sowohl was die Vielfalt der Beiträge, die oft erstaunliche Konvergenz der Ergebnisse und auch das Niveau des wissenschaftlichen und menschlichen Austauschs anging, habe ich selten so intensive Tage erlebt!

Obwohl die Teilnehmerschaft mehrheitlich agnostisch oder atheistisch angehaucht war, war der Austausch wissenschaftlicher Argumente und Daten kein Problem und ich fand mich in der Einschätzung bestätigt, dass Richard Dawkins Mem-Theorie und Gotteswahn im Bereich seriöser Wissenschaft kaum bzw. weiter abnehmende Resonanz verzeichnen. Zu krass treten die Widersprüche seiner Theorien für fast alle zutage die sich ernsthaft mit der Materie beschäftigen, klare Definitionen oder gar empirische Studien hat Dawkins nicht zu bieten. Aber: wie in meiner Dawkins-Rezension auch geschrieben, gestehe ich ihm zu, dass er durch deftige Polemik endlich auch religionswissenschaftliche Fragen zuspitzt und in die Öffentlichkeit trägt.

Bezeichnend interessant ist zum Beispiel dieses (vom EuS-Blog (ID) gefundene) englische Interview, in dem der (bekennende Atheist) Jonathan Miller Richard Dawkins recht klug befragt:



Abgesehen davon, dass hier der ontologische Fehler des atheistischen Fundamentalismus deutlich wird (spiegelbildlich zu Kreationisten setzt Dawkins religiös-metaphysische und wissenschaftliche Aussagen einfach gleich), räumt Dawkins hier ein, auch selbst mystische und transzendente Erfahrungen und einen "Sinn für Transzendenz", etwa beim Betrachten der Sterne und Natur, zu haben. In scharfer Abgrenzung von Religiösen will er diese Erfahrungen und diese Fähigkeiten seines Gehirns jedoch nur innerweltlich verstanden wissen und reklamiert, dass sie bei der Betrachtung der Natur sogar stärker zur Geltung kämen als in der mystisch-religiösen Kontemplation.

Auch im aktuellen STERN führte Dawkins aus:

"Auch ich reagiere quasi religiös, wenn ich zu den Sternen aufsehe, zur Milchstraße und mir das Universum vorzustellen versuche. Das Gefühl, dass ich dann empfinde, könnte man fast so etwas wie Anbetung nennen."

Nur: genau dann stellt sich die Frage, wie sich dieser quasi-religiöse "mystische Sinn für Transzendenz" und diese allgemeinmenschliche Erfahrung, die Dawkins auf die Wissenschaft überträgt, evolutionstheoretisch erklären lässt. Gerade laut strenger Evolutionstheorie muss sich auch die Gehirnarchitektur über Vorteile entfaltet haben - wenn personal bezogene Religiosität nur mit Nachteilen verbunden gewesen wäre, hätte sie sich nicht über tausende von Generationen entwickeln können. Auch die dawkinschen Versuche, über Memetik oder Beiproduktthese aus dem Dilemma heraus zu kommen, verfangen nicht: die Memetik ist allenfalls eine weltanschauliche, kaum mehr aber eine wissenschaftliche Position (mangels Definitionen, Empirie etc. auch nicht falsifizierbar) - und wenn Religion als kostspieliges Beiprodukt beispielsweise der Kognition entstanden wäre, hätte sie tendenziell verschwinden, nicht aber dynamisch zulegen dürfen.

Das Gegenteil ist aber (wie ich in diesem Vortrag auf der Tagung darstellen durfte, wie aber auch die Mehrheit der anderen Teilnehmer vermutete bzw. bestätigte) der Fall: religiös vergemeinschaftete Menschen verhalten sich weltweit durchschnittlich biologisch erfolgreicher - etwa, indem sie mehr Kindern das Leben schenken!

Die Grafik wurde aufgrund von Daten des World Value Survey erstellt, die Daniel Enske vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln zu einer Studie verdichtete.

Klar: Biologischer Nutzen ist kein Wahrheitskriterium. Dass Glaube mit biologischen Fitnessvorteilen einhergeht, beweist oder widerlegt Gott natürlich nicht. Aber wenn es Dawkins und seine Jünger mit Wissenschaft Ernst meinen, so sollten sie sich ebenso wie die Vertreter von Kreationismus und Intelligent Design mit jenen empirischen Daten und Arbeiten auseinandersetzen, die immer deutlicher aufzeigen: die religiösen Erfahrungsfähigkeiten des Menschen sind nicht Zufall, sondern Produkt des Evolutionsprozesses - und auch heute noch wirksam.

Mit dem gleichen Recht, mit dem der Atheist an Zufall glauben mag, kann also der Glaubende in der Entfaltung des Universums, den Naturgesetzen und der Evolution das Werk eines grandiosen Schöpfers erfahren, der entdeckt werden will. Glauben bleibt erkenntnistheoretisch ein Sprung ins Unbeweisbare und Unwiderlegbare - aber eben kein "Wahn", sondern eine biologisch durchschnittlich erfolgreiche Befähigung.

Polemik ist gut, echte Wissenschaft kann aber noch viel spannender sein! (-:

An dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Gruß an die Veranstalter und Teilnehmer der außergewöhnlichen Tagung zur "Biological evolution of religiosity"! Danke, es war eine außergewöhnliche Erfahrung des wissenschaftlichen, menschlichen und auch philosophischen Dialoges!

Mittwoch, 26. September 2007

Reaktion auf die "neuen Atheisten": Wissenschaftler bekennen sich zum Glauben

Wie in der Dawkins-Rezension bereits abgesehen, löst der "Gotteswahn" des begabten Polemikers nun auch in Europa endlich eine klärende Diskussion über den Zusammenhang von Religion und Naturwissenschaft aus.

So hat das christliche Medienmagazin pro in Österreich Naturwissenschaftler aller Fakultäten nach ihrem Glauben befragt - und Antworten bekommen, die Dawkins und seinen Jüngern nicht gefallen dürften.

Zum Artikel hier, ein Auszug:

"Kurt Kotrschal, der wie Dakwins Zoologe ist, zweifelt letztendlich an der Seriosität seines britischen Kollegen: "Kein Naturwissenschaftler, der seine Sinne beieinander hat, benutzt seine Wissenschaft, um zu belegen, dass es Gott gibt oder nicht. In der Wissenschaft geht es um testbare Hypothesen, die Existenz Gottes ist keine testbare Hypothese", sagt Kotrschal auf die Frage der "Presse". Dawkins mache mit seinen Versuchen, Gott zu widerlegen, spiegelverkehrt die gleichen Fehler wie seine Gegner."

Diskutiert wird diese neue Entwicklung auch auf dem deutschen Brightsblog. (Als Brights, d.h. "helle Köpfe, Schlaue", bezeichnen sich die Jünger der dawkinschen Religionskritik und meist auch Memetik)

Auch Biologen und Genetiker sprechen sich für die Vereinbarkeit von Naturwissenschaft und Religion aus, so etwa der erfolgreiche Leiter des Humane Genome Project, das die menschliche DNA entschlüsselte, Francis Collins, der gleichzeitig begeisterter Forscher und gläubiger Christ geworden ist.

Das Buch zum evolutionären Theismus von Francis Collins, dem Leiter des Human Genome Project. Verständlich geschrieben, ermutigend sachlich und gerade auch für Glaubende sehr, sehr lesenswert.

Das Fazit: endlich geht die Debatte richtig los! Wie sie sich gegen religiösen Fundamentalismus wehren, so widersetzen sich immer mehr seriöse Forscher nun auch dem ultradarwinistisch-atheistischem Missbrauch von Naturwissenschaft.

Wer also keine Angst vor Argumenten hat, dem werden die kommenden Monate sicherlich einiges bieten! Stay tuned, weiteres auch auf diesem Blog. (-:

Montag, 30. Juli 2007

Der Missbrauch von Naturwissenschaft sowohl durch Ultradarwinismus (UD) wie Intelligent Design (ID)

In einem Gastbeitrag für den Intelligent-Design-orientierten Blog Evolution und Schöpfung habe ich erneut sowohl gegen den so genannten "Ultradarwinismus" wie gegen "Intelligent Design" Stellung bezogen und auch Christen dazu aufgerufen, sich ohne Furcht und Vorurteile auf empirische (Natur-)Wissenschaften einzulassen.

Schon die beiden Entdecker der Evolutionstheorie, Darwin (Agnostiker) und Wallace (Christ) wussten, dass sich allein aus der Biologie heraus Gott weder abschließend beweisen noch widerlegen lässt.

Das Evolutionsprinzip wurde von zwei großen Denkern entdeckt: dem zuletzt agnostischen Charles Darwin und dem Christen Alfred Russel Wallace. (Klick führt zu dem Thread, der an den leider fast vergessenen Wallace erinnert.)
Hier im Blog darf ich dazu auch auf Die wissenschaftliche Vernunft zwischen Intelligent Design und Ultra-Darwinismus verweisen.

Meine Hoffnung ist, dass es sich immer weniger Menschen bieten lassen, dass sowohl Religiöse wie Religionskritiker die Bezeichnung "Naturwissenschaft" mißbrauchen, indem sie deren Erkenntnisgrenzen implizit weit überschreiten. Empirische Wissenschaft taugt nur dann etwas, wenn ihre Erkenntnisse unabhängig von bestimmten (religiösen oder atheistischen) Glaubensannahmen nachvollziehbar sind. Wer andere von oder zum Glauben befreien will, möge das bitte ohne den letztlich schädlichen Missbrauch von Wissenschaft tun. Von einer sorgfältigen Unterscheidung profitieren Wissenschaft und Religion bzw. Weltanschauung gleichermaßen.

Montag, 9. Juli 2007

Chef-Memetiker Richard Dawkins plädiert für Nachdenken über "Menschenzucht"

Richard Dawkins, Vordenker der pseudo-wissenschaftlichen "Memetik" und atheistisch-fundamentalistischer Religionskritiker, der mit der kommenden Buchübersetzung "Der Gotteswahn" auch in Deutschland seine Anhänger wieder verzücken wird, hat dafür plädiert, (wieder) über eine "moderne Eugenik" nachzudenken und die "Zucht des Menschen" nicht länger zu tabuisieren.

So schreibt er (unter anderem) hier:

"The spectre of Hitler has led some scientists to stray from 'ought' to 'is' and deny that breeding for human qualities is even possible. But if you can breed cattle for milk yield, horses for running speed and dogs for herding skill, why on earth should it be impossible to breed humans for mathematical, musical or athletic ability? [...] I wonder whether, sixty years after Hitler's death, we might at least venture to ask what is the moral difference between breeding for musical ability, and forcing a child to take music lessons."

Übersetzt:
"Das Gespenst Hitlers hat einige Wissenschaftler dazu geführt, von "Soll-" zu "Seinsaussagen" überzugehen und zu bestreiten, dass es überhaupt möglich wäre, menschliche Qualitäten zu züchten. Aber wenn man Kühe nach dem Milchertrag, Pferde nach der Geschwindigkeit und Hunde für das Schafehüten züchten kann, warum auf der Welt sollte es dann unmöglich sein, Menschen für mathematische, musikalische oder athletische Fähigkeiten zu züchten? [...] Ich frage mich, ob wir uns, sechzig Jahre nach Hitler's Tod, wenigstens trauen zu fragen, was der moralische Unterschied zwischen einem Züchten für musikalische Qualität und einer Verpflichtung von Kindern zu Musikunterricht ist."

Nicht überraschende Anmaßung von Wissen

Aus religionswissenschaftlicher Sicht kommen diese Äußerungen keineswegs überraschend. Denn wie Dawkins auch selber schreibt, waren "eugenische" Fantasien fester Bestandteil der Weltanschauungen sowohl linker wie rechter "Rationalisten" des 20. Jahrhunderts. Eugenische Programme gab es in vielen "entwickelten" Demokratien, die anstelle der "wilden" Natur und der "rückständigen", religiösen Lehren endlich das "planende Wissen", die "Vernunft" des Menschen setzen wollten: Zentrale Planwirtschaft statt "chaotischem" Markt, "Erziehungsregiment" statt "schwächlicher Liberalität" und eben "Menschenzucht" (Förderung "guter" und Unterdrückung "schlechter" Geburten) statt "verantwortungsloser Liebe"...

Insofern steht die atheistische Weltanschauung der Memetik hier in einer klaren Tradition, spiegelbildlich zum religiösen Kreationismus: beide Seiten halten einen "Intelligent Designer" für notwendig, der religiöse Fundamentalist zur Erklärung der Evolution, der atheistische Fundamentalist zu ihrer "Steuerung". Der religiöse Fundamentalist warnt dabei vor Eingriffen in das von ihm konstruierte Verständnis von Schöpfung, weil diese transzendent begründet und also heilig seien. Weil es Gott gebe, sei selbst wertneutrale Forschung gefährlich, auch Wissenschaft müsse immer schon Gott voraussetzen.

Der atheistische Fundamentalist plädiert dagegen im Rahmen der "Abschaffung von Tabus" dafür, Erziehung und "Zucht" auf der gleichen Ebene zu diskutieren, da es eben keine transzendent begründete Unantastbarkeit gebe. Weil wertneutrale Wissenschaft keinen Gott voraussetzen müsse, könne es auch keinen Gott geben, also sei erst einmal alles erlaubt.

Beide Seiten pflügen den Gedanken unter, zwischen naturwissenschaftlicher Erforschung und religiös-weltanschaulicher Bewertung (und der Begrenztheit und Vorläufigkeit beider Erkenntniswege) immer wieder sorgsam zu differenzieren. Die Wissenschaft wird missbraucht, um religiöse bzw. weltanschauliche Ansprüche als vermeintlich absolut zu legitimieren.

Entsprechend findet auch der Menschenzucht-Vorstoss Dawkins in atheistisch-rationalistischen Kreisen Deutschlands durchaus Zustimmung, zumal sich auch die "neue Eugenik" wieder sowohl mit "progressiven" Zielen (Lasst uns einen besseren Menschen schaffen) wie mit xenophoben Ressentiments (Der IQ der Europäer sinkt, dagegen müssen wir anzüchten!) verbinden lässt. Auf der anderen Seite werden sich religiöse Fundamentalisten in ihrem Irrtum bestätigt sehen, dass die Evolutionstheorie mit religiösem Glauben unvereinbar sei. Dem Verkaufserfolg vom "Gotteswahn" wird's nützen...

Mich persönlich fröstelt dagegen, wie gerne wir Menschen uns schon wieder auf die die Anmaßung von Wissen (so die Nobelpreisrede Friedrich August von Hayeks) einlassen. Wieder glauben wir, unsere beschränkten, rationalen Fähigkeiten wären geeignet, um gewachsene, transzendente Glaubensfundamente auszuschließen und uns dafür selbst (bzw. einige Wissenschaftler) in den quasi-gottgleichen Rang als "Intelligente Designer" zu erheben - eine "geplante" Wirtschaft, Gesellschaft und sogar Biologie zu schaffen...

Da halte ich es mit dem christlichen Mit-Entdecker der Evolutionstheorie Alfred Russel Wallace, der bereits 1893 in diesem Interview eugenischen Fantasien entschieden entgegentrat und stattdessen für die freie Entfaltung der Menschen im Rahmen von Demokratie, Bildung, Frieden und Gleichberechtigung der Geschlechter eintrat!

Und ich hoffe immer noch darauf, dass sich mehr Menschen gerade in den Evolution-Religion-Debatten der wissenschaftlichen Vernunft zwischen Intelligent Design und Ultra-Darwinismus widmen, sich eigenständig kundig machen und sowohl den religiösen wie den atheistischen Fundamentalisten durch seriöse Wissenschaft entgegentreten.

Samstag, 10. März 2007

Gene oder Meme?

Wie weit trägt die Memetik in der Erklärung von Religion?
In den letzten Jahren erfreut sich eine Theorie großer Beliebtheit: die Memetik. Sie wurde begründet vom Zoologen Richard Dawkins, dem im Endkapitel seines berühmtesten Buches ("The Selfish Gene") mit der Parallelisierung Gen-Mem ein bis heute wirkender Coup gelang. Seine These: wie sich Gene als biologische Information per Fortpflanzung verbreiten, entstanden Meme als kulturelle Informationseinheiten, die sich über Nachahmung verbreiteten. Neurologisch oder überhaupt materiell lokalisierbar sind diese Meme seit nun fast zwanzig Jahren nicht und es ist auch bisher keine wirklich überzeugende Definition gelungen, "was" ein Mem denn nun sein soll: das Musikstück, das nachgeahmt wird? Oder nur die Tonsequenz? Der einzelne Ton?

Memetik als Wissenschaft?

Die Memetik liest sich auf den ersten Blick außerordentlich interessant. Allerdings zeigt sie bei näherer Betrachtung eine ganze Menge Probleme. So gibt es, wie erwähnt, keine auch nur einigermaßen einheitliche Definition des Membegriffs. Es bleibt unklar, wie und wann diese Meme entstanden sein sollen und warum für Meme "anfällige" Gehirne nicht evolutiv aussortiert worden wären.

Obwohl Memetiker seit inzwischen fast 20 Jahren eine große, zahlungswillige Anhängerschaft um eine ganze Menge vorwiegend spekulativer und philosophischer Bücher scharen, gibt es bisher keine Experiment oder empirische Studien, wie man sie doch von einer wissenschaftlichen Theorie erwarten dürfte.

Vor allem aber: es stimmt einfach nicht, dass Gehirne Informationen kopieren. Sie rekonstruieren sie vielmehr, wie wohl jeder schon einmal im "Flüsterpost"-Experimentspiel selbst erlebt hat.

Dieses Problem vertieft sich sogar weiter, da auch Memetiker selbst davon ausgehen, dass Meme auch nach neurobiologischen Kriterien ausgewählt werden: z.B. Musikstücke danach, ob sie harmonisch klingen. Wenn aber die Neurobiologie des Gehirns in der Lage ist, Meme zu filtern und abzuweisen, dann behält eben doch die biologische Evolution die Oberhand und es würden sich jene Menschen durchsetzen, die fortpflanzungsschädliche Meme "abblocken" und nur nützliche "einlassen". Die Mem-Theorie wäre dann schlicht eine Beschreibungsweise kultureller Evolution auf biologischer Basis. Aber mit dieser Rolle wollen sich die meisten Memetiker bisher nicht zufrieden geben. Denn die Memetik verdankt ihre Popularität nicht der (wenig vorhandenen) Wissenschaftlichkeit, sondern dem Umstand, dass sie weltanschauliche Funktionen erfüllt.

Memetik als religionskritische Weltanschauung

Dawkins und die von ihm begründete Memetik verdanken einen wesentlichen Teil ihrer Popularität deftiger Religionskritik. Die antievolutionistische Polemik vor allem US-evangelikaler Christen beantworten führende Memetiker mit nicht weniger Intoleranz. Religionen sind für sie "Memplexe", die gefährlichsten Verbünde von Memen, die Gehirne von Menschen "befallen" und sie quasi-parasitär dazu verleiten, sich um die die weitere Weiterverbreitung der "Meme" zu kümmern. Entsprechend nennt Dawkins Religionen pauschal auch schon mal gerne "Geisteskrankheit".

Als weltanschaulicher Entwurf ist die Memetik dabei gar nicht schlecht konstruiert. Sie dockt an etablierte, abendländische Dualismen an: Leib-Seele, Diesseits-Jenseits, Gehirn-Geist, Gen-Mem. Auch bietet sie eine "Schöpfungserzählung" nach Muster der Gnosis (aus griech. Wissen, Erkenntnis) - religiöser Strömungen, die sich seit der Antike meist in Opposition zur jeweiligen Mehrheit als "Wissende" bzw. "Erkennende" entwerfen: Einstmals seien böse, täuschende Mächte in die Welt eingebrochen und hätten sie korrumpiert. Die bestehenden Institutionen seien im wesentlichen Werkzeuge dieser täuschenden Mächte. Die Wissenden/Gnostiker aber kämpften um die Erleuchtung und Befreiung der Wesen - um den "Aufstand gegen die Tyrannei der Replikatoren", wie Dawkins das heute nennt. Ob die Memetik noch Weltanschauung oder schon selbst (gnostische) Religion ist, ist natürlich Definitionssache. Aber Dawkins genießt schon jetzt eine führende Rolle in der Formation der weltanschaulich-religionskritischen "Brights"-Bewegung (engl. die "Hellen, Schlauen" - also klar, was die anderen sind), im Internet kann man schon der "memetischen Church of Virus" begegnen und auch Meditationskurse zum "Memjäten" buchen.
Logo der memetischen "Church of Virus", einem wunderschönen Beispiel dafür, wie (auch ironische) Religionskritik und entschiedene Weltanschauung schließlich wieder selbst religiöse Formen annehmen. Klick führt auf die Homepage, in der Sie unter anderem die "Sünden", "Tugenden" und "Heiligen" der CoV einsehen können.

Dass die Memetik zunehmend quasi-religiöse Formen annimmt, klingt übrigens nur auf den ersten Blick absonderlich: dass sich neue Religionen aus der entschiedenen Religionskritik an etablierten Religionsformen entwickeln, ist ein religionshistorischer Normalfall. So grenzte sich das Judentum von der Vielzahl der antiken Götter durch scharfe Kritik an ihnen ab (und den frühen Juden wurde daher aus ihrer Umgebung "Gottlosigkeit" und mangelnde Pietät vorgeworfen!), das Christentum durch Kritik am vermeintlichen jüdischen "Gesetzesgehorsam", der Buddhismus durch Ablehnung des brahmanischen Ritus, der Sikhismus durch Abgrenzung von hinduistischen Kastenwesen und islamischer Strenge usw. Nur sehr wenige weltanschaulich-religiöse Gründungen erreichen jedoch jemals die Ausbreitung einer Weltreligion, die meisten gehen vorher wieder ein - und die bereits wieder abflauende Begeisterung für die "Memetik" macht es wahrscheinlich, dass sie wohl auch eher zu diesem Bereich zu zählen sein wird.

Fazit: Bisher eher Weltanschauung statt Wissenschaft

Das kleine Häuflein von Wissenschaftlern und die größere Zahl memetischer Anhänger, die sich der Memetik verschrieben haben, werden nicht durch schlüssige Studien, aufsehenerregende Experimente oder empirisch nachvollziehbare Beobachtungen, sondern vor allem durch die gemeinsame Abneigung gegen die etablierten Religion(en) verbunden. In einer gewissen Hinsicht stellt die Memetik die atheistische Schwester des christlichen Kreationismus dar: beide sind so sehr damit beschäftigt, einander zu beschimpfen, dass sie es bisher nicht für nötig halten, uns Unglaubende (Kreationisten) oder Unwissende (Memetiker) mit wissenschaftlichen Minimalansprüchen wie klaren Definitionen und Herleitungen, Experimenten oder empirischen Studien zu behelligen.

Als Religionswissenschaftler achte ich die Memetik natürlich als Weltanschauung und Glaubenssystem. Und dass Dawkins, Denett, Blackmore und andere memetische Oberhäupter mit ihren Mixturen aus Wissenschaft und Weltanschauung eine treue Anhängerschaft generieren und viel Geld verdienen - nun, das ist historisch ja auch nichts neues. Sie bieten damit ihren Anhängern immerhin ja auch weltanschauliche Orientierung und Unterhaltung.

Ich nehme ebenfalls zur Kenntnis, dass auch einige gute und gescheite Freunde daran glauben und dafür argumentieren, dass sich die Memetik einmal zu einer soliden Wissenschaft weiterentwickle. Persönlich bin ich da etwas skeptisch und warte also gespannt auf den Tag, an dem das erste "memetische" Werk nicht nur philosophisch-biologische Rhetorik und Spekulation, sondern empirisches Daten- und Studienmaterial vorlegt. Die andere Entwicklungsversion wäre, wenn Memetiker zunehmend einräumen würden, dass sie eher eine weltanschauliche als eine wissenschaftliche Bewegung sind. Aber da auch ihre theistischen Counterparts, die Kreationisten, sich inzwischen über ein Jahrhundert lang immer wieder als vermeintlich "wissenschaftlich" zu etablieren versuchen, werden wir wohl noch eine ganze Weile viel memetisches zu lesen bekommen...

Dr. Blume

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