Wie weit trägt die Memetik in der Erklärung von Religion?
In den letzten Jahren erfreut sich eine Theorie großer Beliebtheit: die Memetik. Sie wurde begründet vom Zoologen Richard Dawkins, dem im Endkapitel seines berühmtesten Buches ("The Selfish Gene") mit der Parallelisierung Gen-Mem ein bis heute wirkender Coup gelang. Seine These: wie sich Gene als biologische Information per Fortpflanzung verbreiten, entstanden Meme als kulturelle Informationseinheiten, die sich über Nachahmung verbreiteten. Neurologisch oder überhaupt materiell lokalisierbar sind diese Meme seit nun fast zwanzig Jahren nicht und es ist auch bisher keine wirklich überzeugende Definition gelungen, "was" ein Mem denn nun sein soll: das Musikstück, das nachgeahmt wird? Oder nur die Tonsequenz? Der einzelne Ton?
Memetik als Wissenschaft?
Die Memetik liest sich auf den ersten Blick außerordentlich interessant. Allerdings zeigt sie bei näherer Betrachtung eine ganze Menge Probleme. So gibt es, wie erwähnt, keine auch nur einigermaßen einheitliche Definition des Membegriffs. Es bleibt unklar, wie und wann diese Meme entstanden sein sollen und warum für Meme "anfällige" Gehirne nicht evolutiv aussortiert worden wären.
Obwohl Memetiker seit inzwischen fast 20 Jahren eine große, zahlungswillige Anhängerschaft um eine ganze Menge vorwiegend spekulativer und philosophischer Bücher scharen, gibt es bisher keine Experiment oder empirische Studien, wie man sie doch von einer wissenschaftlichen Theorie erwarten dürfte.
Vor allem aber: es stimmt einfach nicht, dass Gehirne Informationen
kopieren. Sie
rekonstruieren sie vielmehr, wie wohl jeder schon einmal im "Flüsterpost"-Experimentspiel selbst erlebt hat.
Dieses Problem vertieft sich sogar weiter, da auch Memetiker selbst davon ausgehen, dass Meme auch nach neurobiologischen Kriterien ausgewählt werden: z.B. Musikstücke danach, ob sie harmonisch klingen. Wenn aber die Neurobiologie des Gehirns in der Lage ist, Meme zu filtern und abzuweisen, dann behält eben doch die biologische Evolution die Oberhand und es würden sich jene Menschen durchsetzen, die fortpflanzungsschädliche Meme "abblocken" und nur nützliche "einlassen". Die Mem-Theorie wäre dann schlicht eine Beschreibungsweise kultureller Evolution auf biologischer Basis. Aber mit dieser Rolle wollen sich die meisten Memetiker bisher nicht zufrieden geben. Denn die Memetik verdankt ihre Popularität nicht der (wenig vorhandenen) Wissenschaftlichkeit, sondern dem Umstand, dass sie weltanschauliche Funktionen erfüllt.
Memetik als religionskritische Weltanschauung
Dawkins und die von ihm begründete Memetik verdanken einen wesentlichen Teil ihrer Popularität deftiger Religionskritik. Die antievolutionistische Polemik vor allem US-evangelikaler Christen beantworten führende Memetiker mit nicht weniger Intoleranz. Religionen sind für sie "Memplexe", die gefährlichsten Verbünde von Memen, die Gehirne von Menschen "befallen" und sie quasi-parasitär dazu verleiten, sich um die die weitere Weiterverbreitung der "Meme" zu kümmern. Entsprechend nennt Dawkins Religionen pauschal auch schon mal gerne "Geisteskrankheit".
Als weltanschaulicher Entwurf ist die Memetik dabei gar nicht schlecht konstruiert. Sie dockt an etablierte, abendländische Dualismen an: Leib-Seele, Diesseits-Jenseits, Gehirn-Geist, Gen-Mem. Auch bietet sie eine "Schöpfungserzählung" nach Muster der Gnosis (aus griech. Wissen, Erkenntnis) - religiöser Strömungen, die sich seit der Antike meist in Opposition zur jeweiligen Mehrheit als "Wissende" bzw. "Erkennende" entwerfen: Einstmals seien böse, täuschende Mächte in die Welt eingebrochen und hätten sie korrumpiert. Die bestehenden Institutionen seien im wesentlichen Werkzeuge dieser täuschenden Mächte. Die Wissenden/Gnostiker aber kämpften um die Erleuchtung und Befreiung der Wesen - um den "Aufstand gegen die Tyrannei der Replikatoren", wie Dawkins das heute nennt. Ob die Memetik noch Weltanschauung oder schon selbst (gnostische) Religion ist, ist natürlich Definitionssache. Aber Dawkins genießt schon jetzt eine führende Rolle in der Formation der weltanschaulich-religionskritischen "Brights"-Bewegung (engl. die "Hellen, Schlauen" - also klar, was die anderen sind), im Internet kann man schon der "memetischen Church of Virus" begegnen und auch Meditationskurse zum "Memjäten" buchen.
Dass die Memetik zunehmend quasi-religiöse Formen annimmt, klingt übrigens nur auf den ersten Blick absonderlich: dass sich neue Religionen aus der entschiedenen Religionskritik an etablierten Religionsformen entwickeln, ist ein religionshistorischer Normalfall. So grenzte sich das Judentum von der Vielzahl der antiken Götter durch scharfe Kritik an ihnen ab (und den frühen Juden wurde daher aus ihrer Umgebung "Gottlosigkeit" und mangelnde Pietät vorgeworfen!), das Christentum durch Kritik am vermeintlichen jüdischen "Gesetzesgehorsam", der Buddhismus durch Ablehnung des brahmanischen Ritus, der Sikhismus durch Abgrenzung von hinduistischen Kastenwesen und islamischer Strenge usw. Nur sehr wenige weltanschaulich-religiöse Gründungen erreichen jedoch jemals die Ausbreitung einer Weltreligion, die meisten gehen vorher wieder ein - und die bereits wieder abflauende Begeisterung für die "Memetik" macht es wahrscheinlich, dass sie wohl auch eher zu diesem Bereich zu zählen sein wird.
Fazit: Bisher eher Weltanschauung statt Wissenschaft
Das kleine Häuflein von Wissenschaftlern und die größere Zahl memetischer Anhänger, die sich der Memetik verschrieben haben, werden nicht durch schlüssige Studien, aufsehenerregende Experimente oder empirisch nachvollziehbare Beobachtungen, sondern vor allem durch die gemeinsame Abneigung gegen die etablierten Religion(en) verbunden. In einer gewissen Hinsicht stellt die Memetik die atheistische Schwester des christlichen Kreationismus dar: beide sind so sehr damit beschäftigt, einander zu beschimpfen, dass sie es bisher nicht für nötig halten, uns Unglaubende (Kreationisten) oder Unwissende (Memetiker) mit wissenschaftlichen Minimalansprüchen wie klaren Definitionen und Herleitungen, Experimenten oder empirischen Studien zu behelligen.
Als Religionswissenschaftler achte ich die Memetik natürlich als Weltanschauung und Glaubenssystem. Und dass Dawkins, Denett, Blackmore und andere memetische Oberhäupter mit ihren Mixturen aus Wissenschaft und Weltanschauung eine treue Anhängerschaft generieren und viel Geld verdienen - nun, das ist historisch ja auch nichts neues. Sie bieten damit ihren Anhängern immerhin ja auch weltanschauliche Orientierung und Unterhaltung.
Ich nehme ebenfalls zur Kenntnis, dass auch einige gute und gescheite Freunde daran glauben und dafür argumentieren, dass sich die Memetik einmal zu einer soliden Wissenschaft weiterentwickle. Persönlich bin ich da etwas skeptisch und warte also gespannt auf den Tag, an dem das erste "memetische" Werk nicht nur philosophisch-biologische Rhetorik und Spekulation, sondern empirisches Daten- und Studienmaterial vorlegt. Die andere Entwicklungsversion wäre, wenn Memetiker zunehmend einräumen würden, dass sie eher eine weltanschauliche als eine wissenschaftliche Bewegung sind. Aber da auch ihre theistischen Counterparts, die Kreationisten, sich inzwischen über ein Jahrhundert lang immer wieder als vermeintlich "wissenschaftlich" zu etablieren versuchen, werden wir wohl noch eine ganze Weile viel memetisches zu lesen bekommen...