Selten gelingen Kunstwerke der Filmkunst, in denen sich die Mythologien aus Vergangenheit und Gegenwart verschränken, in denen Heldenbilder miteinander ringen und sich unserem Blick (inmitten anregender Unterhaltung) neue Einsichten in das Wesentliche erschließt...
Arnold Schwarzenegger II. und der Crew des Lukas-Evangeliums ist eine solche Überschreitung in einem beeindruckenden Piece of Art der Kurzfilmkunst gelungen:
Einen Dank für Fund und Tip an Petra Zugschwerdt vom "Biologenplatz"!
Ach, und, für alle, die es noch nicht gemerkt haben: Bitte auf das Datum des Eintrags achten! (-;
Es soll immer noch Leute geben, die das Erfolgsrezept des Films Gladiator nur in der Aneinanderreihung gewalttätiger Szenen vermuten. Wer sich jedoch Komposition des Films wie auch die Rezeption durch Fanseiten und -projekte anschaut, wird auf ein ganz anderes Faszinosum treffen: die Frage nach der Theodizee, der Existenz und dem (scheinbaren) Triumph des Bösen.
Der Held Maximus, gespielt von Russell Crowe, wird uns als treuer und (in der römischen Ahnenverehrung) frommer Soldat Roms vorgestellt, der keine Freude am Blutvergießen hat, sondern von einem friedlichen Leben mit seiner Familie auf dem Landgut träumt. Doch gerade seine Popularität beim Kaiser und der Armee macht ihn zu einer Bedrohung des sich buchstäblich selbst vergottenden Commodus, der sowohl seinen Vater - den Kaiser -, wie auch Maximus und seine Familie auslöschen will. Maximus entkommt - und kann seinen Kaiser, Rang, seine Frau und seinen Sohn doch nicht mehr retten, sie nur noch begraben. Der Zusammenbruch vor diesem nicht mehr einholbaren Sieg des Bösen führt ihn in die Sklaverei.
Warum aber gibt Maximus hier nicht auf? Was macht ihn zum Helden? Er findet zu dem Glauben zurück, dass Gerechtigkeit wieder her gestellt wird "in diesem Leben oder im nächsten", wie er Commodus entgegen schleudert. Diese Haltung des glaubenden Menschen wird auch gezielt interkulturell verankert: als treuester Mitglaubender und damit Mitkämpfer des Römers erweist sich ein Schwarzafrikaner.
Entsprechend besteht auch der Siegeslohn des Helden diesmal nicht in Reichtum oder Macht - sondern in einem Tod, der andere lehrt und Maximus in ein Jenseits zu seinen Lieben, zu seinem ganz persönlichen Paradies, führt.
Der Grundton des Films: Weil das Leben eine Prüfung vor der eigentlichen, jenseitigen Realität ist, kann auch der Sieg des Bösen nur vorläufig, nie endgültig sein. "Now we are free - Jetzt sind wir frei" so lautet die Schlusshymne des Films, die dem gewalttätigen Diesseits und seinen Fesseln das letzte Wort nimmt.
In der ungeschnittenen Fassung des Films (auf DVD enthalten) war auch eine Szene zur Verfolgung und Hinrichtung der frühen Christen enthalten, die dem geschichtskundigen Zuschauer den Punkt parallelisiert: die weltliche Macht triumphiert nur scheinbar und zeitlich über jene, die lieben und glauben.
Ja, Gladiator ist grausam und blutig. Aber gerade darin wirkt er auch ehrlich erschütternd - denn nicht selten war und ist die Welt, waren und sind wir Menschen genau so. Das Aufführen dieser Grausamkeit allein aber macht das Geheimnis des Filmes nicht aus. Erst die Fragen, die Maximus in die Verzweiflung und Sklaverei stürzen und die Antworten, die ihn wieder hinaus führen, haben dem Film die auch emotionale Wucht verliehen, die ihn zum Welterfolg machte.
Die religionsbezogenen Elemente des Films Matrix waren und sind dermaßen offensichtlich, dass eine Aufzählung unvollständig bleiben muss: erst durch den Glauben, vermittelt durch eine Verkünderin, erreicht der Held die reale Wirklichkeit, seine engste Verbündete heißt Trinity (Dreieinigkeit), mit der Entscheidung für die Wahrheit wachsen Wirk- und Kampfkraft, die Bastion der letzten freien Menschen und des wahren Lebens ist das verborgene Zion usw.
Matrix steht aber damit nicht isoliert, sondern markiert einen subkulturellen Umschwung, der sich in der Wandlung des Cyberpunk (wie z.B. William Gibbson's Neuromancer) zum Cyberspace (wie z.B. die Shadowrun-Buchreihen) schon länger abgezeichnet hatte:
Hatten die Individuen in der frühen Cyberpunk-Literatur ab 1984 im Angesicht von Technologie, künstlicher Intelligenz und virtueller Realität noch verzweifelt-melancholisch um ihre Identität gerungen, so wandelte sich der Ton ab den 90er in einen anarchischen Optimismus: wenn jede Realität ein Konstrukt des Gehirns aus unsicherer Informationsquelle ist, dann ergíibt sich daraus auch eine Freiheit der Wirklichkeitsgestaltung und vor allem -wahl, die sich jeder rationalistischen Engführung entzieht. In modernen Cybersagas wird daher wieder beherzt geglaubt, gezaubert und geliebt, mit der Realität gespielt und die eigene Identität letztlich in festen, überweltlichen Überzeugungen verankert. Die Aufklärung hat sich hier selbst aufgeklärt, die Science-Fiction-Jugendkultur hat das gesellschaftliche Wiedererwachen der Religiosität vorweg genommen und voraus gedacht.
In recht origineller Weise haben z.B. die Jesus Freaks München religioide Aspekte des Films Matrix herausgegriffen und missionarisch umformuliert. Auch dies ein Zeichen des erwachenden Bewusstsein für den engen Zusammenhang von Mythos und Film.
Das Eingangslied vom "Circle of Life" oder deutsch "ewigen Kreis" gehört nicht nur auf YouTube zu den erfolgreichsten Videos. Allein eine deutsche Version bringt es auf über 100.000 Klicks und fast 300 überwiegend begeisterte und nicht selten emotionale Kommentare.
Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist schon dieses Eingansvideo eine Fundgrube: wir werden mit starken symbolischen Bildern von Licht und gemeinsam zur Verehrung strebenden Leben eingeführt in eine naturalistische Mythologie mit sowohl pantheistischen wie transzendenten Aspekten. Das Lied selbst betont eine (letztlich harmonisierende) Einheit allen Lebens in einer Vielfalt ineinandergreifender Rollen. Die Geburt eines Kindes (d.h. reproduktiver Erfolg) werden zu einem wichtigen, den Lebenskreis fortführenden Ereignis.
Ein Affe amtiert als Priester, wofür ihm die anderen Tiere Reverenz und der Löwenkönig ihm Freundschaft und Vertrauen erweisen. Das Neugeborene wird mit Pflanzensaft und Höhlenstaub rituell "getauft". Mehr noch: der Priester präsentiert Thronfolger und die jubelnde Tierschar einander, den herrschaftlichen Anspruch damit religiös beglaubigend. Als dann auch noch vom Himmel bejahend ein Lichstrahl durchbricht (ein transzendent-theistischer Akzent, zumal später das Löwenkind den verstorbenen Vater in dieser Aura geborgen erkennen wird - ein Hinweis auf ein Jenseitsleben), ehren die Tiere das Neugeborene durch Kniefall.
Das Böse wird im König der Löwen einerseits durch die (durch Läuterung zu überwindende) Leichtsinnigkeit derjenigen, die ihre Verantwortung nicht ausfüllen, vor allem aber durch diejenigen, die ihren Bereich selbstsüchtig überschreiten und die Harmonie damit angreifen, dargestellt.
So bunt, kindlich und lustig sich "Der König der Löwen" also auch präsentiert: einen Teil seiner Generationen übergreifenden Wucht bezieht er aus der durchdachten Präsentation einer naturalistisch-religiösen Mythologie. Damit sprach und spricht er auch Menschen an, die es weit von sich weisen würden, religiöse Empfindungen zu hegen. Ein echter Kult-Film.
Dem Religionswissenschaftler Oliver Krüger (seit kurzem Prof in Fribourg/Schweiz) ist ein lesenswerter Artikel im Marburg Journal of Religion zu verdanken, in dem er die Rolle von Religion(en) und insbesondere von religiösen Ritualen im Bollywood-Film herausarbeitet. Krüger kommt überzeugend zu dem Ergebnis, dass religiöse Rituale häufig eine tragende Rolle einnehmen, weil sie sowohl das Aufzeigen von Unterschieden wie auch die aufhebende Versöhnung zwischen den Charakteren und besonders auch Generationen auszudrücken vermögen. Im Umgang mit Ritualen kann Trennendes betont, dann aber auch das Gemeinsame (wieder) erfahren werden - das oft mit einer sanften Reform (etwa der Akzeptanz der Liebesheirat der Kinder) einhergeht.
Damit spiegelt auch die Behandlung der Religion(en) im Bollywood-Film ihre orientierende und gemeinschaftsstiftende Rolle in Zeiten des Übergangs wieder (einschließlich auch der Gefahr des Fundamentalismus). Mehr noch: wie Oliver Krüger in der Auswahl seines Artikeltitels "It's all about loving your parents" entdeckt hat, spielen familien- und "reproduktions"bezogene Fragen sowohl in den Filmen allgemein wie auch in ihren religiösen Aspekten eine besondere Rolle. Auch Bollywood ist dem Zusammenhang von Religion und Demografie auf der Spur (wie ihn auch das folgende Titelthema aufgriff)!
Gute Filme zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit Mythen wirken, die Jahrtausende der Religionsgeschichte hervorgebracht haben. Mir macht es immer wieder besondere Freude, solchen Spuren nachzugehen.
Einer meiner absoluten Favoriten ist die Truman Show mit Jim Carrey - ein zutiefst religiöser Film! Sie glauben es nicht?
Nun, dann behaupte ich sogar noch mehr: der ganze, hervorragende Film und insbesondere seine stärksten Szenen sind die Verfilmung eines Psalms, in dem sich der Betende aus den Fängen der Skrupel- und Gottlosen befreit. Und die Filmmacher waren so freundlich (und genial!), uns diese Hinweise zum Entdecken zu hinterlassen!
Anbei ein Fanvideo über die Flucht Trumans auf dem Schiff, das übrigens "Santa Maria" heißt: sowohl eine Anrufung wie auch das Flaggschiff von Christoph Kolumbus erster Ausfahrt. Achten Sie aber bitte darauf, dass auf dem Segel, das Truman aufzieht, eine Nummer erscheint.
Den Psalm dieser Nummer habe ich unten angefügt - und wenn man ihn in diesem Zusammenhang gelesen hat, erscheinen der Film und viele seiner Szenen plötzlich in ganz neuem Licht. Viel Freude beim Staunen!
Psalm 139
1 Ein Psalm Davids, vorzusingen. Herr, du erforschest mich und kennest mich.
2 Ich sitze oder stehe auf, so weißest du es: du verstehest meine Gedanken von ferne.
3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehest alle meine Wege.
4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht alles wissest.
5 Du schaffest es, was ich vor oder hernach tue, und hältst deine Hand über mir.
6 Solche Erkenntnis ist mir zu wunderlich und zu hoch; ich kann's nicht begreifen.
7 Wo soll ich hingehen vor deinem Geist und wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht?
8 Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da.
9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,
10 so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten.
11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken, so muß die Nacht auch Licht um mich sein;
12 denn auch Finsternis nicht finster ist bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht.
13 Denn du hast meine Nieren in deiner Gewalt, du warest über mir in Mutterleibe.
14 Ich danke dir darüber, daß ich wunderbarlich gemacht bin; wunderbarlich sind deine Werke, und das erkennet meine Seele wohl.
15 Es war dir mein Gebein nicht verhohlen, da ich im Verborgenen gemacht ward, da ich gebildet ward unten in der Erde.
16 Deine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet war, und waren alle Tage auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, und derselben keiner da war.
17 Aber wie köstlich sind vor mir, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihrer so eine große Zahl!
18 Sollt ich sie zählen, so würde ihrer mehr sein denn des Sandes. Wenn ich aufwache, bin ich noch bei dir.
19 Ach, Gott, daß du tötetest die Gottlosen, und die Blutgierigen von mir weichen müßten!
20 Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich ohne Ursache.
21 Ich hasse ja, Herr, die dich hassen, und verdreußt mich auf sie, daß sie sich wider dich setzen.
22 Ich hasse sie in rechtem Ernst; darum sind sie mir feind.
23 Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz; prüfe mich und erfahre, wie ich's meine;
24 und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.