Judentum

Sonntag, 7. Dezember 2008

Theodizee und die Schoah

Wie konnte Gott das zulassen?, so fragten sich viele Gottglaubende auch nach den Grauen des Holocaust bzw. der Schoah. Yoav Sapir hat dazu eine Erklärung verfasst, die er zum Jahrestag der Reichspogromnacht vor einer Heidelberger Kirchengemeinde vortrug und die weitere Reflektionen und Diskussionen anregen soll.

Der Text mit Kommentarmögichkeit im Chronolog Un-Zugehörig per Klick hier.

Samstag, 22. November 2008

Wie US-amerikanische Juden wählten

Der Rückblick auf das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen der USA nach Religionen (siehe hier) ist eine gute Gelegenheit, Annahmen z.B. auch über Juden zu hinterfragen, die in der deutschen Öffentlichkeit und Berichterstattung weit verbreitet sind.

So wird angenommen...

1. ...dass sich US-amerikanische Juden stärker auf Seiten republikanischer Kandidaten engagierten, die einseitiger israelische Interessen verträten und dem Dialog mit Arabern bzw. Muslimen generell kritischer gegenüber stünden.

2. ...dass es eine enge, politische Allianz jüdischer und christlich-evangelikaler Kreise gebe.

3. ...dass US-amerikanische Juden stärker in den Leitungsetagen von Handels- und Finanzbranchen vertreten seien und auch deshalb marktradikaleren Konzepten positiver gegenüber stünden als Konzepten der sozialen Marktwirtschaft.

Natürlich wird es in jeder größeren und vielfältigen Religionsgemeinschaft immer Fälle und wortmächtige Lobbyorganisationen geben, an denen sich Klischees vermeintlich bestätigen lassen. Das Wahlverhalten der US-amerikanischen Juden bei der Präsidentschaftswahl 2008 schwächt jedoch die gängigen Stereotype (Daten und Links zu Datenquellen siehe hier).

1. Auch bei dieser Wahl unterstützten fast 80% der jüdischen Wähler den demokratischen Kandidaten: Weder der auch muslimische Familienhintergrund des Christen Barack Hussein Obama noch seine Haltung stärkeren Dialoges gegenüber den arabischen Staaten und dem Iran führten zu einem Umschwenken amerikanisch-jüdischer Stimmen zu John McCain.

2. Die US-Evangelikalen unterstützen dagegen mit über 70% den Baptisten John McCain und die pfingsktkirchliche Sarah Palin. Obama erhielt hier nur 26%. Von einer maßgeblichen Allianz kann zumindest im Hinblick auf diese Wahl nicht gesprochen werden...

3. Juden wie auch Konfessionslose gehören in den USA zu den durchschnittlicher gebildeten und auch wirtschaftlicher erfolgreichen Segmenten der Gesellschaft. Das hinderte beide Denominationen nicht daran, mit deutlicher Mehrheit den gleichen Kandidaten zu wählen wie Afroamerikaner und Latinos: Barack Obama. Dass sich Wahlpräferenzen allein aus sozioökonomischen Indikatoren ablesen lassen, ist ein Mythos.

Und wo wir beim Hinterfragen populärer Mythen sind...

...wussten Sie, dass auch die Integration der (überwiegend aus arabischen, asiatischen und afrikanischen Regionen stammenden) Muslime in den USA auf Basis deutlich höherer Religiosität insgesamt besser verläuft als in Europa?
(Ein pdf-Skript dazu per Klick hier)

Freitag, 31. Oktober 2008

Müssen Rabbiner verheiratet sein?

Auf diese Frage und die dazu passende Antwort bin ich gerade auf hagalil gestossen (siehe per Klick hier).

Ein Zitat aus der Antwort von Ben Rabbi Nathan hier:

"Eine Gemeinde, die einen Rabbiner anstellt, prüft – wie jede Firma, die einen Manager engagiert - seine Lebensführung. Dazu gehört:

als eine wichtige Norm der jüdischen Religion das biblische Gebot "seid fruchtbar und mehret euch". Von einem Rabbiner wird erwartet, dass er Frau und Kinder hat.

Bezeichnend für das Judentum war seit der biblischen Zeit die positive Einstellung zum Leben. Das beinhaltet auch die bejahende Einstellung zum Geschlechtsverkehr, die im Talmud eindeutig zum Ausdruck kommt.

Eine Gemeinde wird kaum einen Ledigen als Rabbiner anstellen."

Dies gelte selbstverständlich nicht ohne Weiteres für liberale Gemeinden. Es unterstreicht aber klar und eindeutig das Potential religiöser Vergemeinschaftung im Bereich der menschlichen Demografie und damit des Reproduktionserfolges. (Vgl. Buch zur Evolution der Religiosität - oder diesen Artikel zur Bio-Logik der 10 Gebote).

Freitag, 3. Oktober 2008

Stephan Kramer vor dem Bundestag zu Holocaust, Kollektivschuld, Schuldkomplex

Am 16. Juni 2008 fand im Reichstagsgebäude des Deutschen Bundestages eine öffentliche Anhörung von Sachverständigen zum Thema "Antisemitismus in Deutschland" statt. Das Wortprotokoll finden Sie hier.

Zu den Sachverständigen gehörte auch der Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden. Er führte u.a. aus:

Zitat:

"In den letzten 10 bis 20 Jahren ist die Holocaust Education, so muss man leider sagen, in die völlig falsche Richtung gegangen. Das Ergebnis davon ist, dass ein Schuldkomplex erzeugt wurde, dass mit der sog. Kollektivschuld auf der Seite operiert wurde, die man erreicht hat. Was dazu geführt hat, damit sind wir auch bei der Identitätsfrage, dass wir eine zerstörte Selbstidentität haben, nicht nur bei muslimischen, sondern auch bei deutschen Jugendlichen, und das führt dann zu entsprechenden Problemen.

Ich sage immer und ganz deutlich: Es kann nicht um Schuld gehen. Das müssen wir als jüdische Gemeinschaft auch vor allen Dingen immer wieder in Diskussionen deutlich machen. Es kann nur um Verantwortung gehen. Aus dem Wissen um das, was zwischen 1933 und 1945 passiert ist, muss die Verantwortung für jeden von uns erwachsen, für jeden in dieser Gesellschaft – Juden, Nicht-Juden, Muslime, Christen, Nichtgläubige – dafür einzutreten, dass Gleiches nicht wieder geschieht, und zwar nicht nur, wenn es um
Juden geht, sondern um jede andere Form von Diskriminierung in dieser Gesellschaft."

Zitiert aus: Wortprotokoll des Bundestages, S. 57

Anmerkung:
Es ist zu hoffen, dass die klaren Aussagen von Herrn Kramer gegenüber Bundestag und Öffentlichkeit dazu beitragen, die vagabundierenden Mythen über vermeintliche Kollektivschuldthesen des Zentralrats oder gar "der Juden" zu zerstreuen. Denn auch als Religionswissenschaftler macht man immer wieder die ernüchternde Erfahrung, dass einige Menschen mangelndes Wissen über Religionen wie das Judentum mit dumpfen Stereotypen und Vorurteilen "auffüllen".

Mittwoch, 24. September 2008

Der türkisch-jüdische Unternehmer Ishak Alaton im qantara-Interview

Ishak Alaton ist ein prominenter jüdischer Geschäftsmann in der Türkei. Er wurde 1927 in Istanbul geboren. 1954 gründete er mit seinem Freund Üzeyir Garih die Alarko Holding, die heute ca. 6.000 Angestellte in den Bereichen Energiewirtschaft, Bauindustrie, Maschinenbau sowie in der Tourismusindustrie beschäftigt. Zurzeit ist er Vorstandsvorsitzender der Alarko Holding.

Im folgenden einige interessante O-Töne aus dem Interview mit Hülya Sancak - das komplette Interview hier.

EU-Mitgliedschaft der Türkei

"Unter den heutigen Bedingungen glaube ich nicht, dass die Türkei eine respektvolle und gleichberechtigte Vollmitgliedschaft in der EU bekommen kann. Das behauptet aber auch keiner. Ich glaube, dass die Türkei, solange sie den "EU-Weg" geht, von Europa kontinuierlich unterstützt werden sollte, damit sie auch auf diesem Weg bleibt."

Rechte der Kurden

"Zuerst sollten wir begreifen, dass alle Menschen gleichberechtigt geboren sind. Wir sollten die Kurdenproblematik lösen und mit den Kurden Frieden schließen. Es gibt eine feste Regel: Die Demokratie betont nicht nur den Aspekt der Gleichberechtigung, sondern sie garantiert auch das Recht darauf, anders zu sein. Wenn also die Kurden sagen, sie seien anders als die Türken, so muss man dem Verständnis entgegenbringen."

Diskriminierung, Antisemitismus seitens der Gesellschaft und der staatlichen Bürokratie

"Ich sehe keinen Unterschied zwischen den Minderheiten und der Mehrheitsgesellschaft. Ich glaube definitiv nicht, dass es in der türkischen Gesellschaft z.B. antisemitische Tendenzen gibt. Die türkische Gesellschaft ist nicht antisemitisch oder xenophob.

Aber ich möchte eines hervorheben: In der Geschichte der türkischen Republik kam es seitens des Regimes und der Bürokratie immer wieder zu Diskriminierungen. Wenn man von einem "Wir" redete, verstand man darunter die sunnitischen Muslime, die "Anderen" hingegen waren und sind die Aleviten, Kurden, Juden und die Nicht-Muslime. So hielt man eine Diskriminierung und Feindlichkeit am Leben, die es im Alltagsleben nicht gibt."

2 Fragen zur AKP (Der jetzigen islamisch-konservativen Regierungspartei)

Ist die AKP im Vergleich zu anderen Partien toleranter gegenüber Minderheiten?

"Ja. Seitens der AKP Regierung haben wir keine Diskriminierung, sondern Gleichbehandlung erfahren. Ehrlich gesagt bin ich der Meinung, dass es in der AKP keine Nichtmuslime- oder Judenfeindlichkeit gibt."

Glauben Sie, dass die AKP eine geheime Agenda hat?

"Dessen wird sie oft verdächtigt. Aber bis jetzt habe ich keine entsprechende Aktion gesehen. Ich weiß, dass einige ständig den Vorwurf wiederholen, um den Verdacht gegen die AKP aufrecht zu erhalten. Die AKP hat viele Feinde. Aber ich finde diese Haltung krankhaft und paranoid. Wenn man in Frieden miteinander leben möchte, muss man auch daran arbeiten, dass verschiedene Meinungen miteinander in Frieden leben können."

CHP (Die langjährig führende, linksnationalistische Oppositionspartei)

"Alle dachten, die CHP wäre eine sozialdemokratische Partei. Aber sie ist es nicht. Sie ist eine steife, despotische und autoritäre Partei. Wenn die AKP heute die stärkste und führende Partei ist, dann deswegen, weil wir die Sozialdemokratie nicht genügend erklären konnten. Keiner ist für die Demokratie eingetreten. Die CHP sowieso nicht, sie hat auch nie selbst behauptet, eine sozialdemokratische Partei zu sein."

Das Schicksal der Armenier (Völkermord-Debatte)

"Ich sage allen Armenier, ihr Leid ist mein Leid. Ich glaube daran, dass es keine Schwäche ist, sich entschuldigen zu können. Daher entschuldige ich mich."

Abschlussfrage

Was möchten Sie den Europäern über die Bedeutung der Türkei für Europa mitteilen?

"Die Türkei braucht Europa zu sehr. Aber Europa braucht die Türkei auch, weil die Türkei ein Teil Europas ist."

Das ganze Interview hier.

Dienstag, 22. Juli 2008

Zentralrat der Juden in Deutschland will Konversionen erleichtern

Über Jahrhunderte hinweg hat das Judentum in der christlichen und islamischen Welt als (vor allem in Europa) oft bedrängte Minderheit, der die Werbung oder auch nur Aufnahme von Neumitgliedern untersagt war, durch Kinderreichtum und religiös erfolgreich geförderte Endogamie (Heirat in der Gemeinschaft) überlebt. Auch aufgrund der orthodoxen Strömungen wiesen beispielsweise die jüdischen Gemeinden der Schweiz laut Volkszählung 2000 noch immer die höchste Geburtenrate aller mehrheitlich inländischen Religionen auf (siehe hier, S. 4).

Und doch haben, nicht zuletzt aufgrund der Überwindung von Ausgrenzung und des starken Bildungs- und Wirtschaftsaufstiegs in freiheitlichen Gesellschaften, Säkularisierung und Individualisierung längst auch die jüdischen Gemeinden erreicht: Geburtenrückgang, Ehen mit Nichtjuden und auch Konversionen zu anderen Religionen sind längst keine Ausnahmeerscheinungen mehr.

Dies bringt insbesondere in Deutschland, in denen vielerorts ein Gegenüber mehrheitlich liberaler Gemeindemitglieder und orthodoxer Rabbiner besteht, eine Vielzahl von Konflikten und menschlicher Tragödien mit sich: Ehepartner und Kinder, die zur Gemeinde gehören wollen, aber deren Übertrittswünsche nicht erfüllt werden, Zuwanderer v.a. aus Russland, die dort beispielsweise aufgrund eines jüdischen Vaters zeitlebens als Juden galten und nun beschieden bekommen, im halachischen Sinn (in dem die Religionszugehörigkeit nur über die Mutter vererbt wird) nichtjüdisch zu sein und auch kaum übertreten zu können, Abgewiesene, die sich schließlich auf der Suche nach einer akzeptierten Identität und Gemeinschaft judenchristlichen, messianischen Freikirchen anschließen und sich fortan sowohl antijüdischen wie antichristlichen Vorurteilen zu erwehren haben usw. Vor allem aufgrund solcher Prozesse und des Geburtenrückgangs sehen viele jüdische Gemeinden sogar mittel- und längerfristig ihre demografische Existenz bedroht.

Vielfalt zulassen & Übertritte erleichtern

Sowohl in den israelischen, US-amerikanischen wie auch deutschen Gemeinden erfolgte in den letzten Jahren eine intensive Debatte über die Zukunft des Judentums. Dabei wurde erkannt, dass einerseits eine breitere, durchaus auch wettbewerbliche Akzeptanz der innerjüdischen Vielfalt, die weitere Förderung von Familien, aber eben auch eine Erleichterung von Konversionen für das Überleben des Judentums in modernen Gesellschaften nötig werde. Die Aufnahme liberaler Gemeinden in die Strukturen des Zentralrats und die Etablierung je einer liberal-konservativen und orthodoxen Rabbinerkonferenz in Deutschland waren Schritte auf diesem Weg.

Einen Durchbruch in der Konversionsfrage brachte nun der Entscheid des Oberrabbinats in Israel, "Konversionskurse" anzubieten, mit denen tausende Übertrittswillige das Judentum annehmen können. Auf Basis dieser Kurse sollen auch die Konversionszahlen bei orthodoxen Rabbinern von bislang 100 bis 200 Menschen pro Jahr etwa verzehnfacht werden - mit entsprechenden Auswirkungen etwa wiederum auf die Kinder dann legitim konvertierter Mütter etc.

Die Jüdische Allgemeine brachte Anfang Juli zu all dem ein Interview mit dem zuständigen Präsidiumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, Nathan Kalmanowicz (Download hier).

Strukturell...

...verbessert diese spannende Weichenstellung zunächst einmal die Situation vieler tausend Menschen, die das Judentum annehmen bzw. als Juden akzeptiert werden wollen. Eine Vielzahl menschlicher Tragödien und Identitätskonflikte könnte auf diesen Wegen geheilt und Übertretende häufiger zu einem anerkannten Teil deutsch-jüdischen Lebens werden.

Zugleich stärken die jüdischen Gemeinden auch in Deutschland nicht nur ihre Zukunftschancen, sondern bringen sich auch sichtbarer in den freiheitlichen Wettbewerb der Religionen ein. Sie werden, ggf. gerade auch wegen ihres Verzichts auf aktive Mission, als religiöse Alternative erkennbarer und zugänglicher, ihre Gemeindezusammensetzungen und wohl auch Strukturen und Angebote dürften sich noch vielfältiger ausprägen. Sicher werden auch diese Prozesse von teilweise heftigen Kontroversen begleitet sein. Aber auch diese sind Ausweis einer erfreulichen Lebendigkeit, wie sie noch vor wenigen Jahrzehnten dem Judentum in Deutschland wenige zugetraut hätten.

Donnerstag, 8. Mai 2008

8. Mai 2008: In Deutschland wird der 60. Unabhängigkeitstag Israels begangen

Heute, am 8. Mai 2008, finden in vielen deutschen Städten Feiern zum 60. Jahrestag der israelischen Staatsgründung statt. Eine Übersicht der Feiern hier:

Der bundesweite Veranstaltungskalender von ILI (einer pro-israelischen Initiative) hier

Verschiedentlich bin ich in den letzten Tagen gefragt worden, warum denn dieses Jahr vielerorts schon am 8. Mai (übrigens auch der 63. Jahrestag der Kapitulation Deutschlands 1945) gefeiert würde und nicht am 14. Mai - der Staat sei doch am 14. Mai 1948 ausgerufen worden.

Der Hintergrund: Nach jüdischer Zeitrechnung wird der Unabhängigkeitstag als Jom Haazmaut am 5. Ijar begangen. Am 5. Ijar 5708 (gregorianisch: 14.5.1948) hatte David Ben-Gurion die israelische Unabhängigkeitserklärung verlesen. Und der 5. Ijar entspricht in 2008 dem 8. Mai.

Palästinenser erinnern an "An-Nakba"

In der palästinensischen Erinnerung wird der Unabhängigkeitstag als Tag der Katastrophe, des Unglücks (an-Nakba) bezeichnet und nach gregorianischer Zeitrechnung am 15. Mai begangen. Einige Veranstalter sind dazu übergegangen, an-Nakba entsprechend dem jüdischen Kalender zu begehen - um angesichts der israelischen Feiern an ihre Perspektive zu erinnern.

Und sollten Sie...

...nach Orten und Initiativen suchen, die sich für Dialog und Frieden zwischen Juden, Christen und Muslimen engagieren, so darf ich Ihnen beispielsweise den Verein Haus Abraham e.V. im Kloster Denkendorf empfehlen.

Montag, 7. April 2008

Familienleben im Judentum - Gastbeitrag von Anna, Mittendrin

Nach den Daten der Schweizer Volkszählung gelang es den jüdischen Gemeinden, trotz der höchsten Quoten an Akademikern, Inhabern leitender Berufe und Stadtbewohnern knapp doppelt soviele Geburten zu erzielen wie den Konfessionslosen. Auch im Zeitvergleich zeigt sich, dass die jüdischen Familienstrukturen der Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten im Kontrast zum allgemeinen Trend insgesamt erstaunlich stabil blieben, sogar leichte Aufstiegstendenzen verzeichneten (rote Linie).

Diese neu erstellte Grafik zeigt an, mit wie vielen Kindern Männer zwischen 35 und 46 Jahren in Schweizer Großstädten je in den Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 in einem Haushalt lebten. Man beachte die Unterschiede, z.B. den stabilen Verlauf der jüdischen Demografie (oben, rot) und die durchgängig schwache Performance der Konfessionslosen (unten, schwarz). Klick führt zum Gesamtskript des Vortrages.

Heute möchte ich dazu (mit Einverständnis der Verfasserin) einfach als Impression einen Blogbeitrag von "Mittendrin" zitieren, in dem Anna aus ihrem jüdisch-religiösen Alltag berichtet. Interreligiös interessierten Lesern darf ich vor allem auch Annas Reflektionen zum Islam empfehlen.

Aber hier ihr Beitrag zum Familienbild:

Jüdisch, religiös, erwachsen, unverheiratet

Das ist nicht der Anfang einer Kontaktanzeige, sondern eine Kombination von Eigenschaften, die zumindest in religiöser Hinsicht auf die Dauer ziemlich frustrierend sein muss. Das Judentum ist nämlich keine Religion, die sich darin erfüllt, dass man in die Synagoge geht, die Gebete spricht, koscher isst und im Umgang mit den Mitmenschen ethische Prinzipien pflegt. Das Judentum lebt vor allem in und mit der Familie. Das gemeinsame Essen am Schabbat und der Seder-Abend an Pessach sind, um nur einmal zwei bekannte Beispiele zu nennen, wichtige Bestandteile des jüdischen Lebens, die man als Single kaum mit sich allein veranstalten kann. Während man bei den einmal im Jahr stattfindenden Ereignissen wie dem Pessach-Seder noch in der Gemeinde, bei Verwandten oder Freunden unterkommen kann, lässt sich für den wöchentlich wiederkehrenden Schabbat kaum regelmäßig eine adäquate Alternative für die vertraute, warme Atmosphäre in der eigenen Familie finden. Leute, die religiös leben wollen, müssen sich darüber im klaren sein, dass sie, wenn sie nicht heiraten, einen wesentlichen Aspekt des jüdischen Lebens verpassen werden. Vor allem Leute, die mich auf einen Übertritt zum Judentum ansprechen, weise ich immer wieder darauf hin, dass sie die Bedeutung des Familienlebens im Judentum bloß nicht unterschätzen sollen. Wer religiös leben will, sollte bald nach dem Übertritt (oder bei geborenen Juden: nach der Entscheidung für ein religiöses Leben) die Gründung einer Familie als nächstes Lebensziel anvisieren. Selbstgewähltes Alleinsein oder gar Seder- und Schabbat-Hopping sind auf die Dauer kein befriedigender Ersatz für ein eigenes jüdisches Familienleben.

Freitag, 4. April 2008

Afroamerikanisches Judentum z.B. in Chicago

Nur wenige Europäer wissen, dass es ein afrikanisches Judentum gibt: So führen sich viele Äthiopier (sowie auch Angehörige anderer afrikanischer Völker und Stämme) auf Vorfahren zurück, die vor einigen tausend Jahren zum Judentum konvertiert seien. Auch in der Apostelgeschichte des Neuen Testaments wird die Begegnung mit einem Äthiopier geschildert, der nach Jerusalem gekommen war, um zu beten. Obwohl die meisten Äthiopier heute Christen und Muslime geworden sind, hielt sich eine äthiopisch-jüdische Gemeinde, die heute auch in Israel vertreten ist.

In den USA haben sich darüber hinaus jedoch auch immer wieder Afroamerikaner zum Judentum bekehrt und inzwischen gibt es in Chicago auch eine Gemeinde, die von einem (aus christlich-methodistischer Familie stammenden) afroamerikanischen Rabbiner geleitet wird. Hier ein Artikel der New York Times dazu und die Homepage der Beth Shalom Synagoge Chicago.

Und hier auch Rabbi Caspars Funnye bei einem Medienauftritt:


Natürlich gibt es auch innerjüdisch nicht weniger Akzeptanzdebatten als in anderen Weltreligionen auch - und gerade in Chicago hatte es in der Vergangenheit massive Vorbehalte zwischen Afroamerikanern und Juden gegeben.

Und doch vermag auch hier die Religion ethnische Spaltungen zu überwinden - auf die Geschichte der wachsenden Gemeinde von Chicago wurde ich durch den Bericht eines Freundes aufmerksam, der verdutzt und erfreut eine herzliche Begegnung jüdischer und muslimischer Afroamerikaner in der Stadt erlebte.

Tja, Weltreligionen und Religionswissenschaft sind nichts für Schubladen...

Mittwoch, 27. Februar 2008

Rabbiner Leo Baeck zu Judentum, Christentum und Islam

Niemand wird den langjährigen Berliner Rabbiner Leo Baeck (1873 - 1956) jemals Blauäugigkeit und Naivität vorwerfen können: er durch- und überlebte noch in hohem Alter die NS-Herrschaft und das Konzentrationslager Theresienstadt und musste miterleben, welche Verbrechen Christen und Konfessionslose im Namen einer menschenverachtenden Ideologie verübten. Und er erlebte Entstehungsgeschichte und die frühen Kriege des Staates Israel gegen zahlenmäßig weit überlegene, muslimische Staaten.

Und dennoch verbitterte der große Gelehrte nicht. Im Jahre seines Todes, 1956, hielt er einen letzten, großen Vortrag: "Judentum, Christentum und Islam". Darin würdigte er seine wie auch die beiden anderen Religionen und entwarf die Vision eines von Frieden und Respekt geprägten miteinanders. Die Rede endet wie folgt:

"Im Christentum ist vieles groß. Jahrhundert um Jahrhundert hat es Menschen getröstet, erhoben, hat es Wohltun und Hingebung gepflegt, hat Hoffnung in ihnen aufrecht erhalten.

Im Islam ist vieles groß. Völker, die in der Barbarei und in Niedrigkeit lebten, hat er in eine höhere Sphäre erhoben, hat ihnen ein neues Leben geschenkt.

Wir Juden sollten das begreifen. Wir sollten Respekt hegen, und wir werden dann die Hoffnung hegen, dass dadurch, dass wir vor uns Respekt haben, die andern es lernen, vor uns Respekt zu hegen und zu sehen, wie wir sind.

Dann werden gute Tage kommen. Menschen und Völker und Bekenntnisse werden geschieden bleiben, werden in ihrer Besonderheit weiterleben, aber sie werden wissen, dass sie zusammen gehören, Teile der einen Menschheit sind, zusammenleben sollen auf dieser unserer Erde, einander sehend und einander verstehend, und, wenn es Not tut, einander helfend."



Gefunden in: Karl-Josef Kuschel - Juden, Christen, Muslime - Patmos 2007, S. 32

Anm.: Eine weitere, auch interreligiös ausstrahlende Weisheit rabbinischer Lehrer (ein Plädoyer für Religionsfreiheit!) findet sich am Beispiel des Rabbi Gamaliel auch in der Apostelgeschichte.

Dr. Blume

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