Islam

Dienstag, 24. Juni 2008

Zentralrat der Muslime für, Türkische Gemeinde in Deutschland gegen Einbürgerungsfragen

Zu den beliebten Klischees in Deutschland gehört, dass säkulare Menschen (da beispielsweise in Kleidung und Auftreten assimilierter) per se besser integriert seien als Gläubige religiöser Minderheiten. Gelebte Religiosität gilt demnach als problematische Abweichung von der Mehrheitsnorm.

Die Diskussion darüber, ob es statthaft ist, Einbürgerungswilligen Wissensfragen über die deutsche Gesellschaft und Geschichte zu stellen, ist jedoch ein schönes Beispiel dafür, dass dies so einfach nicht ist: dass Säkularität auch mit Ideologien wie Nationalismus aufgeladen und Religiosität auch mit einer verbindlichen Haltung zur (ggf. neuen) Heimat einhergehen kann.

Türkische Gemeinde in Deutschland dagegen

So hat sich die säkulare, türkisch-national orientierte Türkische Gemeinde in Deutschland scharf gegen die Befragung ausgesprochen. So äußerte der Sprecher des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg (TBB), Safter Çinar, Zweifel, ob gebürtige Deutsche den Test bestehen könnten - und griff die deutsche Staatsministerin für Integration scharf an.

Ihre Unterstützung der Wissenstests zeige wieder einmal nachdrücklich, dass Prof. Böhmer mit ihrer Aufgabe überfordert sei, ließ sich Çinar auf der TBB-Homepage zitieren - und schloss mit der Frage: „Wie viele Fragen könnten Sie beantworten, Frau Prof. Böhmer?“

Empört nahm die Türkische Gemeinde Deutschland zur Kenntnis, dass die Staatsministerin nach diesen Äußerungen ihre Teilnahme auf dem TGD-Bundeskongress absagte.

Zentralrat der Muslime in Deutschland dafür

Im Kontrast zu diesem Streit hatte sich der Zentralrat der Muslime für die Einführung eines Wissenstests ausgesprochen (FOCUS-Bericht hier). Der Test gehe „eindeutig in die richtige Richtung“, sagte Generalsekretär Aiman A. Mazyek. „Wir haben immer gesagt, dass Fragen zu Staatskunde, deutscher Geschichte und Verfassung nicht nur zulässig, sondern auch notwendig sind.“ Im Tagesspiegel vertrat Mazyek außerdem: „Ein angemessenes Einbürgerungsritual“ sei „wichtiger Bestandteil einer Kultur der Anerkennung“, gegen den man „nicht per se aus Parteitaktik oder aus fehlgeleitetem Lobbyinteresse polemisieren sollte“ sagte Mazyek. Ein feierlicher Akt, mit dem ein Einbürgerungswilliger seinen Beitritt zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik bekunde, trage zur Identitätsstiftung bei, „und ich kann das nur gutheißen“. Es sei auch gut, wenn man sich auf diesen Akt gründlich vorbereite.

Einen Gesinnungstest hatte auch der Zentralrat stets abgelehnt, nun nahm er aber Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (aktuelles Interview zum Islam hier) gegen Kritik auch der türkischen Gemeinde in Schutz.

Fazit

Im internationalen Vergleich fällt auf, dass die Integration der Muslime auch in staatsbürgerlicher Hinsicht in den USA besser zu gelingen scheint als in Europa - trotz deutlich höherer Religiosität der überwiegend arabischen und asiatischen Zuwanderergemeinschaften. Die Bildungsauswahl erweist sich dabei als ein wesentlicher Faktor. Es zeigt sich aber auch, dass religiöse Vielfalt in gegenseitigem Respekt und in einem freiheitlichen Rahmen kein Integrationshindernis sein muss.

Vortragsskript "Islam in Deutschland - Islam in den USA", vom März 2008. Download als pdf per Klick.

Nachtrag

Anlässlich des Bundeskongresses der TGD am Samstag (21. Juni 2008) in Berlin erklärte Böhmer bei Regierung online hier:

"Ich bin jederzeit bereit, sachlich darüber zu diskutieren, wie wir die Lebenssituation der 2,7 Millionen türkischstämmigen Menschen in unserem Land verbessern können. Ihre Integration und ihr Wohlergehen liegen mir sehr am Herzen. Polemik, wie es sie in jüngster Vergangenheit aus den Reihen der TGD gegeben hat, führt uns aber in dieser Debatte nicht weiter. Auf diesem Niveau möchte ich nicht diskutieren, deshalb bin ich dem Bundeskongress der TGD ferngeblieben."

Böhmer fügte hinzu: "Ich finde es bedauerlich, dass die unsachlichen Äußerungen auf dem Bundeskongress erneuert wurden. Ich hoffe, dass wir in naher Zukunft wieder zu dem sachlichen und konstruktiven Austausch zurückkehren können, der die bisherige Zusammenarbeit zwischen der TGD und mir über weite Strecken geprägt hat. Die TGD ist ein wichtiger Partner bei der Umsetzung des Nationalen Integrationsplanes. Wenn wir an einem Strang ziehen, können wir viel für die türkischstämmigen Bürgerinnen und Bürger unseres Landes tun. Die TGD sollte sich dieser Verantwortung zu jeder Zeit bewusst sein."

Freitag, 23. Mai 2008

Kommentar: Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) im Interview der Frankfurter Allgemeinen zu Islam- und Religionspolitik

Das kommentierte Interview des Bundesinnenministers finden Sie hier (Klick).

Beobachtungen und Gedanken

Abneigung und Vorurteile gegen Religion(en) im allgemeinen und den Islam im Besonderen sind in der deutschen Kultur längst wieder tief verankert, werden von je spezialisierten Publizisten bedient und nicht zuletzt im Internet propagiert. Gerade auch im Vergleich etwa zu den (selbst religiösen) US-Amerikanern betrachten Deutsche religiöse und insbesondere muslimisch-religiöse Menschen kritisch. Dass ein religiös aktiver Konvertit zum Islam in einem katholisch geprägten Wahlkreis direkt zum Abgeordneten gewählt wird erscheint in der Bundesrepublik noch ebenso undenkbar wie der Eid von Politikern auf ihre jeweilige Heilige Schrift.

Der frisch gewählte, US-demokratische Kongressabgeordnete Keith Ellison schwört zum Amtsantritt auf seine heilige Schrift den Koran. Von rechts nach links: Keith Ellison, seine (nichtmuslimische) Frau Kim Ellison, Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi. Der Schwur erfolgte auf eine Koranausgabe, die US-Präsident Jefferson gehörte.

Angriffe gegen Religionsfreiheit von links

Große Teile der politischen Linken sahen in der letzten Zeit wenig Grund, für die Freiheitsrechte auch religiöser Menschen einzutreten, im Gegenteil: Man denke an die politischen Angriffe und Ausschreitungen gegen das Christival in Bremen, das unter der Schirmherrschaft von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) stand.

Fehlender Respekt, Abwanderung junger Leistungsträger

Aber auch aus den deutschen Bildungsschichten - vorwiegend säkular und mit wenig Kindern durch die Veränderungen verunsichert - gibt es wenige Stimmen des Respekts, zumal gegenüber zugewanderten Minderheiten. Auch der SPIEGEL berichtete daher in seiner aktuellen Ausgabe über die Abwanderung erfolgreich integrierter Bildungsaufsteiger türkischer Herkunft (Story: "Jung, gut und unerwünscht - Hochqualifizierte türkischstämmige Akademiker wandern aus, weil sie sich in Deutschland missachtet fühlen. In anderen Ländern werden die Talente umworben").

Für viele überraschend: Wolfgang Schäuble

Vor allem eine Stimme der deutschen Politik wendet sich derzeit jedoch vernehmbar gegen antiislamische Vorurteile und Verschwörungstheorien, widerspricht auch direkt Ralph Giordano & Co. und hat mit der Deutschen Islamkonferenz (DIK) Bewegung sowohl in die politisch-staatlichen wie muslimischen Debatten und Institutionen in Deutschland gebracht.

In einem umfangreichen Interview in der FAZ äußerte sich der Minister nun sehr ausführlich und begründend zu seiner dialogorientierten Haltung, zur Türkei und türkischen Regierungspartei AKP und er plädierte dafür: "Wir müssen den Muslimen mehr Zeit geben."

Und man merkt: Religionspolitik ist längst einer der spannendsten, überraschendsten und weitreichendsten Politikbereiche unserer Republik geworden.

Samstag, 29. März 2008

Vortragsskript: Islam in Deutschland - Islam in den USA. Ein Vergleich

Alle paar Monate versuche ich, in Vorträgen zur Entwicklung des Islam in Deutschland einige neue Aspekte einzuarbeiten, die bisher noch nicht oder kaum bekannt waren. Die anregende Frage eines Blog-Lesers (danke, Herr Möller! (-: ) und neues Datenmaterial, das ein Freund aus Washington mitbrachte (danke, Murat! (-: ) führten dazu, dass ich den Vergleich der Situation und Entwicklung des Islam in Deutschland und den USA vertiefen konnte. Und in den Daten steckten tatsächlich einige Überraschungen - für Muslime und Nichtmuslime, Amerikaner und Europäer! Wenn Sie möchten - viel Spass!

Vortragsskript "Islam in Deutschland - Islam in den USA", vom März 2008. Download als pdf per Klick.

Freitag, 7. März 2008

Schäubles Dialog-Offensive II: Bekenntnis zur Islamkonferenz

Bundesinnenminister Schäuble hatte (hier berichtet) Muslime in Deutschland vor den pauschalen Vorwürfen von Ralph Giordano in Schutz genommen.

Ergänzend war er auch zu Gast im ZDF-"Forum am Freitag". Thema war die für den 13. März einberufene dritte Runde der Deutschen Islamkonferenz.

Im Gespräch mit den Moderatoren Abdul-Ahmad Rashid und Kamran Safiarian plädiert der CDU-Politiker für einen dauerhaften institutionalisierten Dialog mit den Muslimen. Im Vorfeld der dritten Islamkonferenz sprach sich der Minister dafür aus, das ursprünglich auf zwei bis drei Jahre angelegte Instrument des Dialogs zu einer Dauereinrichtung zu machen: "Wir brauchen die Islamkonferenz noch auf Jahre", sagte Schäuble.

Zu den Ergebnissen der bisherigen beiden Runden der Islamkonferenz befragt, sagte der Minister, dass bereits die Voraussetzungen für einen islamischen Religionsunterricht auf Landesebene geschaffen wurden. Auch die Einrichtung von theologischen Fakultäten zur Ausbildung von islamischen Geistlichen an deutschen Universitäten sei in naher Zukunft möglich. Der Islam solle somit zu einem Bestandteil der deutschen Hochschullandschaft werden, so Schäuble.

Auch im persönlichen Umgang mit Muslimen habe er dazu gelernt, sagte Schäuble: "Ich bin seitdem in Moscheen gewesen und habe auch gelernt, wie Muslime das Fasten brechen."

Insgesamt, so forderte Schäuble, sollte die deutsche Gesellschaft selbstverständlicher mit dem Islam umgehen. Er warnte davor, in diesem Zusammenhang Ängste zu schüren.

Das vollständige Interview mit dem Bundesinnenminister ist heute ab 9.00 Uhr hier (ZDF-Forum am Freitag) zu sehen.

Donnerstag, 6. März 2008

Demografie des Islam in Deutschland - Artikel im SYM-Magazin Bad Boll

Eine Artikel-Kurzversion des Vortrags hat das SYM-Magazin der Evangelischen Akademie Bad Boll hier veröffentlicht.

Den Gesamtvortrag finden Sie hier, einen aktuellen Blogeintrag hier.

Die Geburtenziffern muslimischer Zuwanderer passen sich massiv den familienfeindlichen Strukturen Deutschlands an. Von einer Islamisierung Deutschlands kann also keine Rede sein, vielmehr steigen Zuwanderer per Integration derzeit in das gesamtdeutsche, demografisch sinkende Boot.

Freitag, 25. Januar 2008

Kopftuch - Zwang oder Wahl? Befunde der BMI-Studie zu Muslimen in Deutschland

Werden muslimische Frauen von Männern meistens zum Tragen des Kopftuchs gezwungen? Oder tragen sie es aus religiösen Gründen freiwillig?

Die Studie "Muslime in Deutschland" 2007, erstellt im Juli 2007 an der Universität Hamburg im Auftrag des Bundesministeriums des Inneren (BMI) enthält dazu Befragungsdaten.

Demnach antworteten 26,3% der muslimischen Männer in Deutschland, es sei ihnen "ein Bedürfnis, dass Frauen aus ihrer Familie in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen". Aber sogar 32,9% der Musliminnen gaben an, es sei ihnen "ein Bedürfnis, in der Öffentlichkeit ein Kopftuch zu tragen."

Nicht weniger interessant ist der Anteil der Bejahung o.g. Fragen nach Geschlecht (weiblich rot, männlich grün) und Alter:

Musliminnen in Deutschland bejahen häufiger für sich das Tragen eines Kopftuchs, als dies männliche Muslime einfordern. Ergebnisse einer Studie im Auftrag des Bundesministerium des Inneren (BMI) 2007, nach Alter.

Die Studie ist hier abrufbar, die Daten finden sich auf S. 135 - 137.

Der Befund ist eindeutig (und dürfte Necla Kelek et al. nicht gefallen): vor allem junge Frauen bejahen das Kopftuchtragen deutlich häufiger als die gleichaltrigen Männer, nur in der Seniorengeneration lässt sich noch ein patriarchales Gefälle erkennen.

Für mache soziologische oder psychologische These dürfte (auch) dieser Befund eine harte Nuss sein - weswegen er bisher auch kaum rezipiert wurde. Evolutionsbiologisch lässt er sich jedoch gut beschreiben: vor allem Frauen tragen die (Welt-)Religionen, in denen Sozial- und Familienbeziehungen stabilisiert werden (siehe Gretchenfrage) - und auch die christlichen Kirchen erweisen sich gelegentlich als (Zitat) "Kirche(n) von Frauen, die von Männern geleitet" werden. Hier liegt ein Tausch im Rahmen der sexuellen Selektion vor: im Austausch für familiäres und gemeinschaftliches Engagement erhalten Männer anerkannte, soziale Rollen. (Siehe auch vertiefende Debatte zu Glaube & Zölibat hier.)

Insofern enthält auch die verdienstvolle Studie des BMI einen weiteren Fingerzeig, weniger "über" religiöse Frauen und mehr "mit" ihnen zu sprechen - sie also endlich als zur Vernunft und eigenen Entscheidung begabte Menschen in Religion, Politik, Wissenschaft und Medien in ihren Selbstaussagen ernst zu nehmen.

Freitag, 11. Januar 2008

Islam in Deutschland 2007: Erfreuliches & Nachdenkliches

Viel zu wenig bekannt ist ein spannender Studentenwettbewerb des Bundesministeriums des Inneren (BMI), mit dem ich auch selbst vor sechs Jahren einmal sehr gute Erfahrungen gemacht hatte (letztes Bild unten, und der Preis war dotiert! (-; ).

In 2007 hieß der Titel des Wettbewerbs nun "Muslime in Deutschland - deutsche Muslime" und die Vergabe wurde von einer sehr hochkarätigen Jury geleitet. Sehr gelungen finde ich beispielsweise den Essay von Hakan Turan "Vom Dualismus und dem Kalifen Umar", in dem der Autor eigene Dialogerfahrungen reflektiert, sich gegen eine weinerliche Opferhaltung unter Muslimen ausspricht, aber auch die von ihm empfundene Schönheit des Islam zur Sprache bringt - und gleich auch noch einen beliebten, aber historisch falschen Mythos (die Muslime hätten die Bibliothek von Alexandrien niedergebrannt.) widerlegt. Weitere lesenswerte Beiträge befassen sich zum Beispiel mit muslimischen Bundestagsabgeordneten (Mirko Broz, TU Berlin), der Moscheedebatte in Köln-Ehrenfeld (Farina Ahäuser, Universität Marburg), dem islamischen Religionsunterricht (Wolfgang Kerler, Universität Erlangen), der deutschen Rechtssprechung zu Muslimen (Angelika Milger, Universität Tübingen und Freiin Antonia von Hövel, Universität Bremen) u.v.m.

Ein Wermutstropfen aber auch hier: Der erste Preis in der Kategorie wissenschaftliche Arbeit wurde nicht vergeben - eine bedrückende Anfrage an den Zustand unserer Islam-, Religions- und Politikwissenschaften, wenn es um die eigenständige Behandlung aktueller Fragen durch Studierende geht.

Normalerweise sind Kabarettisten laut und angriffslustig - doch beim Jahresrückblick Islam & Medien beim Scheibenwischer war Hagen Rether diesmal ganz leise, nachdenklich - und scharf. Achteinhalb Minuten, denen genau zu lauschen sich lohnt...



Zeitschrift für Mission druckt Christen-Muslime-Vortrag

Die Zeitschrift für Mission druckte in ihrer aktuellen Ausgabe den gesamten Vortrag Die gegenseitige Wahrnehmung von Christen und Muslimen - Demografische und demoskopische Aspekte samt Datenschaubildern ab. Vielen Dank!

Mittwoch, 2. Januar 2008

BMI-Studie zu Muslimen in Deutschland

Als das Bundesministerium des Inneren die an der Universität Hamburg von Katrin Brettfeld und Peter Wetzels verantwortete Studie "Muslime in Deutschland" veröffentlichte, geschah erst einmal wieder Bezeichnendes: Unter hohem Zeitdruck überflogen einige sonst kaum mit Religion(en) befasste Journalisten den Text, pickten die deftigsten Zahlen heraus (z.B. "40% fundamentale Muslime" - ohne Hinweis dass "fundamental" nicht "fundamentalistisch" heißt) und verpackten das Ganze in möglichst peppige Überschriften.

Dabei hat die Studie und haben ihre Erkenntnisse eine sehr viel differenziertere Aufmerksamkeit verdient! Eine ganz hervorragende Rezension und Übersicht leistet z.B. Eberhard Seidel in der taz hier.

Hier ein Auszug:
"Bar jeder abgesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse wurde über die Unvereinbarkeit des Islam mit der Demokratie schwadroniert, über die Gewaltbereitschaft der Muslime.

Die Studie "Muslime in Deutschland" könnte die Auseinandersetzung vom Kopf auf die Füße zu stellen. Denn die Ergebnisse stellen klar: Die mehr als drei Millionen Muslime in Deutschland sind keine fünfte Kolonne eines weltweit agierenden Dschihadismus. Sie haben mehr Ähnlichkeiten mit der Mehrheitsgesellschaft, als dieser möglicherweise lieb sein mag."

Der größte Unterschied zwischen muslimischer Minderheit und Mehrheitsgesellschaft bestehe, so die Studie und Seidel, in der Bedeutung der Religion.

Wie auch bei den Fragen zur Geburtenentwicklung von Muslimen ist also zu hoffen, dass auch in unserer Sekunden-Clip Zeit doch die Fakten langsam durchdringen.

Samstag, 29. Dezember 2007

Aleviten - und der Streit mit dem Tatort!

Während die Republik über die Feiertage den Tod mehrerer Kinder deutscher Familien durch Gewalt und Vernachlässigung diskutierte, griff die Tatort-Folge "Wem Ehre gebührt" des NDR das bei vielen Deutschen beliebte Thema "Ehrenmorde unter Türken" auf. Tatmotiv der Folge war der Inzest-Vertuschungsversuch eines türkisch-alevitischen Familienvaters, der dazu eine Tochter umbrachte.

Die Alevitische Gemeinde Deutschlands reagierte heftig: unter anderem mit einer Strafanzeige gegen den NDR, einer spontanen Demonstration gegen den Film gestern, einer angekündigten Großdemonstration am Sonntag und einem Appell an Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Eingreifen.

Nun herrscht einige Verwirrung. Ein neuer Karikaturenstreit mit einer religiösen Minderheit? Aber waren die Aleviten nicht "die liberalen Muslime" schlechthin? Warum werfen die türkisch-muslimischen Aleviten dem NDR vor, "sunnitische" Vorurteile wiedergegeben haben? Und warum werden in offiziellen Statistiken der Türkei die Aleviten gar nicht als Glaubensgemeinschaft ausgewiesen?

Zeit, für eine kleine Einführung in die wechselvolle Geschichte einer vielfältigen Religionsgemeinschaft.

Formierung des Alevismus

Als sich der osmanische Zentralstaat im Gebiet der heutigen Türkei etablierte, ging eine (v.a. auch durch religiöse Orden betriebene) Verbreitung des Islam mit einer traditionellen Akzeptanz religiöser Minderheiten einher. Neben der Erhaltung der etablierten Gemeinschaften wie Christen, Juden oder auch Yeziden entstanden jedoch auch neue Religionstraditionen. Insbesondere in ländlichen Regionen flossen lokale, vorislamische Überlieferungen (christlicher, zoroastrischer, naturreligiöser u.a. Wurzel) mit islamisch-schiitischen und mystischen Elementen zusammen und ergaben eine vor allem auf mündlicher (und musikalischer) Überlieferung basierende Religionskultur, die sich dezidiert kritisch zum osmanischen Zentralstaat und der orthodoxen Geistlichkeit stellte. Im tragischen Schicksal Alis und der blutigen Verfolgung der schiitischen Imame durch die damaligen, sunnitischen Kalifate erkannten die frühen Aleviten ihre Unterdrückungserfahrungen durch eine ferne Zentralmacht wieder. Statt der Moschee rückten Cem-Versammlungshäuser in den Mittelpunkt des religiösen Lebens, statt des islamischen Ritualgebets mystisch-verehrende Musik und Tänze, statt orthodoxer Schriftkunde die mündliche Tradition begabter Poeten und Sänger sowie vor allem heiliger Familien aus Dedes und Anas (spirituellen Vätern und Müttern), die sich auf Ali und seine Nachkommen zurückführten. Der Kontakt auch zur schiitischen Orthodoxie ging so sukzessive verloren, sowohl vom sunnitischen Mainstream wie auch von der Mehrheit der schiitischen Geistlichen wurden und werden Aleviten als Häretiker betrachtet.

Immer wieder kam es daher zu Übergriffen des Staates bzw. staatsnaher, nationalreligiöser Mobs wie auch umgekehrt zu antiosmanischen Aufständen, bevor sich ein wackeliger Modus vivendi entwickelte: die Aleviten verzichteten auf jede Mission und dogmatische Verschriftlichung, die die Orthodoxie hätte herausfordern können. Sie verinnerlichten sogar, dass nur Kinder aus rein alevitischen Ehen wiederum Aleviten sein könnten. Im Umkehrschluss wurde ihnen in ihren Dörfern (meistens) ein eigenes, kulturell-religiöses Leben zugestanden. Ein Verbindungsglied zwischen Staatsreligion und alevitischer Minderheit bildete vor allem der sufische Bektaschi-Orden (der unter anderem auch für die religiöse Betreuung der aus Familien religiöser Minderheiten geraubten Janitscharen zuständig war).

Das Klischee der Inzucht, das den Aleviten bald von der sunnitischen Mehrheit entgegengebracht wurde, basierte also einerseits (wie die Alevitische Gemeinde in der Diskussion mit dem NDR hervorhebt) auf dem Umstand, dass in den alevitischen Cem-Versammlungen mit Tänzen und Musik keine strikte Geschlechter- und Generationentrennung erfolgt, aber andererseits auch auf der strikten Endogamie, die Ehen mit Andersglaubenden noch strikter ablehnte als der (sunnitische) Islam, Christen- oder Judentum.

Alevismus in der Moderne

Durch die Entwicklungen der Moderne veränderte sich die Situation der Aleviten drastisch. Mit dem Wegzug aus den Dörfern in die wachsenden, türkischen Großstädte brachen die traditionellen Gemeinschafts- und auch Traditionsstränge auseinander, zugleich endete die räumliche Trennung. Mit der wachsenden Zahl der Mischehen gingen die Kinder den alevitischen Gemeinschaften verloren, Assimilation wurde je nach Perspektive als Bedrohung oder Hoffnung betrieben. Sowohl von orthodox-religiöser wie auch von türkisch-rechtsextremer Seite wurden nichtassimilierte Aleviten zugleich massiv verleumdet und teilweise auch angegriffen. Umgekehrt strömten Aleviten (auch wegen der religiösen Entgemeinschaftung) in linksorientierte Gewerkschaften und Parteien und die Wahrnehmung alevitisch-links, sunnitisch-rechts vermischt bis heute politische und religiöse Konfliktlinien. Auch die Zahlenangaben spielen hierbei eine Rolle: alevitische Vertreter rechnen die eigene Anhängerschaft gerne hoch, sunnitische Sprecher gehen von sehr geringen Anteilen aus. Die Realität liegt in der Mitte: unter der großen Grundgesamtheit von Muslimen mit alevitischen Wurzeln identifiziert sich nur ein Teil als alevitisch und ein noch kleinerer Teil im religiösen Sinne verschieden von der türkisch-sunnitischen Mehrheit.

Erst Pogrome wie das Massaker von Sivas noch 1993, bei dem 37 Menschen (Aleviten und sunnitische Intellektuelle) verbrannten, führten zu einem zwischenzeitlichen Aufleben alevitischen Identitätsbewusstseins. Ziel des rechtsextrem wie auch islamistisch orientierten Mobs war v.a. Schriftsteller Aziz Nesin, der zuvor das Buch „Satanische Verse“ von Salman Rushdi ins Türkische übersetzte und die zunehmende Islamisierung und allgemein die Zustände in der Türkei kritisiert hatte - das verspätete Eingreifen der türkischen Staatsmacht wurde als Sympathisieren mit den Angreifern aufgefasst. Auch assimilierte Aleviten fühlten sich im Stich gelassen.

Die widersprüchliche Situation der Aleviten wird bis heute im Verhältnis zum türkischen Zentralstaat deutlich: einerseits wurden die national-kemalistischen Reformen einschließlich der strikten Kontrolle der islamischen Religionsausübung durch den ("laizistischen") Staat als Schritte zu bürgerlicher Gleichberechtigung und zum Schutz vor islamischen Extremisten begrüßt - viele Aleviten stiegen in Bürokratie, Politik, Justiz und Militär in hohe Ränge auf (und gerieten damit in die wechselseitige Eskalation anti-alevitischer und anti-sunnitischer Verschwörungstheorien). Andererseits aber verweigerte dieser türkisch-kemalistische Nationalstaat auch den Aleviten (insofern sie sich religiös verstanden) die eigene Identität. Ihre Existenz als eigenständige Religionsgemeinschaft wurde (und wird bis heute) geleugnet, mit den traditionellen Sufi-Orden auch ihre Strukturen (und damit Verbindungen zum sunnitischen Mainstream) aufgelöst, Cem-Veranstaltungen bestenfalls als "Folklore" gestattet und die islamische Staatsbehörde Diyanet setzte ihr religiöses Monopol mit dem Bau von Moscheen auch in alevitischen Dörfern und der Verpflichtung auch alevitischer Kinder zum sunnitischen Religionsunterricht durch. Der Aufstieg war also möglich, kostete aber nicht selten die religiöse Identität.

Bis heute bleiben die alevitischen Gemeinschaften auch untereinander in kaum kompatible Flügel zerstritten. Eine linksnationalistische Strömung hält am klassischen Kemalismus (sowie einer Reihe weiterer, säkularer (v.a. sozialistischer) Ideologien) fest und orientiert sich überwiegend zentralwirtschaftlich und religionsfeindlich. Die eigene, alevitische Identität wird hier nur noch als individuelles, "kulturelles" Erbe verstanden, religiöse Elemente als "fortschrittsfeindlich" aufgegeben. Daneben stehen traditional-ländliche Strömungen, die die eigene Lebensführung strikt bewahren und den vertieften Kontakt zu Sunniten eher meiden. Und schließlich gibt es eine Strömung alevitischer Reformer, die einerseits eine eigenständige, alevitische Religionsgemeinschaft etablieren wollen, dabei aber auch traditionelle Elemente (wie das Verbot von Mischehen und Konversionen) zu überwinden versuchen.

In Europa und besonders in Deutschland und Österreich hat dieser dritte Flügel, geschützt durch den Rechtsstaat, Gemeindestrukturen etablieren können. Vereinzelt (so in Baden-Württemberg) ist es sogar zur Einführung von Modellversuchen auch eigenen, alevitischen Religionsunterrichts gekommen. Mit langsam wachsender Distanz zur Türkei ist sowohl der Einfluss der alevitischen Links- wie sunnitischen Rechtsnationalisten gesunken, teilweise hat ein vorsichtiger Dialog und Abbau der historischen Spannungen begonnen. Gleichzeitig aber haben die alevitischen Strukturen massive Nachwuchssorgen, da gerade auch Aleviten häufig säkularisieren, keine verbindlichen Schrifttraditionen existieren und nach wie vor der Status von Kindern aus Mischehen und Konversionswilligen inneralevitisch umstritten bleibt.

Der NDR-Tatort hat insofern ungewollt mehrere religionspolitische Aspekte auf einmal berührt. Einerseits weckt er bei vielen Aleviten genuine, traumatische Erinnerungen an Diskriminierungen, Verleumdungen und Verfolgungen durch sunnitische Nationalisten und Orthodoxe. Der Appell an die Bundeskanzlerin als Vertreterin der staatlichen Schutzmacht erfolgte so vor dem Hintergrund türkischer Erfahrungen.

Auch griff der NDR das gemeinsame, gerade auch in der europäischen Diaspora gepflegte Selbstbild religiöser und säkularer Aleviten als einer besonders fortschrittlichen und gut integrierten Kulturgemeinschaft an, die z.B. mit vermeintlich "sunnitischen" (in Wirklichkeit traditionalistischen) Ehrenmorden nichts zu tun habe.

Und schließlich bietet die echte Empörung den alevitischen Verbänden eine seltene Chance, die bröckelnden Reihen doch noch einmal zu schließen und eine gemeinsame Identität mit gemeinsamen Zielen zu beschwören.

Insofern wage ich die Prognose, dass sich die Debatten nicht sehr schnell beruhigen werden. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass sie noch eine gute Wendung zu mehr Kenntnis und Respekt zu nehmen vermögen, denn letztlich geht es den Aleviten mehrheitlich tatsächlich emotional um Schutz und Anerkennung; also um Güter, die Rechtsstaat und Medien mit Religionskompetenz durchaus erbringen könnten. Auch in diesem Streit finden also Lernprozesse statt.

Donnerstag, 20. Dezember 2007

Gesegnetes Opferfest - und Koransure zu Islam & Wissenschaft

Den muslimischen Freundinnen und Freunde wünsche ich heute ein gesegnetes Opferfest (Eid al-Adha / Kurban Bayrami), in dem an die von Gott vereitelte Opferung eines Sohnes Abrahams erinnert wird.

Nähere Informationen und weitere Links zum Fest finden Sie zum Beispiel auf www.feste-der-religionen.de - die Seite wurde von Kerstin Probiesch gestaltet, die auch einen religionswissenschaftlichen Schwesterblog betreibt.

Ich möchte dagegen heute einfach einen Koranvers zitieren, der mir besonders aufgefallen ist und den ich anläßlich eines Vortrages zum Verhältnis Evolutionstherie - Religion neben einen Bibelvers stellte.

So heißt es im Quran, Sure 45 (Die Knieende), Vers 3 & 4 in deutscher Übertragung:

„In den Himmeln und auf der Erde
gibt es fürwahr Beweise für die Gläubigen.
In der Erschaffung von euch
und in den Tieren, die Er verbreitet hat,
finden sich Beweise für Leute,
die ihres Glaubens gewiss sind.“
- Koran, Sure 45 „Die Kniende“, 3,4

Was mir dabei auffiel war, dass hier einerseits der Anspruch formuliert wird, Wissenschaft wert zu schätzen und keine Angst vor Erkenntnis zu haben - denn letztlich würden "die Gläubigen" darin immer wieder auch "Beweise" finden. Gemeint sind aber nicht logische Gottesbeweise, sondern erweiternde und vertiefende Erkenntnisse zum bereits bestehenden Glauben - es finden sich "Beweise für Leute, die ihres Glaubens gewiss sind".

Dies entspricht durchaus dem Erkenntnisstand des heutigen Dialoges aus Geistes- und Naturwissenschaft. Gott lässt sich wissenschaftlich weder beweisen noch widerlegen - doch hat es nie an (gerade auch bedeutenden) Wissenschaftlern gemangelt, die gerade durch ihre Erkenntnisse den eigenen Glauben vertieft vorfanden.

Viele Muslime beklagen heute (wie ich finde, zu Recht), dass das Streben nach Bildung und Wissen(schaft) in Teilen der islamischen Welt erstickt worden ist. Und auch als Christ muss man mit Sorge das Treiben christlicher Fundamentalisten betrachten, die zum Beispiel die Evolutionstheorie am liebsten wieder aus den Schulen verbannen würden. Futter finden die religiösen Extremisten dabei natürlich auch von nicht weniger fundamentalen Atheisten, die Wissenschaft als Arsenal zur Verhöhnung religiöser Überzeugungen missbrauchen.

Doch ich bin zuversichtlich, dass sich im Islam Stimmen wie das Islamische Wort "Islam und Bildung" von Emina Corbo-Mesici durchsetzen und dass sich in Zukunft noch mehr Forscher verschiedenen und auch keinen Glaubens zusammenfinden, um seriös und gemeinsam nach Erkenntnis zu streben. Zur Gestaltung unserer Welt, zu Respekt vor der Schöpfung und zum Frieden zwischen den Völkern und Kulturen kann dies und kann jeder beitragen.

Ihnen und uns allen eine gesegnete Festzeit!

Dr. Blume

Religionswissenschaft aus Freude
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de

kostenloser Counter

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Neues Konzept in den...
Nachdem die Diskussionen in "Natur des Glaubens" zuletzt...
blume-religionswissenschaft - 5. Jul, 11:15
Grenzen überwinden...
Termin: Di 9.12.08, 18:00 – 19:30 Uhr Ort: Pavillon...
blume-religionswissenschaft - 4. Jul, 16:39
Zunächst einmal...
...ein herzliches Dank an alle, die ebenfalls zum Thema...
blume-religionswissenschaft - 3. Jul, 20:29
Obama möchte Bushs...
Auch in den USA ist das Staat-Kirchen-Verhältnis.. .
blume-religionswissenschaft - 3. Jul, 18:19
Kinder, Kirchen, Kapital...
Universität Hohenheim Institut für Volkswirtschaftslehre...
blume-religionswissenschaft - 3. Jul, 15:12

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (with comments)
xml version of this topic

twoday.net AGB

Aus den Alben

"Ohne Gott leben. Wie geht das?" Diese Frage stellte das Erzbistum Köln auf seiner Internetseite www.ohne-gott.de. In einem einjährigen Projekt mit Studierenden der Religionswissenschaft der Universität Leipzig hat der Religionswissenschaftler und Psychologe Dr. Sebastian Murken die Antworten der Menschen aus dem Internet ausgewertet.

Suche

 

Status

Online seit 546 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 5. Jul, 11:15

Veranstaltungen
Begrüßung und Einführung
Bilderalbum
Buddhismus
Christentum
Demografie & Familienbilder
Dialog
Durkheim, Emile
Evolutionary Religious Studies (ERS)
Evolutionsforschung
F.A. von Hayek
Islam
Judentum
Kult-Filme
Memetik, UD & ID
Migration & Religion
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren