"Macht Glaube depressiv?", so fragt der SPIEGEL in seiner Ausgabe 37/2008, S. 141 und zitiert eine Studie von Forschern der Ohio State University in Columbus. Demnach wiesen US-amerikanische Schüler mit asiatischem Hintergrund, die mindestens einmal pro Woche einen Gottesdienst besuchten, eine höhere Wahrscheinlichkeit von Depressionen auf als ihre nichtreligiösen Mitschüler sowohl asiatischer, schwarzer und weißer Herkunft.
Populärwissenschaftlicher Glaubensstreit
Im "Glaubensstreit" darüber, ob Religiosität grundsätzlich (immer, oft, manchmal, nie?) gesundheitsförderlich ist, wird diese Meldung sicher wieder für Wirbel sorgen - in der empirischen Wissenschaft längst nicht mehr. Denn auch die Gegenargumente liegen auf der Hand: Die Korrelation ließe sich ja auch genau umgekehrt lesen - dass nämlich junge Menschen, die mit Identitätsproblemen kämpfen, gerade deswegen Hilfe und Zuflucht in der Religion suchen. Gerade unter Migranten ist das ein häufiger Effekt - und eine religionssoziologische Studien über christliche Religiosität chinesischer Zuwanderer in die USA hatte ich
hier bereits vorgestellt und verlinkt.
Religiosität kann beides: Gesundheit fördern oder beeinträchtigen
Auch Mediziner, die gesundheitliche Effekte von Religiosität bejahen, räumen jedoch längst ein, dass Glaube in bestimmten (beispielsweise fundamentalistisch-angstbesetzten) Ausprägungen auch Gesundheit beeinträchtigen kann (vgl. zum Beispiel
diesen Beitrag von Dr. med. Rene Hefti) - von extremen Kasteiungs- und Askesepraktiken etc. ganz zu schweigen.
Als differenzierter Experte im deutschsprachigen Raum darf der Religionspsychologe Prof. Dr. Sebastian Murken gelten, der erfreulicherweise viele seiner Veröffentlichungen
hier auch online zugänglich gemacht hat.
Im Rahmen der Evolutionsforschung zur Religiosität...
...werden gesundheitliche "Costs and Benefits" der Religiosität vor allem in den USA erfreulich ausgiebig thematisiert, zumal die Templeton-Stiftung viele diesbezügliche Studien finanzierte, ohne deren Befunde zu beeinflussen. Gegen allzu einfache Schlüsse ist jedoch aus evolutionärer Perspektive dennoch einzuwenden, dass Gesundheit für sich genommen noch keinen evolutionären Nutzen darstellt - entscheidend ist allein die Weitergabe der Gene, der Reproduktionserfolg.
In
den Worten des Kasseler Evolutionspsychologen Harald Euer: "Überlebensvorteile, die sich nicht in Fortpflanzungsvorteile ummünzen, sind belanglos. Hingegen sind Fortpflanzungsvorteile selbst dann evolutionär wirksam, wenn sie ihre Vorteile mit einer Verkürzung des Lebens erkaufen.“
Und die reproduktiven Vorteile durch Religiosität sind empirisch nachweisbar (z.B. eine schon ein Jahr alte
Datensammlung), lassen sich für die historische Analyse ggf. fruchtbar machen (z.B. eine Analyse der
Bio-Logik der 10 Gebote) und auch an zeitgenössischen Fällen studien (z.B. die deutschsprachigen
Amischen in den USA).
Und auch ein Teil der durchschnittlichen, gesundheitlichen Vorteile von Religiosität dürften auf demografische Faktoren zurück gehen: So heiraten religiöse Menschen eher und stabiler - und soziale Einbettungen in Familie und Gemeinschaft begünstigen u.a. wiederum eine höhere Lebenserwartung. Es bleibt also interdisziplinär noch viel zu entdecken, zu klären und zu verstehen!