Dieser Blog dient ja gerade auch dem Dialog mit den Lesern und so starte ich hier eine Reihe von Gastbeiträgen zu unserem Buch "
Gott, Gene und Gehirn". Wer es gelesen hat und sich dazu ein wenig ausführlicher äußern möchte - einfach
per Homepage an mich. Da Elsa Laska schon eine
inhaltliche Rezension auf ihrem Blog geschrieben hat, hat sie sich für ihren Gastbeitrag für die Form der
Satire bezüglich zweier "Lieblingszitate" entschieden. Viel Spaß!
Elsa Laskas Gastbeitrag
Die gute Leistung von "Gott, Gene und Gehirn" ist, _ich sagte es schon an anderer Stelle (
Klick hier), die ausgewogene und differenzierte Darstellung des aktuellen Forschungsstandes zur Evolution von Religiösität, lesbar gemacht und aufgelockert durch Anekdoten und Zitate.
Ein Zitat hat es mir ganz besonders angetan, und zwar auf S. 118, wo es um das bleibende Rätsel der Kontingenzbewältigungspraxis von Religion geht. Steven Pinker ist Psychologe und Linguist an der Harvard Universität und stellt sich folgende Frage: Wenn Religion nichts weiter als eine Illusion ist, warum sollte sich dann ein Gehirn entwickeln, welches in Überzeugungen Trost findet, die es eindeutig als falsch erkennt: Ein frierender Mensch findet keinen Trost in dem Glauben, dass ihm warm sei, ein Mensch, der einem Löwen gegenübersteht, lässt sich nicht durch den Glauben beruhigen, es handle sich um ein Kaninchen.
Herr Pinker hat wohl noch nichts von den heiligen Männern Indiens gehört, die mittels psychischer Techniken das Eis, auf dem sie meditieren zum Schmelzen bringen oder einen hungrigen Löwen durch Mantrarezitation zähmen. Das klingt nach pseudowissenschaftlichem Humbug? Der evolutionäre Vorteil dieses Verhaltens wäre tatsächlich noch empirisch zu belegen...
Ich will es aber mal so sagen: Wenn ich friere, werfe ich mir einen Schal um und ziehe Handschuhe an oder entzünde ein Feuer (sehr guter Effekt auf meinen evolutionären Vorteil). Wenn vor mir ein hungriger
Löwe steht, habe ich ein Problem, jedoch: Wenn der Rosenkranz Abhilfe schaffen sollte, werde ich dafür sorgen, dass die Kongregation für Heiligsprechung davon erfährt und nach meinem Tode seliggesprochen. Im anderen Fall ende ich als Blutzeugin und werde unverzüglich seliggesprochen (fragwürdiger evolutionärer Vorteil).
Dass das Göttliche existiert, können wir nicht objektiv wissen, nur glauben und hoffen (und manchmal auch subjektiv erfahren), aber nicht, weil wir in einem Iglu voller Löwen sitzen und uns einreden, es sei eine Sauna voller Kaninchen. Das macht Glauben nicht aus, deshalb wundert sich Herr Pinker zu Recht.
Oho und Herrje, höre ich es mir schon aus dem Kommentarbereich entgegenschallen, natürlich ist Religion Selbstbetrug, und außerdem hat der Mann bildlich gesprochen. Gut, sage ich, aber genau das tue ich auch. Die christliche Religion z. B. ist schließlich nicht deshalb erfolgreich geworden, weil sie in Form von Pressemitteilungen auf uns gekommen ist und dazu noch propagiert, dass warmes Wasser aus dem Hahn kommt anstatt kaltes.
Das soll nicht heißen, dass die bildreiche Sprache das alleinige Privileg jüdisch-christlicher Tradition ist - aber wir haben die längere Erfahrung und sind rein literarisch-qualitativ betrachtet erfolgreicher:
Durch die Niederlegung der Evangelien wurde die moderne Literatur erst möglich gemacht*. Abgedreht? Nein, nur eine weitere wissenschaftliche Theorie, wie zahllose andere auch. Jedenfalls, solange die Geisteswissenschaften noch dazu zählen ...
Aber zurück zu unserem Löwen-Problem. Ich bin mir sicher, dass der Hl. Thomas von Aquin höchstselbst einen handfesten spirituellen Rat weiß, aber solange ich die Stelle nicht finde, hilft uns Glaubenden jemand aus der Patsche, von dem bisher nicht viel Hilfe zu erwarten war. (Abgesehen von der, dass wir nach der Lektüre seines Kinderbuches gehaltvollere Beichten ablegen konnten).
Es ist der Philosoph und Autor Michael Schmidt-Salomon. Zum evolutionären Vorteil von religiösen Gruppen verweist er auf die "Primatenhirn-Konstruktion" eines Gottes als "imaginäres Alpha-Männchen". Hn? Dieser Gedankengang ist für jemanden, der - im Gegensatz zum Dschungelhelden Tarzan -, unter Homo sapiens aufgewachsen ist, nicht besonders naheliegend. Das Prinzip ist aber ganz einfach, so Schmidt-Salomon weiter: "Wer es versteht, einen besonders guten Draht zum jenseitigen ,Silberrücken' [Gorilla] zu besitzen, kann allein dadurch seine Stellung innerhalb der menschlichen Säugetierhierarchie aufbessern ..."**.
Mal abgesehen davon, dass es merkwürdigere Formen von
Glauben gibt als diesen, - u.a. den Glauben an den Storch -, sehen wir hier die Lösung unseres Löwen-Problems in Greifweite. Glaubende sind ja blöder als Nichtglaubende, hört man immer öfter, aber dass sie so blöde wären, sich vorzustellen, der hungrige Löwe vor ihnen sei ein Kaninchen, wo sie doch einfach nur das Große Silberrückengorilla-Alpha-Männchen anrufen bräuchten, der ihn mit seinem Brustgetrommel verjagt, so blöde sind sie dann auch wieder nicht. Sonst wär's ja auch Essig mit unserem evolutionären Vorteil.
* vgl. Langenhorst, Georg: Theologie und Literatur. Ein Handbuch.
Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 2005; insbes. auch Auerbach, Erich: Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur. 3. Auflage. Bern: Francke 1964 (Erstausgabe 1946).
**Blume, Michael und Vaas, Rüdiger: Gott, Gene und Gehirn. Stuttgart: Hirzel Verlag 2008, S. 120