Fragen

Montag, 16. März 2009

Frage: Erforscht die Religionswissenschaft auch die Metaphysik

Die Kommentatorin Mona hatte in dieser Diskussion folgende Frage(n) aufgeworfen:

Erforscht die Religionswissenschaft auch Metaphysik (Philosophie des Seins)?

Ja und Nein. :-)

Ursprünglich war die Religionswissenschaft da sehr optimistisch und meinte, umfassende Seinsaussagen und Definitionen zu religiösen Phänomenen erbringen zu können. Das Problem dabei: Schon mit jeder Realdefinition (z.B. "Das ist das Heilige.") begibt sich der Religionswissenschaftler aus dem Bereich der wissenschaftlichen Erforschung in den der religiösen oder weltanschaulichen Verkündigung.

Daher gilt heute in der Religionswissenschaft, wie in anderen Wissenschaften auch, das Primat des methodologischen Agnostizismus - wir schließen die Existenz übernatürlicher Akteure nicht aus, erforschen aber beobachtbare Phänomene ohne vorgeschaltete Glaubensannahmen. Stattdessen arbeiten wir aus Perspektiven der Philologie, Soziologie, Psychologie oder eben (zunehmend) der Biologie.

Zur Religionswissenschaft gehört aber immer auch die Religionsphilosophie und so halten wir uns auch da informiert, einige von uns arbeiten eng mit Philosophen und/oder Theologen zusammen und ein kleiner Zweig (v.a. in Frankfurt) hält auch am phänomenologisch-vergleichenden Zugang a la Rudolf Otto fest, der im Religionsvergleich nach dem Numinosen / Heiligen tastete.

Theologie und Philosophie werden ja oft als miteinander konkurrierende Wissenschaften angesehen. Mich würde deshalb interessieren wie die Religionswissenschaft mit diesem Spagat umgeht.

Insofern die Religionswissenschaft die beobachtbaren Phänomene, z.B. religiöses Verhalten, vergleichend erforscht und beschreibt, wird sie von den anderen Disziplinen als Gesprächs- und Kooperationspartner geschätzt. Auch finden sich innerhalb der Religionswissenschaft sowohl atheistisch-religionskritische wie agnostische und religiöse Personen, so dass das Fach als Ganzes nicht Partei ergreift, sondern Diskussion & Kooperation ermöglicht.

Ich meine der philosophische Gottesbeweis ist zwar für das religiöse Leben nicht erforderlich, wird aber von einer von wissenschaftlich-rationalem Denken geprägten Gesellschaft quasi eingefordert.

Das stimmt, wobei auch der theologisch und/oder philosophisch informierte Religionswissenschafter hier stets zwischen seiner persönlichen, eigenen Haltung und der wissenschaftlichen Methode unterscheiden wird. Das kann den Menschen dann auch wiederum selbst helfen, zwischen wissenschaftlichen Beobachtungen und deren wertenden Deutungen zu unterscheiden. Übernatürliche Akteure (Ahnen, Geister, Götter, Außeriridsche, Gott etc.) lassen sich wissenschaftlich weder beweisen noch widerlegen und auch der Religionswissenschaftler kommt also um die Frage einer persönlichen Positionierung meist nicht herum. Die sieht entsprechend unterschiedlich aus - und eine der großen Chancen der Religionswissenschaft besteht gerade darin, dass hier Menschen sehr unterschiedlicher Weltanschauung wissenschaftlich gerne zusammen arbeiten!

Danke für die Frage, @mona!

Samstag, 7. März 2009

Frage zur Evolutionsforschung zur Religion

Am Dienstag (10.3.) erscheint das neue Heft von Gehirn & Geist mit dem Titel: "Zum Glauben geboren? Forscher ergründen die Evolution der Religion". (Klick auf das Cover führt zum Themenartikel).

Am 10. März 2009 wird die evolutionäre Religionswissenschaft in mehreren Artikeln behandeltes Titelthema bei Gehirn & Geist sein.

Ein Leser aus der Schweiz hat dazu vorab ein Mail übersandt, das ich gerne hier beantworte.

Sehr geehrter Herr Dr. Blume,

der Titel \"Evolution der Religion\" ist schon mal falsch, denn von Darwin ist Evolution als die natürliche Entwicklung des Lebens auf der Erde definiert. Das hat mit Änderungen von Auffassungen in der Religion überhaupt nichts zu tun, sondern es handelt sich um eine begriffliche Schlamperei.


Lieber Herr XY, danke für Ihr Interesse! Lassen Sie mich direkt mit Darwin antworten: Dieser selbst hatte bereits in seiner "Abstammung der Arten" erste Thesen zur Evolution von religiösen Veranlagungen und Glaubensinhalten wie dem "Glauben an Gott" entworfen - sogar unter der expliziten Abschnittüberschrift "Gottesglaube, Religion" (Cap. 3, in der deutschen Ausgabe S. 103). Wenn Sie so wollen, knüpfen wir heutigen Wissenschaftler (verschiedenster Disziplinen und Länder) an diesen ersten Skizzen an.

Vielleicht hilft es, einfach auf zwei andere, biokulturelle Phänomene zu verweisen: Sprache und Musik. Niemand bestreitet, dass es biologische Grundlagen gibt (Sprachfähigkeit, Musikalität), die immer im kulturellen Wettbewerb ausgeprägt und tradiert werden (Sprachen, Musikstücke) und damit auf die Biologie rückwirken (das Beherrschen von Sprachen und Musiken kann adaptiv sein). Für Religion gilt offensichtlich genau das Gleiche, wir benötigen bislang keinerlei Zusatzannahmen: Wir haben biologische Grundlagen für Religiosität (=Verhalten zu übernatürlichen Akteuren), die immer kulturell ausgeprägt und tradiert werden (Religionen). Und dass sich religiös vergemeinschaftete Menschen z.B. deutlich erfolgreicher kooperieren und fortpflanzen, vermuten wir ja nicht nur - wir messen es.

Eine Übersicht über online frei verfügbare, internationale Studien finden Sie z.B. auch hier:
http://www.blume-religionswissenschaft.de/english/wrrr.html

Was finden Sie übrigens an Religion so faszinierend ?

Ich halte es für eine Grundentscheidung, wie wir Menschen mit Phänomen umgehen, die wir nicht verstehen. Wir können das Unverstandene von oben herab als absurd beschimpfen - oder es erforschen. Ich plädiere für Letzteres.

Stellen Sie sich bitte einfach vor, wir würden z.B. bei Schimpansen sehr komplexes und kostspieliges Verhalten beobachten, für das wir keine Erklärung haben. Fänden Sie es nicht interessant, dieses wissenschaftlich zu erforschen? Und sollte uns das Verhalten unserer eigenen Spezies nicht noch viel mehr interessieren - auch um zu lernen, mit uns selbst besser umzugehen?

Wer Menschen interessant findet, kann Religiosität nicht ignorieren.

Es handelt sich um das Auslösen von Gefühlen durch als wahr geglaubte Wahn-Ideen.

Diese These wird u.a. von Richard Dawkins und Daniel Dennett seit längerem vertreten - leider ohne jede empirische Stütze. Denn ein "Wahn" (mithin: eine Krankheit) würde die betroffenen Organismen insgesamt schädigen, also ihre Fitness (= ihren Gesamt-Reproduktionserfolg) beeinträchtigen. Wie Sie oben lesen können, ist jedoch insgesamt das Gegenteil der Fall!

Natürlich können Sie metaphysisch behaupten, letztlich handele es sich doch um eine zufällige Illusion. Aber das ist wissenschaflich eben genau so wenig überprüfbar wie die Existenz Gottes, es ist eine Glaubensfrage. Hierfür sind Theologen und Philosophen zuständig, nicht Evolutionsforscher.

Befassen Sie sich mal mit der historischen Entwicklung der Religionen, das klärt vieles und der überirdische Zauber verschwindet.

Lieber Herr XY, Sie dürfen davon ausgehen, dass meine Kolleginnen, Kollegen und ich uns seit Jahren und Jahrzehnten beobachtend, lernend, forschend und lehrend mit der historischen Entwicklung und Gegenwart der Religionen befassen. So sind Fallstudien auch in "Gott, Gene und Gehirn" eigene Kapitel gewidmet. Einen Beitrag, warum in der Antike der Eingottglaube obsiegte, finden Sie z.B. auch hier.

Hinter den Dingen ist nichts als unsere eigene Fantasie. Wir sind \"sprechende Säugetiere\" und nach dem Tod kommt dasselbe wie vor der Geburt; wir alle waren nämlich schon mal tot.

Mit Respekt und Interesse nehme ich Ihre Glaubensäußerung zur Kenntnis. Vielleicht ist es für Sie auch interessant zu erfahren, dass sehr viel häufiger Männer für den Atheismus plädieren, während Frauen (auch der gleichen Bildungsschichten) häufiger die Existenz Gottes bejahen. Auch dies ist evolutionsbiologisch übrigens gut erklärbar.

Grüsse aus der Schweiz

Auch Ihnen beste Grüße! Es würde mich sehr freuen, wenn Sie dem Thema wissenschaftlich interessiert verbunden blieben.

Dienstag, 23. Dezember 2008

Frage zu Spiritualität und Glauben

Im Rahmen dieser Diskussion um die wissenschaftlichen Arbeitsdefinitionen von Religiosität und Spiritualität warf Jimsonweet die folgende(n) Frage(n) ein. Ggf. wäre ein Theologie hier ein besserer Ansprechpartner, als Religionswissenschaftler kann ich natürlich nur vom wissenschaftlich-beobachtenden Standpunkt aus antworten, keine religiösen oder spirituellen Lehren verkünden. Dennoch fand ich die Frage so fair gestellt und auch persönlich begründet, dass ich versprach, noch vor Weihnachten auf sie einzugehen.

Die Frage wurde hier gestellt.

Die (bzw. der Versuch einer) Antwort:

"Kann Spiritualität mit einem Glauben verbunden werden???"

Ja, das ist zweifellos möglich - Abermillionen von Menschen tun genau das und leben ihre Spiritualität im Rahmen eines gemeinschaftlichen Glaubenssystems. Allerdings kann sich die Situation individuell deutlich unterscheiden und es kann also für den Einzelnen schwer oder unmöglich scheinen, dies zu tun (oder auch nur zu wollen) - sei es, weil die entsprechenden Erfahrungen sich nicht einstellen oder mit den gegebenen Lehren in Konflikt stehen.

"Ich bin geborener und getaufter Katholik. Konnte und kann mich mit diesem Glauben nicht anfreunden und bin bekennender Atheist.
Durch verschiedene psychische Probleme in meinem Alltag bin ich auf ein Buch mit dem Namen "Jetzt" gestoßen und bin damit in das Reich der Spiritualität eingetaucht, welches mich von Anfang an gefesselt hat. Nun, es hat mir geholfen mich meiner psychischen Probleme zu entledigen und meine Probleme haben mir geholfen, das Buch, die Spiritualität zu verstehen."

Hier wird m.E. sehr eindrucksvoll deutlich, wie wichtig es ist, die Begriffe der Religiosität und Spiritualität zu unterscheiden. Sie, lieber Fragender, haben sich von der Religiosität, in die Sie hineingewachsen sind, einschließlich des Glaubens an die Gottheit verabschiedet - daneben aber einen Zugang zu spirituellen Lehren und Erfahrungen gefunden, die Sie als subjektiv hilfreich zur Bewältigung psychologischer Probleme erlebt haben. Das ist zum einen erfreulich und unterstreicht, dass die beiden Dimensionen menschlicher Natur nicht einfach identisch sind. Allerdings sind sie auch nicht einfach getrennt, wie Sie dann schildern...

"Nun... damit nicht genug.
Zu oft tauchen in spirituellen Werken die Namen Gott und Jesus, Beispielstexte von Heiligen und Lehren der Kirche auf. Betrachtet man diese durch die Augen der Spiritualität ergeben diese Sinn... hier einige Beispiele:
- Lehren der Kirche: Denke nicht an morgen, denn das Morgen wird sich um sich selbst kümmern; Niemand, der den Pflug führt und zurückschaut, ist reif für das Königreich Gottes oder - die schönen Blumen, die sich nicht um das Morgen sorgen, sondern mit Leichtigkeit im zeitlosen Jetzt leben und für die von Gott ausreichend gesorgt wird ---- hat man sich mit Spiritualität befasst werden genannte Aussagen auf das Sein, das Jetzt, sich selbst im Inneren bezogen. Liest diese Zeilen jedoch ein Gläubiger werden seine Interpretationen ganz anders ausfallen.
- Formulierungen von Heiligen: Paulus: Alles wird erkannt, sobald es dem Licht ausgesetzt wird, und was immer dem Licht ausgesetzt wird, wird selber zu Licht --- auch hier spricht die Spiritualität von dem Wandel in sich selbst. Was würde dazu wohl ein Gläubiger sagen???"

Sehr viele Glaubende würden Ihnen zustimmen, andere die Nase rümpfen. Denn auch unter den Glaubenden aller Weltreligionen gibt es eine große Spannbreite von nüchterner Rationalität (die z.B. in Gebotserfüllung und Arbeitsethos "Sinn finden" kann) bis zu spiritueller Innerlichkeit, die die Heiligen Schriften "durch die Augen des Herzens" (u.ä.) zu erfassen versuchen. So haben Sie zum Beispiel im Islam strenge Orthodoxie neben sufischen (mystisch-spirituellen) Bruderschaften, in der katholischen Kirche kontemplative Laien- und Ordensbewegungen neben komplexen, kognitiven Theologien.

"Spiritualität im Märchen: War für mich kaum zu glauben dass Märchen einen spirituellen Hintergrund haben sollen... aber dem war so... und als ich auf eine solche Interpretation gestoßen bin, kamen auch hier wieder dieselben Aspekte, bezogen auf Gott - dem Sein - und die verschiedenen Bewusstheitsebenen mit den verschiedenen Konflikten."

Auch Märchen lassen sich spirituell lesen und im Laufe der abertausendfachen Erzählungen und Weitergaben haben sich immer wieder auch solche Elemente durchgesetzt, die Menschen auf unterschiedlichsten Ebenen angesprochen haben.

"Betrachtet man den Glauben (ich meine hier Religion) mit seinen ganzen Vorgaben (Glaube an dies, wie ist die Welt erschaffen worden, Kirche, die Entstehung selbst usw.) kann der Glauben als solches durch die Augen der Spiritualität nicht akzeptiert werden. Die katholische Glauben gibt vor dass Jesus... der Mensch gewordene Gott, auf die Erde zurückkehrt und uns verbessert... und die Gläubigen glauben das... und glauben an die MENSCHLICHE Erscheinung Jesus.... ist das nicht absoluter Quatsch???"

Hier muss ich widersprechen: Es gibt ebensowenig "den Glauben" wie "die Spiritualität". Millionen Menschen leben ihre Spiritualität in einem religiösen Rahmen und die Weltreligionen haben meist sogar eigene Orte (wie Heilige Bezirke (z.B. Berge), Klöster oder Schreine) entwickelt, in denen religiöse Menschen auch spirituelle Erfahrungen suchen können. Daneben gibt es auch eine religiöse Spiritualität des Alltags, die sich z.B. in Gottesdiensten, Gebeten, Ritualen im familiären oder auch individuellen Alltag (z.B. das Entzünden von Kerzen), Musik, Kunst, der Begleitung von Kindern oder auch Kranker, Verzweifelter, Sterbender, dem Schutz von Tieren und Schöpfung usw. ausdrücken kann. Und hier erleben wir immer wieder, dass die tiefe Erfahrung des Einen der Spott des Anderen sein kann.

"ich muss dazu sagen dass ich aufgrund meines Interesses an der Spiritualität, momentan überhaupt nicht verstehe wo ich stehe..."

Genau das ist die Kehrseite einer vornehmlich individuellen Spiritualität: Die großen Freiheiten gehen mit der Schwierigkeit der Verortung von Erfahrungen, Deutungen etc. einher. In spirituellen Gemeinschaften aber entwickeln sich bald wieder konsensuale Auffassungen, es bilden sich wieder religiöse Strukturen aus (wie auch umgekehrt, siehe oben, Religionen spirituelle Bewegungen hervorbringen)...

In diesem Jahr haben wir z.B. erlebt, dass schlichte YouTube-Videos von Musik und Gesängen der Zisterzienserabtei Heiligenkreuz Millionen auch junger Menschen über Nationengrenzen hinweg bewegten:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4995126/

"meiner Auffassung ist der Ursprung des Glaubens (Religion) die Spiritualität - und mittlerweile dermaßen "vermüllt" von Einbringungen verschiedener Persönlichkeiten, dass der tiefere Sinn des Glaubens beim Großteil der Menschheit komplett verloren gegangen ist."

Spiritualität ist sicherlich eine Quelle religiöser Erfahrung, aber mit Sicherheit nicht die einzige. So hat Religiosität stets eine soziale Komponente (im Bezug auf die übernatürlichen Akteure und die Gemeinschaft, die diese achtet und verehrt), wird durch Sprache und Rituale geformt usw. Die Auffassung, es gebe eine "ursprüngliche" Spiritualität, die gewissermaßen im "reinen", durch keine anderen Einflüsse "vermüllten" Einzelerleben zu finden sei, setzt ja wiederum gewisse Annahmen voraus: Beispielsweise, dass der Einzelne im Zentrum des Seins stehe und nicht z.B. Familien, Gemeinschaften oder Lehrer. Diese Auffassung kann man vertreten - und sie ist in der individualistischen Kultur des 21. Jahrhunderts sicher auch populär -, allerdings kann sie nicht für sich in Anspruch nehmen, die Evolutionsgeschichte des Menschen und menschlicher Religiosität fortzuschreiben. Nach allem, was wir wissen, war Homo Sapiens stets ein sich vergemeinschaftender Mensch und auch die religiösen und spirituellen Überlieferungen fanden, soweit wir sehen können, in der zwischenmenschlichen Vermittlung durch Erzähler und Deuter (z.B. Eltern, Schamanen, betagte Menschen, Musiker etc.) statt.

Wir könnten sogar annehmen, dass Spiritualität ein entscheidender Motivator für Menschen gewesen sein könnte, die letztlich religiösen Erzählungen, Rituale und Gebote ihrer Gemeinschaft immer wieder einerseits zu hinterfragen, andererseits neu zu formulieren, zu begründen und weiter zu geben. Auch in heutigen, schriftlosen Kulturen, in denen unsere Vorfahren evolvierten, zeichnen sich z.B. Schamanen oder Heiler durch den Zugang zu außergewöhnlichen Erfahrungen aus, die nur teilweise bewusst angestrebt werden, die sich sogar bisweilen gegen den Willen der Betroffenen manifestieren und ihm (und ihr) einerseits Achtung, andererseits auch oft Zeiten der Prüfung und Isolation eintragen. Für die nicht-schriftlichen Traditionen nehmen diese "spirituell begabten" Menschen wichtige Funktionen der Übermittlung und Darstellung wahr. Es ist möglich, dass sich mit der Verschriftlichung und also Verfestigung religiöser Systeme die Spannung zwischen dem religiös-gemeinschaftlichen und spirituell-kreativen Bereich tendenziell verschärft haben, so dass sehr spirituelle Menschen es schwierig finden, ihre Erfahrungen ins religiöse System einzupassen und die Verantwortlichen in Religionsgemeinschaften umgekehrt dem "vagabundierenden" Potential individueller Spiritualität skeptischer gegenüberstehen. Dies können jedoch nur sehr vorsichtige Vermutungen sein, die wissenschaftliche Landkarte zum Verhältnis Religiosität - Spritualität weist bislang allenfalls grobe Umrisse auf.

"Über eine sachliche Stellungnahme würde ich mich irrsinnig freuen."

Nun ja, ich habe mein Bestes versucht - im Bewußtsein, dass die trockene Sprache der Wissenschaft dem individuellen Erleben kaum gerecht werden kann. Aber vielleicht konnte ich ja deutlich machen, dass sowohl die individuelle Ausprägung von Spiritualität auch außerhalb jeder religiösen Gemeinschaft wie auch umgekehrt die Spiritualität im religiösen Leben ihre Geschichte und zu respektierende Würde aufweisen - und sich wohl auch in der Menschheitsgeschichte in Verflechtung und Abgrenzung immer wieder gegenseitig beeinflusst haben.

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Mono- und Polygamie

Eine recht originelle Frage hat mir "Yankel Moishe" im Chronolog von Yoav Sapir gestellt.

Frage

Sehr geehrter Herr Dr. Blume,

mich würde mal Ihre Meinung zu folgendem demographischen Problem interessieren.

Voraussetzungen
1. ist es allgemein und auch in religiösen Gemeinschaften üblich, dass der Mann älter ist als die Frau.
2. wird Fortpflanzung im religiösen Kontext nur im Zusammenhang mit einer Ehe gestattet.
3. ist Polygamie (jedenfalls in Christentum und - mittlerweile - Judentum ) verboten.

Wenn nun eine Gemeinschaft demographisch signifikant wächst (sagen wir um n Prozent pro Jahr),
dann geht bei einem Altersvorsprung von m Jahren der Männer gegenüber den Frauen m*n Prozent der Frauen eines Jahrgangs leer aus. Für (realistische!) Werte von n=4 und m=3 ergibt das schon 12 Prozent:
1000 Männer des Jahrgangs 1985 träfen auf 1120 Frauen des Jahrgangs 1988, 120 Frauen blieben also kinderlos. Welchen evolutionsbiologischen Sinn macht das aus Ihrer Sicht?

Antwort

Lieber YM, danke für die Frage und die Aufschlüsselung in drei Punkte, auf die sich gut eingehen lässt. Dabei sollten wir uns bewusst machen, dass wir von zwar heute in westlichen Gesellschaften dominierenden Konventionen sprechen, die so früher keine Geltung hatten (so erlaubte z.B. der klassische Islam die Fortpflanzung mit Sklavinnen auch neben den Ehefrauen) und auch heute noch keine umfassende Geltung haben (so ist Polygamie auch unter Christen in Afrika durchaus noch verbreitet). Aber Sie beziehen sich m.E. auf die geltenden Lehren der etablierten Religionen hier in Europa.

Ich darf die Voraussetzungen aufgreifen und damit erklären, warum der geringe Frauenüberschuss (der übrigens v.a. durch die niedrigere Lebenserwartung von Männern verschärft wird) in streng monogamen Gesellschaften akzeptiert wird.

1. Warum ist es allgemein und auch in religiösen Gemeinschaften üblich, dass der Mann älter ist als die Frau?

Traditionell diente die Ehe der gegenseitigen Versorgung und des erfolgreichen Aufzugs von Nachkommen, ggf. auch des direkten und verwandtschaftlichen Schutzes. Daher tendierten (und tendieren z.T. noch) Frauen zu Partnern, die bereits ökonomisch gut etabliert sind, wogegen Männer tendenziell an noch längeren Zeiten der Attraktivität und Fruchtbarkeit interessiert waren und sind. Ein bekannter Kalauer dazu lautet: Häufig heiraten Ärzte jüngere Krankenschwestern, sehr selten Ärztinnen jüngere Krankenpfleger. Wenn man die z.B. ökonomischen Folgen von Schwangerschaft analysiert, erscheint das durchaus nachvollziehbar.

Diese Konvention ist aber wohl allenfalls teilweise biologisch begründet, vor allem traditionell-kulturell empfohlen und wird, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse es zulassen, auch aufgeweicht. So heiratete z.B. auch der Prophet Mohammed die ältere Chadidscha, die ihrerseits Wohlstand in die Verbindung einbrachte und mir ist kein religiöses Verbot entsprechender Verbindungen in den größeren Religionen Europas bekannt.

2. Warum wird Fortpflanzung im religiösen Kontext nur im Zusammenhang mit einer Ehe gestattet?

Siehe oben - für Männer gab es da durchaus Ausnahmen, wenn sie "ihren Teil der Vereinbarung", also die Versorgung von Ehefrau(en) und Kindern, gewährleistet hatten. Umgekehrt aber wollten sie natürlich sicher gehen, dass diese ihre Leistungen dann auch "eigenen Kindern" zugute kam - Untreue der Frau wurde (und wird z.T. heute noch) viel gravierender betrachtet. (So wird Tamar nach Genesis 38 wegen vermeintlichen Ehebruchs zum Tode verurteilt, der verheiratete Juda aber für seinen Seitensprung nur beschämt.) Aber sogar dazu gab es in religiösen Traditionen bisweilen augenzwinkernde Ausnahmen, wenn sich partout kein dringend benötigter Erbe einstellen wollte, wie Wilhelm Busch in der berühmten Geschichte der "frommen Helene" und einer "wundersamen Wallfahrt" überliefert hat:
http://www.wilhelm-busch-seiten.de/werke/helene/kapitel11.html
(Kapitel 11 und 12... ;-) )

3. Warum ist Polygamie (jedenfalls in Christentum und - mittlerweile - Judentum ) verboten?

Polygamie (genauer: Polygynie, angesprochen ist hier die Ehe eines Mannes mit mehreren Frauen) hat eine gesellschaftlich gravierende Nebenwirkung: Sie sorgt dafür, dass einige erfolgreiche Männer mehrere Frauen haben und andere damit keine realistische Chance auf eine Familiengründung. Die Folge ist massive Spannung im gesellschaftlichen Gefüge, die entweder nach innen (massive Konkurrenz zwischen Habenden und Habenichtsen) oder nach außen (Eroberung von Bräuten) ausgedrückt wird.

Erfolgreich gehalten hat sich Polygynie daher nur, solange bei den Männern eine massiv (!) hohe Sterblichkeit (meist aufgrund von Gewalt, Krankheiten etc.) und kaum sozialstaatliche Struktur bestand - denn dann konnte es sowohl für die Frauen (oft: Witwen) angeraten sein, lieber die Zweit- oder Drittfrau eines Reichen zu sein, gleichzeitig bestand aber auch für die meisten ärmeren, überlebenden Männer die realistische Chance auf Gründung einer Familie. In der bereits erwähnten Tamar-Geschichte (Genesis 38) wird sehr schön deutlich, dass die biblische Leviratsehe ganz explizit und als Verpflichtung (!) Versorgung und Nachkommenschaft der Witwe sichern soll.

Sobald sich die allgemeine Lage aber verbessert, überwiegen die Nachteile und es setzt ein gesellschaftlicher Trend zur Abschaffung der Polygynie ein: im Judentum ebenso wie bei den christlichen Mormonen und heute wachsenden Teilen der islamischen Welt. An der rezenten Katastrophe einer fundamentalistischen Mormonenabspaltung kann man die nicht durchhaltbaren "Nebenwirkungen" offizieller Polygynie nachvollziehen (z.B. "lost boys", im Beitrag unten):
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4469483/

Auch in der biblischen Davidgeschichte wird der Konflikt zwischen dem König, der (noch) eine Frau möchte und dem Untertan, der Anrechte auf (s)eine Frau hat, dramatisch geschildert! Die Nachteile strenger Monogamie (geringer Frauenüberschuss) werden durch die massiven Nachteile erlaubter Polygynie in sozioökonomisch geregelten Verhältnissen (massives Konfliktpotential) mehr als aufgewogen. Insofern erscheint der innerjüdische, innerchristliche und innermuslimische "Trend" zur strengen Monogamie auch sozialethisch und bio-logisch nachvollziehbar: die Alternative wäre Entrechtung und Gewalt, mithin der Verlust von Sicherheit für alle.

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Religiosität und Spiritualität

Über die Homepage erreichte mich gestern ein spannende und präzise Frage, die ich daher gleich (auch) hier beantworten möchte.

Frage

Lieber Herr Dr. Blume, gute Seite, interessante Beiträge, sehr gewinnbringend!

Eine kleine Frage: Können Sie mir knapp (es hat auch Zeit!) den Unterschied zwischen religiös und spirituell erläutern? Sie landen immer gleich von der Beobachtung irgendwelcher Rituale bei der Diagnose Religiosität - so jedenfalls mein Eindruck.

Vielen Dank im Voraus

XY

Antwort

Sehr geehrter Herr XY,

danke für Ihre Frage, die inhaltliche Befunde präzise vorwegnimmt - denn tatsächlich werden Religiosität und Spiritualität gerade in der empirischen und evolutionären Religionsforschung zunehmend unterschieden. In "Gott, Gene und Gehirn" haben Rüdiger Vaas und ich dieser Unterscheidung daher ein ganzes Kapitel gewidmet.

Stark komprimiert lässt sich Religiosität als Verhalten zu übernatürlichen Akteuren (wie Ahnen, Geister, Götter, Gott) beschreiben, Spiritualität als Verhalten zu außeralltäglichen Erfahrungen (wie Entgrenzungs- und Alleinheitserfahrungen, Visionen etc.).

Dabei gibt es Menschen, die sich als tief religiös verstehen, ohne jemals spirituelle Erfahrungen gesucht zu haben und andere, die sehr spirituell orientiert sind, ohne sich religiös zu vergemeinschaften. Erste, aber noch vorläufige Befunde z.B. unter Kirchenmitgliedern und auch Pfarrern deuten sogar auf eine Glockenverteilung hin: Demnach kann sehr wenig Spiritualität ein Hinderungsgrund für religiöse Vergemeinschaftung sein (weil das Ritual, der Gottesdienst ggf. stumm bleiben), aber ebenso sehr viel (weil die intensive, individuelle Spiritualität schwer in einen gemeinschaftlichen und lehramtlichen Rahmen einzupassen ist). Auch erste genetische und neurobiologische Befunde deuten in die Richtung, dass hier eine Verschränkung, nicht aber eine Gleichsetzung religiöser und spiritueller Veranlagungen vorliegen dürfte. Und der religionshistorische Umgang mit Spiritualität, der zwischen Verfolgung und Integration (z.B. kontemplative Orden, Sufismus, kaballistische Schulen etc.) schillerte, wäre ein Thema für sich, scheint zunächst aber ebenfalls die Annahme einer Glockenverteilung zu untermauern.

In den kommenden Jahren sind hierzu sicherlich noch neue Erkenntnisse sowohl empirischer wie theoretischer Art zu erwarten - Überraschungen nicht ausgeschlossen.

Mit freundlichen Grüßen

Michael Blume

Samstag, 25. Oktober 2008

Religionswissenschaft studieren?

Immer wieder erreichen mich über den Blog oder das Mailformular auf meiner Homepage Fragen, von denen ich denke, dass sie eigentlich auch für andere interessant sein könnten. Daher richte ich hier also eine kleine Kategorie ein, in der ich hin und wieder solche Fragen aufgreife - selbstverständlich unter strikter Wahrung der Anonymität der Einsender. Ohne Einverständnis (oder strafbaren Missbrauch des Blogs) gebe ich ausdrücklich keine Daten, Namen, Mailadressen o.ä. weiter.

So, hier also eine erste Frage:

Sehr geehrter Hr. Dr. Blume!

Ich besuche zur Zeit die 12. Klasse des Gymnasiums und habe sehr große Interesse an einem Studium der Religionswissenschaften. Allerdings frage ich mich in diesem Zusammanhang, was genau ich später damit anfangen kann. Ich habe zwar gelesen, dass das Feld der Möglichkeiten sehr groß ist, andererseits habe ich jedoch auch gelesen, dass man bei einem Studium einer Geisteswissenschaft undbedingt wissen müsse, was man damit anfangen will, da dann das Risiko, arbeitslos zu werden, geringer ist. Vielleicht können Sie mir hierbei weiterhelfen und mir sagen, was ich mit diesem Studium konkret anfangen kann? Ich würde mich sehr über eine Antwort Ihrerseits freuen.

Mit freundlichen Grüßen

XY

Antwort

Sehr geehrte Frau XY,

für Ihre Frage - die ich sehr berechtigt finde - möchte ich herzlich danken! Denn es ist in der Tat so: Einerseits ist Religionswissenschaft wohl eines der faszinierendsten und vielfältigsten Fächer, das man derzeit in Deutschland studieren kann - andererseits aber verlangt es ein besonderes Ausmaß an Eigeninitiative. Denn es gibt noch kein klares Berufsbild für Religionswissenschaftler, sondern außerhalb der Universitäten "nur" eine (wenn auch derzeit wachsende) Zahl von Chancen in Medien, Politik und Verwaltung, Verlagen und Unternehmen sowie in der Kombination mit anderen Fächern (z.B. mit theologischen, juristischen oder wirtschaftlichen Disziplinen). Und die Qualität der Vorbereitungen auf das Leben nach dem Studium schwankt von Institut zu Institut erheblich - positive Erfahrungen als Lehrender in diesem Feld habe ich z.B. in Heidelberg und Leipzig gemacht.

Das bedeutet: Wenn Sie sich für ein Studium der Religionswissenschaft entscheiden, dann sollte schon die Wahl eines zweiten Faches und ggf. Ihrer Schwerpunkte innerhalb der Religionswissenschaft Ihr Profil unterstreichen. Dringend würde ich empfehlen, während des Studiums das eine oder andere Ehrenamt (in einem Verein, einer Institution, Kirche, Partei, Initiative o.ä.) auszuüben: Dabei lernt man nicht nur unglaublich viel über andere Menschen und sich selbst, sondern auch einschätzen, wo man die eigenen Stärken hat und einbringen kann. Praktikas sind eine hervorragende Chance, sich und bestimmte Branchen zu testen. Und immer mehr Lehrstühle bieten extra Seminare an, in denen man z.B. das Verfassen von Artikeln, Reden oder Präsentationen auch einfach mal üben, sich ausprobieren kann - auch wenn der Schein nicht immer gebraucht wird, so etwas lohnt sich immer.

Was ist der Lohn für die Mühen? Sie haben in der Religionswissenschaft ein Fach zu einem Phänomen, dass in der menschlichen Gesellschaft wieder weltweit an Bedeutung gewinnt - und gerade das säkularisierte Europa sieht sich damit neuen Herausforderungen und auch Chancen gegenüber. Je nach Professores haben Sie die Wahl zwischen einer Vielzahl von Untersuchungsperspektiven: über Geschichte oder Sprachen, Soziologie oder Philosophie (vereinzelt auch noch Phänomenologie), langsam zunehmend sogar Biologie und Naturwissenschaft. Angesichts einer durch Zuwanderung, Konversionen und reproduktive Unterschiede wachsenden religiösen Vielfalt wird der Umgang mit religiöser Vielfalt und religiösen Phänomenen zugleich für Entscheider in Politik und Wirtschaft immer interessanter - wie heute schon in den USA wird man auch in Deutschland in naher Zukunft Wahlen oder Marktanteile maßgeblich über "diversity management" gewinnen oder verlieren. In diesen Situationen können Religionswissenschaftler wertvolle Begleiter und Berater sein und dazu beitragen, dass Kommunikation und Zusammenleben gelingen, Konflikte friedlich und produktiv gelöst werden. Aber auch die Faszination für das Phänomen Religiosität und Religion(en) an sich kann einen ein Leben lang fesseln und begeistern: Als oder neben dem Hauptberuf (wie in diesem Blog).

Ich würde mich also sehr freuen, wenn Sie sich für Religionswissenschaft entscheiden und ein Institut finden, das zu Ihnen passt. Persönlich habe ich die Entscheidung, eine damals so sicher scheinende Banklaufbahn für die Religionswissenschaft aufzugeben, nicht bereut. Die Bankausbildung und die Kolleginnen und Kollegen waren großartig und es war unglaublich wertvoll, z.B. mal Chefs zu haben und sich in Teams zu bewähren. Aber heute bin ich froh, inhaltlich und beruflich dann doch den aus damaliger Sicht riskanteren Weg gegangen zu sein.

Mit herzlichen Grüßen

Michael Blume

Dr. Blume

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