Zur großen Tragik des europäischen Liberalismus gehört seine bis heute dominierende Ichling-Kultur. Denn während sich in England, Schottland, der Schweiz und später in den USA Freiheitsbewegungen entfalteten, die Freiheit auch als Freiheit "zu" Bindungen erkämpften (z.B. zur Gründung von Familien, Religionsgemeinschaften etc.), setzte sich auf dem Kontinent ein bis heute auch in Deutschland vorherrschender Liberalismus durch, der vor allem die Freiheit "von" Bindungen betonte und also auch Familien und Religionen verdammte, sich z.T. bis heute fast nur noch auf das Ökonomische und das Motto "Lust ohne Last" verengte.
Der echte Liberalismus begann mit dem Einsatz für Meinungs-, Religions- und Gewissensfreiheit
Bereits in einem Beitrag von 1959 (!) beschrieb von Hayek dagegen die Wurzeln des "echten" Liberalismus wie folgt:
"Beginnend mit dem Kampf um die Religions- und Gewissensfreiheit (mit Roger Williams in den amerikanischen Kolonien als ihrem wichtigsten frühen Vorkämpfer), hat der allgemeine Grundsatz [des Liberalismus, Anm. Blu] sich nach und nach als Pressefreiheit, Rede- und Versammlungsfreiheit und als akademische Lehrfreiheit durchgesetzt."
Und erst aus diesen Freiheiten hätten sich dann auch politische und wirtschaftliche Freiheiten entwickelt!
Über den kontinentalen Rationalismus weiß von Hayek dagegen im gleichen Text folgendes zu berichten:
"Der rationalistische Liberalismus der französischen Revolution
Der ursprünglich englische Liberalismus war an sich weder demokratisch noch auch egalitär, noch war ihm der aggressiv rationalistische und antireligiöse Charakter eigen, den später der kontinental-europäische Liberalismus zeigte. Diese Verwandlung hängt eng mit dem Einfluß der französischen Schriftsteller zusammen, die im 18. Jh. zunächst (in der Generation Voltaires und Montesquieus) die englischen Ideen für den Kontinent interpretierten und später (in der Generation Jean-Jacques Rousseaus und der Physiokraten) jene Ergebnisse langer politischer Erfahrung konstruktiv nach "Vernunftprinzipien" umgestalteten. In vieler Beziehung bedeutete das nicht viel weniger als eine Umkehrung der ursprünglichen Ideen. An Stelle des Vertrauens an die schöpferische Kraft freier gesellschaftlicher Entwicklung trat das Vertrauen auf die Macht eines von der Vernunft ausgedachten Plans."
Den gesamten Text kann man
hier beim Mises Institut abrufen.
Wie wir wissen, scheiterte der "kontinentale" Liberalismus von Anfang an und immer wieder, man denke an die blutigen Exzesse der "französischen Revolution" und ihrer vermeintlichen "Religion der Vernunft". Europa wurde (mit Ausnahme der Schweiz und Großbritanniens!) in den folgenden Jahrhunderten von Regimen des nationalen und internationalen Sozialismus verheert und zerstört, die ihren Völkern immer wieder "Freiheit" versprochen hatten.
Vom Elend religiöser Monopole
Was aber unterschied die Länder, in denen bis heute der blutleere Ichling-Liberalismus auf der einen und rote und braune Kollektivisten auf der anderen Seite dominieren, von der (geradezu beängstigend!) erfolgreichen Dynamik Großbritanniens, der Schweiz und den USA?
Eine frühe Antwort veröffentlichte Hayek 1973 (in der "Enyclopedia del Novecento", Italien): das religiöse Monopol.
Religiöse Monopole erstarren und verfaulen ebenso wie politische oder wirtschaftliche Monopole. Kontinentale Liberale erleb(t)en daher Religion(en) häufig von ihrer schlechtesten Seite. In Minderheiten- und Wettbewerbssituationen aber, in denen sie sich fair behaupten und werben müssen, entdecken Religionen, Parteien und Unternehmen ihr eigentliches Potential.
So brachte die
katholische Kirche in England (bedrängt von der anglikanischen Staatskirche) mit Personen wie Thomas Morus oder Lord Acton prompt beeindruckende Freiheitskämpfer hervor. Die Institution des
tibetischen Dalai Lama, über Jahrhunderte brutale Feudalherren mit riesigen Klosterarmeen (!), wandelte sich im indischen Exil innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer beeindruckenden Kraft der Gewaltlosigkeit, des Dialoges und der Demokratie. Auch
der Islam, in fast allen islamischen Ländern zum staatlichen Machterhalt mißbraucht, entfaltet in der Minderheitensituation Europas und der USA reform- und demokratieorientierte Strömungen. Und hatte die "gebildete" Welt noch gelacht, als sich das dörflich-arme
Indien 1950 zur Demokratie ausrief, so hat gerade sein (innerhinduistischer und interreligiöser) Pluralismus es heute zu einer der dynamischsten Demokratien gemacht, die bisher alle Krisen überstand: und heute ein buddhistisches Dharma-Rad im Wappen, einen Sikh als Ministerpräsidenten und einen Muslim als Staatspräsidenten sowie eine katholische Vorsitzenden der größten Partei verzeichnet. Welche "rationalistische", europäische Demokratie war bisher zu solcher Vielfalt fähig?
Deshalb...
...hassen linke, rechte und religiöse Extremisten Minderheiten und Religionsfreiheit. Minderheiten sind der lebende Beweis für den Erfolg von Vielfalt und Wettbewerb. Kein sozialistischer Staat konnte daher je Religionsfreiheit gewähren - und die chinesische KP heute zittert vor dem "Erwachen der Religionen". Nationalistische Bewegungen haben Minderheiten seit je diskriminiert und u.a. Massaker an Juden (z.B. Deutschland), Christen (z.B. Türkei), Muslimen (z.B. Serbien), Hindus (z.B. Sri Lanka) und zahllosen weiteren verübt. Und religiöse Extremisten versuchen durch Terror zwischen den Religionsgruppen Angst und Schrecken zu verbreiten und so das Entfalten einer freiheitlichen Ordnung zu verhindern.
Und doch bin ich
optimistisch, denn religiöse Minderheiten haben u.a. einen
demografischen Vorteil gegenüber den erstarrten Monopol- oder Kartellstrukturen - sei es vorwiegend durch Konversionen (z.B. in Lateinamerika) oder vorwiegend durch Geburten (z.B. in Europa). Demokratien tendieren daher unweigerlich und nach meiner Kenntnis ausnahmslos zur Zunahme auch religiöser Vielfalt - und also wachsender Befürwortung von Freiheitsrechten.
So normal wir es heute finden, dass bei uns Unternehmen und Parteien im Wettbewerb stehen, so normal dürfte in Zukunft auch der religiöse Wettbewerb werden. Und sowohl den pseudoliberalen Ichlingen wie den intoleranten Kollektivisten (rot, braun oder traditionalistisch) können "echte Liberale" derweil beim demografischen Ausdünnen zuschauen und sich zugleich wachsender Vielfalt und fairen Wettbewerbs auf der Basis gemeinsamer Werte erfreuen. (-: