F.A. von Hayek

Mittwoch, 30. April 2008

Die kulturelle Evolution der Sprache & Wörter mit Migrationshintergrund

Wie kam es eigentlich, dass der Ökonom Friedrich August von Hayek den Mut und Ansatz fand, den Evolutionsgedanken auch auf kulturelle Artefakte und schließlich auf religiöse Überzeugungen anzuwenden?

Ihn faszinierte, von jungen Jahren an, die Evolution der Sprache(n): Großartige, unübersehbar komplexe Kommunikations- und Symbolsysteme, die von keinem einzelnen intelligenten Designer geplant werden konnten, sondern immer und Tag für Tag aus der Interaktion der Menschen selbst emergierten.

Ja, Religionsgemeinschaften, Staaten und (Medien-)Unternehmen können Sprachen tiefgreifend beeinflussen, wirklich steuern können sie sie aber nicht. Und nicht selten entwickeln Sprachen sogar ganz eigene Widerständigkeiten gegen politische Bevormundung - man denke nur an den sächsisch-berlinerischen "Ballast der deutschen Republik" (anstelle "Palast..."), die berühmten Radio-Eriwan-Witze u.v.m.

Wörter mit Migrationshintergrund

Und wie die biologische Evolution (etwa der Homo Sapiens-Population der britischen Inseln) wird auch die kulturelle Evolution der Sprachen durch ständige Anreicherung und Vermischung geprägt. So hatte das Goethe-Institut die pfiffige Idee, einen Wettbewerb zu "Wörtern mit Migrationshintergrund" auszuschreiben. Gewonnen haben:

Wörter mit Migrationshintergrund, eine pfiffige Idee des Goethe-Instituts, die wunderbar dokumentiert, dass auch Sprachen (wie Religionen) Produkte biokultureller Evolution sind - und sich ebenso häufig vermischen, wie sie offiziell auch der Abgrenzung dienen.

1. Platz: Tollpatsch, aus dem Ungarischen

Von "Talpas" = breitfüßig, schwerfällig. Aha!

2. Platz: Currywurst, aus dem Tamil

Eine indisch-germanische Wortvermählung, vermittelt über das Englische. Lecker, oder!?

3. Platz: Engel, aus dem Griechischen

Mit einem speziellen Dank des bloggenden Religionswissenschaftlers an den Einsender nach Maxhütte!

Schulklassenwettbewerb: Milchshake, aus dem Englischen

Umwerfende Begründung der 8a aus Gersthofen: Es gibt einfach kein deutsches Wort dafür!

Jugendwettbewerb: Chaos, aus dem Griechischen

Mit einem wunderbaren Essay des Einsenders über den Zusammenhang von Chaostheorie und seinem Zimmer...

Link mit den lesenswerten Begründungen der Einsender hier.

Donnerstag, 21. Juni 2007

Von Religionsfreiheit, Privilegien und religiösem Wettbewerb

Vor kaum zwei Wochen noch schien die Diskussion um Religion, Freiheit und demografische Entwicklung auf den Hayek-Tagen zu Potsdam noch als eine eher theoretische Übung. Heute ist die Katze aber aus dem Sack: auf einem Empfang evangelischer und katholischer Bischöfe für die obersten Bundesgerichte (!) in Karlsruhe sprach sich unter anderem Kardinal Lehmann dagegen aus, andere als christliche Kirchen als Körperschaften des öffentlichen Rechts anzuerkennen. Vor allem der Islam dürfe rechtlich nicht gleich gestellt werden. (FAZ-Artikel dazu hier.)

Dreiteilung des Religionsverfassungsrechtes seit Preußen

Breiter Applaus ist Kardinal Lehmann nicht nur von Richtern sicher - denn diese Forderung entspricht völlig dem Mainstream deutsch-europäischer Rechtstradition. Über Jahrhunderte konnten wir uns Religionen nur als Monopole vorstellen: die Bewohner einer Region hatten einer gemeinsamen, vom Herrscher bestimmten Religion anzugehören. Vielfalt galt als Bedrohung des Zusammenhalts. In wenigen Fällen, beispielsweise in großen Städten, sicherten die Herrscher ein Kartell weniger "anerkannter" Gemeinschaften - diese waren dann umso mehr von weltlicher Gnade abhängig und hatten um der "guten, öffentlichen Ordnung" willen einander keinesfalls Konkurrenz zu machen.

Noch im aufgeklärten Preußen, dessen Herrscher verfolgte Minderheiten als wirtschaftliche Leistungsträger erkannten und ins Land holten, wurde zwischen den "offiziellen" (also staatlich geförderten), den "gestatteten" (also "auf Bewährung" befindlichen) und schließlich den "unerwünschten" Kulten unterschieden, die staatlicher Repression ausgesetzt waren. Auch in Weimar und später der Bundesrepublik wurde diese Dreiteilung faktisch übernommen, wobei neben den etablierten Kirchen nur noch die jüdischen Gemeinden in die Spitzenkategorie aufsteigen durften (die Kardinal Lehmann interessanterweise gar nicht erwähnt zu haben scheint). Anderen Weltreligionen (nicht nur dem Islam, sondern z.B. auch dem Buddhismus) blieb die staatliche Anerkennung bis heute verwehrt, nichtchristliche Gemeinschaften werden in der bundesdeutschen Praxis entweder als "gestattet" oder als "unerwünscht" betrachtet und entsprechend behandelt.

Die Frage ist - hilft das dem Glauben?

Wir haben es hier mit einem Effekt zu tun, den wir aus den Feldern der Wirtschaft (derzeit z.B. Microsoft) und Politik (derzeit z.B. Putin) natürlich zu Genüge kennen: wer einmal Dominanz erreicht hat, wird dazu tendieren, diese als Monopol oder als Kartell möglichst "abzusichern" und lästige Wettbewerber fernzuhalten. Das beliebteste Argument dafür ist stets die gewohnte, "gute, öffentliche Ordnung" - die auch Kardinal Lehmann wörtlich so verwendete.

In Politik und Wirtschaft haben die europäischen Völker freilich unter bitteren Opfern gelernt, dass Monopole und Kartelle zu schlechten Leistungen und auch Machtmissbrauch neigen. Und ein Rückblick auf die europäische Geschichte oder ein Seitenblick auf die meisten islamischen Länder derzeit zeigt, dass dies auch für die Religionen gilt: man kann der Glaubwürdigkeit, Friedfertigkeit und letztlich Lebensdienlichkeit von Religionen keinen schlechteren Dienst tun, als sie zu Monopolen oder Kartellen zu erheben.

Und umgekehrt: glaubwürdig und freiheitlich werden Kirchen und Religionsgemeinschaften regelmäßig (erst) in bedrängten Situationen. Denken wir an die katholische Kirche z.B. in England unter der anglikanischen Staatskirche oder in Osteuropa unter kommunistischer Bedrängung, die Institution des Dalai Lama (über Jahrhunderte Feudalherren mit Klosterarmeen!) im indischen Exil, die zunehmend dialog- und demokratiefreundlichen Strömungen des Islam in Europa usw. Religionen leuchten, solange sie als Minderheiten im Wettbewerb zueinander stehen.

Monopole und Kartelle führen zu religiösem Verfall und Religionsfeindlichkeit

Die überwiegende Religionsfeindlichkeit der europäischen Intellektuellen, die ihr häufiges inhaltliches, politisches und demografisches Scheitern bis in die Gegenwart hinein erklärt, erklärt sich dagegen maßgeblich aus der negativen Seite dieser Erfahrung: Religionen sind in der europäischen Geschichte lange vor allem als Monopole oder Kartelle aufgetreten mit entsprechenden Verfallserscheinungen wie Anbiederung an die Herrschenden, Gewaltaufrufen, überholten Gesellschafts- und Familienmodellen und Inquisition nach innen und außen. Im seit Jahrhunderten zunehmend demokratischen England, vor allem aber in den USA (maßgeblich geprägt durch fliehende Minderheiten!) werden Religionen dagegen als Wettbewerber betrachtet, die den Menschen glaubwürdig ansprechen müssen, um zu überdauern. Wenn auch das US-amerikanische Staat-Kirchen-Modell seine eigenen Probleme hat: gerade in der Förderung von Glaubens- und Kinderreichtum durch Wettbewerb hat es unseren Kontinent längst weit hinter sich gelassen. Und auch in der Integration religiöser Minderheiten, einschließlich des Islam haben sich die USA als bisher deutlich erfolgreicher erwiesen als die meisten europäischen Länder.

Keine Panik: In Demokratien setzt sich Vielfalt durch Konversionen und Demografie auf Dauer durch

Gerade aber das englische Beispiel zeigt auch, dass sich wachsende Vielfalt in Demokratien nicht auf Dauer aufhalten lässt: die anglikanische Staatskirche konnte weder ein Wiederaufleben des Katholizismus noch ein Erblühen von immer mehr Freikirchen und schließlich die Zuwanderung religiöser Minderheiten (Muslime, Juden, Sikhs, Parsen etc.) verhindern. Heute ist die anglikanische Kirche vor allem zeremonielle Moderatorin und Denkmalpflegerin und wird als solche auch von den vielen anderen Gemeinschaften geschätzt, in denen das eigentliche Wachstum stattfindet. In einer gewissen Hinsicht holen die anderen europäischen Länder diesen Prozess inzwischen eben nach.

Und auch etwa in den Massenkonversionen Lateinamerikas oder in der Volkszählung der Schweiz kann man dem religiösen Wettbewerb beim Entfalten quasi zuschauen. Das Zusammenspiel von Konversionen und Demografie höhlt religiöse Monopol- oder Kartellstrukturen in Demokratien unweigerlich aus bzw. verwandelt die Privilegieninhaber in zeremionell-zivilreligiöse Würdenträger. Die religiöse Dynamik findet dann eben vorwiegend in anderen Gemeinschaften statt.

Diese neu erstellte Grafik zeigt an, mit wie vielen Kindern Männer zwischen 35 und 46 Jahren in Schweizer Großstädten je in den Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 in einem Haushalt lebten. Man beachte die Unterschiede, z.B. den stabilen Verlauf der jüdischen Demografie (oben, rot) und die durchgängig schwache Performance der Konfessionslosen (unten, schwarz). Klick führt zum Gesamtskript des Vortrages.

Fazit: Nachdenken lohnt

Das Beharren der etablierten Kirchen in Deutschland auf ihren Privilegien ist also religionshistorisch weder neu noch überraschend. Die buddhistischen Institutionen Sri Lankas, die jüdischen Institutionen Israels oder die islamischen Institutionen der Türkei versuchen ebenfalls, ihre jeweilige Dominanz staatlich abzusichern, finanzielle und politische Vorrechte zu behalten, den Bau "konkurrierender" Gotteshäuser zu unterbinden, Minderheiten als "Gefährder der guten, öffentlichen Ordnung" zu stigmatisieren usw. In China baut der Staat sogar gerade gezielt "staatstreue" Religionsgemeinschaften (wie die "patriotisch-katholische Kirche" oder einen pekingtreuen Buddhismus) auf, um die Dynamik des religiösen Erwachens in die politisch und nationalistisch gewünschten Bahnen zu lenken. Und einige christliche bzw. hinduistische Bewegungen versuchen durchaus auch immer mal wieder in den Demokratien der USA oder Indiens, doch noch irgendwie an staatskirchliche Privilegien zu kommen.

Aber alle religionshistorischen Erfahrungen zeigen: auf Dauer hat die Verweigerung von Wettbewerb vor allem den Monopolisten bzw. Kartellen selbst sowie dem Ansehen der Religion(en) insgesamt geschadet - ebenso, wie monopolistische Parteien der Demokratie und monopolistische Unternehmen der Marktwirtschaft meist Bärendienste erwiesen und sich dabei auch selbst unglaubwürdig gemacht haben. Daher haben die wenigen, religionshistorischen Ausnahmen wie Rabbiner Gamaliel I., Mahatma Ghandi, William Penn oder auch die berühmte Sure 5:48 im Koran zu Recht besondere Anerkennung gefunden und sind zu einer Quelle des Stolzes für freiheitliche Mitglieder ihrer jeweiligen Gemeinschaften geworden.

Insofern ist das Verhalten unserer Kirchen gegenüber den religiösen Minderheiten (derzeit vor allem den Muslimen, aber auch z.B. den Buddhisten) leider eher nur gewöhnlich. Dabei wäre es nach meiner Einschätzung gerade auch für den christlichen Glauben deutlich besser, sich in Gottes- und Selbstvertrauen auf einen fairen Wettbewerb um Glaubwürdigkeit und Familien einzulassen, statt sich (wieder einmal) an staatliche Privilegien und eine Vergangenheit klammern zu wollen, die auch religiös so prächtig nicht immer war...

Mittwoch, 13. Juni 2007

Worin besteht die Hayek-Frazer-Konvergenz?

Um 1909 erschien ein besonders berühmter Vortrag des Religionsethnologen Sir James Frazer, der eigentlich stets von der Überlegenheit des rationalen über das religiöse Denken überzeugt war. In "Psyche's Task" aber stellte er anhand ethnologischer Befunde vor allem aus dem Bereich der Naturreligionen dar, wie überraschend häufig "Aberglaube" doch sinnvolle Instutionen und Werthaltungen im Bereich der Menschenrechte, der Regierung, des Privateigentums und Familienlebens stützte. Ein Erklärung dazu hatte er seinerzeit noch nicht.

Zum Download von Psyche's Task hier.

Pfingsten 1982 sprach der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek anläßlich eines Symposiums im Schloß Kellheim über "Die überschätzte Vernunft". Dabei zeigte er auf, dass sich menschliche Institutionen und Werthaltungen nicht per zentralem Plan entfalteten, sondern immer wieder über Vielfalt und Wettbewerb im Rahmen der Entscheidungen unzähliger Menschen. An seinen Text fügte er noch einige ausführliche Überlegungen zur besonderen Rolle der Religionen (und des Wettbewerbs der Religionen) zur Entfaltung und Legitimierung solchen "überrationalen" Wissens und des aus ihm erwachsenen "reproduktiven Vorteils" hinzu.

Der erweiterte Vortrag erschien in diesem Sammelband:

Anmassung von Wissen lautete der Titel der hayekschen Nobelpreisrede. Diese und eine Auswahl sonstiger wegweisender Reden und Aufsätze umfasst der Sammelband. (Klick führt zur Amazon-Seite).

Einige Jahre später widmete von Hayek das letzte Kapitel seines letzten Buches ("Religion and the Guardians of Tradition" in "The Fatal Conceit") noch einmal diesem Thema. Kurz vor Drucklegung wurde er auf Frazer's "Psyche's Task" hingewiesen - und fügte noch schnell einen begeisterten Anhang hinzu, in dem er schrieb, am liebsten "alle 84 Seiten" des Frazerschen Textes als Bestätigung seiner eigenen Vermutungen abgedruckt zu haben.

Wo sich Religionswissenschaft und Ökonomie begegnen

Die Hayek-Frazer-Konvergenz. Unabhängig voneinander stießen einer der bekanntesten Religionsethnologen und Ökonomen des 20. Jahrhunderts auf passgenaue Beobachtungen und Theorien. (Klick führt zu einem religionsbiologischen Vortrag an der Uni Leipzig dazu.)

Denn hier zeigt sich die Konvergenz der beiden großen Denker: Sir Frazer hatte religionsethnologische Beobachtungen gesammelt, für diese aber keine rechte Erklärung. Von Hayek hatte nun (und völlig ohne Wissen von ihm) die Theorie entwickelt, die diese Befunde genau erklärte.

Dabei war von Hayek in erster Linie Ökonom und nicht primär mit Fragen der Familie und Demografie befasst. Aber ihm war völlig klar, dass sich im (biologischen, bis zu einem hohen Grade aber auch kulturellen) Evolutionsprozess immer wieder jene "symbolischen Wahrheiten" durchsetzen würden, die ihren Anhängern einen (wörtlich) "reproductive advantage", einen reproduktiven Vorteil, verschafften.

So ist zum Zusammenleben einer großen Zahl von Menschen eine "erweiterte Ordnung" notwendig, für die Rechtsnormen, Regierungsformen und eine Wirtschaftsordnung erforderlich sind. Diese werden aber nicht von einzelnen geplant, sondern erwachsen aus einem Wettbewerb der Quellen und werden dabei auch religiös legitimiert und gelehrt (und dann besonders wirksam). Von besonderer Bedeutung sind darüber hinaus auch die Werte und Regeln rund um Familie, Ehe und Kinder - die natürlich direkt den reproduktiven Vorteil bestimmen.

Religionen werden also dann rechtlich, politisch, wirtschaftlich und demografisch lebensfördernde Wirkungen erzielen, wenn sie einem fairen Wettbewerb ausgesetzt bleiben. Monopol- bzw. Kartellbildungen führen dagegen nicht nur zu Machtmissbrauch, sondern vor allem dazu, dass die Anpassungen auf frühere Lebenswelten (z.B. Regierungsformen, Familienmodelle etc.) viel zu lange durchgesetzt werden - und also zunehmend schädlich-repressive Wirkungen entfalten. Insofern wirken die "Verfallserscheinungen" politischer, wirtschaftlicher und religiöser Monopole bzw. Kartelle gleichermaßen verheerend und Hayek erkennt, dass die katastrophale, religionsfeindliche Haltung der "kontinentalen Liberalen" damit zusammenhängt, dass sie Religion(en) lange von ihrer schlechtesten Seite -als Monopole- kennengelernt haben. (Der Ökonom vergleiche dieses Vorurteil z.B. mit jenem von Marktkritikern, die als "Unternehmer" auch nicht aufstrebende und innovative Gründer und Betreiber von Klein- und Mittelbetriebe erkennen, sondern nur Manager verwöhnter Monopolkonzerne, die ihre längst auch politische Macht zur Verhinderung fairen Handels und Wettbewerbs mißbrauchen!)

Historisch und empirisch bewertbar

Den eigentlichen Reiz der Hayek-Frazer-Konvergenz aber macht nicht nur die theoretische Stärke aus - die Annahmen lassen sich auch historisch und empirisch überprüfen. Gab es tatsächlich eine evolutive Entfaltung von Religion, als der Frühmensch auch über seine Reproduktion zu entscheiden lernte? Sind vorschriftliche Naturreligionen tatsächlich auch "überrational" ihrer jeweiligen Lebenswelt angepasst? Gibt es einen Zusammenhang zwischen staatlich-religiösen Monopolen und dem Verlust an auch politischen und wirtschaftlichen Freiheiten? Und umgekehrt: entwickeln sich religiös vielfältige Demokratien dynamischer? Und schließlich: gibt es einen Zusammenhang zwischen Religion und Demografie?

Lassen Sie mich zum Abschluss nur an der letzten Frage aufzeigen, dass die Konvergenz zwischen Religionswissenschaft und Ökonomie sich von Neuem anbahnt. So finden Sie im folgenden Daten einer religionswissenschaftlichen Religion-Demografie-Untersuchung von mir, Sven Graupner und Carsten Ramsel:

Verhältnis von Gebetshäufigkeit und durchschnittlicher Kinderzahl auf Basis der ALLBUS-Befragung Deutschland 2002. (Klick führt auf unseren (Blume, Ramsel, Graupner) Gesamtartikel im Marburg Journal of Religion.)

Vor wenigen Wochen veröffentlichte das Institut der deutschen Wirtschaft, Köln, eigenständig erhobene Daten auf Basis des World Value Survey:

Die Grafik wurde aufgrund von Daten des World Value Survey erstellt, die Daniel Enske vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln zu einer Studie verdichtete.

Die Konvergenz der Befunde ließe sich bereits fast endlos fortsetzen - und es steht zu hoffen, dass sich Menschen verschiedenster Fächer zur überprüfenden Vertiefung der Hayek-Frazer-Konvergenz zusammentun. Hätten Sie Lust?

Und, wer weiß, vielleicht feiern ja Ökonomen und Religionswissenschaftler den 100sten Jahrestag von "Psyche's Task" in 2009 sogar bereits gemeinsam? Für alle Beteiligten, und ggf. auch für die Wertschätzung der Fächer, könnte dies doch ein denkwürdiger Anlass sein! (-:

Das Thema als "Weisheit aus Aberglauben - Die Frazer-Hayek-Konvergenz" jetzt auch in den Wissenslogs:
Im Wissenslog "Natur des Glaubens" im Rahmen der Science-Blogs von Spektrum der Wissenschaft möchte ich vor allem Arbeiten weiterer Evolution-Religion-Forscher vorstellen.

Dienstag, 12. Juni 2007

Der "echte", evolutive Liberalismus und das lange, rationalistische Scheitern des Kontinents

Zur großen Tragik des europäischen Liberalismus gehört seine bis heute dominierende Ichling-Kultur. Denn während sich in England, Schottland, der Schweiz und später in den USA Freiheitsbewegungen entfalteten, die Freiheit auch als Freiheit "zu" Bindungen erkämpften (z.B. zur Gründung von Familien, Religionsgemeinschaften etc.), setzte sich auf dem Kontinent ein bis heute auch in Deutschland vorherrschender Liberalismus durch, der vor allem die Freiheit "von" Bindungen betonte und also auch Familien und Religionen verdammte, sich z.T. bis heute fast nur noch auf das Ökonomische und das Motto "Lust ohne Last" verengte.

Der echte Liberalismus begann mit dem Einsatz für Meinungs-, Religions- und Gewissensfreiheit

Bereits in einem Beitrag von 1959 (!) beschrieb von Hayek dagegen die Wurzeln des "echten" Liberalismus wie folgt:

"Beginnend mit dem Kampf um die Religions- und Gewissensfreiheit (mit Roger Williams in den amerikanischen Kolonien als ihrem wichtigsten frühen Vorkämpfer), hat der allgemeine Grundsatz [des Liberalismus, Anm. Blu] sich nach und nach als Pressefreiheit, Rede- und Versammlungsfreiheit und als akademische Lehrfreiheit durchgesetzt."

Und erst aus diesen Freiheiten hätten sich dann auch politische und wirtschaftliche Freiheiten entwickelt!

Über den kontinentalen Rationalismus weiß von Hayek dagegen im gleichen Text folgendes zu berichten:

"Der rationalistische Liberalismus der französischen Revolution

Der ursprünglich englische Liberalismus war an sich weder demokratisch noch auch egalitär, noch war ihm der aggressiv rationalistische und antireligiöse Charakter eigen, den später der kontinental-europäische Liberalismus zeigte. Diese Verwandlung hängt eng mit dem Einfluß der französischen Schriftsteller zusammen, die im 18. Jh. zunächst (in der Generation Voltaires und Montesquieus) die englischen Ideen für den Kontinent interpretierten und später (in der Generation Jean-Jacques Rousseaus und der Physiokraten) jene Ergebnisse langer politischer Erfahrung konstruktiv nach "Vernunftprinzipien" umgestalteten. In vieler Beziehung bedeutete das nicht viel weniger als eine Umkehrung der ursprünglichen Ideen. An Stelle des Vertrauens an die schöpferische Kraft freier gesellschaftlicher Entwicklung trat das Vertrauen auf die Macht eines von der Vernunft ausgedachten Plans."

Den gesamten Text kann man hier beim Mises Institut abrufen.

Wie wir wissen, scheiterte der "kontinentale" Liberalismus von Anfang an und immer wieder, man denke an die blutigen Exzesse der "französischen Revolution" und ihrer vermeintlichen "Religion der Vernunft". Europa wurde (mit Ausnahme der Schweiz und Großbritanniens!) in den folgenden Jahrhunderten von Regimen des nationalen und internationalen Sozialismus verheert und zerstört, die ihren Völkern immer wieder "Freiheit" versprochen hatten.

Vom Elend religiöser Monopole

Was aber unterschied die Länder, in denen bis heute der blutleere Ichling-Liberalismus auf der einen und rote und braune Kollektivisten auf der anderen Seite dominieren, von der (geradezu beängstigend!) erfolgreichen Dynamik Großbritanniens, der Schweiz und den USA?

Eine frühe Antwort veröffentlichte Hayek 1973 (in der "Enyclopedia del Novecento", Italien): das religiöse Monopol.

Wo ein religiöses Monopol wie z.B. in Griechenland oder der Türkei oder ein Kartell, wie derzeit noch in Deutschland, herrscht, werden Minderheiten ausgegrenzt, es dominiert das Kollektiv. Echte Freiheit entsteht dort, wo ein fairer, auch religiöser Wettbewerb entstanden ist und Vielfalt wirklich toleriert, ja geschätzt wird. (Klick führt zum Hayek-Vortrag Potsdam mit religionsdemografischen Daten.)

Religiöse Monopole erstarren und verfaulen ebenso wie politische oder wirtschaftliche Monopole. Kontinentale Liberale erleb(t)en daher Religion(en) häufig von ihrer schlechtesten Seite. In Minderheiten- und Wettbewerbssituationen aber, in denen sie sich fair behaupten und werben müssen, entdecken Religionen, Parteien und Unternehmen ihr eigentliches Potential.

So brachte die katholische Kirche in England (bedrängt von der anglikanischen Staatskirche) mit Personen wie Thomas Morus oder Lord Acton prompt beeindruckende Freiheitskämpfer hervor. Die Institution des tibetischen Dalai Lama, über Jahrhunderte brutale Feudalherren mit riesigen Klosterarmeen (!), wandelte sich im indischen Exil innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer beeindruckenden Kraft der Gewaltlosigkeit, des Dialoges und der Demokratie. Auch der Islam, in fast allen islamischen Ländern zum staatlichen Machterhalt mißbraucht, entfaltet in der Minderheitensituation Europas und der USA reform- und demokratieorientierte Strömungen. Und hatte die "gebildete" Welt noch gelacht, als sich das dörflich-arme Indien 1950 zur Demokratie ausrief, so hat gerade sein (innerhinduistischer und interreligiöser) Pluralismus es heute zu einer der dynamischsten Demokratien gemacht, die bisher alle Krisen überstand: und heute ein buddhistisches Dharma-Rad im Wappen, einen Sikh als Ministerpräsidenten und einen Muslim als Staatspräsidenten sowie eine katholische Vorsitzenden der größten Partei verzeichnet. Welche "rationalistische", europäische Demokratie war bisher zu solcher Vielfalt fähig?

Deshalb...

...hassen linke, rechte und religiöse Extremisten Minderheiten und Religionsfreiheit. Minderheiten sind der lebende Beweis für den Erfolg von Vielfalt und Wettbewerb. Kein sozialistischer Staat konnte daher je Religionsfreiheit gewähren - und die chinesische KP heute zittert vor dem "Erwachen der Religionen". Nationalistische Bewegungen haben Minderheiten seit je diskriminiert und u.a. Massaker an Juden (z.B. Deutschland), Christen (z.B. Türkei), Muslimen (z.B. Serbien), Hindus (z.B. Sri Lanka) und zahllosen weiteren verübt. Und religiöse Extremisten versuchen durch Terror zwischen den Religionsgruppen Angst und Schrecken zu verbreiten und so das Entfalten einer freiheitlichen Ordnung zu verhindern.

Und doch bin ich optimistisch, denn religiöse Minderheiten haben u.a. einen demografischen Vorteil gegenüber den erstarrten Monopol- oder Kartellstrukturen - sei es vorwiegend durch Konversionen (z.B. in Lateinamerika) oder vorwiegend durch Geburten (z.B. in Europa). Demokratien tendieren daher unweigerlich und nach meiner Kenntnis ausnahmslos zur Zunahme auch religiöser Vielfalt - und also wachsender Befürwortung von Freiheitsrechten.

So normal wir es heute finden, dass bei uns Unternehmen und Parteien im Wettbewerb stehen, so normal dürfte in Zukunft auch der religiöse Wettbewerb werden. Und sowohl den pseudoliberalen Ichlingen wie den intoleranten Kollektivisten (rot, braun oder traditionalistisch) können "echte Liberale" derweil beim demografischen Ausdünnen zuschauen und sich zugleich wachsender Vielfalt und fairen Wettbewerbs auf der Basis gemeinsamer Werte erfreuen. (-:

Donnerstag, 7. Juni 2007

Freiheit, Religion und demografische Entwicklung

Herzliche Grüße aus Potsdam, wo gerade die Hayek-Tage 2007 stattfinden! Auf die Gelegenheit, als erster Religionswissenschaftler vor der nach einem Wirtschaftsnobelpreisträger benannten Stiftung sprechen zu dürfen, habe ich mich sehr gefreut! Und es sind wirklich sehr interessante Leute hier, mit denen der interdisziplinäre Dialog sehr viel Freude macht!

In dem Vortrag hatte ich nun also die Gelegenheit, die Begeisterung für die noch total verkannte Religionstheorie des großen Denkers einmal in Worte zu fassen - wobei selbst jetzt noch viele Aspekte (beispielweise der spannende Gottesbegriff Hayeks, seine Theorie der "extended order" und seine durchdachte Einschätzung des Monotheismus) diesmal aus Zeitgründen komplett unter den Tisch fallen mußten. Naja, vielleicht ergibt sich ja in Zukunft einmal eine Gelegenheit, auch diese Themen aufzugreifen. Oder, noch besser: Sie kommen mir einfach zuvor! (-:

Statt des akademisch üblichen, gedrechselt-abgewogenen Referates habe ich mich heute für ein flammendes und auch zugespitztes Plädoyer für den Wert des Menschenrechtes Religionsfreiheit und die Bedeutung religiöser Minderheiten entschieden; Aspekte, auf denen bei den selbstgefälligen Religionsdiskussionen unter vielen von uns wohlstandssatten, auf unsere vermeintlich global wegweisende "Rationalität" eingebildeten und mangels Kindern doch aussterbenden Europäern in den letzten Jahren m.E. zu oft herumgetrampelt wurde. Jetzt war endlich die Gelegenheit, in diese Debatte mit Lust auch an der Zuspitzung mal einzugreifen! (-;

Der Vortrag über Freiheit, Religion und demografische Entwicklung, gehalten auf den Hayek-Tagen Potsdam am 07.06.2007. Thema ist die (m.E. brillante!) Religionstheorie des Wirtschaftsnobelpreisträgers, aber auch eine zugespitzte Abrechnung mit dem pseudo-rationalistischen Mief in großen Teilen Europas. (-: (Klick führt zum Skript)

Wie immer freue ich mich auf Feedback und Diskussionen hier im Blog, über die Homepage oder wo immer auch sonst! (-:

PS: Potsdam ist (inzwischen wieder) jede Reise wert!

Samstag, 19. Mai 2007

F.A. von Hayek und James Frazer - Von der Eröffnung eines noch zu verwirklichenden Dialoges

Fast hatte Friedrich August von Hayek sein letztes, großes Werk The Fatal Conceit, zu deutsch Die verhängnisvolle Anmaßung, mit einem brillanten Schlusskapitel zur Rolle der Religion beendet - da wies ihn ein aufmerksamer Leser auf das Büchlein "Psyche's Task" von Sir James Frazer hin, das dieser bereits 1909 veröffentlicht hatte.

Von Hayek las die Frazerschen Beobachtungen zur Rolle des Aberglaubens in der Formation von Regierung, Privateigentum, Ehe (!) und Menschenrecht - und war begeistert. Unabhängig voneinander hatten ein Wirtschaftsnobelpreisträger und einer der renommiertesten Religionswissenschaftler des beginnenden 20. Jahrhunderts nahezu identische Schlußfolgerungen entwickelt!

Im Anhang seines Buches vermerkte Hayek diese Beobachtung noch und schrieb, dass er am liebsten den gesamten Frazer-Text als Anhang zu "The Fatal Conceit" abgedruckt hätte.

Dazu kam es nicht mehr, und seitdem hängt dieser aufregende (und ich möchte schreiben: visionäre) Brückenschlag zwischen Wirtschafts- und Religionswissenschaft noch weitgehend in der Luft. Dabei hat von Hayek etwa zu den Fragen von Religion und Demografie sowie Evolution der Religion m.E. für das Verständnis der Religion wegweisendes zu bieten!

Und heute haben wir eine schöne Gelegenheit, anzuknüpfen, die es zu von Hayeks Zeiten noch nicht gab: Frazers "Psyche's Task" ist inzwischen online frei verfügbar!

Es liegt jetzt also an uns, ob endlich an die spannende Begegnung zweier großer Disziplinen und Denker angeknüpft wird...

Samstag, 28. April 2007

Friedrich August von Hayek - Ein noch fast unentdeckter Religionswissenschaftler?

Der Freiburger Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek (gest. 1992). (Klick führt zur deutschen Hayek-Stiftung)

Jahrzehnte der Forschung und Arbeit, der Höhen und Tiefen lagen hinter ihm. 1974 hatte der Wirtschaftswissenschaftler den Zenit eines Forscherlebens erreicht: er erhielt den Nobelpreis. Umso mehr überraschte Titel und Inhalt seiner Rede an diesem Gipfel des wissenschaftlichen Ruhms: Hayek sprach über die "Anmaßung von Wissen" und warnte aufgrund präziser Argumente vor einer Selbstüberschätzung der Wissenschaft.

Anmassung von Wissen lautete der Titel der hayekschen Nobelpreisrede. Diese und eine Auswahl sonstiger wegweisender Reden und Aufsätze umfasst der Sammelband. (Klick führt zur Amazon-Seite).

Schon diese kleine Episode sagt sehr viel über den Charakter eines der großen, deutschsprachigen Denker des 20. Jahrhunderts aus - der leider (vielleicht typischerweise) außerhalb einer kleinen, engagierten Anhängerschaft bei uns kaum bekannt ist, kaum diskutiert wird. Dabei war und ist Hayek weit mehr als "nur" ein Ökonom - vielmehr war er ein Sozialphilosoph, der gerade auch seine Zunft vor dem unzutreffenden Menschebild des "Homo oeconomicus" warnte und Brillantes zu Themen wie Freiheit, Evolution, Kultur, Zivilisation und - ja, Religion zu sagen wußte.

Religion and the Guardians of Tradition

So lautet das Schlusskapitel seines letzten, großen Werkes The Fatal Conceit, zu deutsch Die verhängnisvolle Anmaßung: meiner Meinung nach einer der spannendsten, religionswissenschaftlichen Texte des 20. Jahrhunderts, wenn auch bisher fast völlig übersehen.

Denn in ihm kulminiert ein Aspekt, der weitgehend in Vergessenheit geriet: obwohl Hayek selbst in einem eher agnostischen Haushalt aufwuchs und im Rückblick auf sein Leben von keiner Glaubenserfahrung zu berichten wußte (auch die (katholische) Kirche aber nie verließ), wurde ihm Entstehung, Wert und bleibende Funktion der Religion(en) zu einem der "großen Altersthemen" (so der Hayek-Biograf Hans-Jörg Hennecke).

Die hayeksche Religionstheorie scheint mir (obwohl noch kaum aufgearbeitet) so gut, vielversprechend und geradezu atemberaubend vorausschauend, dass ich ein klein wenig dazu beitragen will, sie aus den Tiefen des Vergessens zu entreißen. Neben Vorträgen und Veröffentlichungen setze ich dabei auch auf diesen Blog.

Wenn Sie an Themen rund um Religion, Tradition(en), Politik und auch Evolution Interesse haben: es lohnt sich, entdecken Sie mit Friedrich August von Hayek einen der brillantesten Denker des 20. Jahrhunderts neu! Man muss gar nicht immer über den Teich schauen, um faszinierend große Geister auch der jüngeren Zeit zu finden und an sie anzuknüpfen.

Ein Beispiel, wie das erwähnte Hayek-Kapitel auch direkt theologische Überlegungen fruchtbar anregen kann, ist beispielsweise der (berühmte) Essay "Markets and Morals" von Oberrabbiner Jonathan Sachs.

Dr. Blume

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