In Charles Darwins "Die Abstammung des Menschen" war ein tragender Gedanke der, dass sich soziale und moralische Fähigkeiten im Wettbewerb zwischen "Stämmen" entwickelt hätten - woraus dann spätere Forscher das Konzept der "Gruppenselektion" machten.
Der Grundgedanke: wird in Gruppe A mehr auch altruistische (oder, wenn genetisch fixiert: prosoziale) Kooperation praktiziert als in Gruppe B, so werden sich die Angehörigen von Gruppe A besser vermehren, die prosoziale oder altruistische Veranlagung setzt sich durch.
Doch ab Mitte der 1970er Jahre setzte sich insbesondere in der Perspektive des "Gen-Egoismus" (und auch eines gesellschaftlichen Individualismus) die Trittbrettfahrer-Kritik durch: demnach könnten prosoziales oder altruistisches Veranlagungen von anderen, egoistisch handelnden Gruppenmitgliedern ausgenutzt werden und verfielen also "von innen her". Dies gelte in besonderem Maße, wenn sich Fremde Gruppen anschließen könnten - was geradezu eine Einladung an ausnutzende Egoisten sei. "Gruppen" seien also Fiktion, letztlich reduziere sich das Evolutionsprinzip auf das Ringen von Individuen bzw. deren Gene.
Die Theorie der Gruppenselektion geriet in die Minderheitenposition, über individualistische Perspektiven hinaus als biologisch wirksam anerkannt wurden im wesentlichen nur noch Verwandtenselektion und reziproker Altruismus (also Handeln auf Gegenseitigkeit). Auch
Friedrich August von Hayek, der bis in sein letztes Werk und auch in seiner evolutiven Religionstheorie von biologischer und kultureller Gruppenselektion ausging, wurde häufig an dieser (vermeintlich schwachen) Stelle seiner evolutiven Theoriebildung attackiert - die nicht wenigen Kritikern eine schöne Gelegenheit bot, sich gar nicht weiter mit seinen Thesen zu beschaffen. Auch die religionssoziologischen Arbeiten
Emile Durkheims, der die "sozialen Tatsachen" und ihre Evolution in den Mittelpunkt seiner naturalistischen Religionstheorie gestellt hatte, geriet ins Abseits.
Eine Wende unterwegs?
Doch inzwischen mehren sich die Anzeichen für eine Wende, wie sie Todd J. Zywicki in seinem Beitrag "
Was Hayek right about Group Selection After all?" mit Bezug auf Elliott Sober und David S. Wilson (nicht zu verwechseln mit dem Begründer der Soziobiologie Edward O. Wilson) bereits 2000 vorweg genommen hatte. (Dieser Beitrag wurde dankenswerterweise wieder-entdeckt von
Ingo Bading.)
So weist Zywicki gegen die Vertreter des Gen-Egoismus darauf hin, dass auch Individuen selbst letztlich komplex kooperierende Gruppen (!) von Einzelzellen darstellen, deren Erfolg aus ihrer Kooperation erwachse.
Allerdings sind (was Zywicki leider nicht berücksichtigt) diese Zellen miteinander im Gegensatz zu Gruppenmitgliedern monozygotisch engstens verwandt, ein schlagender Beweis für eine über Verwandtenselektion hinausreichende Gruppenselektion ist das allein also noch nicht.
Stärkere Belege kommen aber aus der experimentellen Spieltheorie, in der beispielsweise Probanden im
Ultimatum-Spiel regelmäßig auch Verluste auf sich nehmen, um einen zu niedrigen Anbieter für dessen "Unfairness" durch das Zufügen von Verlusten zu bestrafen. Dies galt auch dann, wenn die Teilnehmer anonymisiert waren - also keine Bedingung der Verwandtenselektion oder des rezirpoken Altruismus bestand. Auch bei Tieren (von Bienen bis zu Affen) ist inzwischen vielfach belegt, dass gruppenschädliches Verhalten erkannt und bestraft werden kann. Das heißt nicht weniger, als dass Menschen und Tieren auch dann Kosten für das Funktionieren der Gruppe übernehmen, wenn weder direkte Fitnessvorteile noch Verwandtenselektion oder reziproker Altruismus vorliegen.
"Trittbrettfahren" ist damit nicht ausgeschlossen, wird aber von den Gruppen selbst bekämpft. Vieles deutet also darauf hin, dass es tatsächlich eine Bandbreite zwischen den gegeneinander agierenden Strategien von Individual- und Gruppenselektion gibt, die von beiden Seiten her immer wieder ausgelotet wird und sich also immer wieder neu einpendeln kann.
(Auch) auf dieser Basis unterzieht der prominente Evolutionsforscher
in einem Namensartikel hier David Sloan Wilson Gen-Egoismus und Memetik von Richard Dawkins einer massiven Kritik und spricht sich für neue Forschungen zur Gruppenselektion und
Evolution der Religion aus.
Befunde aus der evolutiven Religionsforschung
Und interessanterweise bietet gerade diese tatsächlich weitere Anhaltspunkte für eine Neubewertung der Gruppenselektion. So scheinen
religiöse Rituale (auch) die Funktion zu haben, Trittbrettfahrer abzuschrecken: sie stärken die Gemeinschaft nach innen, da sie den Gruppenmitgliedern hohe Investments abverlangen und damit Sorge tragen, dass nur "wahre Glaubende" verbleiben.
Dies lässt sich empirisch testen: der Anthropologe Richard Sosis und Eric Bressler fanden einen empirisch klaren Zusammenhang zwischen der Langlebigkeit historischer Gemeinschaften in den USA und den "kostspieligen Anforderungen" (inkl. Verboten, Ritualen), die diese an ihre Mitglieder stellten. Sie stellten außerdem fest, dass religiöse Gruppen durchschnittlich deutlich länger bestanden als säkulare.
Im Rahmen der religionsdemografischen Forschungen kann ich diesen Befund bestätigen, beziehungsweise bekräftigen. Denn gerade der Reproduktionserfolg ist ja "der" evolutionsbiologische Fitnessindikator - und fällt eindeutig zugunsten der verbindlichen Religionsgemeinschaften aus, insofern sich diese nicht (wie z.B. die Zeugen Jehovas oder die Neuapostolische Kirche) auf einen offensichtlich
nicht-adaptiven Traditionalismus versteifen.
Zumal weitere Veröffentlichungen in diese Richtung weisen, könnte es also sein, dass wir eine Wiederkehr des Konzeptes der Gruppenselektion vor uns haben - und vielleicht auch eine nähere Betrachtung der Evolution der Religiosität sowie eine breitere Wiederentdeckung der Überlegungen von Hayeks und
Emile Durkheims.