Evolutionsforschung

Mittwoch, 2. Juli 2008

Beschrieb ein Muslim zuerst die Evolution?

Im Artikel "Kopfsache" von Philip Wolff im "Wissen"-Magazin der Süddeutschen Zeitung 7/2008, S. 44 - 52 (Fundstelle, S. 62) fand ich folgenden, spannenden Absatz:

"Alfred Russel Wallace und Charles Darwin publizierten vor 150 Jahren zeitgleich ihre Theorie der Evolution durch natürliche Selektion. Demnach überlegben am ehesten die zufällig an die jeweilige Umwelt bestangepassten Individuen - und geben ihre Eigenschaften an die folgenden Generationen weiter.

Mit genau denselben Worten hatte allerdings 1.000 Jahre zuvor ein Forscher den evolutionären Mechanismus beschrieben: Im Kitab al-Hayawan (Buch der Tiere) legt Uthman al-Jahith (781-869) in Bagdad eine ganz ähnliche Theorie vor."

Dass schon bei Aristoteles (von Darwin selbst zitiert), Augustinus, Kant und anderen Denkern frühe, evolutionäre Gedanken und Formulierungen aufgetaucht sind, wußte ich. Aber al-Jahith wäre mir neu und mich würde das sehr interessieren. Gibt es jemanden in der Blogosphäre, der dazu Näheres weiß?

Mittwoch, 18. Juni 2008

Ab wann kleidete sich der Mensch? Ein Beispiel biokultureller Evolution

Evolutionsforschung ist etwas für Krimi- und Tüftelfreunde: Immer wieder ergeben sich überraschende Zusammenhänge und Querverbindungen, die Lust auf mehr machen.

So scheint die Frage, ab wann sich unsere Vorfahren in Kleidung hüllten, sehr schwer zu beantworten - schließlich erhalten sich Felle & Co. kaum über Jahrzehntausende, Nadeln und Spangen sind ebenfalls schwer zu finden und mit Sicherheit sehr viel jünger.

Einen originellen Seitenblick fand ich im Artikel "Kopfsache" von Philip Wolff im "Wissen"-Magazin der Süddeutschen Zeitung 7/2008, S. 44 - 52 (Fundstelle, S. 49). Demnach könne ein kleines, sonst eher als lästig betrachtetes Tier bei der Antwort helfen: die Kleiderlaus.

Ein Kleiderlaus-Weibchen und eine Larve. Laut einigen DNA-Forschern spalteten sich die Vorfahren dieser Tiere vor 70.000 Jahren vom Stammbaum der Kopflaus ab - was einen originellen Hinweis auf das Entstehen menschlicher Kleidungsgewohnheit bieten könnte.

Denn diese habe sich - so auch Otto Urban vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien (ein Beitrag hier) - vor ca. 72.000 (plus/minus 4.200) Jahren genetisch aus dem DNA-Stammbaum der Kopflaus gelöst: Ein Hinweis auf die Entstehung warmer Kleidung als eigenständiger Nische.

Interessanterweise würde dieser Zeitraum recht genau in die Ausbreitung von Homo Sapiens aus dessen Wiege in Afrika fallen - wobei jedoch Homo Erectus-Gruppen und Homo Neanderthalensis schon lange zuvor auch außerhalb dieses Kontinentes gesiedelt hatten. Sollten also tatsächlich erst unsere Sapiens-Vorfahren ausreichend Kleidung zur Entstehung und Ausbreitung der Kleiderlaus produziert haben, so spräche (auch) dies für deren kulturelle Kreativität.

Auf jeden Fall aber fand ich die Verbindung Kleiderlaus - Kleidung, so viele Fragen auch noch offen bleiben, interessant weil

1. Wir hier ein schönes Beispiel haben, wie Kultur und Natur auseinander hervorgehen und einander wechselseitig verändern.

2. Das Beispiel zeigt, wie quer man gerade auch in der Evolutionsforschung denken kann und muss, um Erkenntnisse zu gewinnen.

PS: Die SZ-Wissen-Ausgabe empfehle ich übrigens nicht nur aufgrund des anregenden Kopfsache-Artikels zur Evolution menschlicher Haarpracht, sondern auch aufgrund eines kurzen, aber würdigenden Artikels von Richard Friede zu Alfred Russel Wallace. Leser dieses Blogs kennen den völlig verkannten Mitentdecker der Evolutionstheorie (der auch zeitlebens gläubiger Christ blieb) bereits - und es ist sehr erfreulich, dass er langsam auch ins allgemeinere Bewußtsein sickert.

Mittwoch, 13. Februar 2008

Biokulturelle Evolution / Gen-Kultur-Koevolution

Bis tief in die 90er Jahre hinein dominierte die Auffassung die Wissenschaft, dass Evolution ausschließlich ein "biologischer" Begriff sei. Nur wenige mutige Denker wie Friedrich August von Hayek stemmten sich dieser Verengung entgegen - Hayek beispielsweise mit dem Hinweis, dass der Begriff aus der Sprachforschung entnommen sei und die Sprachen tatsächlich ein wunderbares Beispiel für nicht vorab geplante, sondern kulturell evolvierte Systeme seien.

Es folgte eine Phase der getrennten Diskussion von biologischer und kultureller Evolution - wobei Richard Dawkins mit der Mem-Theorie kultureller "Viren" die wohl extremste Position bezog: die biologischen Einheiten (Gene) und die kulturellen Einheiten (Meme) wurden hier als weitgehend unverbunden, wenn nicht gar potentiell gegensätzlich gedacht. Gerade diese extreme Position forderte jedoch zum Widerspruch auf: Wenn sich zum Beispiel jene Musik-Meme durchsetzen, die sich an bestimmte Gehirnstrukturen schmiegen - behielte dann nicht doch die biologische Evolution ihre fundamentale Bedeutung?

In jüngster Zeit setzt sich, gerade auch nach Beobachtungen etwa zu erlerntem Werkzeug- oder auch pflanzlichem Medikamentengebrauch durch Primaten, mehr und mehr der Begriff der biokulturellen Evolution, von einigen auch Gen-Kultur-Koevolution genannt, durch.

Hierbei wird die Kultur nicht mehr außerhalb der Biologie, sondern letztlich als Erweiterung verstanden: nicht jedes Produkt von Kulturfähigkeiten ist selbst adaptiv (heute wäre es z.B. ein Faustkeil kaum noch), auf Dauer aber setzten sich auch in der kulturellen Evolution immer wieder die fitness-förderlichen Produkte durch. Und umgekehrt: die Verfügbarkeit kultureller Produkte wirkt dann auch wieder zurück auf die genetische Ausstattung.

Beispiel Laktosetoleranz

Das vielleicht berühmteste Beispiel hierfür ist die Laktosetoleranz. Normalerweise verlieren die Menschen nach dem Babyalter die Fähigkeit, Milchzuckerlaktose zu verarbeiten. Wo immer aber Menschen begannen, milchgebendes Vieh zu halten, wurden die seltenen Mutationen lebenslanger Laktosetoleranz prompt zu einem Überlebensvorteil: Wer auch noch als Jugendlicher und Erwachsener Milch vertrug, hatte bessere Chancen und damit durchschnittlich mehr Kinder. Die Kultur wirkte auf die Gene zurück! Heute haben 100% der Tschechen, 98% der Dänen, 85% der nordafrikanischen Tuareg - aber nur 3% der Thailänder und 0% unter einigen Bantuvölkern die Gene für Laktosetoleranz und die Forscher können die Ausbreitung der Milchviehhaltung mit der Ausbreitung der entsprechenden Genmutationen korrelieren.

Eine niveauvolle Einführung mit diesem und weiteren Beispielen bietet "Genes, Culture, and Human Evolution: A Synthesis" von Linda Stone, Paul Lurquin und Luca Cavalli-Sforza.
Ein gerade auch für Religionswissenschaftler hochspannender Protagonist dieser Richtung ist daneben David Sloan Wilson.

Der folgende Werbespot spielt humorvoll auf den biokulturellen Tatbestand an: Was im jeweiligen Setting nicht auch biologisch nützt, wird auf Dauer auch kulturell gnadenlos aussortiert... Nur hätte die Empfehlung von Milch unserem dort geschilderten "Vorfahren" auch nur Bauchschmerzen beschert! Und dann noch der Dinosaurier am Schluss, der doch zig Millionen Jahre zuvor ausgestorben war... Am besten, Sie haben einfach viel Spaß! (-:

Dienstag, 6. November 2007

Gruppenselektion

In Charles Darwins "Die Abstammung des Menschen" war ein tragender Gedanke der, dass sich soziale und moralische Fähigkeiten im Wettbewerb zwischen "Stämmen" entwickelt hätten - woraus dann spätere Forscher das Konzept der "Gruppenselektion" machten.

Der Grundgedanke: wird in Gruppe A mehr auch altruistische (oder, wenn genetisch fixiert: prosoziale) Kooperation praktiziert als in Gruppe B, so werden sich die Angehörigen von Gruppe A besser vermehren, die prosoziale oder altruistische Veranlagung setzt sich durch.

Doch ab Mitte der 1970er Jahre setzte sich insbesondere in der Perspektive des "Gen-Egoismus" (und auch eines gesellschaftlichen Individualismus) die Trittbrettfahrer-Kritik durch: demnach könnten prosoziales oder altruistisches Veranlagungen von anderen, egoistisch handelnden Gruppenmitgliedern ausgenutzt werden und verfielen also "von innen her". Dies gelte in besonderem Maße, wenn sich Fremde Gruppen anschließen könnten - was geradezu eine Einladung an ausnutzende Egoisten sei. "Gruppen" seien also Fiktion, letztlich reduziere sich das Evolutionsprinzip auf das Ringen von Individuen bzw. deren Gene.

Die Theorie der Gruppenselektion geriet in die Minderheitenposition, über individualistische Perspektiven hinaus als biologisch wirksam anerkannt wurden im wesentlichen nur noch Verwandtenselektion und reziproker Altruismus (also Handeln auf Gegenseitigkeit). Auch Friedrich August von Hayek, der bis in sein letztes Werk und auch in seiner evolutiven Religionstheorie von biologischer und kultureller Gruppenselektion ausging, wurde häufig an dieser (vermeintlich schwachen) Stelle seiner evolutiven Theoriebildung attackiert - die nicht wenigen Kritikern eine schöne Gelegenheit bot, sich gar nicht weiter mit seinen Thesen zu beschaffen. Auch die religionssoziologischen Arbeiten Emile Durkheims, der die "sozialen Tatsachen" und ihre Evolution in den Mittelpunkt seiner naturalistischen Religionstheorie gestellt hatte, geriet ins Abseits.

Eine Wende unterwegs?

Doch inzwischen mehren sich die Anzeichen für eine Wende, wie sie Todd J. Zywicki in seinem Beitrag "Was Hayek right about Group Selection After all?" mit Bezug auf Elliott Sober und David S. Wilson (nicht zu verwechseln mit dem Begründer der Soziobiologie Edward O. Wilson) bereits 2000 vorweg genommen hatte. (Dieser Beitrag wurde dankenswerterweise wieder-entdeckt von Ingo Bading.)

So weist Zywicki gegen die Vertreter des Gen-Egoismus darauf hin, dass auch Individuen selbst letztlich komplex kooperierende Gruppen (!) von Einzelzellen darstellen, deren Erfolg aus ihrer Kooperation erwachse.

Allerdings sind (was Zywicki leider nicht berücksichtigt) diese Zellen miteinander im Gegensatz zu Gruppenmitgliedern monozygotisch engstens verwandt, ein schlagender Beweis für eine über Verwandtenselektion hinausreichende Gruppenselektion ist das allein also noch nicht.

Stärkere Belege kommen aber aus der experimentellen Spieltheorie, in der beispielsweise Probanden im Ultimatum-Spiel regelmäßig auch Verluste auf sich nehmen, um einen zu niedrigen Anbieter für dessen "Unfairness" durch das Zufügen von Verlusten zu bestrafen. Dies galt auch dann, wenn die Teilnehmer anonymisiert waren - also keine Bedingung der Verwandtenselektion oder des rezirpoken Altruismus bestand. Auch bei Tieren (von Bienen bis zu Affen) ist inzwischen vielfach belegt, dass gruppenschädliches Verhalten erkannt und bestraft werden kann. Das heißt nicht weniger, als dass Menschen und Tieren auch dann Kosten für das Funktionieren der Gruppe übernehmen, wenn weder direkte Fitnessvorteile noch Verwandtenselektion oder reziproker Altruismus vorliegen.

"Trittbrettfahren" ist damit nicht ausgeschlossen, wird aber von den Gruppen selbst bekämpft. Vieles deutet also darauf hin, dass es tatsächlich eine Bandbreite zwischen den gegeneinander agierenden Strategien von Individual- und Gruppenselektion gibt, die von beiden Seiten her immer wieder ausgelotet wird und sich also immer wieder neu einpendeln kann.

(Auch) auf dieser Basis unterzieht der prominente Evolutionsforscher in einem Namensartikel hier David Sloan Wilson Gen-Egoismus und Memetik von Richard Dawkins einer massiven Kritik und spricht sich für neue Forschungen zur Gruppenselektion und Evolution der Religion aus.

Befunde aus der evolutiven Religionsforschung

Und interessanterweise bietet gerade diese tatsächlich weitere Anhaltspunkte für eine Neubewertung der Gruppenselektion. So scheinen religiöse Rituale (auch) die Funktion zu haben, Trittbrettfahrer abzuschrecken: sie stärken die Gemeinschaft nach innen, da sie den Gruppenmitgliedern hohe Investments abverlangen und damit Sorge tragen, dass nur "wahre Glaubende" verbleiben.

Dies lässt sich empirisch testen: der Anthropologe Richard Sosis und Eric Bressler fanden einen empirisch klaren Zusammenhang zwischen der Langlebigkeit historischer Gemeinschaften in den USA und den "kostspieligen Anforderungen" (inkl. Verboten, Ritualen), die diese an ihre Mitglieder stellten. Sie stellten außerdem fest, dass religiöse Gruppen durchschnittlich deutlich länger bestanden als säkulare.

Sosis und Bressler verglichen die Lebensdauer säkularer und religiöser Gruppen. Das Ergebnis war eindeutig: religiöse Gruppen überlebten durchschnittlich deutlich länger und die Lebensdauer nahm mit der Zahl der kostspieligen Anforderungen an Mitglieder zu.

Im Rahmen der religionsdemografischen Forschungen kann ich diesen Befund bestätigen, beziehungsweise bekräftigen. Denn gerade der Reproduktionserfolg ist ja "der" evolutionsbiologische Fitnessindikator - und fällt eindeutig zugunsten der verbindlichen Religionsgemeinschaften aus, insofern sich diese nicht (wie z.B. die Zeugen Jehovas oder die Neuapostolische Kirche) auf einen offensichtlich nicht-adaptiven Traditionalismus versteifen.

Lebendgeburten pro Frau nach Religionszugehörigkeit, Schweizer Zensus 2000, alle Kategorien. Es zeigt sich, dass "alle" religiösen Gemeinschaftskategorien durchschnittlich deutlich mehr Kinder erreichen als die Konfessionslosen.

Zumal weitere Veröffentlichungen in diese Richtung weisen, könnte es also sein, dass wir eine Wiederkehr des Konzeptes der Gruppenselektion vor uns haben - und vielleicht auch eine nähere Betrachtung der Evolution der Religiosität sowie eine breitere Wiederentdeckung der Überlegungen von Hayeks und Emile Durkheims.

Samstag, 3. November 2007

Faszination Evolutionstheorie - Beispiel Schweiz

Heute vor 160 Jahren begann in der Schweiz der Sonderbundkrieg zwischen liberalen und protestantischen Kantonen auf der einen und traditionalen und katholischen Kantonen auf der anderen Seite - der letzte, kriegerische Waffengang in der Geschichte der tapferen Republik, der nach wenigen Wochen mit einem Sieg der Liberalen und nur ca. 150 Gefallenen endete. Während der Rest Europas noch seine größten Tragödien vor sich hatte, lebten die Schweizer die Kunst des demokratischen Streits, Kompromisses und auch Wohlstands seitdem vor. Und interessanterweise sind es (wieder) vor allem religionspolitische, diesmal islamo- und xenophobe Themen, mit der die Schweizer SVP derzeit das Modell der toleranten Konsenspolitik attackiert...

Aber während heute andernorts Gegner und Befürworter der Evolutionstheorie einander noch mit Polemiken bewerfen, hat das Schweizer Fernsehen die Faszination der Evolutionsforschung längst als pfiffige Imagewerbung entdeckt!

Im folgenden das sehenswerte Video um den Schweizer Anthropologen und Evolutionsforscher Christoph Zolikhofer:



Faszination Evolutionsforschung

Als Charles Darwin und Alfred Russel Wallace das biologische Evolutionsprinzip zum ersten Mal beschrieben, wurden praktisch alle Wissenschaftsbereiche von den Erkenntnissen und Debatten erfasst.

Dabei gab (und gibt) es jedoch zwei Schwierigkeiten zu überwinden:

Zum einen sind die Evolutionsprinzipien zwar einerseits einfach und atemberaubend schön - in ihrer Realität aber von unglaublicher Komplexität und oft verstörend. Darwin und Wallace wussten zum Beispiel noch nichts von Genen und sie verfehlten die menschliche Demografie verhängnisvoll, indem sie dem Malthusianismus folgten (ein Fehler, den Wallace noch kurz vor seinem Tod erkannte und zu beheben versuchte). Bis heute steckt die Evolutionstheorie voller Rätsel und überraschender Entdeckungen - Unmengen unerforschten Landes, das zu erkunden sich lohnt!

Zum zweiten haben sich Theologen und auch die Vertreter anderer Fächer zu oft vor der Evolutionstheorie eher verschanzt, als sich offensiv auf sie einzulassen. Selbst wenn bedeutende Denker wie der Soziologe und Religionswissenschaftler Emile Durkheim oder der Wirtschaftsnobelpreisträger und Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek die Evolutionstheorie bereits brillant anwendeten und erweiterten, fielen ihre Disziplinen hinter ihre Erkenntnisse meist wieder zurück.

Als eine Folge dieser beiden Schwierigkeiten bleibt die Rezeption dieser genialen Theorie einerseits bis heute weit hinter ihren Möglichkeiten zurück, erfolgen immer noch wissenschaftlich schwach belegte Attacken von religiösen Fundamentalisten und andererseits auch der kaum besser begründete Missbrauch durch säkulare Ideologien (Sozialdarwinismus, Eugenik, Ultradarwinismus) in Vergangenheit und Gegenwart.

Moderne Evolutionsforschung - machen Sie mit!

Doch die jüngste Zeit erlebt eine (auch durch das Internet beförderte) interdisziplinäre Vernetzung mutiger, kritischer und oft noch junger Wissenschaftler, die Evolutionsforschung auf hohem Niveau betreiben - auch zur Evolution der Religion.

International wirken seit wenigen Monaten Biologen und Religionswissenschaftler im neuen Projekt der "Evolutionary Religious Studies (ERS)" zusammen und in Deutschland richtet zum Beispiel das Hanse-Wissenschaftskolleg interdisziplinäre Tagungen zur Evolution auch der Religion(en) aus, in der deutschsprachigen MVE-Liste versammeln sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen. Und auch Theologen wie Hubert Meisinger (mit diesem Buch) oder Wolfgang Achtner (mit einer Predigt, für den er den Predigtpreis 2005 erhielt) haben begonnen, das Thema zu erschließen.

Als Religionswissenschaftler macht es mir viel Freude, in diesem Bereich mitforschen und -lehren zu dürfen. Machen wir es den Schweizern nach und entdecken wir die Faszination des Lebens und seiner Entfaltung! Denn die Evolutionstheorie hilft uns, unsere Vergangenheit besser zu erfassen - und weist damit in die Zukunft!

Montag, 29. Oktober 2007

Sexuelle Selektion

Goethe vermutete sie (sogar mit Bezug zur Religiosität) in seiner unsterblichen "Gretchenfrage", Charles Darwin entdeckte sie beim Tier und verdrängte ihre Geltung beim Menschen und Alfred Russel Wallace vertrat sie noch kurz vor dem ersten Weltkrieg eindringlich als Alternative zu Sozialdarwinismus, Eugenik und Krieg: die sexuelle Selektion.

Damit ist ein zunächst sehr einfach wirkender Prozess bezeichnet, der die Evolution wie kein zweiter prägt: da bei sich sexuell (zweigeschlechtlich) vermehrenden Arten das Investment des Weibchens in jedes Nachkommen meist sehr viel höher ist als das des Männchens, entstehen Szenarien der "Damenwahl": das Weibchen kann mitentscheiden, welchem Partner es die Gelegenheit zur Befruchtung einräumt.

Darwin nannte dieses Phänomen wenig romantisch "geschlechtliche Zuchtwahl", er trifft den Kern damit aber schon: die Partner, insbesondere aber die das knappere Gut verwaltende Frauen, gestalten über ihre wechselwirkende Wahl die Evolution ihrer jeweiligen Spezies entscheidend mit. Das wohl bekannteste Beispiel dafür ist der Pfauenschwanz, der Energiehaushalt und Überlebenschancen des Hahns belastet - gerade dadurch aber dem Weibchen signalisiert: "Ich bin genetisch fit und gesund, ich kann es mir leisten!"

Prachtvoll wirbt der Hahn um die Henne. Diese ist es aber, die durch ihre Wahl eigentlich "am Hebel sitzt", Pfauenhennen haben durch sexuelle Selektion die Evolution des Pfauenschwanzes gestaltet!

Obwohl zahlreiche tierische Merkmale (wie Balztänze, leuchtende Farben, Hirschgeweihe etc.) ohne den Aspekt der sexuellen Selektion nicht zu erklären sind und dieses Prinzip also einen hohen Rang in Darwins Evolutionstheorie einnahm, wischte er es mit Bezug auf den Menschen schließlich vom Tisch - zu sehr widersprach es patriarchalen Traditionen:

„Der Mann ist an Körper und Geist kraftvoller als die Frau, und im wilden Zustande hält er dieselbe in einem viel unterwürfigeren Stande der Knechtschaft, als es das Männchen irgend eines anderen Thieres thut; es ist daher nicht überraschend, dass er das Vermögen der Wahl erlangt hat.“ (Darwins "Abstammung des Menschen", S. 675)

Wiederentdeckung auch in der Primatologie

Erst in den vergangenen Jahrzehnten ist das Prinzip der sexuellen Selektion mit Macht in die biologischen Diskurse zurück gekehrt und hat reiche Erkenntnisschätze hervorgebracht.

Ein schönes Beispiel ist der Artikel des deutschen Primatologen Andreas Paul Sexual Selection and Mate Choice (Download hier), der sowohl die Eleganz, wie aber auch die Komplexität und den Forschungsbedarf dieses wichtigen Prozesses schon bei unseren nächsten Verwandten unterstreicht.

Gretchenfrage - beim Menschen?

Gemeinsam mit einer Reihe anderer Forscher bin ich der Meinung, dass die sexuelle Selektion beim Menschen maßgeblich zur Evolution der Religiosität beigetragen hat - und beiträgt. Goethe lag mit seiner genialen "Gretchenfrage" wohl goldrichtig, wie auch religionssoziologische und religionsdemografische Daten eindrücklich nahelegen.

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Konvergenz

Einer der auch für Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften spannendsten Begriffe der Evolutionsforschung ist die (evolutive) Konvergenz.

Von einer Konvergenz spricht man bei einer beobachteten Merkmalsähnlichkeit von zwei Taxa (Spezies), wenn die betroffenen Merkmale unabhängig voneinander evolvierten.

Das vielleicht bekannteste Beispiel ist die sehr ähnliche Körperform verschiedener Arten von Fischen (z.B. Haien), Säugetieren (z.B. Walen) und Reptilien (v.a. Ichthyosauriern), die über Jahrmillionen hinweg in der Lebenswelt der Meere und Ozeane je auf ähnliche Lösungen hin evolvierten - sich also Körpergestalten durchsetzten, mit denen schnelles Bewegen und Navigieren unter Wasser möglich war.

Das Paradebeispiel für evolvierte Konvergenz: Haie (Fische), Wale (Säugetiere) und Ichthyosaurier (Reptilien). Interessanterweise evolvierte z.B. auch das Merkmal Religiosität konvergent je bei Neandertalern und Sapiens.

Auch Merkmale wie Musikalität finden wir konvergent in sehr verschiedenen Spezies (z.B. bei Walen und Vögeln) - und schließlich haben wir Bestattungen als Frühform des Merkmals Religiosität sowohl bei Neandertalern wie Sapiens belegt.

Thematisiert werden wird dieser Zusammenhang, der auch die kulturelle Evolution betrifft, beim religionsevolutorischen Seminar in Heidelberg, auf das ich mich schon sehr freue. In diesem Vortrag habe ich auf dieser Basis die These vertreten, dass auch möglicherweise existierende Spezies anderer Planeten, die ihre Reproduktion vorausplanen ggf. religiös befähigt sein könnten - zumindest dann, wenn Evolutionsprozesse anderswo vergleichbar abliefen. Dann könnten auch dort Meeresbewohner den unsrigen äußerlich gleichen und entwickelte Spezies religiös befähigt sein. Konvergenz, eben.

Samstag, 6. Oktober 2007

Der rätselhafte Altruismus menschlicher Primaten

Heute eine brillante, kurze Wissenschaftsnotiz aus den "Fundstücken" der Stuttgarter Zeitung, Ausgabe Freitag, 5.10., S. 17:

"Schimpansen denken nur an sich

Ökonomen alter Schule, die sich möglichst rationale Individuen wünschen, sollten sich den Schimpansen zuwenden. Menschliche Versuchspersonen haben schon in vielen Experimenten gezeigt, dass es ihnen nicht nur darum geht, den Gewinn zu maximieren. Ebenso wichtig ist ihnen, dass es bei der Transaktion fair zugeht. Lieber verzichten sie auf ihren Gewinn, als einen anderen Probanden mit einer Schummelei davonkommen zu lassen. Ganz anders die evolutionären Vettern des Menschen: Schimpansen ist egal, was die anderen bekommen - sie achten nur auf ihren eigenen Gewinn.
("Science", Band 318, Seite 107)"

- Zitat Ende -

Was ist da los?

Die Frage, warum die Menschen soviel stärker zu altruistischem Verhalten neigen als auch ihre engsten Verwandten unter den Primaten, bewegte schon Edward O. Wilson, den Begründer der Soziologie.

Die Religionswissenschaft (und Theologen wie Hubert Meisinger) ist hier insofern zweifach betroffen, weil 1. auch die beobachtbare Evolution von religiösem Verhalten nur wenige Jahrhunderttausende "jung" ist und 2. Religionen ihre Mitglieder regelmäßig zu selbstlos-altruistischem Verhalten, (mindestens innerhalb der Gemeinschaft, oft darüber hinaus) auffordern. Evolutionstheoretisch arbeitende Religionswissenschaftler fragen sich also, warum Homo Oeconomicus das Beten lernte.

Lösungsvorschlag: Reproduktive Vorausplanung führt zur Dynamisierung des Altruismus

Mein persönlicher Lösungsvorschlag auf Basis religionsdemografischer Daten, anknüpfend auch an evolutionäre Überlegungen von Friedrich August von Hayek lautet: die dynamische Entwicklung des Altruismus und die Emergenz der Religiosität wurden durch die Gabe der reproduktiven Vorausplanung hervorgerufen.

Schauen wir uns die Entwicklung des menschlichen Gehirns an (als Video auch hier):

Schädelentwicklung Australopithecus afarensis - Homo erectus - Homo sapiens. Homo erectus entsprach dem modernen Menschen bereits bis auf die Schädelform - man beachte die Zunahme v.a. des Stirnhirns!

Ins Auge sticht nicht nur die allgemeine Größenzunahme des Gehirns, sondern vor allem auch ihr Ort: das Stirnhirn, der präfrontale Cortex. Dieser Gehirnbereich befähigt uns zur Vorausplanung, Impulskontrolle und Abwägung. Seine Entwicklung musste schließlich (konvergent beim Sapiens und Neandertaler) dazu führen, dass Reproduktion schließlich nicht mehr einfach vollzogen, sondern vorab entschieden wurde. Eltern mussten (und müssen!) entscheiden, ob sie die absehbaren Bindungen, Kosten und Mühen der Geburt und des Aufzugs von Kindern auf sich nahmen. Plötzlich war (und ist) im biologischen Nachteil, wer nur "rationalistisch" um sich selber kreist und Kinder allenfalls dann akzeptiert, wenn sie ihm wirtschaftlichen Gewinn brächten (siehe Ichling). Im reproduktiven Vorteil wären dagegen jene, die Kinder aus emotionalen oder überrationalen (transzendenten) Gründen anstreben - wie es auch heutige Homo Sapiens tun.

In zahlreichen Befragungen betonen auch junge, religiöse Personen höhere Zustimmungswerte zu Familie und Kindern als ihre säkularen Mitbefragten.

Die Folge: sowohl auf individueller wie sozialer Ebene würden sich altruistische (und religiöse) Veranlagungen gegenüber reproduktionsfauleren Nur-Rationalisten (siehe oben, Schimpansen) durchsetzen - was nicht nur dem Befund an heutigen Homo Sapiens, sondern auch dem konvergenten Auftreten von Angehörigenpflege und Bestattungen sowohl bei Sapiens wie Neandertalern völlig entspricht.

Primatologie ist spannend - u.U. auch für Religionswissenschaftler! (-:

Mittwoch, 3. Oktober 2007

Die Evolution des menschlichen Gehirns und die Religiosität

Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig in der Öffentlichkeit über den faszinierenden, auch weiterhin stattfindenden Prozess der Evolution bekannt ist - und wie viele sowohl religiöse wie atheistische Menschen glauben, wissenschaftliche Erkenntnis und religiöser Glauben schlössen einander aus.

Dieses Video zeigt in 2 Minuten einen sehr schönen Überblick über die Gehirnentwicklung der Hominiden, die schließlich zum Menschen führte. Bitte beachten Sie auch die zuletzt stattfindende Entwicklung des Stirnhirns (präfrontaler Cortex), in dem wir Menschen Entscheidungen treffen und abwägen.



Parallel zur Entwicklung dieses Gehirnbereiches entdecken wir bei unseren Vorfahren mit Begräbnissen die ersten Spuren von Religion - Bestattungen. Und zwar sowohl bei Homo Sapiens wie auch bei Neandertalern.

Beim modernen Menschen wuchs das Stirnhirn und hier vor allem der präfrontale Cortex, der u.a. Vorausplanung, (moralische) Abwägungen, Impulskontrolle und die Konstruktion von Identität bewerkstelligt. (Klick führt zum Lexikon eines Facharztes über den präfrontalen Cortex.)

Seitdem wir diesen Gehirnbereich entwickelt haben, ist Religion teil unseres menschlichen Erbes - dieses Merkmal hat außerordentlich dynamisch zugenommen und dürfte also mit enormen Reproduktionsvorteilen verbunden gewesen sein - die wir auch heute beobachten können.

Verhältnis von Gebetshäufigkeit und durchschnittlicher Kinderzahl auf Basis der ALLBUS-Befragung Deutschland 2002. (Klick führt auf unseren (Blume, Ramsel, Graupner) Gesamtartikel im Marburg Journal of Religion.)

Und genau diesen Fragen spüren Wissenschaftler -darunter Atheisten, Agnostiker und eben auch Theisten wie der Autor dieses Blogs- längst gemeinsam nach. Wegweisend berichtete darüber zum Beispiel Rüdiger Vaas in Bild der Wissenschaft.

Das Cover von Bild der Wissenschaft 02/2007 mit dem Titel "Evolutionsforscher entdecken: Warum Glaube nützt". Titelgeschichte Rüdiger Vaas. (Klick führt auf die BdW-Homepage)

Vorträge dazu sind z.B. hier in Deutsch oder auch (neu) hier in Englisch verfügbar.

The first international lecture about this new theory, trying to comprehend (not to reduce) the evolution of religion by reproductive benefits, ready to download at your convenience "here".
<br />

<br />
Den erste internationale Vortrag zur neuen Theorie dieses Blogs, die die Evolution von Religion religionsdemografisch zu verstehen (nicht zu reduzieren) versucht, für Sie zum Download "hier".

Wissenschaft ist viel zu spannend, um sie unter Ideologie(n) zu begraben. Wer wirklichen Glauben oder wirkliche Überzeugungen hat, braucht sich für den Erkenntnissen seriöser, empirischer Wissenschaft nicht zu fürchten. Diese wird sogar dann besonders interessant, wenn Menschen über Glaubens- und Fakultätsgrenzen hinweg auf Basis harter Daten zusammenarbeiten.

Deswegen möchte ich in der hiermit neu gegründeten Kategorie Evolutionsforschung aus diesem spannenden Feld berichten und seriöse Informationen auf heutigem Stand zur Verfügung stellen.

Forschen, diskutieren, denken Sie mit!

Dr. Blume

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