Evolutionary Religious Studies (ERS)

Donnerstag, 12. Juni 2008

Religiosität & Intelligenz: Sind Gläubige dümmer?

Richard Lynn hat wieder einmal zugeschlagen: In der Vergangenheit hatte der emeritierte Professor für Psychologie schon verkündet, dass sich Menschen"rassen" in ihrem IQ unterschieden, Afrikaner beispielsweise sehr viel weniger intelligent als Europäer seien (englische Buchzusammenfassung hier), dass Frauen einen durchschnittlich geringeren IQ als Männer aufwiesen (BBC-Bericht hier) und dass es außerdem an der Zeit sei, wieder über Eugenik und pränatale Diagnostik auch zum Zweck der Intelligenzsteigerung nachzudenken (BBC-Bericht dazu hier).

So etwas liest man in der deutschsprachigen Blogosphäre nicht gerne. Aber nun hat Richard Lynn, so eine Vorankündigung zum Journal Intelligence, ebenfalls behauptet, dass Religiosität mit niedriger Intelligenz korreliere - das wird (hier von Florian Rötzer) gerne aufgegriffen. Denn Lynn meint, dass es einen starken Zusammenhang zwischen dem IQ und dem Glauben an einen Gott gebe. Man könne sogar vom durchschnittlichen IQ den Anteil der Atheisten in 137 Ländern ablesen.

Neu..?

...ist das nicht. Entsprechende Grafik-Korrelationen und Tabellen finden sich seit Jahren im Internet.

Die Grafik korreliert den durchschnittlichen IQ der Einwohner von Ländern mit deren Anteil, die Religion in ihrem Leben als "sehr wichtig" einschätzten. Rot umkreist sind die USA, die als religiös-demografischer Markt aus dem Schema fallen.

Die Crux bei dieser Korrelation hat mit einem spezifischen Problem zu tun, mit dem Lynn schon des öfteren zu kämpfen hatte: In reichen und wohlhabenden Gesellschaften steigt der durchschnittliche IQ. Denn hier erhalten die Menschen von klein auf bessere Nahrung, medizinische Versorgung sowie Frühförderung und Bildung im Rahmen von Kompetenzen, wie sie IQ-Tests abfragen. Gleichzeitig bieten diese Länder rechtlichen und sozialen Schutz und machen damit eine Funktion von Religionsgemeinschaften als Netzwerke gegenseitiger Hilfe obsolet, zudem gehen mit steigender Bildung mehr lebensweltliche und weltanschauliche Optionen einher - Säkularisierung setzt ein.

Entsprechend steigen IQ und sinkt der Religiositätslevel jeweils aufgrund derselben gesellschaftlicher Prozesse, bis ein religiös-demografischer Markt wie in den USA das Nachwachsen junger, religiöser Generationen ermöglicht (mehr dazu hier). Und siehe da: Auch die obere Grafik räumt ein, dass die rot umrandete USA aus dem Raster fällt - die Vereinigten Staaten weisen sowohl hohe IQ wie auch hohe Religiosität auf.

Gegen eine allzu einfache Korrelation...

...sprechen aber auch weitere Untersuchungen. So konnten Carsten Ramsel, Sven Graupner und ich bei einer Auswertung deutscher ALLBUS-Daten 2002 keinen linearen Zusammenhang von Religiosität und Bildung ausmachen.

Bei der Auswertung der deutschen ALLBUS-Daten 2002 zeigte sich, dass in der Generation der 35- bis 45jährigen kein linearer Zusammenhang von Religiosität und Schulabschluss (mehr?) bestand.

Der Bildungserfolg war übrigens ein Problem, auf das Lynn auch schon beim Männer-Frauen-Thema gestoßen war: der Befund, dass in immer mehr Ländern mehr Frauen als Männern der Bildungsaufstieg bis in die Universitäten gelang, stieß sich doch sehr direkt mit seiner These geringerer, weiblicher Intelligenz. Im Bezug auf Religionen zeigt sich das gleiche Problem.

Und auch bei der Auswertung der Schweizer Volkszählung 2000 ergab sich, dass Juden und einige kleinere, christliche Gemeinschaften nicht nur wesentlich mehr Kinder als Konfessionslose bekamen - sondern dabei auch höhere Anteile an Akademikern und Inhabern leitender Berufspositionen verzeichneten.

Dass Lynn in seinem o.g. Buch aschkenasischen Juden mehr IQ als Europäern und einen sehr viel höheren IQ als Arabern zuerkannte, zeigt übrigens ebenfalls auf, dass auch er selbst nicht an eine lineare Verknüpfung von Intelligenz und Religiosität über alle Weltreligionen hinweg glaubt - ein gewisser Eindruck von Willkür ist kaum von der Hand zu weisen.

Fazit

Es bleibt hoch umstritten und zu überprüfen, ob und wie der Intelligenzquotient (IQ) je unabhängig mit ethnischer Herkunft, Geschlecht oder eben Religiosität korreliert. Auch bleibt unklar, inwiefern der IQ nicht nur eine sehr spezifische Weise der Problemlösung "mißt", die sich kaum absolut aus den Anforderungen heutiger oder vergangener Lebenswelten ableiten läßt. Warum IQ überhaupt ein besserer Maßstab für menschliches Leben sein sollte als z.B. emotionale Intelligenz (EQ), Spiritualität, Musikalität, Familiensinn oder Leistungsbereitschaft, erscheint mir nirgendwo schlüssig begründet. Letztlich macht Lynn auch hier bereits in seinen Arbeiten Schlenker: So attestiert er "Ostasiaten" höhere Intelligenz als Europäern, vermutet dann aber im Hinblick auf die unterschiedlichen, zivilisatorischen und wissenschaftlichen Erfolge, dass Asiaten eben "konformistischer" seien und ihren Intelligenzvorsprung daher nicht innovativ nutzen würden. Selbst wer ihm bis hierher folgen wollte, müßte also einräumen, dass auch nach Lynn IQ keinesfalls der einzige Erfolgsindikator ist, wie auch Religiöse (z.B. aschkenasische Juden) durchaus intelligent sein können...

Übrigens: Ganz hart evolutionsbiologisch gesprochen, ist der natürliche, biologische Erfolgsmaßstab schlicht der Reproduktionserfolg - und hier zeigen sich die nach Lynn angeblich weniger intelligenten "Rassen" und die Religiösen weltweit "intelligenten" Rationalisten klar überlegen. Die eugenischen Fantasien erhalten hier eine beklemmende Note.

Wer sich also nicht blamieren will, sollte auf eine unkritische Rezeption Lynns ebenso verzichten wie auf Denk- oder Forschungsverbote: Die wirklich überzeugenden Befunde zum Zusammenhang von Intelligenz und Religiosität (wie auch zu mutmaßlichen Unterschieden zwischen Ethnien und Geschlechtern) sowie deren Sinnhaftigkeit harren noch ihrer Entdeckung, Veröffentlichung und Diskussion. Es bleibt der schale Nachgeschmack, dass mit doch eher umstrittenen Datensätzen und Schlussfolgerungen nacheinander anderen Völkern, Frauen und nun eben Religiösen mangelnder IQ attestiert wurde - was je mancher nur zu gerne glauben wollte...

Freitag, 30. Mai 2008

Macht Religion doch keine Kinder? Ein Versuch des humanistischen Pressedienstes

Gerne behaupten nicht wenige Humanisten von sich, im Gegensatz zu "den Religiösen" wären sie vorurteilslos bereit, harte, wissenschaftliche Befunde auch als solche anzuerkennen und ihre eigenen Haltungen jederzeit "vernünftig" zu überprüfen.

Für die Forschungen zur Religionsdemografie scheint das aber nicht generell zu gelten. So hat Andreas Müller im humanistischen Pressedienst hpd einen polemischen Text des kanadischen Journalisten Dan Gardner "Religion macht keine Kinder" von 2006 übersetzt und mit dem schönen Schlusswort versehen: "Dieser Artikel geht auch an die Adresse des Religionswissenschaftlers Dr. Blume, der nicht müde wird, noch im letzten Winkel nach einem Sinn für Religion zu suchen und ihn natürlich auch zu finden."

Naja, Herr Müller - schauen wir uns den Gardner-Text doch einmal an. Er polemisiert gegen den Papst, der (eine interessante Information, danke!) ebenfalls einen Zusammenhang von Religiosität und Kinderreichtum vermutet.

Als "Beleg", dass es diesen dann nicht oder kaum gebe, führt Gardner aber nicht etwa demografische Studien, Volkszählungen oder ähnliches an, sondern würfelt ungeordnet und unterhalb jedes wissenschaftlichen Anspruchs alle möglichen Geburtenzahlen verschiedenster Länder und Regionen mit ad-hoc-Thesen wild durcheinander.

So habe, so Gardner, der Kinderreichtum der USA und dessen Geburtenunterschied zu den säkularen Gesellschaften Europas angeblich nichts oder kaum etwas mit Religiosität zu tun, sondern eher mit Immobilienpreisen.

Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock

Lieber Herr Müller, lieber humanistischer Pressedienst, das ist schlichtweg falsch und von seriösen Demografen längst widerlegt. Wenn Sie mir nicht glauben wollen - dann vielleicht dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock? Auch dort hat man nämlich 2006 zum Geburtenunterschied von US-Amerikanern und Europäern geforscht, siehe -zum freien Download- hier:
Frejka, Westoff 2006 - "Religion, Religiousness and Fertility in the U.S. and Europe"
Die Forscher, die das datenreiche Paper inzwischen auch als Fachartikel herausgebracht haben, schätzen den religiös verursachten Geburtenvorteil der USA im Vergleich zu Europa nach Abzug aller anderen Faktoren auf 13-14%!!!

Nicht berücksichtigt hat Gardner auch die inneramerikanischen Daten, von denen ich einige bereits hier vorstellte.

Auch in den USA haben Konfessionslose und insbesondere Atheisten deutlich unterdurchschnittlich Kinder. Zwar wenden sich durchaus signifikante Generationenanteil (> 10%) von den Religionsgemeinschaften ab, werden jedoch durch junge Generationen vorwiegend aus religiösen Familien und Zuwanderern ersetzt.

Vienna Yearbook of Population Research 2007

Auch zu den unterschiedlichen Geburtenraten europäischer Länder gibt es längst Untersuchungen zum Einfluss der Religiosität. So haben Philipov und Berghammer unlängst (2007) in Österreich, genauer im Wiener Jahrbuch für Bevölkerungswissenschaft dazu veröffentlicht, ebenfalls zum freien Download:
"Religion and fertility ideals, intentions and behaviour: a comparative study of European countries"

Das Ergebnis: Quer durch europäische Gesellschaften haben religiöse Menschen mehr Kinder als ihre säkularen Nachbarn. Selbstverständlich ist Religiosität nicht der einzige Faktor, aber er ist empirisch messbar da.

Weitere Daten...

Eine kleine Auswahl weiterer Daten (z.B. von Herwig Birg, ALLBUS, der Schweizer Volkszählung, Institut der deutschen Wirtschaft Köln u.a.) finden Sie auch hier.

Lebendgeburten pro Frau nach Religionszugehörigkeit, Schweizer Zensus 2000, alle Kategorien. Es zeigt sich, dass "alle" religiösen Gemeinschaftskategorien durchschnittlich deutlich mehr Kinder erreichen als die Konfessionslosen.

Und im übrigen wären da auch noch die Fallstudien: Dass Mormonen in den USA mehr Kinder haben, erkennt Gardner widerwillig an. Dass aber z.B. auch orthodoxe Juden und Amische in den USA und Kanada mehr Kinder bekommen als ihre säkulare Umwelt ist m.E. wissenschaftlich noch nie bestritten worden und hätte einem kanadischen Journalisten, wenn er daran interessiert gewesen wäre, doch wirklich auffallen können, oder!?

Fazit

Lieber Herr Müller, lieber humanistischer Pressedienst - dass wissenschaftliche Erkenntnisse aus weltanschaulichen Gründen geleugnet und Wissenschaftlern stattdessen Voreingenommenheit unterstellt wird, ist ja historisch keine neue Erscheinung. Und die Form des wirren Essays, in dem Halb- mit Unwahrheiten verrührt werden, haben z.B. antievolutionistische Kreationisten schon vor Ihnen perfektioniert - insofern ist diese nun also auch "humanistische" Strategie außerordentlich erhellend! Als junger Forscher durch Sie dergestalt "herausgefordert" worden zu sein, betrachte ich als große Ehre und bedanke mich dafür.

Herausforderung angenommen :-)

Und gerne bin ich bereit, vor dem Publikum und mit der Wissenschaftlerin oder dem Wissenschaftler Ihrer Wahl die These zu disputieren, dass Religiosität in freiheitlichen Gesellschaften mit durchschnittlich mehr Fortpflanzungserfolg einhergeht - als natürlich nicht einzigem und komplex wechselwirkendem, aber empirisch hoch relevantem und mit Daten längst bestens belegtem Faktor.

Und ich würde dabei nicht nur auf Basis eigener, sondern inzwischen Dutzendfacher unabhängiger Datenauswertungen argumentieren, deren Zahl ständig wächst. Denn ich fände es schade, wenn der humanistische Pressedienst den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit aufgeben und sich stattdessen auf einen (höflich formuliert) etwas wirren, populärwissenschaftlichen Essay zurück ziehen würde, der letztlich auch nicht leugnen kann, was sich empirisch nicht mehr leugnen lässt. Auch Sie, lieber Herr Müller, lieber Pressedienst, dürfen aufzeigen, ob Sie ein tatsächlich wissenschaftliches oder doch eher ein fundamentalistisch abgeschottetes Weltbild bevorzugen...

Wir warten gespannt.

Montag, 19. Mai 2008

Die Bio-Logik der zehn Gebote - Warum verbindlicher Glaube nützt

"Was ist Religion? Über das Verständnis von Menschenbild und Religion", so titelt der neueste Band der Giessener Hochschulgespräche und Hochschulpredigten der ESG, herausgegeben von Prof. Elisabeth Gräb-Schmidt und Dr. habil Wolfgang Achtner vom Institut für Evangelische Theologie der JLU-Giessen. Er versammelt zum 400-Jahr-Jubiläum der Justus-Liebig-Universität Gießen Texte zu einer Vortragsreihe zum Thema "Evolution der Religion". Zu beziehen ist der Band zum Preis von 15 € über info@transscientia.de, im Buchhandel über seine ISBN 978-3-940856-06-7 und hoffentlich bald auch über Online-Buchhändler.

Der ESG-Hochschulband "Was ist Religion?" entstand an der Universität Gießen aus einer Vortragsreihe zur Evolution der Religiosität.

Auf ein Grußwort des Universitätspräsidenten Prof. Stefan Hormuth folgt...

...ein Inhaltsverzeichnis, das sich sehen lassen kann...

Der Theologe Prof. Christoph Markschies, Berlin, beleuchtet die wissenschaftsorganisatorische Rolle von Adolf von Harnack. Der Kosmologe und Mathematiker Prof. John Barrow schreibt über "Modern Cosmology and Our Place in the Universe". Mein Beitrag (pdf-Version hier) "Die Bio-Logik der 10 Gebote - Warum verbindlicher Glaube nützt" folgt auf den S. 40 bis 70.

Per Klick hier:
Aus der neueren Perspektive der Evolutionsforschung zur Religiosität erweisen sich die Zehn Gebote als  evolutiv erfolgreiches Ensemble, d.h. als lebens- und fitnessförderlich.

Der Soziobiologe und Biophilosoph Prof. Eckart Voland, Gießen, schreibt über Gottes Naturgeschichte. Der Theologe Prof. Hermann Deuser, Frankfurt und Erfurt, thematisiert direkt "Evolution und Religion". Der Mediziner und Klinikdirektor Prof. Dr. Werner Seeger, Gießen und Marburg, schreibt über "Heil und Heilung aus medizinischer und religiöser Sicht". Der Philosoph Prof. Klaus Mainzer aus München fragt "Computer, KI und Gehirn: Gibt es Willensfreiheit?" und der Tübinger Theologe Prof. Eilert Herms geht dem ebenfalls nach: "Freiheit des Willens. Das christliche Menschenverständnis und die Ergebnisse der Neurophysiologie".

Last but not least finden wir eine Predigt des Mit-Herausgebers und Hochschulpfarrers Dr. Wolfgang Achtner, der für eine Predigt zu Charles Darwin den Predigtpreis 2005 des Verlags der Deutschen Wirtschaft gewonnen hat: "Glaube und Wissenschaft: Bereicherung oder Widerspruch? Predigt über 1. Korinther 13, 8-12".

Den eigenen Beitrag habe ich Ihnen nach Rücksprache mit den Herausgebern als pdf zugänglich gemacht. Und auf die beeindruckende Vielfalt, Qualität und Tiefe der anderen Texte wird dieser Blog sicher manches mal zurück kommen. Was die Evolutionsforschung zur Religiosität angeht, kann der Verbund der Universitäten Gießen und Frankfurt derzeit als deutschlandweit führend angesehen werden.

Und zur Scilogs-Diskussion per Klick hier:
Im Wissenslog "Natur des Glaubens" im Rahmen der Science-Blogs von Spektrum der Wissenschaft möchte ich vor allem Arbeiten weiterer Evolution-Religion-Forscher vorstellen.

Donnerstag, 15. Mai 2008

Religiosität & Altruismus - Ein Vergleich der Spendenbereitschaft religiöser und nichtreligiöser Deutscher

"Aus der Kirche bin ich ausgetreten, das Geld kann ich auch so spenden!" - Solche und ähnliche Sätze hört man in Deutschland immer wieder. Und tatsächlich würde kein Soziobiologe bestreiten, dass wechselseitig hilfsbereites Verhalten (bei Vormensch und Tier) auch vor bzw. unabhängig von Religiosität evolviert ist. Erinnern darf ich bei dieser Gelegenheit auch an die theologisch-biologische Dissertation von Hubert Meisinger, der Altruismustheorien und das biblische Liebesgebot verglichen hat.

Gibt es aber auch harte, empirische Daten, die einen Zusammenhang von religiösem und altruistischem (also bewusst prosozialem) Verhalten belegen? Ja, diese gibt es inzwischen auch.

Religiöse spendenbereiter

Eckhard Priller und Jana Sommerfeld vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) haben auf Basis von Daten des Familiensurvey 2004 eine sozialstrukturelle Analyse von (Geld-)Spendern in Deutschland erstellt: "Wer spendet?" (als pdf-Download hier)

Religiosität erweist sich dabei als erstaunlich starker Faktor für Spendenbereitschaft:

Die Spendenbereitschaft religiöser Menschen ist in Deutschland deutlich ausgeprägter als jene wenig religiöser oder konfessionsloser Menschen. In den neuen Ländern, in denen die Religiösen eine Minderheit bilden, sind die Unterschiede sogar besonders stark.

Auffällig ist auch, dass religiöse Deutsche in Ost- wie Westdeutschland nahezu gleich hohe Spendenbereitschaften aufweisen, dass aber die Konfessionslosen in Ostdeutschland, wo religiöse Menschen eine Minderheit bilden und religiöse Traditionen staatlich bekämpft wurden, am seltensten spenden.

Diese Befunde sind auch deswegen erstaunlich, weil in Deutschland von Kirchenmitgliedern eigene Kirchensteuern erhoben werden, die Konfessionslose nicht betreffen.

Die empirischen Daten weisen immer deutlich darauf hin: Religiöse Menschen sind durchschnittlich freigiebiger - und dabei auch glücklicher...

Übrigens hat bereits Charles Darwin...

...einen entsprechenden Zusammenhang der Evolution von Altruismus ("Moralität") und Religion vermutet, der sich nun auch empirisch erhärtet. Dazu möchte ich in naher Zukunft einen Beitrag in den Wissenslogs erstellen.

Mittwoch, 7. Mai 2008

Jetzt online: Glauben und Demografie - Der übersehene Wettbewerb der Religionen

Religion(en), Evolution(en) und praktische Politikberatung - die Gelegenheit ergibt sich nicht oft, das einmal zusammen packen zu dürfen. Als "Die politische Meinung" der Konrad-Adenauer-Stiftung daher um einen Beitrag zu Chancen und Herausforderungen der Religionsfreiheit bat, zögerte ich nicht lange - zumal das Magazin nach einem Monat die Artikel auch Web 2.0-freundlich online stellt!

Wenn Sie also Interesse haben, ein Klick genügt:
Worin bestehen Chancen und Risiken der Religionsfreiheit? Ein Beitrag aus religionsdemografischer und -biologischer Sicht in "Die Politische Meinung" April 2008 der Konrad-Adenauer-Stiftung. Klick zum pdf.

Danke für Ihr Interesse!

Freitag, 28. März 2008

Religion in der Volkszählung 2011?

Wenn deutsche Wissenschaftler gefragt werden, ob religiöse Zugehörigkeiten in Deutschland noch abnehmen oder wieder ansteigen, wie viele Buddhisten, Juden oder Muslime in unserem Land leben, wie verschiedene Religionszugehörigkeiten mit regionalen Schwerpunkten, Bildung oder Einkommen korrelieren u.v.m. - so lautet die häufigste Antwort "Genau wissen wir das nicht."

Denn seit der letzten Volkszählung 1987 gibt es keine Übersicht über die religiöse Landschaft mehr, sondern nur noch Schätzungen auf Basis von Befragungen - bei denen aber die Beteiligung religiöser Minderheiten oft zahlenmäßig kaum ins Gewicht fällt und also kaum verläßliche Angaben möglich sind. Entsprechend wird, was Religion in Deutschland angeht, gerade auch in Politik, Medien und, ja, Wissenschaft oft eher spekuliert als gewusst.

Nun hat der Vorstand der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft (DVRW) beschlossen, in einer Petition für den Einbezug der Religionszugehörigkeit in die Volkszählung 2011 zu plädieren. Diese Petition unterstütze ich, möchte Sie bitten, das ggf. ebenfalls zu tun und auch begründen, warum ich dies für wichtig halte.

Religion in den Schweizer Volkszählungen seit 1870

Ein hervorragendes Beispiel für die Chancen einer Volkszählung bietet die Schweiz. Seit 1870 fand dort alle zehn Jahre ein Zensus statt, in dem in einer einzigen Frage auch die Religionszugehörigkeit abgefragt wird. Das Ergebnis sind Erkenntnisse, die die Öffentlichkeit, die Kirchen und Religionsgemeinschaften selbst sowie auch Wissenschaft und Politik informieren und auch weit über die Eidgenossenschaft hinaus wissenschaftliche Früchte tragen. Alle o.g. Fragen, auf die deutsche Forscher nur ungefähre Antworten wüssten, können Schweizer Kolleginnen und Kollegen beantworten - ja, als Vergleichsdaten dienen sie sogar uns Deutschen zum Testen von Hypothesen. Online kostenfrei verfügbare Veröffentlichungen wie das hervorragende "Religionslandschaft in der Schweiz" bergen noch immer ungehobene Wissens-Schätze.

Dabei war und ist der Datenschutz nie ein Problem gewesen: Wissenschaft und Öffentlichkeit erhalten die Daten nur in aggregierter Form, nicht als Einzelsätze. Als ich z.B. die Kinderzahlen in Haushalten Schweizer Frauen und Männer seit 1970 nach Religionszugehörigkeit abfragen wollte, reichte ich die entsprechenden Fragen beim Bundesamt ein und bezahlte deren Rechercheaufwand und erhielt danach die Summen in Tabellenform, ohne aber beispielsweise Einzelpersonen unterscheiden zu können.

Persönliches Beispiel: Religion - Demografie, Evolution der Religiosität

Und ganz konkret kann ich berichten, dass die Forschungen zum Zusammenhang von Religion und Kinderreichtum sowie zur Evolution von Religiosität und Religionen ohne die Schweizer Datensätze kaum hätten gedeihen können. So ließen sich die Geburtenraten von Frauen in verschiedenen Religionen des Jahres 2000 so umfassend vergleichen, wie es keine Stichprobenbefragung weltweit je vermocht hätte.

Lebendgeburten pro Frau nach Religionszugehörigkeit, Schweizer Zensus 2000, alle Kategorien. Es zeigt sich, dass "alle" religiösen Gemeinschaftskategorien durchschnittlich deutlich mehr Kinder erreichen als die Konfessionslosen.

Ebenso ließen sich die je weiblichen und männlichen Mitgliederanteile verschiedener Religionsgemeinschaften vergleichen und beispielsweise zu Ehehäufigkeit allgemein und Ehehäufigkeit inner- und außerhalb der Gruppe, Kindern im Haushalt u.v.m. in Beziehung setzen. So ließ sich beispielsweise (im Folgenden anhand aller christlichen Gemeinschaften) aufzeigen, dass Frauen stärker jene Gemeinschaften bevorzugen, in denen verbindlich geheiratet und Kinder gemeinsam aufgezogen werden, wogegen Männer häufiger zur Konfessionslosigkeit und weniger verbindlichen Beziehungsmodellen tendieren.

Sexuelle Selektion in Daten: Frauenanteil an Kirchenmitgliedschaften sowie Konfessionslosigkeit in Bezug zu Anteil Ehen an Paarbeziehungen, Anteil Paaren mit Kindern, Anteil Single-Haushalten und Alleinerziehenden, Schweizer Zensus 2000

Auch hier gilt: Stichprobenbefragungen alleine hätten ein solch klares Bild kaum je erbringen können, das auch internationale Evolutionsforscher interessierte.

Schließlich waren und sind auch Zeitreihen möglich, im folgenden konnte ich beispielsweise vergleichen, wie sich die Kinderzahl von männlichen Haushaltsvorständen in Schweizer Großstädten entlang verschiedener Religionszugehörigkeiten seit 1970 bis 2000 entwickelte.

Diese neu erstellte Grafik zeigt an, mit wie vielen Kindern Männer zwischen 35 und 46 Jahren in Schweizer Großstädten je in den Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 in einem Haushalt lebten. Man beachte die Unterschiede, z.B. den stabilen Verlauf der jüdischen Demografie (oben, rot) und die durchgängig schwache Performance der Konfessionslosen (unten, schwarz). Klick führt zum Gesamtskript des Vortrages.

Und sogar "deutsche Fragen" ließen sich über die Schweizer Daten indirekt beantworten. So gab und gibt es in Deutschland wilde Vermutungen über das Familien- und Geburtenverhalten von Muslimen. Daten dazu lagen und liegen aber nur nach Staatsbürgerschaft (z.B. Türkisch) vor und sagen also überhaupt nichts gerade über jene Muslime aus, die per Einbürgerung oder Geburt längst Deutsche geworden sind. Die Schweizer Volkszählungen ermöglichten hierzu den Vergleich, der eine Angleichung der Geburtenraten mit fortschreitender Integration belegt.

Die Schweizer Volkszählung 2000 erlaubt einen Vergleich der Kinderzahl ausländischer und inländischer Musliminnen. Mit zunehmendem Integrationsniveau nimmt der Kinderreichtum auch hier deutlich ab.

Fazit: Deutschland braucht diesen Aspekt in der Volkszählung!

Kaum ein Thema wurde und wird so emotional und mit Bedarf an Sachkunde diskutiert wie Religion(en). Ob Menschen religiös oder religionskritisch, an generellen Trends oder den Entwicklungen einzelner Gemeinschaften interessiert sind - mehr gesichertes Wissen wäre für alle ein Gewinn. Deswegen hoffe ich als Religionswissenschaftler sehr, dass die deutsche Volkszählung 2011 die Frage nach der Religionszugehörigkeit enthalten wird und unterstütze die Petition der DVRW.

Montag, 10. März 2008

Eheliche Treue und der Faktor Religion

Im Rahmen einer humorvollen Blog-Balgerei mit dem von mir sehr geschätzten Kamenin stellte dieser u.a. auch eine empirisch beantwortbare Frage: Die durchschnittlich höhere Geburtenzahl von religiös vergemeinschafteten Menschen möge ja sein - aber könne ich den ausschließen, dass es dort vermehrt zu Untreue komme und religiösen (Ehe-)Männern also ein größerer Teil ihres reproduktiven Vorteils entzogen würde?

Das lässt sich überprüfen. So enthielt die deutsche ALLBUS-Studie 2002 auch eine Frage nach der Bewertung ehelicher Untreue, hier des Mannes. Hier der Anteil der Befragten, die ein Fremdgehen "schlimm" oder "sehr schlimm" fanden, nach Geschlecht und Konfession.

Finden Sie Ehebruch schlimm?

Die deutsche ALLBUS-Studie 2002 enthielt eine Frage nach der Einschätzung von Ehebruch, hier des Mannes. Wenig überraschend: Männer finden das Vergehen seltener schlimm oder sehr schlimm als Frauen. Für die Evolutionsbiologie der Religion interessant: Mitglieder von Konfessionen finden Ehebruch häufiger schlimm als Konfessionslose.
Wie erwartet finden hier Männer das Vergehen durchschnittlich seltener schlimm als Frauen. Die Antworten unterscheiden sich allerdings auch deutlich nach der Konfessionszugehörigkeit: Konfessionslose finden Ehebruch seltener schlimm oder sehr schlimm als landeskirchliche Protestanten, Katholiken und schließlich Mitglieder von Freikirchen.

Angst vor Sünde?

In der gleichen Studie wurde auch gefragt, ob Tätigkeiten (wie z.B. Ehebruch) auch nur schon deswegen unterlassen wurden, weil sie "Sünde" seien. Wenig überraschend bejahten dies verbindlich religiöse Befragte sehr viel häufiger.

Im Rahmen der ALLBUS-Studie 2002 wurde auch gefragt, ob Befragte Handlungen schon deswegen unterlassen hätten, weil diese "Sünde" seien. Verbindlich religiöse Menschen bejahten dies signifikant häufiger.

Unterschiede im Beziehungsverhalten?

Äußern sich die Bekenntnisse zu Ehe und ehelicher Treue aber auch im Verhalten? An den Daten z.B. der Schweizer Volkszählung können wir ersehen, dass religiös vergemeinschaftete Menschen tatsächlich seltener unverheiratet zusammenleben, häufiger Gleichglaubende als Ehepartner bevorzugen und häufiger Kinder gemeinsam aufziehen. Bei den Konfessionslosen fällt auf, dass sie trotz der niedrigsten Geburtenzahl die höchste Quote an Alleinerziehenden aufweisen. Insofern sprechen auch diese Befunde für eine durchschnittlich höhere Eheverbindlichkeit unter religiös vergemeinschafteten Menschen.

Sexuelle Selektion in Daten: Frauenanteil an Kirchenmitgliedschaften sowie Konfessionslosigkeit in Bezug zu Anteil Ehen an Paarbeziehungen, Anteil Paaren mit Kindern, Anteil Single-Haushalten und Alleinerziehenden, Schweizer Zensus 2000

Um Kamenins Hypothese, wonach religiöse Frauen aber gerade doch auch unter dem Schutz des Ehevertrages dennoch untreuer sein könnten als ihre konfessionslosen Schwestern direkt zu testen, bräuchten wir jedoch auch Gentests. Und - die haben wir.

Genetische Treue?

In "The God Gene" von Dean Hamer (2004, S. 186 ff.) stellte dieser u.a. die berühmten Studien zum inzwischen so genannten CMH, dem Cohen modal haplotype vor. Dabei geht es um die Kohanim, eine Priestergruppe innerhalb des Judentums, zu dem die Zugehörigkeit stets nur vom Vater auf den Sohn weitergegeben wird. Karl Skorecki, Michael Hammer, Neil Bradman und (in einer zweiten Studie) auch David Goldstein fanden nicht nur, dass eine ansonsten sehr seltene und väterlich vererbte Mutation (die CMH) tatsächlich bei 95% der heutigen aschkenasischen und 87% der sephardischen Kohanim auftrat. Sie entdeckten auch, dass diese Mutation tatsächlich zwischen 2.100 und 3.250 Jahren alt sein dürfte. Die durchschnittliche Rate von Söhnen, die während dieser Jahrtausende den Namen, aber nicht die Gene eines Kohanim-Vaters erhalten hatten, lag bei 0,1 Prozent - im Gegensatz zu den 5-10 Prozent sonst vermuteter Untreue (Hamer), bzw. den von Kamenin veranschlagten 10 bis 15 Prozent.

Auch hier: Evolutionsbiologische Vorteile religiöser Vergemeinschaftung

Mindestens für diese Gruppe des Judentums haben wir also auch bereits den genetischen Beleg, dass die religiöse Vergemeinschaftung und der Glaube an einen allsehenden (und ggf. strafenden) Gott hier nicht nur die männliche, sondern auch die weibliche Ehetreue über mehr als hundert Generationen hinweg signifikant gesteigert hat.

Religiöse Vergemeinschaftung bietet damit über den Vorteil höherer Geburtenzahlen (siehe hier) hinaus einen weiteren, biologischen Erfolgsfaktor: Eine statistisch höhere Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder ggf. auch innerhalb der Ehe gezeugt wurden, die dann auch signifikant häufiger gemeinsam erzogen werden.

Verbindlich religiös zu sein bringt vielerlei Kosten mit sich. Aber gerade aus evolutionswissenschaftlicher Sicht sind die beobachtbaren, biologischen Vorteile enorm.

Samstag, 8. März 2008

Sinnstiftung aus den Genen - Genographic Project, DNA-Ancestry Project u.a.

Die Evolutionary Religious Studies widmen sich der Frage, warum und wie der Mensch religiöse Veranlagungen evolvierte (und ggf. weiter evolviert). Interessanterweise aber werden Evolutionstheorie und Genetik auch längst selbst in immer mehr Formen zu Mitteln der Selbsterzählung und Sinnstiftung.

"Begin your ancestral journal - Beginne Deine Ahnenreise" lockt das DNA Ancestry Project. "Wer waren Deine Ahnen? Entdecke Deine tiefen Ahnenwurzeln mit genetischer Genealogie."

Noch breiter angelegt ist das Genographic Project, das u.a. von National Geographic und IBM betrieben wird.



Hier einen Bericht über einen Hawaianer - der natürlich ebenfalls auf afrikanische Homo Sapiens zurück geht. Und sinnigerweise hat gerade dieser Aspekt Kritik amerikanischer Eingeborenenstämme hervorgerufen - die wissenschaftliche Erkenntnis bedrohe ihre Identität und ggf. auch Rechtsansprüche, erkläre sie doch auch die Stämme nur zu früheren Einwanderern.

Persönlich halte ich diese Projekte für durchaus interessant und chancenreich - warum sollen sich nicht Menschen einem Hobby widmen, das biologisch-naturwissenschaftliche sowie geografische und historische Kenntnisse zu verbreitern hilft und zudem den Menschen bewusst macht, wie vielfältig wir untereinander verwandt und verbunden sind? Geld und Zeit werden für sehr viel sinnlosere Dinge aufgewendet. Und: Möglicherweise kommen bei solchen Projekten durchaus noch viele weitere wissenschaftliche (z.B. biologische, historische, psychologische) Erkenntnisse heraus. Diskutieren wir doch mal drüber!

Wenn alle Verhaltensmerkmale und Fähigkeiten des Menschen evolutiv gewachsen und genetisch veranlagt sind - dann auch die Religiosität? Immer mehr Forscher verschiedener Disziplinen machen sich gemeinsam auf die Suche nach neuen Daten und Antworten...

Religionswissenschaftlich interessant ist auf jeden Fall, dass auch die naturwissenschaftliche Vergangenheit hier Sinn- und Erzählungsfunktionen gewinnt. Die Faszination und Funktion unserer Sinnsuche in Vergangenheit und Verwandschaftsbeziehungen, die schon z.B. die Autoren der Bibel ellenlange Ahnentafeln auflisten ließ (auch um nahe und ferne Verwandschaften zu etablieren) - sie ist heute noch lebendig und begegnet uns in neuen Gewändern.

Dienstag, 4. März 2008

Zitat des ältesten Ehepaares der Welt

Mayme (99) und Clarence Vail (101), wohnhaft im US-Staat Minnesota, gelten als das am längsten verheiratete Ehepaar der Welt. Befragt nach ihrem Tip für eine lange, glückliche Ehe, antworteten sie:

"Vertraue auf Gott! Der Glaube verbindet und schafft eine gemeinsame Grundlage."

Und was den biologischen Erfolg angeht: Die beiden konnten ihren 83. Hochzeitstag mit 6 Kindern, 39 Enkeln, 101 Urenkeln und (schon) 40 Ururenkeln begehen.

Gefunden in: idea-spektrum 9/2008, S. 40 ("Wort der Woche")

Anm.: Empirisch haben die beiden recht. Religiös vergemeinschaftete Menschen haben durchschnittlich mehr Kinder und heiraten durchschnittlich eher und stabiler als Konfessionslose - weltweit.

Die Grafik wurde aufgrund von Daten des World Value Survey erstellt, die Daniel Enske vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln zu einer Studie verdichtete.

Mittwoch, 20. Februar 2008

Anthroposophie - Religionsdemografische Betrachtungen von Ingo Bading

Die Anthroposophie wurde von Rudolf Steiner (1861-1925) begründet. Der Philosoph mit Schwerpunkt Nietzsche begann als Religionskritiker, wurde 1902 zum erfolgreichen Gründungsvorstand der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft (die eine an indischen Lehren angelehnte Esoterik entwickelte) und begründete 1912 die Anthroposophische Gesellschaft, die stärker christliche und humanistische Motive aufnahm. Auch in der Einordnung seiner Arbeiten zwischen Offenbarungsmystik und Wissenschaft setzte Steiner verschiedene Akzente, so dass die Anthroposophie heute weniger eine einheitliche Weltanschauung darstellt als vielmehr eine sehr uneinheitliche Strömung verschiedener Auslegungen. Aus ihr gingen Impulse in verschiedenste Bereiche aus, besonders bekannt in der ökologischen Landwirtschaft (Demeter), der Pädagogik (Waldorf-Schulen, nach der Erstgründung für die Arbeiter der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik) und der Religion (Christengemeinschaft). Auch die Arzneimittelfirma Weleda AG und die Bewegungskunst der Eurythmie gehen auf die Anthroposophie zurück.

Religionsdemografie der Anthroposophie

Da sich Ingo Bading vom Blog Studium Generale besonders für naturalistische und nicht-monotheistische Spielarten von Religiosität interessierte, fragte er mich vor einiger Zeit, ob auch bereits religionsdemografische Befunde zur Anthroposophie vorlägen. Ich konnte nur auf - noch nicht veröffentlichte - ALLBUS 2002-Auswertungen von Carsten Ramsel im Zuge seiner Magisterarbeit verweisen, der nach meiner Erinnerung einen gemäßigt positiven Zusammenhang zwischen der Bejahung von Anthroposophie und Reproduktionserfolg gemessen hatten. Auf Carstens Promotion zum Thema Religionsdemografie dürfen wir gespannt sein!

Erfreulicherweise hat Ingo sich aber nicht auf später vertrösten lassen und hier Befunde einer empirischen Studie von Dirk Randoll, Heiner Barz und Michael Ebertz über Absolventen der Waldorfschule zusammengetragen. (Datenblätter als pdf hier, v.a. S. 193 / 194)

Demnach wiesen die Absolventen der Waldorfschulen durchschnittlich 1,6 Kinder auf, was -wenn auch nicht direkt mit der klassischen Geburtenrate vergleichbar- tatsächlich einen leicht überdurchschnittlichen Reproduktionserfolg anzeigen würde.

Auswirkungen religiöser Vergemeinschaftung

Außerordentlich interessant ist auch die Unterscheidung von Eltern und Kinderlosen nach der Konfession der Absolventen. Insgesamt 66% der Waldorf-Absolventen waren (bereits) Eltern.

Von jener knappen Mehrheit (56%), die einer Religionsgemeinschaft angehörten, hatten 70% Kinder. Unter den Konfessionslosen waren dagegen nur 60% Eltern.

Erhebliche Unterschiede gab es auch zwischen den Konfessionen:

Jene, die der anthroposophischen Christengemeinschaft angehörten, hatten zu 81% Kinder, gehören aber vor allem den ältesten Jahrgängen an.

Protestantische Absolventen waren zu 68% Eltern, Katholiken (die allerdings zu drei Vierteln erst den jüngsten Jahrgängen angehörten, also noch einige Familien gründen dürften) erst zu 50%.

Einen Zusammenhang der Bejahung von Anthroposophie und Elternschaft ergab sich ebenfalls: Von den Eltern unter den Absolventen standen 43% der Anthroposophie positiv gegenüber, von den Kinderlosen nur 34%.

Fazit

Auch die Befunde der Waldorf-Absolventenstudie verweisen auf den Zusammenhang von Religiosität und Reproduktionserfolg. Religiöse Vergemeinschaftung, zumal verbindlich in der "zugehörigen" Christengemeinschaft korreliert ebenso mit leicht erhöhten Elternanteilen wie die Zustimmung zur Antroposophie insgesamt. Die demografische Wirkung von Konfessionszugehörigkeit ist damit weiter gestärkt, es finden sich aber auch Anzeichen für eine gewisse Wirkung auch nicht konfessionell organisierter, anthroposophischer Spiritualität.

Aber natürlich, das sieht auch Ingo so, sind die Daten für weitergehende Schlüsse alleine noch zu schwach. So wäre nicht nur interessant zu erfahren, wieviel Prozent der je Befragten Kinder haben, sondern auch deren Anzahl. Auch erlauben die vorliegenden Daten noch keine Aufschlüsselung nach Alter, das einen Teil des höheren Elternanteils von Mitgliedern der Christengemeinschaft und der altersbedingt noch niedrigeren Quote von katholischen Absolventen erklären dürfte.

Vertiefende Studien könnten zudem Wechselwirkungen in den Blick nehmen: Möglicherweise geht die höhere Zustimmung von Eltern zur Anthroposophie gerade mit dem Schul- und Orientierungsbedarf für die Kinder einher - einen Bedarf, den ihre kinderlosen Zeitgenossen logischerweise so nicht zu befriedigen haben.

Und dennoch bin ich Ingo Bading für das Ausgraben des anregenden Datenschatzes dankbar. Es bildet ein weiteres Mosaikstück im Rahmen der empirischen Erforschung des Zusammenhangs von Religiosität und Demografie. Wenn die interdisziplinäre Forschung weiterkommen will, geht das nur mit einer Vielzahl möglichst umfassender Daten zu Fallbeispielen. Danke!

Dr. Blume

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