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Evolutionary Religious Studies (ERS)

Mittwoch, 1. April 2009

Christliches Gen identifiziert!

Vor über einem Jahr hatte ich in diesem Wissenslog-Beitrag den Zusammenhang zwischen Religiosität und Genetik thematisiert. Damals vertrat ich die Ansicht, dass religiöse Präferenzen polygen (d.h. in mehreren Genen) angelegt seien und erst auf dieser Basis die Aufnahme kultureller Inhalte erfolge.

Nun aber muss ich widerrufen - denn Wissenschaftler haben ein einzelnes Gen gefunden, das zum christlichen Glauben führt. Ein CNNN-Bericht dazu:



Für die Bekanntmachung dieses wissenschaftlichen Durchbruchs danke ich dem Scilogs-Kollegen Arvid Leyh vom hörenswerten "Braincast"!

Ach, und: Bitte auf das Datum des heutigen Beitrags achten! (-;

Montag, 2. März 2009

Neu: Web-Resources on Religion and Reproduction

Einer der Ziele dieses Weblogs (und meiner ganzen Präsenz im Internet) ist das Austesten neuer Möglichkeiten, Wissenschaft interdisziplinär und international zu betreiben. In letzter Zeit sind vermehrt Anfragen auch aus dem Ausland zu Religion - Demografie hier eingegangen, was zum Teil auch mit der erfreulichen Entwicklung von "Gott, Gene und Gehirn" zusammen hängt.

Mit den "Web-Resources on Religion and Reproduction" möchte ich nun versuchen, sowohl Wissenschaftlern wie interessierten Laien religionsdemografische Studien zugänglich zu machen, die im Netz frei erhältlich sind. So kann sich jede(r) ein Bild über das Thema machen, Wissenschaftler, die ihre Arbeiten kostenfrei online stellen, erhalten verdiente Aufmerksamkeit - und vielleicht entwickeln sich ja Debatte und Wissenschaft rund um die Evolution der Religiosität so auch ein wenig dynamischer weiter.

A study conducted in 82 nations worldwide clearly shows the correlation of religious practice of adults to their average number of children. Data: Enste 2007. Graph: Blume 2009.

Die WRRR-Page finden Sie per Klick hier und auf den Chronologs ist auch ein (englisches) Guest Book and Discussion Forum verfügbar, das sich hoffentlich im Laufe der nächsten Monate zu füllen beginnt.

Montag, 9. Februar 2009

Ein Ehepaar, 16 Kinder

In Cicero 1/2009 berichtete Nicole Alexander (Homepage hier) im Artikel "Wir freuen uns auf Enkelkinder" (S. 124) vom Alltag einer der "kinderreichsten Familien Deutschlands", den Schmeichels aus Pfungstadt bei Darmstadt. Den Absatz über Religion möchte ich gerne zitieren.

""Der Glaube spielt eine große Rolle", sagt Susanne Schmeichel. Ihr Mann und sie sind Baptisten. Die größte evangelische Freikirche in Deutschland spricht Ehe und Familie einen hohen Stellenwert zu, Kinder gelten als höchstes Gut, ganz im Gegensatz zu den Glaubensbekenntnissen des hedonistischen Egoismus, den viele für die niedrige Geburtenrate in Deutschland verantwortlich machen. "Denn siehe, Kinder sind eine Gabe Gottes, und Leibesfrucht ist ein Geschenk" heißt es in Psalm 127, der bei Schmeichels in der Küche hängt. Das feste Wertesystem der Religionsgemeinschaft hat das Ehepaar übrigens auch seinen Kindern erfolgreich vermittelt: Alle besuchen sonntags die Kirche, die Älteren engagieren sich im sozialen Bereich, statt in die Disco gehen sie zur "Jugendstunde" der Brüder-Gemeinde."

Ein Einzelfall sind die Schmeichels nicht - weltweit pflanzen sich religiös vergemeinschaftete Menschen durchschnittlich erfolgreicher fort, Religiosität erweist sich interessanterweise als evolutionsbiologisch erfolgreiches Merkmal.

Ein Kurzartikel zur Evolutionsgeschichte der Religion als pdf hier, das Buch zur Forschung hier:
Von Rüdiger Vaas und Michael Blume: Die interdisziplinäre und internationale Evolutionsforschung zur Religiosität, von der Neurotheologie bis zur Religionsdemografie, in einem Band.

Samstag, 13. Dezember 2008

Handelsblatt berichtet über evolutionäre Religionsforschung - EU-Programm Exrel

In einem aus Platzgründen natürlich stark verdichteten, aber in der Darstellung aufgenommener Inhalte erfreulich präzisen Artikel berichtete Ulrich Kraft am 11.12. im Handelsblatt über die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen.

Ulrich Kraft, "Religionsforschung - Warum die Menschen Gott finden", Handelsblatt 11.12.2008, per Klick hier online abrufbar.

EU-Programm: Exrel - Explaining Religion

Kraft berichtet auch von einem interdisziplinären EU-Forschungsprogramm namens Exrel - Explaining Religion, das mit knapp 2 Millionen Euro dotiert ist. Schon in der Namensgebung klingt hier Pascal Boyers kognitions- und evolutionspsychologische Veröffentlichung "Religion explained" von 2001 an, aber die Broschüre des Projekts (hier per Klick als pdf) macht auch deutlich, dass auch die neueren und neuesten Forschungen bekannt sind und Berücksichtigung finden.

Den Zuschlag für Exrel hat ein Team erstklassiger Forscher aus neun europäischen Universitäten erhalten, die zudem mit nordamerikanischen Kollegen kooperieren - deutsche Universitäten oder Wissenschaftler treten aber leider bisher nicht in Erscheinung. (Beteiligtenliste hier.)

Ulrich Kraft auf diesem Wege einen herzlichen Gruß und Dank für einen gelungenen Bericht aus einem der vielleicht spannendsten und dynamischsten Forschungsbereiche der Gegenwart!

Samstag, 6. Dezember 2008

Der bislang erfolgreichste Beitrag dieses Blogs...

...mit inzwischen fast 7.500 Abrufen stammt vom 13. Januar 2007, ist also fast zwei Jahre alt und eigentlich (aus heutiger Sicht) viel zu lang. Er präsentierte das erste Mal Schwerpunkt und Grundansatz meiner religionswissenschaftlichen Forschung: "Welche Herausforderung in der Evolution des Menschen mit Religiosität gelöst werden muss(te)."

Damals war das Bloggen für mich noch ganz neu, dennoch bemühte ich mich, schon Grafiken einzubasteln, z.B. diese:


Zwischendurch habe ich an den Text zwei nachträgliche Gimmicks eingefügt: Das Braincast-Interview und den Buchflyer zu Gott, Gene und Gehirn. Aber obwohl sich die entsprechende Forschung natürlich längst weiterentwickelt hat, möchte ich diesen Beitrag eigentlich nicht neu gestalten - er ist mir in seiner schon etwas urigen Form ans Herz gewachsen.

Wie geht es anderen Bloggern mit beliebten "Oldies"? Lässt man die stehen, geht man da aktualisierend ran?

Freitag, 14. November 2008

Interview mit der Filder-Zeitung

Berichterstattung über Wissenschaft gerade auch in Lokalzeitungen halte ich für eine großartige und wirklich wichtige Sache - ein Erfahrungsbericht und Plädoyer hier. Auch das Interview mit Claudia Barner von der Filder-Zeitung, die hier in der Region als beliebte Lokalbeilage zur Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten erscheint, hat wieder viel Freude gemacht. Es erschien gestern, am 13.11.2008, und gerne gebe ich den Wortlaut den Lesern außerhalb der Region sowie den Noch-Nicht-Tageszeitungslesern hier zur Kenntnis.

"Auch Religion hat eine Evolutionsgeschichte"
Der Filderstädter Religionswissenschaftler Michael Blume über sein neues Buch "Gott, Gene und Gehirn"

Filderstadt. Ist die Religiosität des Menschen ein Ergebnis der Evolutionsgeschichte? Der Filderstädter Religionsexperte Michael Blume erforscht die Zusammenhänge zwischen Glauben und Naturwissenschaft seit vielen Jahren. Die Ergebnisse hat er nun in einem Buch zusammengetragen, über das er sich mit unserer Mitarbeiterin Claudia Barner unterhalten hat.

„Gott, Gene und Gehirn“ lautet der Titel Ihres neuen Buches. Sie begeben sich darin gemeinsam mit dem Wissenschaftsjournalisten Rüdiger Vaas auf die Suche nach den biologischen Grundlagen von Religiosität. Müssen wir umdenken? Ist der Glaube eine genetische Anlage, wie die Haarfarbe oder die Körpergröße?

Nein, so prosaisch kann man das nicht sehen. Religiosität bleibt etwas Geheimnisvolles. Trotzdem muss man feststellen: Wenn alles, was wir wahrnehmen, denken, fühlen und planen, auf Prozessen im Gehirn beruht, dann trifft dies auch für religiöse Erfahrungen, Überzeugungen und Handlungen zu. Um diese Verbindungen zu erkennen, haben sich Psychologen, Hirnforscher, Evolutionsbiologen und Religionswissenschaftler zum internationalen Forschernetzwerk Evolutionary Religious Studies zusammengeschlossen, dem auch ich angehöre. Und wir sehen immer deutlicher, dass auch Religion eine Evolutionsgeschichte hat, zur Natur des Menschen gehört.

Welche konkreten Ergebnisse stützen diese These?

Betrachten wir den Einfluss der Religiosität auf die Demografie. Studien zeigen: Religiöse Menschen leben in durchschnittlich stabileren Familien und haben mehr Kinder als ihre Nachbarn auch gleicher Einkommens- und Bildungsschicht. An diesem Beispiel lässt sich das Wechselspiel zwischen Natur und Kultur gut nachvollziehen. Sicher ist es so, dass Religionsgemeinschaften Familienwerte vermitteln und Familiendienste organisieren. Dabei kann man auch feststellen, dass sich kulturell stets jene Religionen durchgesetzt haben, die das Leben erfolgreich fördern. Manchmal leider mit großer Intoleranz nach außen!

Ist das eine Annahme, die auf Wahrscheinlichkeit beruht, oder kann man diese Einschätzung als gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis werten?

In vielen Punkten haben sich unsere Thesen bestätigt. Der Unterschied ist sogar messbar. Zum Beispiel bestätigen Gen- und Zwillingsforscher, dass auch Religiosität genetische Grundlagen hat. Natürlich ist es aber so, dass in dem relativ jungen Forschungsfeld noch viele Fragen offen sind. Insgesamt aber hat der Prozess der Entschlüsselung der biologischen Grundlagen von Religiosität in den vergangenen Jahren durch das Internet eine enorme Dynamik erfahren. Die Puzzleteile fügen sich über Kontinente und Fächer hinweg zusammen und wir erhalten Erkenntnisse, an die wir vor fünf Jahren noch nicht einmal zu denken wagten.

Zurück zu den Folgen aus ihrer Theorie: Bedeutet dies, dass es Menschen gibt, die für religiöses Verhalten einfach nicht begabt sind?

Das wäre viel zu eindimensional. Religiosität wird von vielen Faktoren bestimmt, zu denen die biologischen Aspekte eben auch gehören. Religiöses Verhalten ist eine Universalie. Sie lässt sich nicht unterdrücken und ist auch in Gesellschaften zu finden, die sich für atheistisch halten. Religiosität ist Teil der biokulturellen Evolution. Ich vergleiche sie gerne mit der Musikalität. Auch hier gibt es unterschiedliche Anlagen und Begabungen. Wenn sie jedoch nicht kulturell entfaltet und gefördert werden, entwickeln sie sich nicht. Das ist meiner Meinung nach auch der Grund dafür, dass alle Religionsgemeinschaften großen Wert auf religiöse Erziehung legen.

Es ist kein Geheimnis, dass es zwischen Naturwissenschaftlern und Theologen mitunter tiefe ideologische Gräben gibt. Sie führen beide Disziplinen zusammen. Wie ist die Reaktion auf Ihr Buch?

Überraschend positiv. Wir beobachten vor allem neugierige Verblüffung. Beide Seiten erfahren Bestätigung und verspüren die Herausforderungen, die die Ergebnisse der Forschung mit sich bringen. Unser Buch ist darauf angelegt, eine Brücke zu schlagen. Wir geben einen Überblick über die bisherigen Erkenntnisse und zeigen einige Schlussfolgerungen auf. Es geht um ein besseres Verständnis füreinander. Ich finde es unheimlich spannend, gemeinsam über die Natur des Glaubens zu forschen. Letztlich ist es doch so, dass beide Seiten voneinander lernen können. Wenn wir auf diesem Weg dazu beitragen können, dass wir Menschen besser mit den großen Chancen, aber auch Gefahren der Religiosität wie Extremismus und dem Sektenwesen umgehen können, dann hat sich mein Traum erfüllt.

Hintergrund

Den Zusammenhängen zwischen Theologie und Hirnforschung ist der Filderstädter Religionswissenschaftler Michael Blume seit seinem Studium in Tübingen auf der Spur. Dort schrieb er seine Doktorarbeit zum Thema Neurotheologie. Der 32-jährige, der sich als Jugendgemeinderat engagiert hat und sechs Jahre lang für die CDU im Filderstädter Stadtparlament saß, ist im Stuttgarter Staatsministerium als Referent für den interkulturellen und interreligiösen Dialog zuständig. In seiner Freizeit arbeitet der Vater zweier Kinder an seiner Habilitation zum Thema „Religion und Demografie“ an der Universität in Heidelberg. 2007 wurde er als jüngstes Mitglied und bislang einziger Deutscher ins internationale Forschernetzwerk „Evolutionary Religious Studies“ berufen. Seine Forschungsergebnisse weckten das Interesse des Stuttgarter Hirzel Verlags. Gemeinsam mit dem Wissenschaftsjournalisten Rüdiger Vaas hat Michael Blume in dessen Auftrag zum Darwin-Jahr 2009 das Buch „Gott, Gene und Gehirn – warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität“ (ISBN 978-3-7776-1634-6) erarbeitet.
Clb

Samstag, 8. November 2008

Zitat von Adenosine zur evolutionären Religionstheorie

In dieser Debatte im Rahmen eines Chronologs-Beitrags zur christlichen Sondergemeinschaft der Shaker hatte die Kommentatorin Adenosine eine so prägnante Formulierung gefunden, dass ich sie einfach zitieren muss.

Zitat:
"Die Gründungen von Religionsgemeinschaft basieren auf dem Rohstoff des vorhandenen religiösen Potenzials im Menschen. Da übernatürliche Akteure notwendig sind, kommen da auch große zufällige und irrationale Varianzen ins Spiel, die abhängig von den individuellen Befindlichkeiten der Religionsstifter eine ganze Bandbreite an seltsamen Konzepten enthalten können. Daraus, dass viele Religionen auch mit einem gehörigen Ballast zu recht kommen, erkennt man das grundsätzlich enorme evolutionäre Potential, das in dem religiösen Konzept steckt."

Zu Beitrag und Debatte auch hier:

Samstag, 26. Juli 2008

Interview bei Braincast mit Arvid und Anita Leyh

Arvid Leyh gehört zu den kreativsten Köpfen im Bereich von Medien und Neurobiologie und gestaltet den Braincast. Außerdem ist er ein begeisterter Leser - ihm verdanke ich z.B. den Tip zum Hyperion-Romanzyklus. Dass er einen guten Teil seines kreativen Erfolges seiner Frau Anita verdankt (echtes Teamwork!) und noch dazu eine süße Tochter und einen lieben Hund hat, erfuhr ich, als er zu einem Interview vorbei kam. Es ging, natürlich, um die Evolutionsforschung zur Religiosität.


Braincast 124 - Die Natur des Glaubens from Anita Leyh on Vimeo.

Kleiner Service

Im Interview wurden v.a. drei Themen angesprochen, zu denen ich gerne die Links beisteuere.

- Der Überblicksartikel von Edgar Dahl über Glücksforschung & Glauben - per Klick hier

- Eine Darstellung der (m.E. faszinierenden) "Linkeschen These" von Detlef Linke - per Klick hier

- Und der inzwischen in einem Sammelband an der Uni Gießen erschienene Vortrag zur "Bio-Logik der 10 Gebote" - per Klick hier

Donnerstag, 12. Juni 2008

Religiosität & Intelligenz: Sind Gläubige dümmer?

Richard Lynn hat wieder einmal zugeschlagen: In der Vergangenheit hatte der emeritierte Professor für Psychologie schon verkündet, dass sich Menschen"rassen" in ihrem IQ unterschieden, Afrikaner beispielsweise sehr viel weniger intelligent als Europäer seien (englische Buchzusammenfassung hier), dass Frauen einen durchschnittlich geringeren IQ als Männer aufwiesen (BBC-Bericht hier) und dass es außerdem an der Zeit sei, wieder über Eugenik und pränatale Diagnostik auch zum Zweck der Intelligenzsteigerung nachzudenken (BBC-Bericht dazu hier).

So etwas liest man in der deutschsprachigen Blogosphäre nicht gerne. Aber nun hat Richard Lynn, so eine Vorankündigung zum Journal Intelligence, ebenfalls behauptet, dass Religiosität mit niedriger Intelligenz korreliere - das wird (hier von Florian Rötzer) gerne aufgegriffen. Denn Lynn meint, dass es einen starken Zusammenhang zwischen dem IQ und dem Glauben an einen Gott gebe. Man könne sogar vom durchschnittlichen IQ den Anteil der Atheisten in 137 Ländern ablesen.

Neu..?

...ist das nicht. Entsprechende Grafik-Korrelationen und Tabellen finden sich seit Jahren im Internet.

Die Grafik korreliert den durchschnittlichen IQ der Einwohner von Ländern mit deren Anteil, die Religion in ihrem Leben als "sehr wichtig" einschätzten. Rot umkreist sind die USA, die als religiös-demografischer Markt aus dem Schema fallen.

Die Crux bei dieser Korrelation hat mit einem spezifischen Problem zu tun, mit dem Lynn schon des öfteren zu kämpfen hatte: In reichen und wohlhabenden Gesellschaften steigt der durchschnittliche IQ. Denn hier erhalten die Menschen von klein auf bessere Nahrung, medizinische Versorgung sowie Frühförderung und Bildung im Rahmen von Kompetenzen, wie sie IQ-Tests abfragen. Gleichzeitig bieten diese Länder rechtlichen und sozialen Schutz und machen damit eine Funktion von Religionsgemeinschaften als Netzwerke gegenseitiger Hilfe obsolet, zudem gehen mit steigender Bildung mehr lebensweltliche und weltanschauliche Optionen einher - Säkularisierung setzt ein.

Entsprechend steigen IQ und sinkt der Religiositätslevel jeweils aufgrund derselben gesellschaftlicher Prozesse, bis ein religiös-demografischer Markt wie in den USA das Nachwachsen junger, religiöser Generationen ermöglicht (mehr dazu hier). Und siehe da: Auch die obere Grafik räumt ein, dass die rot umrandete USA aus dem Raster fällt - die Vereinigten Staaten weisen sowohl hohe IQ wie auch hohe Religiosität auf.

Gegen eine allzu einfache Korrelation...

...sprechen aber auch weitere Untersuchungen. So konnten Carsten Ramsel, Sven Graupner und ich bei einer Auswertung deutscher ALLBUS-Daten 2002 keinen linearen Zusammenhang von Religiosität und Bildung ausmachen.

Bei der Auswertung der deutschen ALLBUS-Daten 2002 zeigte sich, dass in der Generation der 35- bis 45jährigen kein linearer Zusammenhang von Religiosität und Schulabschluss (mehr?) bestand.

Der Bildungserfolg war übrigens ein Problem, auf das Lynn auch schon beim Männer-Frauen-Thema gestoßen war: der Befund, dass in immer mehr Ländern mehr Frauen als Männern der Bildungsaufstieg bis in die Universitäten gelang, stieß sich doch sehr direkt mit seiner These geringerer, weiblicher Intelligenz. Im Bezug auf Religionen zeigt sich das gleiche Problem.

Und auch bei der Auswertung der Schweizer Volkszählung 2000 ergab sich, dass Juden und einige kleinere, christliche Gemeinschaften nicht nur wesentlich mehr Kinder als Konfessionslose bekamen - sondern dabei auch höhere Anteile an Akademikern und Inhabern leitender Berufspositionen verzeichneten.

Dass Lynn in seinem o.g. Buch aschkenasischen Juden mehr IQ als Europäern und einen sehr viel höheren IQ als Arabern zuerkannte, zeigt übrigens ebenfalls auf, dass auch er selbst nicht an eine lineare Verknüpfung von Intelligenz und Religiosität über alle Weltreligionen hinweg glaubt - ein gewisser Eindruck von Willkür ist kaum von der Hand zu weisen.

Fazit

Es bleibt hoch umstritten und zu überprüfen, ob und wie der Intelligenzquotient (IQ) je unabhängig mit ethnischer Herkunft, Geschlecht oder eben Religiosität korreliert. Auch bleibt unklar, inwiefern der IQ nicht nur eine sehr spezifische Weise der Problemlösung "mißt", die sich kaum absolut aus den Anforderungen heutiger oder vergangener Lebenswelten ableiten läßt. Warum IQ überhaupt ein besserer Maßstab für menschliches Leben sein sollte als z.B. emotionale Intelligenz (EQ), Spiritualität, Musikalität, Familiensinn oder Leistungsbereitschaft, erscheint mir nirgendwo schlüssig begründet. Letztlich macht Lynn auch hier bereits in seinen Arbeiten Schlenker: So attestiert er "Ostasiaten" höhere Intelligenz als Europäern, vermutet dann aber im Hinblick auf die unterschiedlichen, zivilisatorischen und wissenschaftlichen Erfolge, dass Asiaten eben "konformistischer" seien und ihren Intelligenzvorsprung daher nicht innovativ nutzen würden. Selbst wer ihm bis hierher folgen wollte, müßte also einräumen, dass auch nach Lynn IQ keinesfalls der einzige Erfolgsindikator ist, wie auch Religiöse (z.B. aschkenasische Juden) durchaus intelligent sein können...

Übrigens: Ganz hart evolutionsbiologisch gesprochen, ist der natürliche, biologische Erfolgsmaßstab schlicht der Reproduktionserfolg - und hier zeigen sich die nach Lynn angeblich weniger intelligenten "Rassen" und die Religiösen weltweit "intelligenten" Rationalisten klar überlegen. Die eugenischen Fantasien erhalten hier eine beklemmende Note.

Wer sich also nicht blamieren will, sollte auf eine unkritische Rezeption Lynns ebenso verzichten wie auf Denk- oder Forschungsverbote: Die wirklich überzeugenden Befunde zum Zusammenhang von Intelligenz und Religiosität (wie auch zu mutmaßlichen Unterschieden zwischen Ethnien und Geschlechtern) sowie deren Sinnhaftigkeit harren noch ihrer Entdeckung, Veröffentlichung und Diskussion. Es bleibt der schale Nachgeschmack, dass mit doch eher umstrittenen Datensätzen und Schlussfolgerungen nacheinander anderen Völkern, Frauen und nun eben Religiösen mangelnder IQ attestiert wurde - was je mancher nur zu gerne glauben wollte...

Freitag, 30. Mai 2008

Macht Religion doch keine Kinder? Ein Versuch des humanistischen Pressedienstes

Gerne behaupten nicht wenige Humanisten von sich, im Gegensatz zu "den Religiösen" wären sie vorurteilslos bereit, harte, wissenschaftliche Befunde auch als solche anzuerkennen und ihre eigenen Haltungen jederzeit "vernünftig" zu überprüfen.

Für die Forschungen zur Religionsdemografie scheint das aber nicht generell zu gelten. So hat Andreas Müller im humanistischen Pressedienst hpd einen polemischen Text des kanadischen Journalisten Dan Gardner "Religion macht keine Kinder" von 2006 übersetzt und mit dem schönen Schlusswort versehen: "Dieser Artikel geht auch an die Adresse des Religionswissenschaftlers Dr. Blume, der nicht müde wird, noch im letzten Winkel nach einem Sinn für Religion zu suchen und ihn natürlich auch zu finden."

Naja, Herr Müller - schauen wir uns den Gardner-Text doch einmal an. Er polemisiert gegen den Papst, der (eine interessante Information, danke!) ebenfalls einen Zusammenhang von Religiosität und Kinderreichtum vermutet.

Als "Beleg", dass es diesen dann nicht oder kaum gebe, führt Gardner aber nicht etwa demografische Studien, Volkszählungen oder ähnliches an, sondern würfelt ungeordnet und unterhalb jedes wissenschaftlichen Anspruchs alle möglichen Geburtenzahlen verschiedenster Länder und Regionen mit ad-hoc-Thesen wild durcheinander.

So habe, so Gardner, der Kinderreichtum der USA und dessen Geburtenunterschied zu den säkularen Gesellschaften Europas angeblich nichts oder kaum etwas mit Religiosität zu tun, sondern eher mit Immobilienpreisen.

Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock

Lieber Herr Müller, lieber humanistischer Pressedienst, das ist schlichtweg falsch und von seriösen Demografen längst widerlegt. Wenn Sie mir nicht glauben wollen - dann vielleicht dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock? Auch dort hat man nämlich 2006 zum Geburtenunterschied von US-Amerikanern und Europäern geforscht, siehe -zum freien Download- hier:
Frejka, Westoff 2006 - "Religion, Religiousness and Fertility in the U.S. and Europe"
Die Forscher, die das datenreiche Paper inzwischen auch als Fachartikel herausgebracht haben, schätzen den religiös verursachten Geburtenvorteil der USA im Vergleich zu Europa nach Abzug aller anderen Faktoren auf 13-14%!!!

Nicht berücksichtigt hat Gardner auch die inneramerikanischen Daten, von denen ich einige bereits hier vorstellte.

Auch in den USA haben Konfessionslose und insbesondere Atheisten deutlich unterdurchschnittlich Kinder. Zwar wenden sich durchaus signifikante Generationenanteil (> 10%) von den Religionsgemeinschaften ab, werden jedoch durch junge Generationen vorwiegend aus religiösen Familien und Zuwanderern ersetzt.

Vienna Yearbook of Population Research 2007

Auch zu den unterschiedlichen Geburtenraten europäischer Länder gibt es längst Untersuchungen zum Einfluss der Religiosität. So haben Philipov und Berghammer unlängst (2007) in Österreich, genauer im Wiener Jahrbuch für Bevölkerungswissenschaft dazu veröffentlicht, ebenfalls zum freien Download:
"Religion and fertility ideals, intentions and behaviour: a comparative study of European countries"

Das Ergebnis: Quer durch europäische Gesellschaften haben religiöse Menschen mehr Kinder als ihre säkularen Nachbarn. Selbstverständlich ist Religiosität nicht der einzige Faktor, aber er ist empirisch messbar da.

Weitere Daten...

Eine kleine Auswahl weiterer Daten (z.B. von Herwig Birg, ALLBUS, der Schweizer Volkszählung, Institut der deutschen Wirtschaft Köln u.a.) finden Sie auch hier.

Lebendgeburten pro Frau nach Religionszugehörigkeit, Schweizer Zensus 2000, alle Kategorien. Es zeigt sich, dass "alle" religiösen Gemeinschaftskategorien durchschnittlich deutlich mehr Kinder erreichen als die Konfessionslosen.

Und im übrigen wären da auch noch die Fallstudien: Dass Mormonen in den USA mehr Kinder haben, erkennt Gardner widerwillig an. Dass aber z.B. auch orthodoxe Juden und Amische in den USA und Kanada mehr Kinder bekommen als ihre säkulare Umwelt ist m.E. wissenschaftlich noch nie bestritten worden und hätte einem kanadischen Journalisten, wenn er daran interessiert gewesen wäre, doch wirklich auffallen können, oder!?

Fazit

Lieber Herr Müller, lieber humanistischer Pressedienst - dass wissenschaftliche Erkenntnisse aus weltanschaulichen Gründen geleugnet und Wissenschaftlern stattdessen Voreingenommenheit unterstellt wird, ist ja historisch keine neue Erscheinung. Und die Form des wirren Essays, in dem Halb- mit Unwahrheiten verrührt werden, haben z.B. antievolutionistische Kreationisten schon vor Ihnen perfektioniert - insofern ist diese nun also auch "humanistische" Strategie außerordentlich erhellend! Als junger Forscher durch Sie dergestalt "herausgefordert" worden zu sein, betrachte ich als große Ehre und bedanke mich dafür.

Herausforderung angenommen :-)

Und gerne bin ich bereit, vor dem Publikum und mit der Wissenschaftlerin oder dem Wissenschaftler Ihrer Wahl die These zu disputieren, dass Religiosität in freiheitlichen Gesellschaften mit durchschnittlich mehr Fortpflanzungserfolg einhergeht - als natürlich nicht einzigem und komplex wechselwirkendem, aber empirisch hoch relevantem und mit Daten längst bestens belegtem Faktor.

Und ich würde dabei nicht nur auf Basis eigener, sondern inzwischen Dutzendfacher unabhängiger Datenauswertungen argumentieren, deren Zahl ständig wächst. Denn ich fände es schade, wenn der humanistische Pressedienst den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit aufgeben und sich stattdessen auf einen (höflich formuliert) etwas wirren, populärwissenschaftlichen Essay zurück ziehen würde, der letztlich auch nicht leugnen kann, was sich empirisch nicht mehr leugnen lässt. Auch Sie, lieber Herr Müller, lieber Pressedienst, dürfen aufzeigen, ob Sie ein tatsächlich wissenschaftliches oder doch eher ein fundamentalistisch abgeschottetes Weltbild bevorzugen...

Wir warten gespannt.

Dr. Blume

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Gott, Gene und Gehirn - Von Rüdiger Vaas und Michael Blume

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