Durkheim, Emile

Donnerstag, 14. Februar 2008

Emile Durkheim, die Weisheit der Ameisen und die Soziobiologie

Die Religionssoziologie Emile Durkheims ist wieder im Kommen - und zwar diesmal von einer ganz unerwarteten Seite: der Biologie. Genauer: der Ameisenforschung. Und das ist kein Witz!

Denn was fasziniert an Ameisen? Es sind Einzelwesen (Phänoytpen), die je für sich genommen recht wenig überblicken und erreichen können - aber als Sozialverbände zu unglaublich komplexen Erkenntnis- und Handlungsleistungen in der Lage sind! Fakt ist: Die "individualistische", nur auf individuelle Erkenntnisse vertrauende Ameise wäre sehr kurzlebig - erst in der Gemeinschaft optimiert sie (v.a. über Verwandtenselektion) die Weitergabe ihrer Gene. Über Edward O. Wilson wurden diese Tiere daher zu den Stichwortgebern der Soziobiologie, die die sozialen Fähigkeiten und Potentiale biologischer und biokultureller Gemeinschaften erforscht und beschreibt.

Die einzelne Ameise erkennt und leistet wenig, aber vergemeinschaftet vermag sie Unglaubliches. Genau diesen Effekt vermutete und beschrieb Emile Durkheim in seiner Religionssoziologie - und gilt damit heute unter Evolutionsforschern der Religiosität wieder als brandaktuell.

Und hier kommt Emile Durkheim wieder ins Spiel: Denn insbesondere in seinem "Elementare Formen des religiösen Lebens" vermutete und beschrieb er die Funktion menschlicher Religion als genau entsprechend: der einzelne Mensch wächst durch die religiöse Vergemeinschaftung sowohl in seiner Erkenntnis- wie Handlungskompetenz weit über sich hinaus, ohne (wie die einzelne Ameise) stets die Gesamtzusammenhänge individuell zu erfassen.

Das derzeit aus religionswissenschaftlicher Sicht wohl beste Buch eines Biologen über die Evolution der Religion stützt sich daher ausdrücklich auf Durkheim: "Darwin's Cathedral: Evolution, Religion, and the Nature of Society" von David Sloan Wilson (mit obigem E.O. Wilson nur im Geiste und enger Zusammenarbeit verwandt). Und auch in den Veröffentlichungen anderer Forscher (gerade auch der ERS) taucht kein Religionswissenschaftler so häufig auf wie Emile Durkheim, der selbst schon evolutionstheoretisch argumentiert hatte - und nun von Evolutionsforschern wieder entdeckt wurde.

Ach, und... auch das Staunen über die Fähigkeiten von Ameisen und über deren "Weisheit" gab es schon vor langer Zeit: Sie "sind die Kleinen der Erde, und doch mit Weisheit wohl versehen: die Ameisen, ein nicht starkes Volk, und doch bereiten sie im Sommer ihre Speise." (Sprüche Salomos, 30, 24/25). Und einem säumigen Sohn empfiehlt er: "Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Wege und werde weise." (ebda., 6,6). Im Koran wird berichtet, dass Salomo die Sprache der Ameisen untereinander verstanden habe - und nach dem kleinen Volk ist die Sure 27 / An Naml benannt.

Dienstag, 11. September 2007

Emile Durkheim und die Evolutionstheorie

Es gilt als ein Gründungsdokument der Religionssoziologie und Emile Durkheims bleibender Klassiker:



Wenn sich der Totemismus-Ansatz auch überlebt hat, so hat Durkheim mit der strikt soziologischen Betrachtung von Religion wissenschaftliche Massstäbe gesetzt. Weniger bekannt bzw. religionswissenschaftlich bislang kaum rezipiert: seine Arbeit verortet sich eindeutig im Rahmen der frisch etablierten Evolutionstheorie.

Schon in der Einführung stellt Durkheim klar, dass das Phänomen Religion nicht habe bestehen können, wenn es auf Fehlern und Irrtümern beruhe. Die Ansätze des Rationalismus von James Frazer, des Animismus von Edward Burnett Tylor und den naturalistisch-linguistischen Versuch von Max Müller kritisiert Durkheim mit dem zentralen Argument, dass sie keine Überlebensvorteile von Religion(en) benennen und also das "Überdauern" von Religiosität nicht erklären könnten.

Leider ist diese evolutive Zug in der Religionssoziologie kaum aufgenommen worden - bis heute dominieren sozial- und kulturwissenschaftliche Diskurse die den Dialog mit der Evolutionsbiologie meiden.

Aber wenn Durkheim auch den reproduktiven Vorteil religiöser Vergemeinschaftung noch übersah, so hatte seine kritischer Ansatz doch Recht: Religionstheorien, die die Evolution von Religiosität und Religionen nicht zu erklären vermögen, hängen gerade aus naturwissenschaftlicher Sicht im luftleeren Raum. Es wird endlich Zeit, die unreflektierte Annahme eines dualistischen Gegensatzes von Geist und Materie zu reflektieren und entweder neu zu begründen oder aufzugeben - wie schon Durkheim wusste.

Freitag, 31. August 2007

Emile Durkheim, der Selbstmord und die Geburtenraten

Berühmt wurde Emile Durkheim mit einer Studie zum Selbstmord, in dem er diese scheinbar einsamste und privateste aller denkbaren Entscheidungen auf soziale Tatsachen zurückführte. Dabei unterschied er verschiedene Arten des Selbstmordes, beflügelte aber auch die Religionssoziologie unter anderem mit dem Nachweis, dass sich die Selbstmordrate unter den Juden (am niedrigsten, und auch bei hoher Bildung kaum steigend) von der der Katholiken (etwas höher, mit Bildung steigend) und der der Protestanten (am höchsten, mit Bildung steigend) unterschied.

Bis heute ein Vorbild empirischer Religionssoziologie: auf Basis vorausgehender Studien wie auch selbst erhobener Daten konnte Durkheim seine Schlussfolgerungen auf Daten (statt nur auf Anekdoten) stützen. Hier ein Datenauszug aus seinem Werk von 1897.

Als Hintergrund wies er auf die soziale Verwurzelung in Religionsgemeinschaften hin: den Zusammenhalt jüdischer Gemeinden auch in einem strikteren Monotheismus, zumal diese auch bei hoher Bildung Antisemitismus ausgesetzt waren (wie Durkheim selbst auch erfahren musste), die stabilen, häufig ländlichen Milieus und durch unhinterfragbare Traditionen abgestützte Überzeugungen katholischer Gemeinden und die stärker das Individuum und Vernunfterkenntnis betonende Struktur evangelischer Christen, die häufiger auch in Vereinzelung münden konnten.

Die starke Wirkung konfessioneller Faktoren entsprach dabei noch gar nicht seinem damaligen Konzept, warb er im "Selbstmord" doch dafür, zukünftige Gemeinschaften über Berufsverbände zu definieren. Aber Durkheim war eben Wissenschaftler genug, sich von Daten in Frage stellen und anregen zu lassen, so dass sein später zunehmendes Interesse an Religionssoziologie (mit dem Hauptwerk "Elementare Formen religiösen Lebens"), einschließlich seiner Erkenntnis, dass sich Religion eben doch nicht einfach durch andere Sozialverbände ersetzen ließ, auch seinen Ergebnissen der Selbstmordforschung entsprang.

Wenn sich natürlich auch in seinen Daten selbst und seit 1897 sehr viele differenzierende und weitergehende Erkenntnisse ergeben haben, so gilt seine Datenauswertung und Kernthese immer noch als valide und sein Buch immer noch als ein Klassiker der (Religions-)Soziologie, das immer wieder aufgelegt wird.

Was kaum einer weiss: Durkheim und die Geburten

Kaum bekannt ist jedoch, dass Emile Durkheim einige Jahre vor Erscheinen des Buches einen Artikel verfasste, in dem er nicht nur die Entscheidung für Selbstmord, sondern auch für Kinder als private Entscheidung auf Basis sozialer Tatsachen untersuchte. Dass er sich dann doch auf das (auch philosophisch damals "angesagtere") Thema Selbstmord konzentrierte, trug dazu bei, dass er und die ihm folgende Religionssoziologie (insofern sie sich mit Biologen überhaupt austauschte) die Evolution der Religion fortan über "Überlebensvorteile" zu erschließen versuchte. Erst in jüngster Zeit wird der Zusammenhang zwischen religiöser Vergemeinschaftung und Kinderreichtum wieder religionswissenschaftlich erforscht.



Es ist über ein Jahrhundert her, dass der junge Durkheim in diese Richtung gedacht hatte. Was werden diejenigen von uns finden, die der Fährte heute folgen?

Mittwoch, 1. August 2007

Emile Durkheim - Brillianter Religionssoziologe und zivilreligiöser Missionar

Am 14. Juli 1880 wogten in Paris die Feiern und Demonstrationen zum Jahrestag der Französischen Revolution. Ein junger Mann marschierte begeistert mit, bis in seinen 22. Geburtstag (am 15.Juli) hinein: Emile Durkheim.

Der in Lothringen in eine Rabbinerfamilie geborene Emile hatte im Pariser Schulsystem den jüdischen Glauben seiner Eltern gegen eine neue Weltanschauung eingetauscht: die Gesellschaft. An sie glaubte, sie erforschte und predigte er mit Leidenschaft bis zu seinem (allzu frühen) Tod 1917.

Und gerade weil er in beiden Welten zutiefst beheimatet war, wurde seine Soziologie (die nicht nur er als Nachfolgerin der Theologie betrachtete!) zu einer der direkt und indirekt einflußreichsten Entwürfe der frühen Religionswissenschaft - bei meinem späteren Doktorvater Günter Kehrer klopfte nur noch bei Max Weber das Herz höher.



Neulich bin ich auf eine Durkheim-Seminararbeit von 2001 von mir gestossen, in der ich mit ihm gerungen und unter anderem seine Wirkung bis in den türkischen Kemalismus und die (Militär-)Verfassung von 1982 aufgearbeitet hatte.

Dabei wurde mir bewusst, wie viel ich diesem frühen Forscher (und der früheren Begeisterung am Institut für Religionswissenschaft Tübingen für ihn) zu verdanken hatte. Daher möchte ich, beginnend mit dem heutigen Eintrag, in lockerer Folge auch interessante, vor allem natürlich religionssoziologische Aspekte Durkheims in diesem Blog vorstellen.

Würde mich freuen, wenn der Funke überspringt - auch in Ländern, die nicht den 14.Juli feiern. (-:

Dr. Blume

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