Dialog

Donnerstag, 26. Juni 2008

Bin wieder da...

...mitten aus dem türkischen Block des Stadions Basel beim EM-Halbfinale Deutschland - Türkei. Und es war uuuuunglaublich schön, gerade auch der Umgang der Fans untereinander! Klar: Jeder fieberte, lachte, schwitzte, jubelte mit seiner Mannschaft - aber dann lagen wir uns auch immer wieder in den Armen! (Okay, es gab einen Negativausreißer, leider ein Deutscher, der pöbeln wollte - aber den haben wir Deutschen selber eingefangen, was die deutsch-türkischen Fans dankbar registrierten.) Deutsch-türkisch und also gemeinsam bejubelt wurden übrigens auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ("Angie!") und Staatspräsident Abdullah Gül ("Abdullah!"), was ich so in der Gemeinsamkeit, ehrlich gesagt, auch noch nie erlebt hatte.

Und am Ende: Tränen, Trost, Trikottausche. Türken und v.a. Deutschtürken, die uns gratulierten. Deutsche, die Deutschtürken sagten, dass sie stolz auf ihre Mannschaft sein konnten und dass ein anderer Ausgang ebenso möglich gewesen wäre. Fussball als Gemeinschaftsfest, wie es sogar der Boulevard (vor-)gefeiert hatte (Bild entliehen vom lesenswerten JurBlog).

Können Gemeinschaftsrituale (wie etwa beim Fussball) auch Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion verbinden? Bildauszüge aus der türkischen Hürriyet zum EM-Halbfinale Deutschland - Türkei im Juni 2008.

Auf den Spontantext vor der Abfahrt hatte es so viele nette Reaktionen gegeben (auch z.B. von Webnachbarin Elsalaska und Alexander Ebel), dass ich jetzt ernsthaft überlege, ein Spaß-Paper "Religionswissenschaftlicher Projektbericht: Exkursion zur teilnehmenden Beobachtung beim spielerischen Massenritual - Fussball-Europameisterschaft Halbfinale Deutschland - Türkei in Basel 2008" zu fertigen. Allerdings muss ich wohl auch realistisch sehen, dass am Wochenende erst einmal die mir sehr wichtige Weingarten-Tagung ansteht und sich auch danach Berge ernsthafter Arbeit türmen... Versprechen kann ich also realistisch wohl nur, es ernsthaft in Erwägung zu ziehen...
;-)

Mittwoch, 25. Juni 2008

Auf nach Basel - mit deutsch-türkischer Hymne! :-)

Schon in den schwarz-rot-goldenen Stammesfarben gewandet und bemalt, mache ich mich jetzt auf den Weg zum Geburtstagsgeschenk: Dem Fussball-Halbfinale Deutschland - Türkei in Basel!

Und wie es sich für einen christlichen Gutmenschen gehört, fahre ich gemeinsam mit einem lieben, deutsch-türkischen Freund (Zusatzvorteil: Keinerlei Gefahr von wegen Alkohol am Steuer! :-) ) und schwenke die deutsche Fahne der Freundschaft mitten im türkischen Block. Arkadaslar, mutluyum!

Zur Einstimmung schonmal die deutsche Nationalhymne in türkischer Gesangsversion! (Die türkischen Textteile sind übrigens ein Liebeslied...)

Und wie es mir ergangen ist, berichte ich vielleicht auch.

So, und jetzt das Ganze nochmal in "religionswissenschaftlich":

Heute nachmittag steht eine religionssoziologisch-ethnologische Exkursion in die benachbarte Republik der Schweiz an, deren religionsdemografische Zusammensetzung schon bislang den Schwerpunkt meiner wissenschaftlichen Forschungstätigkeit bildete. Der Zweck dieses Projekts, das durch Zuwendungen im Rahmen eines privaten Jahresrituals (Geburtstag) ermöglicht wurde, ist jedoch die teilnehmende Beobachtung an einem rituellen Spielereignis, das unter Einbeziehung mehrerer zehntausend Menschen vorwiegend christlicher, islamischer und konfessionsloser Religionszugehörigkeit in einem eigenes für rituelle Zwecke gestalteten Kultgebäude ("Stadion") begangen werden soll. Zur Einstimmung werden die identifikatorischen Hymnen der beiden beteiligten Stämme gespielt und gesungen, auch der demografische Aspekt des zivilreligiösen Aktes wird durch das demonstrative Mitführen von Kindern auf den Ritualplatz unterstrichen. Interessant wird auch selbst, sowohl in der Außen- wie Innenperspektive zu beobachten, wie sich die Identifikation mit dem deutschen Stamm gestaltet, die bis vor kurzem mit schweren und gut begründeten, zivilreligiösen Tabus belegt war.

Der Anteil der spielenden und in Stammes-Symbolfarben einheitlich gekleideten Akteure wird hierbei, wie seit Jahrzehnten etabliert, auf je 11 Spieler (ausnahmslos männlichen Geschlechts, die Frauen haben inzwischen eigene, entsprechende Rituale) beschränkt sein, die einen Ball mit ihren Füßen in einen eingenetzten Zielbereich (Tor) zu bugsieren haben. Spielbeginn und erfolgreiche, vom Schiedsrichter anerkannte Torschüsse dürfen durch religiöse Symbolhandlungen (Beten, Kreuzeschlagen etc.) markiert werden. Den Trainern steht das Recht der Nominierung zur Ritualteilnahme zu, sie sind aber während des Spiels auf einen markierten Bereich am Platzrand beschränkt - und Zuwiderhandlungen können mit Ritualausschlüssen geahndet werden.

Aber auch die zehntausenden Zuschauer werden als "zwölfter Mann" (man beachte die Analogie zu den Aposteln) ihrer jeweiligen Mannschaft betrachtet und es wird erwartet, dass sie durch Kleidung, Bemalung und ritualisierte Rufe und Gesänge Stammeszugehörigkeit und motivierende Unterstützung für "ihre" Mannschaft bekunden. Dabei bringen es die Migrationsprozesse der letzten Jahrzehnte mit sich, dass durchaus auch Trainer und Spieler mit Lebensmittelpunkten je in anderen Stammesgebieten dennoch zu Akteuren bestimmter Zugehörigkeit ernannt werden.

Über den spielerischen Ritualablauf hinaus ist natürlich auch das Umfeld von besonderem, religionssoziologischen Interesse: Wie werden die Gruppen interagieren? Wie wirkt sich der im Spielverlauf nachweisbar steigende Testosteronspiegel gewichtiger Männer auf deren Sozialverhalten aus? Wird Bundeskanzlerin Angela Merkel erneut durch sachdienliche Hinweise zum Ritualgeschehen ihre auch zivilreligiöse Kompetenz unterstreichen können? Und werden die Menschen verschiedener Herkunft, Stammeszuschreibung und Religion(en) friedlich interagieren, vielleicht gar ein Gemeinsamkeiten betonendes Ritualereignis begehen können? Diese Fragen sind durch Feldforschung zu beantworten, ggf. würden die gewonnen Erkenntnisse zu einem Paper dar- und zur Diskussion gestellt.

Bislang isolierte Stämme in Lateinamerika - Was tun?

Berichte und besonders Fotos von der Entdeckung indigener Stämme im Amazonasgebiet von Brasilien, die bislang keinen Kontakt mit der "zivilisierten" Welt gehabt hätten und offensichtlich auch ablehnten, haben weltweit Interesse gefunden und Debatten ausgelöst. Schon gibt es eine ganze Reihe auch selbstgebastelter Fan-Videos, die eine eigenständige Faszination mit der Existenz dieser Menschen und ihrer Kultur belegen:



Und es wird - nicht nur in Brasilien und Peru - intensiv diskutiert: Soll man diese Stämme und die von ihnen bewohnten Regionen "in Ruhe lassen"? Warum? Und was ist von der These zu halten, die unkontaktierten Stämme seien nur eine Erfindung von Umweltschützern, um die Erschließung der Gebiete zu verhindern?

Ein Pro-Contra-Bericht von Nationalgeographic dazu:

http://video.nationalgeographic.com/video/player/news/culture-places-news/peru-indians-apvin.html

Persönlich habe ich durchaus eine Meinung zu diesem Thema, möchte aber zunächst einfach einmal hören (bzw. lesen), was Sie dazu denken. Wie sollte Ihrer Meinung nach der Umgang mit diesen Stämmen gestaltet (oder unterlassen?) werden?

Samstag, 31. Mai 2008

Fest der Religionen - für ein friedliches Miteinander! (Stuttgart)

Gemeinsam mit der muslimischen DITIB-Moscheegemeinde aus Stuttgart-Feuerbach, der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, der Bahaigemeinde Stuttgart und der hinduistischen Gemeinde aus Bad Cannstatt veranstaltet die Christlich-Islamische Gesellschaft Region Stuttgart e.V. (deren Ehrenvorstand ich sein darf)

am Sonntag, den 01. Juni 2008, Beginn 13.00 Uhr das

Fest der Religionen - Für ein friedliches Miteinander


Das Fest der Religionen findet unter der Schirmherrschaft der Stadt Stuttgart statt und wird mit den Grußworten von Bürgermeisterin Dr. Susanne Eisenman (13.15 Uhr) eröffnet.

Die Veranstaltung richtet sich an Menschen aller Altersgruppen und religiöser Zugehörigkeit. Ein buntes Bühnenprogramm mit Musik- und Tanzdarbietungen, ein Kinderprogramm mit einer Hüpfburg und einer Spielstraße, ein Informationszelt zum Austausch und zur Erkundigung über die Religionen und nicht zuletzt das interreligiöse Fußballturnier "EM der Religionen" wird diesen Tag, so Gott will, unvergesslich machen.

Für Ihr leibliches Wohl wird durch eine Vielfalt an Angeboten gesorgt sein. Wir hoffen, auch Sie an diesem Tag begrüßen zu dürfen.

Hier können Sie das Programm runterladen!!

Sonntag, 25. Mai 2008

Peace Counts - Ausstellung zum Frieden

Normalerweise schalte ich für den Sonntag sehr ungerne Blogmeldungen. Aber es gibt begründete Ausnahmen - und die heutige Eröffnung der Ausstellung "Peace Counts - Die Erfolge der Friedensmacher" im Kloster Denkendorf (und vom jüdisch-christlich-islamischen Verein Haus Abraham e.V.) ist eine davon!

Informationsblatt zur Veranstaltung hier!

Ein Bild aus der Ausstellung "Peace Counts - Die Erfolge der Friedensmacher", zu sehen im Sommer 2008 im Kloster Denkendorf, ausgerichtet vom jüdisch-christlich-islamischen Verein Haus Abraham e.V.

Das Peace Counts Projekt

Fotografen und Reporter von Peace Counts stöberten in den vergangenen Jahren erfolgreiche Friedensmacher in den Konfliktregionen der Welt auf. Über ethnische, religiöse und politische Grenzen hinweg bringen diese heimlichen Helden verfeindete Lager zusammen. Ihre Arbeit zeigt: Frieden ist möglich!

Und er ist spannend, spektakulärer jedenfalls, als die immer gleichen Bilder von Zerstörung und Gewalt in den Medien. Warum machen ehemalige Terroristen Jugendarbeit? Wie gelingt einer Tadschikin Versöhnung in Mazedonien? Warum durchkreuzt ein Schiff als Friedensuniversität die Weltmeere?

Die drei Fotografen Uli Reinhardt, Frieder Blickle und Paul Hahn geben durch ihr Engagement den Ideen der Friedensmacher einen medialen Raum. Ihre Reportagen erschienen in den großen Zeitungen und Zeitschriften Deutschlands und Europas. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl der besten Reportagen.

Die Ausstellung ist vom 26. Mai bis 13. Juni 2008 im Kloster Denkendorf in der Pfarrscheune zu sehen.

Zur Eröffnung heute um 18 Uhr sprechen...

Begrüßung: Benjamin Boy, Haus Abraham e.V.
(auch Vorsitzender der Christlich-Islamischen Gesellschaft Region Stuttgart e.V., ein Mitfahrender des Friedensschiffes - und Religionswissenschaftler! :-)

Grußwort: Bürgermeister Peter Jahn, Denkendorf
Einführung: Michael Gleich, Koordinator Peace Counts
Frieden fotografieren: Uli Reinhardt, Agentur Zeitenspiegel
Wie man Frieden macht: Joe Doherty, Nordirland, im Gespräch mit Michael Gleich
Peace Counts School: Günther Gugel, Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Mittwoch, 2. April 2008

Stiftungsprofessur Islamische Religion an der Universität Frankfurt

Deutsche und türkische Theologen, Universitäten, die evangelische Amtskirche und die türkische Religionsbehörde arbeiten zusammen, um wissenschaftliche Ausbildung, Dialog und Reflektion auf gemeinsam-europäischem, auch religionswissenschaftlichem Niveau zu erreichen. Kann das gut gehen? Bisher sieht es ganz danach aus!

http://www.evtheol.uni-frankfurt.de/islam/forschung/aktuell/index.html

Aber vielleicht haben Sie ja die Gelegenheit, sich selbst ein Bild zu machen und an einer der folgenden Veranstaltungen teil zu nehmen, auf die ich gerne hinweise.

1) - Tagung: Kultur des Zusammenlebens im Islam - Theorie, Geschichte und Gegenwart

17. April 2008, 16:30 - 21:30

http://www.evtheol.uni-frankfurt.de/islam/forschung/aktuell/tagung_2008ss.html

2) - Ringvorlesungen zur Islamforschung im europäischen Kontext III:
"Die eigene Religion/Kultur erforschen - Ein existenzielles
Spannungsfeld zwischen Kritik und Glauben/Identität"
Einzeltermine, DO 19:00 - 21:00

http://www.evtheol.uni-frankfurt.de/islam/forschung/aktuell/ringvorlesung_2008ss.html

3) Internationales Symposium - Geistiges Erbe des Islam II:
"Koranwissenschaften heute: Genese, Exegese, Hermeneutik, Ästhetik"

05.-07. Juni 2008

unter anderem mit:
Prof. Dr. Nasr Hamid Abu Zaid, Prof. Özsoy, Prof. Hartmut Bobzin, Christian Troll SJ und anderen mehr

http://www.evtheol.uni-frankfurt.de/islam/forschung/aktuell/symposium2008.html

Anmeldung hier:
http://www.gefis-online.de/detail.php4?nlev1=4&nlev2=&detail=1&ID=47

Eine Prognose möchte ich schon wagen: In Zukunft werden zunehmend deutsche Muslime selbst sowie nichtmuslimische Wissenschaftler, die auch im Alltag mit deutsch-muslimischen Leben vertraut sind, die Rolle der bisher oft nur theoretisch versierten und unter Ausschluss der Betroffenen fabulierenden "Islamexperten" einzunehmen. Der Qualität von Diskussion, Reflektion und Berichterstattung auf allen Seiten kann das nur gut tun!

Montag, 24. März 2008

Der Internet-Briefwechsel zwischen islamischen und christlichen Theologen

Sie erinnern sich: Da war die Rede von Papst Benedikt XVI. in Regensburg 2006, die in der islamischen Welt Bestürzung (und Freude unter Extremisten) auslöste (Text hier).

Islamische Online-Briefe

Darauf folgte jedoch etwas überraschend Neues: ein erstes auch per Internet veröffentliches Dialogschreiben islamischer Theologen an den Papst (sog. Brief der 38 - deutsche Übersetzung hier).

Nach positiven Reaktionen aus dem Vatikan und trotz massiver Proteste islamischer Hardliner wagten sich ein Jahr später neben den Unterzeichnern noch einmal einhundert islamische Gelehrte mehr an ein weiteres Schreiben, diesmal an alle Kirchenführer gerichtet (sog. Brief der 138 - deutsche Übersetzung hier). Auf diesen Schritt reagierte der Vatikan sogar mit einer Einladung an die Unterzeichner, neue Begegnungen und Projekte des katholisch-islamischen Gesprächs entstanden.

Christliche Online-Briefe

Im November 2007 reagierte eine große Zahl christlicher Theologen auf den Brief der 138 mit einem gemeinsamen Schreiben "Liebe Gott und Deinen Nächsten" (eine deutsche Übersetzung hier). Wie zuvor unter Muslimen so löste diese Geste nun auch Christen Hardliner-Kritik aus - einigen Christen erschien das Schreiben zu entgegenkommend und einige Unterzeichner aus dem evangelikalen (entschieden, teilweise fundamentalistisch-protestantischen) Bereich wurden gedrängt, ihre Unterschriften zurück zu ziehen.

Und doch führte die Diskussion dazu, dass auch der mächtige, evangelikale Flügel der Christenheit mit einem eigenen Online-Schreiben auf den Brief der 138 reagierte. Der Titel: "Auch wir wollen in Liebe, Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit leben" (eine deutsche Übersetzung hier), der federführend von einem deutschen Evangelikalen, Prof. Thomas Schirrmacher (Bonn) mit vorbereitet worden war. Im Ton sehr viel schroffer als "Liebe Gott und Deinen Nächsten" und darauf bedacht, nur ja keine Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen zu benennen, enthält auch dieses Schreiben dennoch das Angebot zum Gespräch auf Augenhöhe.

Eine neue Form der interreligiösen Kommunikation?

In diesem Blog war bereits darüber spekuliert worden, ob sich mit den Online-Schreiben ggf. eine neue Form der auch interreligiösen Kommunikation entwickele. Und die Anzeichen dafür mehren sich. Die Form der Online-Schreiben "demokratisiert" den Zugang zu den Texten, indem sie mit Veröffentlichung aller Welt kostenlos zugänglich gemacht werden. So werden Dokumentation und Diskussion der Stellungnahmen weit über theologische Fachpublikationen und Fachzirkel hinaus möglich, die wiederum zu neuen Texten, Begegnungen und Projekten führen. Meist werden auch sehr schnell von Dritten Übersetzungen in verschiedene Sprachen angefertigt, was für das Interesse und auch die Bereitschaft zu eigenständiger Arbeit von Engagierten mit den Briefen spricht. Wie man es auch dreht und wendet: die Online-Kommunikation gewinnt hier bereits sichtbares Eigengewicht im Verhältnis und Dialog der Religionen.

Selbstreflektion? Z.B. Religionsfreiheit, "Wo führen Christen Krieg gegen Muslime?"

Ein wiederkehrendes Thema in dem Austausch ist das Aussprechen für Religionsfreiheit - bisher alle Sendschreiben betonten die Notwendigkeit des Verzichts auf Gewalt und Zwang in religiösen Belangen und der Unterscheidung von Politik, Staat und Religion.

Aber auch Selbstreflektionen treten auf, etwa wenn im evangelikalen Schreiben die Autoren verblüfft fragen: Wo führen Christen Krieg gegen Muslime?

Hier wird deutlich, wie unterschiedlich die gleichen Prozesse bisweilen wahrgenommen werden: Viele Christen erfahren sich durch gewalttätige Muslime oder gar "den Islam" bedroht und attackiert und sehen in den Aktionen etwa der US-Armee oder des israelischen Heeres gerechtfertigte oder doch verständliche Verteidigungsmassnahmen. Umgekehrt verweisen viele Muslime nicht nur auf die christliche Unterstützung für Israel, sondern auch auf den Umstand, dass mehrheitlich christliche Armeen, ausgesandt von entschiedenen Christen (wie George W. Bush und Tony Blair) in islamischen Ländern stehen - und wähnen sich selber in der Rolle der Angegriffenen, die sich verteidigen müssten. Ob der Online-Dialog dazu beitragen kann, die Welt auch aus der Perspektive der je anderen zu erfassen?

Fazit: Viel zu früh für ein Fazit...

Aber niemand wird mehr leugnen können, dass sich die Online-Sendschreiben tatsächlich zu einer eigenen Form der interreligiösen Kommunikation und damit religiösen Betätigung auf unserem kleinen Planeten entwickelt haben. Ob sich die Erfinder des Internets das vorstellen konnten?

Freitag, 7. März 2008

Wolfgang Schäuble verteidigt Muslime in Deutschland gegen Ralph Giordano

Islamophobie, die Angst vor dem Islam, tritt in Deutschland (und weltweit) vor allem dort auf, wo es wenige Kontakte mit Muslimen im Alltag gibt: Unter den älteren Generationen, in ländlichen und ostdeutschen Gebieten. Wie zuvor auch Antisemiten "die Juden" stets nur als bedrohliches und verschwörerisches Kollektiv wahrnehmen wollten und sich etwa an religiösen Gebäuden und Kleidung störten, so vermuten auch Islamophobe hinter Muslimen stets Verschwörungen, erleben Moscheen als bedrohlich und stören sich an muslimisch-religiöser Kleidung.

Doch quer durch die demokratischen Parteien gibt es längst differenzierten Widerspruch gegen die islamophoben Stereotype, die letztlich genau die Spaltung beschwören, die sie beklagen.

So hat Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, gerade auch in Bloggerkreisen kaum als "zu weich" bekannt, in diesen Tagen in einem lesenswerten Streitgespräch mit Ralph Giordano in der FAZ vor islamophober Pauschalisierung und Ausgrenzung gewarnt. Sollte man gelesen haben.

Islam in Deutschland - Islam in den USA

Und ein Terminhinweis: Aufgrund einer spannenden Anfrage eines Bloglesers über die Homepage habe ich mir vorgenommen, das Thema erfolgreiche Integration der Muslime in den USA noch einmal mit neuen Daten und Erkenntnissen aufzuarbeiten. Den Vortrag am Dienstag, 11.März in Stuttgart-Sonnenberg werde ich unter diesen Vorzeichen vorbereiten und hoffe, ihn Ihnen dann auch zeitnah verschriften und mit Datengrafiken versehen zur Verfügung stellen zu können.

Dienstag, 4. März 2008

Erster Islambeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg berufen

Kirche bewegt sich: Pfarrer Heinrich Georg Rothe, wird am Samstag, 8. März, um 17 Uhr in einem Gottesdienst durch Oberkirchenrat Ulrich Heckel in der Esslinger Frauenkirche in sein Amt als Islambeauftragter der Landeskirche eingeführt.

Die Stelle wurde neu geschaffen, nachdem sich eine viel beachtete Landessynode im Jahr 2006 auf einem Schwerpunkttag mit dem Thema Islam beschäftigt und eine solche Stelle bei der Kirchenleitung beantragt hatte. Seinerzeit war positiv aufgefallen, dass die Synodalen nicht nur "über" Andersglaubende berieten, sondern Muslime und Juden in Gespräche einbezogen. (Die württembergische Synode wird demokratisch durch Urwahl bestimmt.)

Zum Amt

Zu den Aufgaben des Islambeauftragen gehört unter anderem die theologische Arbeit an Fragen des Verhältnisses von Christen und Muslimen, die Beratung der Kirchengemeinden in allen Fragen der Kontaktaufnahme und Kontaktpflege mit Muslimen, die Kommunikation mit islamischen Einrichtungen und Verbänden sowie der Aufbau eines Netzes von Islambeauftragten in sämtlichen württembergischen Kirchenbezirken. Der Islambeauftragte hat seinen Dienstsitz im Dienst für Mission, Ökumene und Entwicklung in Stuttgart. Ein Beirat wird die Arbeit unterstützen.

Zur Person

Der 53-jährige Heinrich Georg Rothe ist in Bielefeld geboren und in einem evangelischen Pfarrhaus aufgewachsen. Er studierte in Göttingen und Tübingen Theologie und war nach seinem Examen von 1979 bis 1982 Assistent am Biblisch-Archäologischen Institut der Universität Tübingen. Anschließend wechselte er von 1982 bis 1984 nach Jerusalem, um dort sowohl als Assistent am Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes zu arbeiten als auch sein Vikariat an der evangelischen Erlöserkirche zu absolvieren. Von 1984 bis 1990 studierte Rothe Islamkunde in Tübingen, im Anschluss war er Vikar in Neckartailfingen. Von 1992 bis 1998 leitete er die Beratungsstelle für Islamfragen der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Evangelischen Kirche von Westfalen. Darauf war er bis 2004 in Stellenteilung mit seiner Frau Gemeindepfarrer in Esslingen-Sulzgries. Seit 2005 arbeitete Rothe beim Evangelischen Oberkirchenrat in Stuttgart und war dort zuständig für Islamfragen.

Zu seiner Aufgabe sagt Rothe: „Begegnung mit Muslimen lässt evangelische Christen ihren Glauben tiefer verstehen, Dialog stärkt Glauben und löst ihn nicht auf.“ In seiner Arbeit wolle er einer Entschließung der Landessynode folgen, die als Aufgabe formuliert hatte: „Miteinander leben lernen – Evangelische Christen und Muslime in Württemberg“. Rothe möchte Menschen mit Dialogerfahrung und Dialogkompetenz, die es bereits an vielen Orten in der Landeskirche gebe, vernetzen und unterstützen.

Seit der Gründung im Jahr 2003 gehört Rothe dem Vorstand des Koordinierungsrats des Christlich-Islamischen Dialogs in Deutschland e.V. (KCID) an. Er ist Mitglied der Christlich-Islamischen Gesellschaft Stuttgart und des Arbeitskreises für Islamfragen der Landeskirche.

Heinrich Georg Rothe ist verheiratet mit Frida Rothe, die ebenfalls Pfarrerin ist, und Vater von drei Kindern. Er lebt in Esslingen.

Freitag, 29. Februar 2008

Online gegen den Krieg der Zivilisationen?

Über das Internet findet inzwischen eine ganze Menge interreligiöser Kommunikation statt: denken wir an den via Internet veröffentlichen und schnell von Freiwilligen übersetzten "Brief der 38", mit dem islamische Gelehrte 2006 besonnen auf die Regensburger Rede Papst Benedikts XVI. reagiert hatten - und den "Brief der 138" ein Jahr später, dessen Verfasser inzwischen zu Dialoggesprächen im Vatikan empfangen wurden.

Daneben sind aber auch Online-Netzwerke entstanden, die globale Bürgerbewegungen zu organisieren und politische Prozesse zu beeinflussen versuchen. Ein Beispiel dafür ist www.avaaz.org, das unter anderem mit folgendem Video gegen den Krieg der Zivilisationen antritt.



An der Entlarvung der Uri Geller Show wurde unlängst deutlich, dass das Internet die Spielregeln auch der Medien zu verändern beginnt. Nicht weniger spannend wird jedoch zu beobachten sein, ob das weltweite Netz auch die Kommunikation zwischen den Anhängern verschiedener Religionsgemeinschaften wirksam verändern kann.

Dr. Blume

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