Demografie & Familienbilder

Freitag, 13. Februar 2009

Die vorbewusste Wirkung kultureller Geschlechterrollen

Während Menschen über ein biologisches Geschlecht (engl. Sex) verfügen, erlernen wir über die Kultur soziale Geschlechterrollen (engl. Gender). Wie vorbewusst und gleichzeitig stark wir die jeweiligen Erwartungen verinnerlichen, zeigt folgendes, beeindruckende und auch unterhaltsame Experiment von Sarah Lisenbe an der Mississippi State Universität.

Dienstag, 16. Dezember 2008

Beständige Ehe ist und bleibt Hauptgrundlage für Elternschaft

Aus dem Newsletter des Instituts für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V. (www.i-daf.org) - Download per Klick hier.

Partnerschaftliche Lebensformen sind in den vergangenen Jahrzehnten vielfältiger geworden: Vor allem in der jüngeren Generation leben Paare nicht mehr nur in einer Ehe, sondern auch in nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften und Partnerschaften ohne gemeinsamen Haushalt („living-apart-together“) zusammen. Aus diesem Grund reicht der Familienstand allein als Kriterium für die familiäre Lebenslage von Frauen (und Männern) nicht mehr aus.

Für die Sonderauswertung des Mikrozensus „Geburten in Deutschland“ des Statistischen Bundesamts wurde deshalb sowohl nach dem Familienstand als auch nach dem Bestehen einer Partnerschaft gefragt.

Die Ergebnisse zeigen erneut, dass der Familienstand im Blick auf Kinder und Geburten wichtiger ist als nur eine Partnerschaft. Fast neun von zehn (86 Prozent) der verheirateten Frauen im Alter von 35-49 Jahren hatten mindestens ein Kind.

Auch von den geschiedenen bzw. verwitweten Frauen in diesem Alter waren 83 Prozent Mütter. Von den ledigen Frauen in diesem Alter waren dies nur 34 Prozent. Betrachtet man Partnerschaften an sich – unabhängig von der offiziellen Bindung – sind die Unterschiede geringer: Hier haben 80 Prozent der Frauen mit Partner im Alter zwischen 35- und 49-Jahren Kinder. Aber nur 57 Prozent der Frauen, die aktuell keinen Partner haben, sind Mütter(1).

Mehr als zwei Drittel dieser Mütter ohne Partner sind geschieden, verwitwet oder leben getrennt (2). Insgesamt haben gut neunzig Prozent der Mütter in Deutschland einmal eine Ehe geschlossen. In der Regel sind diese Ehen auch dauerhaft: Mindestens 75 Prozent aller Mütter leben in einer bestehenden Ehe.

Der Anteil der ledigen Mütter ist – auch in den jüngeren Altersgruppen – eher gering: Unter den 30- bis 49-Jährigen Müttern liegt er bei acht Prozent. Der vom Statistischen Bundesamt veröffentlichte Bericht „Geburten und Kinderlosigkeit in Deutschland“ stellt fest, „dass die meisten Frauen in Deutschland in traditionellen Familienverhältnissen leben“ (3). Zwar bleiben zunehmend mehr Frauen und Männer ledig (und kinderlos). Aus der Sicht derjenigen, die sich für Kinder entscheiden, hat die Ehe aber – so der Familiensoziologe Hans Bertram in einem Gutachten für das Bundesfamilienministerium – noch eine „überragende Bedeutung“ (4).

In der Tat: Wie die amtliche Statistik zeigt, gründen mehr als 80 Prozent aller Familien mit zwei und sogar etwa 85 Prozent aller Familien mit drei und mehr Kindern in Deutschland auf eine Ehe. Der Anteil nicht-ehelicher Lebensgemeinschaften an den Familien mit mehreren Kindern liegt unter fünf Prozent.

Etwas größer ist der Anteil der Alleinerziehenden mit 11-15 Prozent. Einen deutlich größeren Anteil von fast 29 Prozent haben die Alleinerziehenden dagegen an den Familien mit einem Kind.

Die meisten Alleinerziehenden sind geschieden oder leben verheiratet getrennt, haben also einmal eine Ehe geschlossen (5). Die amtliche Statistik zeigt: Eheschließung und Elternschaft sind in Deutschland eng miteinander verbunden.

(1) Vgl.: Statistisches Bundesamt: Geburten und Kinderlosigkeit in Deutschland, Bericht über die
Sondererhebung 2006, „Geburten in Deutschland“, Wiesbaden 2006, S. 59-60.
(2) Ebd., S. 26.
(3) Ebd., S. 25.
(4) Hans Bertram: Die Mehrkinderfamilie in Deutschland. Zur demographischen Bedeutung der
Familie mit drei und mehr Kindern und ihrer ökonomischen Situation. Expertise für das Kompetenzzentrum für familienbezogene Leistungen im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, S. 46.
(5) Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Alleinerziehende in
Deutschland, Potenziale, Lebenssituationen und Unterstützungsbedarfe, Monitor Familienforschung,
Ausgabe 15, Jahrgang 2008, S. 6.

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Polyandrie - Vielmännerehe

Immer wieder begegne ich dem Irrtum, dass Polygamie (= Mehrehe) beim Menschen automatisch mit Polygynie (= Vielfrauenehe) gleichzusetzen sei. Oft wird angenommen, dies - und nur dies - entspreche der Natur unserer Art und Religionen könnten diese Variante nur je auf männliches Drängen hin erlauben oder emanzipatorisch verbieten.

In Wirklichkeit aber gehört zu unserer Natur die Kultur, die je auf der Basis geschichtlicher Traditionen und Umweltanforderungen auch ganz unterschiedliche Familienmodelle entwickelt hat und weiter entwickelt. Die Polygynie ist in unserer Zeit zwar die häufigste Form der Mehrehe (die sich insgesamt auf dem Rückzug befindet bzw. in Formen wie Konkubinate und serielle Monogamie umgewandelt wird), aber es gab und gibt auch ungezählte andere. Hier ein Beitrag von National Geographic über Polyandrie (die Ehe mehrerer Männer mit einer Frau) in der Himalayaregion.



Und wer bei der Polygynie daran denkt, diese würde von traditionellen Religionskulturen Männern schlicht gestattet, der möge z.B. in der Bibel die Passagen über die Leviratsehe nachschlagen - vorgeschrieben nach Levitikus 18,16 und 20,21 und Deuteronomium 25,5-10, als (männerkritische!) Geschichte ausgearbeitet in Genesis 38, in dem die Polygamie Männern als Pflicht (!) zur Versorgung von Witwen auferlegt wurde (vgl. auch einen älteren Beitrag dazu hier).

Fazit

Familienstrukturen sind immer wieder darauf zu prüfen, wie sie sich auf die Situation und Würde der Beteiligten (Frauen, Männer und Kinder) auswirken. Gleichzeitig ist auch hier vor einem geschichtslosen Eurozentrismus zu warnen: Der Hintergrund mancher kulturell gewachsener Familienmodelle der Vergangenheit und Gegenwart erschließt sich erst vor dem Hintergrund der jeweiligen, sozioökonomischen Situation. Und das jeweilig dominierende Beziehungsideal (z.B. die Polygynie in einigen afrikanischen Gesellschaften islamischen und christlichen Glaubens, die serielle Monogamie in einigen säkularen, europäischen Ländern etc.) als vermeintliches "Gebot der Biologie" zu legitimieren, ist doch sehr fragwürdig. Die Sozial- und Kulturwissenschaften zeigen auf: Wir Menschen können stets auch anders, dies macht einen Teil des bisherigen Erfolges unserer Spezies aus - und überträgt uns Verantwortung.

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Religionsdemografie im Radio...

Gerade mal wieder schmunzelnd angehört: Ein launiges Interview zum Zusammenhang von Religiosität und Reproduktionserfolg mit Reinhard Baumgarten vom SWR aus 2007 - wer mag hier (als wav).

Viel Spass! :-)

Flaschenhals Säkularisierung: Mit steigender Bildung sinkt die Geburtenzahl rapide - außer bei einigen Religionsgemeinschaften. Hier Daten der Volkszählung 1996 in Adelaide (Südaustralien).

Mittwoch, 30. Juli 2008

Wann endet das Wachstum der Weltbevölkerung?

Die Geburtenraten befinden sich, laut Daten der Vereinten Nationen (UNO) und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), weltweit in freiem Fall.

So fiel die Geburtenrate im Weltdurchschnitt von etwa 5,0 Geburten je Frau im Zeitraum 1950-55 auf 3,4 zwischen 1985-90 und weiter auf 2,7 in den Jahren 2000-05, darunter 2,9 in den Entwicklungsländern und 1,6 in den Industrieländern.

Für das Jahrfünft 2005-2010 wird die globale Geburtenrate auf 2,55, für die Industrieländer auf 1,60 und für die Entwicklungsländer auf 2,75 geschätzt.

Die bestandserhaltende Geburtenrate der Weltbevölkerung liegt je nach Sterblichkeit bei etwa 2,1 bis 2,2 Lebendgeburten je Frau. Setzt sich der weltweite Rückgang der Geburtenraten fort, könnte der bestandserhaltende Wert schon in drei bis vier Jahrzehnten erreicht werden. Beim bisherigen Tempo des Rückganges wäre dies um das Jahr 2040 der Fall.

Die Weltbevölkerung erreicht ihren Gipfel jedoch nicht im gleichen Jahr, ab dem die Geburtenrate kleiner ist als das bestandserhaltende Niveau, sondern erst etwa drei Jahrzehnte (ca. 2070) danach. Der Grund für die Verzögerung liegt darin, dass die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter in Zukunft – als Folge der hohen Geburtenraten in der Vergangenheit – noch wächst.

Zitiert aus diesem Bericht des BAMF.

Auf gleicher Datenbasis auch folgende Grafik:
Laut Prognosen der UN und des BAMF wird die Weltbevölkerung noch im 21. Jahrhundert in die Schrumpfung übergehen. Die Grafik verteilt die Altersverteilung in Europa und weltweit 2005 und 2050.

Migration beschleunigt...

...den globalen Geburtenrückgang dabei tendenziell noch, da sich die Migranten mit dem angestrebten, wirtschaftlichen Aufstieg auch von den traditionellen (oft noch agrarwirtschaftlichen) Großfamilienstrukturen lösen. Beobachten kann man dies beispielhaft an der Geburtenzahl je von Türkinnen in der Türkei (rot), von Türkinnen in Deutschland (grün) und schließlich von Deutschen muslimischen Glaubens, meist türkischer Herkunft (schwarz, gestrichelt).

Die Geburtenziffern muslimischer Zuwanderer passen sich massiv den familienfeindlichen Strukturen Deutschlands an. Von einer Islamisierung Deutschlands kann also keine Rede sein, vielmehr steigen Zuwanderer per Integration derzeit in das gesamtdeutsche, demografisch sinkende Boot.

Insofern trägt gelingende Integration zu einer Angleichung des Geburtenverhaltens sowohl zwischen den Regionen wie Religionen bei. Dabei gilt generell weiter, dass religiöse Menschen (ob Christen, Muslime, Juden, Hindus etc.) durchschnittlich deutlich mehr Kinder haben als ihre säkularen Nachbarn (einige Daten dazu hier).

Montag, 21. Juli 2008

Sollen sich Frauen politisch betätigen?

Oder, anders formuliert: "Finden Sie es richtig, daß die Frau sich politisch bestätigt?" - so fragte das Bielefelder Meinungsforschungsinstitut EMNID 1949 die (West-)Deutschen (wieder entdeckt im Heft Umfrage & Analyse 5/6 - 2008 von tns emnid).

Ein knappes Drittel der Männer (32,4%) lehnte die politische Betätigung von Frauen ab - aber gar 34,6% der Frauen selbst. Fragte man nach "verheirateten" Frauen, stieg die Ablehnung sogar auf 45,9% (ohne großen Geschlechterunterschied).

Und die Begründung? Im Hinblick auf unverheiratete Frauen begründeten 34,3% der Ablehnenden ihre Haltung mit der Auskunft "Politik ist Männersache": 24,6% der Männer und sogar 42,8% (!) der Frauen. Im Hinblick auf verheiratete Frauen war dagegen das häufigste Argument, "sie gehören in Haus und Familie" - 60,2% der ablehnenden Männer und 58,0% der Frauen.

Addiert man die beiden Antworten (die das Leben nach festen Geschlechterdomänen sortieren), so erfassen sie im Hinblick auf unverheiratete Frauen 46,5% der ablehnenden Männer und sogar 55,2% der ablehnenden Frauen. Im Hinblick auf verheiratete Frauen herrscht sogar fast Einigkeit: 71,8% der ablehnenden Männer und 75,4% der ablehnenden Frauen fanden sich in einer der Antworten wieder.

Und heute, sechzig Jahre später?

Aus der bürgerlichen Opposition heraus hat eine christdemokratische Kanzlerin einen sozialdemokratischen Kanzler abgelöst. Weibliches Engagement wird auch in der Politik überwiegend geschätzt und begrüßt. Gleichzeitig bleiben unterschiedliche Geschlechterpräferenzen, gerade auch im Hinblick auf kinderbezogenes, soziales, politisches und religiöses Engagement, weiterhin sichtbar und werden zunehmend auch unideologisch und wissenschaftlich diskutiert - oder gar in Kabarettstücken a la Mario Barth zelebriert.

Frauen und Männer engagieren sich freiwillig für unterschiedliche Schwerpunkte. Männer streben häufiger Macht- und Heldenrollen an, Frauen sichern ihr reproduktives Investment durch Engagement für Kinder, Soziales - und Religion.

Man mag kaum glauben, dass seit der Emnid-Umfrage erst 60 Jahre vergangen sind. Heute würde wohl kein Meinungsforschungsinstitut mehr o.g. Fragen stellen. Denn längst haben große Mehrheiten der Menschen das Nebeneinander durchaus bleibend-unterschiedlicher Präferenzen einerseits und unverzichtbarer, individueller Freiheit andererseits verinnerlicht.

Montag, 23. Juni 2008

Elisabeth Beck-Gernsheim: Störfall Kind. Frauen in der Planungsfalle

Unter den "Geheimtips" wissenschaftlicher Literatur nimmt bei mir Frau Prof. Beck-Gernsheim einen hohen Rang ein: Die Familiensoziologin beherrscht es, wissenschaftlich und inhaltlich kompakt Bekanntes mit historisch Neuem zu verbinden und damit den hundert Mal diskutierten Themen immer wieder eine neue Note zu geben - wenn sie auch religionsdemografische Kontexte bislang allenfalls streifte. Fulminant habe ich z.B. ihre Schilderungen des jahrhundertelangen, postmittelalterlichen Kindermangels in Paris, seiner Gründe und Ausgestaltung in Erinnerung. Und auch in ihrem Beitrag "Störfall Kind: Frauen in der Planungsfalle" in der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte", einer Beilage der Wochenzeitung "Das Parlament", verknüpft sie wieder gekonnt heutige Diskussionen mit historischen Rückblicken.

Zwei Beispiele mögen als Leseprobe genügen.

So stellt Elisabeth Beck-Gernsheim die fast kritiklose Geltung bestimmter Mutterrollen bis in die 70er Jahre anhand politischer Reden und Expertenberichte dar:

"Franz Josef Würmeling war der erste Familienminister der jungen Bundesrepublik, amtierend von 1953 bis 1962, Christdemokrat und Vater von fünf Kindern. In seinen Reden und Schriften zeigt sich exemplarisch ein konservativ ausgerichteter Zeitgeist, geleitet vom Glauben an eine naturgegebene Ordnung: Der Frau ist die Aufgabe der "Selbsthingabe und Selbstverleugnung" zugewiesen, ein Dienst an "höheren Zielen": Fürsorge für Mann und Kinder. Dementsprechend wird auch Gleichberechtigung verstanden: als Prinzip der Demokratie abstrakt und grundsätzlich bejaht, aber entschieden zurückgewiesen, wo immer sich damit ein Anspruch verbindet, die bestehende Geschlechterordnung zu verändern.

Solche Vorstellungen seien nicht nur fehlgeleitet, sie entsprächen, so Würmeling in einer Bundestagsdebatte zum Thema Gleichberechtigung und Familienpolitik, auch nicht dem inneren Wollen der Frauen: "Ich glaube kaum, dass irgendeine Frau und Mutter eine formale Gleichberechtigung, wie sie von einigen Seiten gefordert wird, überhaupt will."

Als fehlgeleitet gilt daher auch das Gleichberechtigungsgesetz der DDR, das verheirateten Frauen explizit ein Recht auf eigene Berufstätigkeit zuspricht: Das, so Würmeling, ist "eine Gleichberechtigung, vor der wir uns und unsere Frauen bewahren wollen", ein Irrdenken, weil es den Grundsatz der Gleichberechtigung von Mann und Frau isoliere von Wesen und Würde der Frau und von der naturgegebenen Ordnungsnorm der Ehe und Familie.

Als eine Gefährdung der Gesellschaft sieht Würmeling alle Ansprüche, die in Konkurrenz zum Mutterberuf stehen:. "Mutterberuf ist Hauptberuf (...) und hat höheren Wert als jeder Erwerbberuf. Und niemand kann zwei Hauptberufe gleichzeitig ausfüllen". Deshalb sei Müttererwerbstätigkeit "erzwungenes Unheil", dem mit aller Kraft entgegenzuwirken sei."

Wer jetzt aber meint, Frau Beck-Gernsheim einseitig einer bestimmten Konzeption des Feminismus zurechnen zu dürfen, wonach Freiheit in Bindungs- und Kinderlosigkeit bestehe, hat z.B. ihre Reflektionen über den Einfluss der Pille auf die real existierenden Verhaltensnormen nicht gelesen:

"Indem die Pille enorm schnell in die Schlagzeilen der Massenmedien rückte und zu vehementen Diskussionen in der Öffentlichkeit führte, wurde zugleich ein Bewusstseinsprozess ausgelöst. Bis ins letzte Dorf hinein wurde unmittelbar sichtbar, dass die Biologie nicht mehr Schicksal ist, dass es vielmehr Optionen gibt: die Entscheidung für oder gegen ein Kind.

Und im Lauf der Jahre verschoben sich allmählich die Gewichte der "Beweislast". Unter der Hand bahnte sich eine Veränderung der gesellschaftlich herrschenden Moral an: Aus dem Entscheidenkönnen wurde die Pflicht zur bewussten Entscheidung. Oder noch pointierter gesagt, mit der Verfügbarkeit der Pille wurde die Entscheidung für oder gegen ein Kind weiter "privatisiert": aus den Zwängen der Biologie entlassen und in die Verantwortung von Frau und Mann gelegt.

"Die neue Moral heißt bewusste, rationale, technisch-sichere Verhütung. Ihr Leitbild ist der aufgeklärte moderne Mensch, der verantwortungsbewusst mit dem Akt der Zeugung umgeht (...) Fast wird derjenige verdächtig, der im Zeitalter der unbegrenzten Verhütungsmöglichkeiten keinen Gebrauch davon macht. Verhütung wird vom notwendigen Übel zur aufgeklärten Staatsbürgerpflicht"."

Letztlich gelingt Prof. Beck-Gernsheim, wozu m.E. Wissenschaftler vor allem da sein sollten: Erkenntnisse so zu vermitteln, dass sie für Leser verschiedenster Grundhaltungen echte Information und damit Zumutung enthalten. Wenn Sie also einen Moment Zeit und Lust darauf haben, die so häufig (eigentlich: ständig) diskutierten Demografie- und Familienthemen mit einigen neuen Akzenten zu durchdenken, kann ich Ihnen "Störfall Kind: Frauen in der Planungsfalle" (per Klick hier) ausdrücklich empfehlen.

Freitag, 2. Mai 2008

Kinderförderung: So kann man es auch sehen...

In der Stuttgarter Zeitung fand sich dieser Tage (29.4.) ein bemerkenswerter Leserbrief, der sehr schön aufzeigt, wie unterschiedlich sich demografische und familienpolitische Sachverhalte bewerten lassen. Der Brief bezog sich auf einen Artikel über das Verfassungsgerichtsurteil, das es Vätern nur vermeintlich eigener Kinder erleichterte, die Vaterschaft per Gentest feststellen zu lassen.

Subvention beenden

Durch das Subventionieren des Kinderhabens, einschließlich kostenloser Schulung und Krankenversicherung, sind alle steuerzahlenden Kinderlosen bzw. Kinderfreie auch einigermaßen Väter von Kuckuckskindern. In fast allen Industrieländern stellt jedes Neugeborene, aufgrund der nicht nachhaltigen Umweltbilanz seines jeweiligen Staates, eine Belastung für die Dritte Welt und für die globale Umwelt dar. Es ist insofern an der Zeit, die Subventionierung des Kinderhabens zu beenden, damit eine gesunde Senkung der Bevölkerungszahl eintritt.

George Morton, Stuttgart

Gar nicht wertend, sondern rein deskriptiv möchte ich anmerken, dass die hier zitierte und durchaus rational begründete und begründbare Meinung wunderbar zur Definition von Ichlingen passt.

Freitag, 11. April 2008

Idea war schneller...

Eigentlich wollte ich Ihnen auf dem Blog vom Erscheinen eines neueren Artikels "Glauben und Demografie - Der übersehene Wettbewerb der Religionen" in "Die Politische Meinung, (4/2008) 461", herausgegeben von der Konrad-Adenauer-Stiftung, berichten.

Worin bestehen Chancen und Risiken der Religionsfreiheit? Ein Beitrag aus religionsdemografischer und -biologischer Sicht in "Die Politische Meinung" April 2008 der Konrad-Adenauer-Stiftung. Klick zum pdf.

Nun kam jedoch mir selbst eine Nachrichtenagentur zuvor - die evangelisch-evangelikale Idea hier.

Und die freundliche Zusammenfassung macht mich ganz verlegen...

Nachrichten des Tages
Religion & Weltanschauung 10.04.08
Glaube und Demografie: Je frömmer, desto mehr Kinder

S a n k t A u g u s t i n (idea) – Der Zusammenhang zwischen Bevölkerungsentwicklung und Religion wird in Kirche und Politik zu wenig beachtet. Darauf macht der Religionswissenschaftler Michael Blume (Stuttgart) in der Zeitschrift „Die politische Meinung“ (Sankt Augustin) aufmerksam, die von der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegeben wird.

Es sei durch zahlreiche Studien belegt, dass Menschen mit höherer religiöser Bindung in der Regel mehr Kinder haben. Entsprechende Auswertungen einer deutschlandweiten Befragung aus dem Jahr 2002 habe der Ökonom Dominik Enste vom Institut der deutschen Wirtschaft 2007 bei der Auswertung von World Value Surveys (Welt-Wertebefragungen) in 82 Nationen auf internationaler Ebene bestätigt. Weltweit hätten Menschen, die nie einen Gottesdienst besuchen, durchschnittlich 1,7 Kinder, jene, die mehr als einmal pro Woche teilnähmen, aber 2,5 Kinder. In Deutschland falle die Diskrepanz auf niedrigerem Niveau ähnlich aus: 1,4 Kinder bei den Nicht-Kirchgängern stünden knapp 2 Kinder bei den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern gegenüber. Die Volkszählung in der Schweiz im Jahr 2000 bestätige diese Ergebnisse. Blume: „Die meisten gewachsenen Religionsgemeinschaften weisen durchschnittlich deutlich mehr Geburten pro Frau auf als die Konfessionslosen.“

Mehr Jüngere als Senioren glauben an ein Jenseits

Zugleich gebe es innerhalb der religiösen Gemeinschaften große Unterschiede. So schnitten verbindliche Religionsgemeinschaften wie die jüdischen Gemeinden, Pfingst- und Freikirchen erfolgreicher ab als die großen Amtskirchen und liberale Gründungen. Der Kinderreichtum der Frommen sorge dafür, dass das Interesse an Religion in der jüngeren Generation wachse. Blume: „Jene Gemeinschaften, die viele Kinder hervorbringen, gewinnen nicht nur ein großes Potenzial möglicher Missionare, sondern werden auch für weitere junge Leute auf der Suche nach Verbindlichkeit, Liebe und Lebenssinn interessant.“ Dieser Trend habe sich unter anderem in den Ergebnissen des Ende 2007 veröffentlichten Religionsmonitors der Bertelsmann-Stiftung niedergeschlagen: „Zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Religionssoziologie gaben junge Menschen unter 30 häufiger an, an ein Jenseits zu glauben, als selbst Senioren über 60.“

Warum boomt die Religion in den USA?

Ferner sei der „religiöse Markt“ in den USA nicht deshalb so lebendig, weil eine stabile Nachfrage nach Religion bestehe, sondern weil nachwachsende Generationen zu einem immer wieder höheren Prozentsatz aus religiös verbindlichen Familien und Gemeinschaften stammten. Der religiöse Kreationismus (Schöpfungslehre) kehre nicht deshalb immer wieder zurück, weil er mehr wissenschaftliche Argumente als die Evolutionsbefürworter habe, sondern deutlich mehr Kinder und ein wachsendes Netz eigener Bildungseinrichtungen, so Blume.

Großkirchen verpassen Religionsrückkehr

An den großen Kirchen gehe die Rückkehr der Religion derzeit noch weitgehend vorbei. Stattdessen entstehe eine Polarisierung - „eine noch ansteigende Zahl säkularisierter und zunehmend religionsfeindlicher Menschen vor allem gehobenen Alters und ein schnell wachsender religiöser Markt an freikirchlichen, islamischen und anders glaubenden Gemeinschaften, die gezielt auch junge Menschen vor und in der Elternphase gewinnen und kinderreiche Familien prägen.“

Tja, danke für die Wahrnehmung und recht präzise Zusammenfassung, Idea - und den Gesamtartikel gibt es dann ab Mai auf der KAS-Homepage hier.

Mittwoch, 19. März 2008

Ein deftiges Plädoyer für Krippen - Karrieresegen und Kinderglück, von Norbert Häring

Sie haben die Konrad-Adenauer-Stiftung eher für einen eher bräsigen Verein als für eine wo nötig streitbare Gedankenschmiede gehalten? Dann sollten Sie diesen Artikel aus "Die Politische Meinung" besser nicht anklicken - er könnte Vorurteile gefährden... (-:

Im Ernst: Mit "Karrieresegen und Kinderglück" feuert hier Norbert Häring ein Plädoyer für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ab, das ganz unerschrocken moralische, emotionale und wirtschaftliche Argumente verbindet: Mehr Krippen, weniger Abgaben, höhere Renten.

Wenn auch die Kritik an der katholisch-kirchlichen Familienpolitik teilweise etwas holzschnittartig geraten ist (und z.B. nicht berücksichtigt, dass es viele katholische Gemeinden gibt, die sehr aktiv gute Kinderbetreuung anbieten), so ist der Artikel - auch in seiner erfrischenden Kürze - doch ein außerordentlich wortmächtiges Plädoyer gegen einen weltfremden Traditionalismus, der unsere demografische und auch wirtschaftliche Misere mitverschuldet hat. Ob Sie eher für oder gegen die neue Familienpolitik a la Ursula von der Leyen sind - Norbert Häring sollten Sie mindestens einmal gelesen haben.

Dr. Blume

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Doller Vortrag!
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