Demografie & Familienbilder

Montag, 23. Juni 2008

Elisabeth Beck-Gernsheim: Störfall Kind. Frauen in der Planungsfalle

Unter den "Geheimtips" wissenschaftlicher Literatur nimmt bei mir Frau Prof. Beck-Gernsheim einen hohen Rang ein: Die Familiensoziologin beherrscht es, wissenschaftlich und inhaltlich kompakt Bekanntes mit historisch Neuem zu verbinden und damit den hundert Mal diskutierten Themen immer wieder eine neue Note zu geben - wenn sie auch religionsdemografische Kontexte bislang allenfalls streifte. Fulminant habe ich z.B. ihre Schilderungen des jahrhundertelangen, postmittelalterlichen Kindermangels in Paris, seiner Gründe und Ausgestaltung in Erinnerung. Und auch in ihrem Beitrag "Störfall Kind: Frauen in der Planungsfalle" in der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte", einer Beilage der Wochenzeitung "Das Parlament", verknüpft sie wieder gekonnt heutige Diskussionen mit historischen Rückblicken.

Zwei Beispiele mögen als Leseprobe genügen.

So stellt Elisabeth Beck-Gernsheim die fast kritiklose Geltung bestimmter Mutterrollen bis in die 70er Jahre anhand politischer Reden und Expertenberichte dar:

"Franz Josef Würmeling war der erste Familienminister der jungen Bundesrepublik, amtierend von 1953 bis 1962, Christdemokrat und Vater von fünf Kindern. In seinen Reden und Schriften zeigt sich exemplarisch ein konservativ ausgerichteter Zeitgeist, geleitet vom Glauben an eine naturgegebene Ordnung: Der Frau ist die Aufgabe der "Selbsthingabe und Selbstverleugnung" zugewiesen, ein Dienst an "höheren Zielen": Fürsorge für Mann und Kinder. Dementsprechend wird auch Gleichberechtigung verstanden: als Prinzip der Demokratie abstrakt und grundsätzlich bejaht, aber entschieden zurückgewiesen, wo immer sich damit ein Anspruch verbindet, die bestehende Geschlechterordnung zu verändern.

Solche Vorstellungen seien nicht nur fehlgeleitet, sie entsprächen, so Würmeling in einer Bundestagsdebatte zum Thema Gleichberechtigung und Familienpolitik, auch nicht dem inneren Wollen der Frauen: "Ich glaube kaum, dass irgendeine Frau und Mutter eine formale Gleichberechtigung, wie sie von einigen Seiten gefordert wird, überhaupt will."

Als fehlgeleitet gilt daher auch das Gleichberechtigungsgesetz der DDR, das verheirateten Frauen explizit ein Recht auf eigene Berufstätigkeit zuspricht: Das, so Würmeling, ist "eine Gleichberechtigung, vor der wir uns und unsere Frauen bewahren wollen", ein Irrdenken, weil es den Grundsatz der Gleichberechtigung von Mann und Frau isoliere von Wesen und Würde der Frau und von der naturgegebenen Ordnungsnorm der Ehe und Familie.

Als eine Gefährdung der Gesellschaft sieht Würmeling alle Ansprüche, die in Konkurrenz zum Mutterberuf stehen:. "Mutterberuf ist Hauptberuf (...) und hat höheren Wert als jeder Erwerbberuf. Und niemand kann zwei Hauptberufe gleichzeitig ausfüllen". Deshalb sei Müttererwerbstätigkeit "erzwungenes Unheil", dem mit aller Kraft entgegenzuwirken sei."

Wer jetzt aber meint, Frau Beck-Gernsheim einseitig einer bestimmten Konzeption des Feminismus zurechnen zu dürfen, wonach Freiheit in Bindungs- und Kinderlosigkeit bestehe, hat z.B. ihre Reflektionen über den Einfluss der Pille auf die real existierenden Verhaltensnormen nicht gelesen:

"Indem die Pille enorm schnell in die Schlagzeilen der Massenmedien rückte und zu vehementen Diskussionen in der Öffentlichkeit führte, wurde zugleich ein Bewusstseinsprozess ausgelöst. Bis ins letzte Dorf hinein wurde unmittelbar sichtbar, dass die Biologie nicht mehr Schicksal ist, dass es vielmehr Optionen gibt: die Entscheidung für oder gegen ein Kind.

Und im Lauf der Jahre verschoben sich allmählich die Gewichte der "Beweislast". Unter der Hand bahnte sich eine Veränderung der gesellschaftlich herrschenden Moral an: Aus dem Entscheidenkönnen wurde die Pflicht zur bewussten Entscheidung. Oder noch pointierter gesagt, mit der Verfügbarkeit der Pille wurde die Entscheidung für oder gegen ein Kind weiter "privatisiert": aus den Zwängen der Biologie entlassen und in die Verantwortung von Frau und Mann gelegt.

"Die neue Moral heißt bewusste, rationale, technisch-sichere Verhütung. Ihr Leitbild ist der aufgeklärte moderne Mensch, der verantwortungsbewusst mit dem Akt der Zeugung umgeht (...) Fast wird derjenige verdächtig, der im Zeitalter der unbegrenzten Verhütungsmöglichkeiten keinen Gebrauch davon macht. Verhütung wird vom notwendigen Übel zur aufgeklärten Staatsbürgerpflicht"."

Letztlich gelingt Prof. Beck-Gernsheim, wozu m.E. Wissenschaftler vor allem da sein sollten: Erkenntnisse so zu vermitteln, dass sie für Leser verschiedenster Grundhaltungen echte Information und damit Zumutung enthalten. Wenn Sie also einen Moment Zeit und Lust darauf haben, die so häufig (eigentlich: ständig) diskutierten Demografie- und Familienthemen mit einigen neuen Akzenten zu durchdenken, kann ich Ihnen "Störfall Kind: Frauen in der Planungsfalle" (per Klick hier) ausdrücklich empfehlen.

Freitag, 2. Mai 2008

Kinderförderung: So kann man es auch sehen...

In der Stuttgarter Zeitung fand sich dieser Tage (29.4.) ein bemerkenswerter Leserbrief, der sehr schön aufzeigt, wie unterschiedlich sich demografische und familienpolitische Sachverhalte bewerten lassen. Der Brief bezog sich auf einen Artikel über das Verfassungsgerichtsurteil, das es Vätern nur vermeintlich eigener Kinder erleichterte, die Vaterschaft per Gentest feststellen zu lassen.

Subvention beenden

Durch das Subventionieren des Kinderhabens, einschließlich kostenloser Schulung und Krankenversicherung, sind alle steuerzahlenden Kinderlosen bzw. Kinderfreie auch einigermaßen Väter von Kuckuckskindern. In fast allen Industrieländern stellt jedes Neugeborene, aufgrund der nicht nachhaltigen Umweltbilanz seines jeweiligen Staates, eine Belastung für die Dritte Welt und für die globale Umwelt dar. Es ist insofern an der Zeit, die Subventionierung des Kinderhabens zu beenden, damit eine gesunde Senkung der Bevölkerungszahl eintritt.

George Morton, Stuttgart

Gar nicht wertend, sondern rein deskriptiv möchte ich anmerken, dass die hier zitierte und durchaus rational begründete und begründbare Meinung wunderbar zur Definition von Ichlingen passt.

Freitag, 11. April 2008

Idea war schneller...

Eigentlich wollte ich Ihnen auf dem Blog vom Erscheinen eines neueren Artikels "Glauben und Demografie - Der übersehene Wettbewerb der Religionen" in "Die Politische Meinung, (4/2008) 461", herausgegeben von der Konrad-Adenauer-Stiftung, berichten.

Worin bestehen Chancen und Risiken der Religionsfreiheit? Ein Beitrag aus religionsdemografischer und -biologischer Sicht in "Die Politische Meinung" April 2008 der Konrad-Adenauer-Stiftung. Klick zum pdf.

Nun kam jedoch mir selbst eine Nachrichtenagentur zuvor - die evangelisch-evangelikale Idea hier.

Und die freundliche Zusammenfassung macht mich ganz verlegen...

Nachrichten des Tages
Religion & Weltanschauung 10.04.08
Glaube und Demografie: Je frömmer, desto mehr Kinder

S a n k t A u g u s t i n (idea) – Der Zusammenhang zwischen Bevölkerungsentwicklung und Religion wird in Kirche und Politik zu wenig beachtet. Darauf macht der Religionswissenschaftler Michael Blume (Stuttgart) in der Zeitschrift „Die politische Meinung“ (Sankt Augustin) aufmerksam, die von der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegeben wird.

Es sei durch zahlreiche Studien belegt, dass Menschen mit höherer religiöser Bindung in der Regel mehr Kinder haben. Entsprechende Auswertungen einer deutschlandweiten Befragung aus dem Jahr 2002 habe der Ökonom Dominik Enste vom Institut der deutschen Wirtschaft 2007 bei der Auswertung von World Value Surveys (Welt-Wertebefragungen) in 82 Nationen auf internationaler Ebene bestätigt. Weltweit hätten Menschen, die nie einen Gottesdienst besuchen, durchschnittlich 1,7 Kinder, jene, die mehr als einmal pro Woche teilnähmen, aber 2,5 Kinder. In Deutschland falle die Diskrepanz auf niedrigerem Niveau ähnlich aus: 1,4 Kinder bei den Nicht-Kirchgängern stünden knapp 2 Kinder bei den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern gegenüber. Die Volkszählung in der Schweiz im Jahr 2000 bestätige diese Ergebnisse. Blume: „Die meisten gewachsenen Religionsgemeinschaften weisen durchschnittlich deutlich mehr Geburten pro Frau auf als die Konfessionslosen.“

Mehr Jüngere als Senioren glauben an ein Jenseits

Zugleich gebe es innerhalb der religiösen Gemeinschaften große Unterschiede. So schnitten verbindliche Religionsgemeinschaften wie die jüdischen Gemeinden, Pfingst- und Freikirchen erfolgreicher ab als die großen Amtskirchen und liberale Gründungen. Der Kinderreichtum der Frommen sorge dafür, dass das Interesse an Religion in der jüngeren Generation wachse. Blume: „Jene Gemeinschaften, die viele Kinder hervorbringen, gewinnen nicht nur ein großes Potenzial möglicher Missionare, sondern werden auch für weitere junge Leute auf der Suche nach Verbindlichkeit, Liebe und Lebenssinn interessant.“ Dieser Trend habe sich unter anderem in den Ergebnissen des Ende 2007 veröffentlichten Religionsmonitors der Bertelsmann-Stiftung niedergeschlagen: „Zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Religionssoziologie gaben junge Menschen unter 30 häufiger an, an ein Jenseits zu glauben, als selbst Senioren über 60.“

Warum boomt die Religion in den USA?

Ferner sei der „religiöse Markt“ in den USA nicht deshalb so lebendig, weil eine stabile Nachfrage nach Religion bestehe, sondern weil nachwachsende Generationen zu einem immer wieder höheren Prozentsatz aus religiös verbindlichen Familien und Gemeinschaften stammten. Der religiöse Kreationismus (Schöpfungslehre) kehre nicht deshalb immer wieder zurück, weil er mehr wissenschaftliche Argumente als die Evolutionsbefürworter habe, sondern deutlich mehr Kinder und ein wachsendes Netz eigener Bildungseinrichtungen, so Blume.

Großkirchen verpassen Religionsrückkehr

An den großen Kirchen gehe die Rückkehr der Religion derzeit noch weitgehend vorbei. Stattdessen entstehe eine Polarisierung - „eine noch ansteigende Zahl säkularisierter und zunehmend religionsfeindlicher Menschen vor allem gehobenen Alters und ein schnell wachsender religiöser Markt an freikirchlichen, islamischen und anders glaubenden Gemeinschaften, die gezielt auch junge Menschen vor und in der Elternphase gewinnen und kinderreiche Familien prägen.“

Tja, danke für die Wahrnehmung und recht präzise Zusammenfassung, Idea - und den Gesamtartikel gibt es dann ab Mai auf der KAS-Homepage hier.

Mittwoch, 19. März 2008

Ein deftiges Plädoyer für Krippen - Karrieresegen und Kinderglück, von Norbert Häring

Sie haben die Konrad-Adenauer-Stiftung eher für einen eher bräsigen Verein als für eine wo nötig streitbare Gedankenschmiede gehalten? Dann sollten Sie diesen Artikel aus "Die Politische Meinung" besser nicht anklicken - er könnte Vorurteile gefährden... (-:

Im Ernst: Mit "Karrieresegen und Kinderglück" feuert hier Norbert Häring ein Plädoyer für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ab, das ganz unerschrocken moralische, emotionale und wirtschaftliche Argumente verbindet: Mehr Krippen, weniger Abgaben, höhere Renten.

Wenn auch die Kritik an der katholisch-kirchlichen Familienpolitik teilweise etwas holzschnittartig geraten ist (und z.B. nicht berücksichtigt, dass es viele katholische Gemeinden gibt, die sehr aktiv gute Kinderbetreuung anbieten), so ist der Artikel - auch in seiner erfrischenden Kürze - doch ein außerordentlich wortmächtiges Plädoyer gegen einen weltfremden Traditionalismus, der unsere demografische und auch wirtschaftliche Misere mitverschuldet hat. Ob Sie eher für oder gegen die neue Familienpolitik a la Ursula von der Leyen sind - Norbert Häring sollten Sie mindestens einmal gelesen haben.

Samstag, 1. März 2008

Ministerin von der Leyen: Geburtenrate steigt auf über 1,4

Deutschland kann sich mit Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) freuen. "Ich gehe davon aus, dass die Geburtenrate im vergangenen Jahr deutlich über 1,4 Kinder pro Frau gestiegen ist", konnte sie in Berlin verkünden. Dieser Wert sei zuletzt 1990 erreicht worden. Im Jahr 2006 habe die Zahl noch bei 1,33 gelegen. Das Elterngeld sei ein "wichtiger Baustein" dieser Entwicklung, weil es Familien wirtschaftliche Sicherheit gebe.

Die Zahl der Väter, die eine Auszeit für die Kindererziehung nehmen, ist ebenfalls gestiegen. Im vierten Quartal 2007 wurden bundesweit knapp 23 000 Anträge von Vätern auf Elterngeld bewilligt, wie das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden mitteilte. Damit lag der Anteil der Anträge für Väter bei 12,4 Prozent. Im ersten Quartal 2007 waren es nur 6,9 Prozent gewesen, im dritten Quartal 10,7 Prozent. "Das Elterngeld bleibt ein Renner", so von der Leyen.

Insgesamt wurden 2007 rund 571 000 Anträge auf Elterngeld bewilligt. 60 000 beziehungsweise 10,5 Prozent davon waren von Vätern gestellt worden. Beim früheren Erziehungsgeld, das an Einkommensgrenzen gekoppelt war, lag der Anteil der Anträge von Vätern in den Vorjahren nur bei etwa 3,3 Prozent.

Leser dieses Blogs...
...kennen den Trend schon seit dem Beitrag vom 12. Dezember. Erfreulicherweise verdichten sich die Indikatoren für einen Familienaufschwung weiter.

Es gibt erste Anzeichen dafür, dass sich die moderne Familienpolitik in Deutschland demografisch auszuwirken beginnt. Demografie - mindestens so spannend wie DAX-Kurse! (-:

Klar muss aber sein: auch 1,4 bedeutet immer noch eine Ratio von nur zwei Kindern auf drei Erwachsene - also eine Implosion von einem Drittel pro Generation. Die familienpolitische Richtung mag also stimmen - aber zu begrüßen ist, dass die Ministerin die Daten nicht als Ziel, sondern "als Ermutigung für weitere Anstrengungen" betrachtet.

Dienstag, 12. Februar 2008

Geburtenrate der Türkei sinkt unter 2,0

Während Weltbank, UN und die deutsche Stiftung Weltbevölkerung noch ältere Daten mit Geburtenraten von dicht über 2,0 präsentieren, schätzt das CIA World Factbook die TFR (Total Fertility Rate) der Türkei inzwischen auf nur noch 1,89 (siehe hier).

Der massive Geburtenrückgang in den meisten sich modernisierenden, auch islamischen Gesellschaften hatte dieser Blog bereits hier nach einem Vortrag an der evangelischen Akademie Bad Boll thematisiert.

Mit der sozioökonomischen Entwicklung sinken auch die Geburtenraten islamischer Länder. Da allerdings bereits große Jugendkohorten geboren wurden ist für Länder wie z.B. Pakistan noch eine Zeit demografischer Spannung (sog. "Jugendberg") zu erwarten. Die Türkei hat diese Entwicklung gerade hinter sich.

Zu beachten ist allerdings, dass auch in der Türkei in den vergangenen Jahrzehnten noch größere Jahrgänge geboren wurden und die Lebenserwartung steigt; einige Zeit wird die Bevölkerung also noch real wachsen.

Schon jetzt zeigen sich aber die politischen Auswirkungen des Geburtenrückgangs: längst implodieren und altern die säkular-kemalistischen Oberschichten, während die religiöse Landbevölkerung und die aus ihnen hervorgegangenen, religiös-bürgerlichen Familien der Vorstädte noch wachsen. Der überragende Wahlsieg der islamisch-konservativen AKP ist daher nicht Ergebnis irgendwelcher Verschwörungen, sondern schlicht demografischer Umwälzungen.

Und sowohl der zuletzt robuste Wirtschaftsaufschwung wie auch die gegen Militär, Bürokratie und Justiz durchgesetzten Reformen beschleunigen wiederum den Geburtenrückgang: So würde die Öffnung der Universitäten auch für Studentinnen mit Kopftuch deren Bildungs- und Berufslaufbahnen stärken sowie die durchschnittliche Geburtenzahlen kurz- und mittelfristig ebenfalls weiter senken.

Hinzu kommt eine Rückkopellung: in Kleinfamilien wird in die Bildung der wenigen Kinder tendenziell mehr investiert, so dass sich auch der Bildungsaufschwung weiter beschleunigen dürfte. Dass gerade auch religiöse Familien zunehmend auch ihre Töchter auf Universitäten senden wollen, gehört klar in diesen Zusammenhang.

Falls also die nationalistischen Eliten nicht noch mit einem militärischen oder juristischen Putsch die Entwicklung der Türkei zurückwerfen sollten, steht das Land vor einer Entwicklung, wie sie auch die meisten, anderen europäischen Nationen derzeit durchlaufen: einem starken Anstieg des Wohlstandsniveaus bei gleichzeitigem Einbruch der Bevölkerungszahlen (und also Bedarf an Zuwanderung).

Übrigens...

Die Geburtenrate der auch türkischstämmigen Musliminnen in Deutschland ist entsprechend sogar noch etwas stärker zurück gegangen als die der Türkei. Eingebürgerte Musliminnen (so Vergleichs-Daten der Schweizer Volkszählung) unterschreiten die Bestandserhaltungsgrenze von 2,1 Geburten längst.

Die Geburtenziffern muslimischer Zuwanderer passen sich massiv den familienfeindlichen Strukturen Deutschlands an. Von einer Islamisierung Deutschlands kann also keine Rede sein, vielmehr steigen Zuwanderer per Integration derzeit in das gesamtdeutsche, demografisch sinkende Boot.

Die von Islamophoben und islamistischen Extremisten gemeinsam behauptete, generelle Islamisierung Europas fällt demografisch aus - der Geburtenrückgang wird vielmehr absehbar zum gemeinsamen Problem christlicher, islamischer und (vor allem) konfessionsloser Populationen in Europa, einschließlich der Türkei. Nicht mehr die Dominanz einer Konfession, sondern wachsende, religiöse Vielfalt durch größere Familien in verbindlichen Religionsgemeinschaften sind zu erwarten; religiös vielfältige Märkte, eher vergleichbar den USA, zeichnen sich bereits ab.

Montag, 11. Februar 2008

Zitat Polybios (2. Jht. v. Chr.) zum demografischen Niedergang des antiken Griechenland

Das Zitat des griechischen Historikers Polybios aus dem 2. Jahrhundert vor Christus, wiedergefunden von Herwig Birg hier zeigt, dass auch demografische Bevölkerungsimplosionen kein Produkt der Neuzeit sind, sondern unter den Bedingungen von Wohlstand und Sklavenhaltung (als "Kapital" auch zur Altersversorgung) auch im spätantiken Griechenland und Rom auftraten.

Zitat:

"In der Zeit, in der wir leben, ist in ganz Griechenland die Zahl der Kinder, überhaupt der Bevölkerung in einem Maße zurückgegangen, dass die Städte verödet sind und das Land brachliegt, obwohl wir weder unter Kriegen von längerer Dauer noch unter Seuchen zu leiden hatten [...] weil die Menschen der Großmannssucht, der Habgier und dem Leichtsinn verfallen sind, weder mehr heiraten noch, wenn sie es tun, die Kinder, die ihnen geboren werden, großziehen wollen, sondern meist nur eins oder zwei, damit sie im Luxus aufwachsen und ungeteilt den Reichtum ihrer Eltern erben, nur deshalb hat das Übel schnell und unvermerkt um sich gegriffen. Wenn nur ein oder zwei Kinder da sind und von diesen das eine der Krieg, das andere eine Krankheit hinwegrafft, bleibt natürlich Haus und Hof verwaist zurück, und die Städte, ebenso wie ein Bienenschwarm, werden allmählich arm und ohnmächtig." (zitiert nach Bernhard Felderer, Wirtschaftliche Entwicklung bei schrumpfender Bevölkerung, Berlin, Heidelberg, New York 1983, S. 128)

Anmerkung: Der demografische Niedergang des spätantiken Polytheismus leitete den Aufstieg der monotheistischen Religionen (v.a. Juden- und Christentum) im Mittelmeerraum ein, die auch heute noch unter wohlhabend-freiheitlichen Bedingungen durchschnittlich deutlich stabilere und kinderreichere Familien als Konfessionslose hervorbringen. Eine sehr eindrucksvolle Schilderung dieses biokulturellen Wettbewerbsprozesses ist David Sloan Wilson in "Darwins Cathedral" (2002) gelungen.

Und zum Vergleich mit dem spätantiken Polybios die häufigsten Gründe (in %), die Kinderlose in Deutschland heute gegen Kinder anführten:
Die häufigsten Gründe, die aus der Sicht erwachsener, kinderloser Homo sapiens (Deutschland 2003) gegen Kinder sprechen. (Klick führt zur gesamten Allensbach-Studie.)

Freitag, 18. Januar 2008

Du bist Deutschland wirbt für mehr Kinder


Du bist Deutschland - wirbt für mehr Kinder (Klick zu MyVideo)

Die Aktion "Du bist Deutschland" ist schon deswegen analytisch hoch interessant, weil sie patriotische Themen aufgreift, die in der politischen Kultur der Bundesrepublik über Jahrzehnte verpönt waren - und auch jetzt noch bisweilen Verlegenheit und Widerspruch auslösen.

Das vorliegende Video ist besonders spannend, weil es (entsprechend der Value-of-Children-Forschung) emotionale und normative Argumente für Kinder aufzeigt.

Der demografische Value of Children-Ansatz untersucht, welche Wertargumente (potentielle) Eltern für Kinder benennen. Hier sind drei Dimensionen unterschieden.

Dabei benennt der Clip auch ausdrücklich emotionale Nachteile (wie Streit, Pubertät, Verzicht auf Freizeit, Schlaf) und ökonomische Kosten (Verzicht auf Einkommen, Urlaub, neuer Fernseher etc.), gewichtet dann aber emotionale Argumente (wahnsinnig vor Glück, kein Luxus - sondern unbezahlbar etc.) sowie vor allem normative Werte (macht aus zweien eine Familie, ohne Kinder keine Zukunft, "wir" brauchen Kinder etc.) stärker.

Kann so etwas wirken?

Vergangene Erfahrungen mögen zunächst eher skeptisch stimmen: Schon die verzweifelt gegen antike (!) Bevölkerungsimplosionen gerichteten Appelle und gesetzlichen Maßnahmen der spätrömischen Kaiser verpufften - erst mit dem Aufstieg der monotheistischen Religionen stiegen die Geburtenzahlen wieder. Auch beispielsweise in Frankreich erhöhten sich die Kinderzahlen nach der (nach nationaler Auffassung v.a. demografisch bedingten) Niederlage gegen Deutschland 1871 nicht durch patriotische Appelle, sondern erst durch eine staatlich entschlossen fördernde Familienpolitik.

Auch den Nationalsozialisten gelang es nicht, mit nationalistischer Argumentation das Familienverhalten dauerhaft zu beeinflussen - und Himmler, der an der niedrigen Kinderzahl auch der SS-Offiziere verzweifelte, versuchte zuletzt gar im sog. "Lebensborn-Projekt" die außereheliche Zeugung "arischer" Kinder zu fördern (was eigentlich als Kommentar zu den vermeintlichen "Familienwerten" der NS-Ideologen ausreichen dürfte...). Auch Russland findet derzeit trotz eines wieder gepflegten Nationalismus (noch) nicht aus der Bevölkerungsimplosion.

Im Volksmund hat sich die, wohl realistische, Einschätzung durchgesetzt, dass "Niemand (nur) für sein Land Kinder kriegt."

Da jedoch gerade in Deutschland erste Anzeichen auf eine demografische Wirkung der neuen Familienpolitik in Deutschland hindeuten, ist eine begleitende Wirkung entsprechender Botschaften im Sinne der Neuetablierung familialer Werte durchaus möglich. Und Kinderreichtum im Zusammenhang mit religiöser und also ebenfalls werteorientierter Vergemeinschaftung ist empirisch gut belegt - gerade in postagrarischen Gesellschaften stellen Kinder immer stärker Wertentscheidungen dar (vgl. VOC-Vergleiche Türkei). Zwischen Fernsehsendungen, in denen die meisten Drehbuch-Helden ungebunden und kinderlos sind und bleiben, kann so ein Farbtupfer -der auch Kinder mit Migrationshintergrund ausdrücklich einschließt- also kaum schaden.

Also lassen wir auch uns doch mal einfach durch Ungewohntes verstören. Viel Spass! (-;

Mittwoch, 19. Dezember 2007

Weihnachtszeit, Familienzeit! - Auch für Zahlväter?

In diesem Blog wurden und werden immer wieder Aspekte aus der Familienforschung dargestellt. Unter anderem gilt es Aufzuzeigen, dass gerade auch in den religiösen Traditionen und auch der Bibel keinesfalls (wie etwa Eva Herman fälschlich behauptet) ein fixiertes Familienbild herrscht(e), sondern dass es schon immer auch Entwicklungen und Anpassungen gegeben hat. Die Daten sind hier sehr eindeutig: der empirisch messbare, reproduktive Erfolg von Religionsgemeischaften fusst auf auf erfolgreichen Anpassungen an Umweltbedingungen, nicht auf einem starren Traditionalismus (vgl. auch den derzeitigen, demografischen Niedergang der Neuapostolischen Kirche und den Geburtenrückgang unter Muslimen).

Familienhistorisch entstand das allgemeine Ideal der Alleinverdienerehe erst unter protestantischen Minderheiten in der Frühindustrialisierung - als einerseits verfügbare Einkommen wuchsen, Bildung an Bedeutung gegenüber der Kinderarbeit gewann, aber auch Arbeitsplätze mit immer gravierenderen Gesundheitsgefahren für Mütter und Kinder einhergingen. Bis dahin hatte das Oikos-Modell das christliche Mittelalter dominiert - nachdem alle Eltern und Kinder möglichst früh durch Arbeit zum Familieneinkommen beitrugen. Nichtarbeitende Mütter wären -mit wenigen Ausnahmen im Hochadel- im christlichen Mittelalter verachtet worden! Und bis heute werden z.B. in Afrika vielerorts Kinder eher von älteren Geschwistern und der Dorfgemeinschaft als in der Kleinfamilie erzogen - da auch von den Müttern selbstverständlich ein Einkommen erwartet wird.

Für die nachmittelalterliche, frühindustrialisierte Zeit war die Alleinverdienerehe also ein echter Fortschritt, setzte sich im Bürgertum durch und wird seitdem von vielen fälschlicherweise als "die" natürliche Familienform betrachtet. Aber sie kann in der modernen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft mit steigender Bedeutung des Individuums eben auch mit massiven Nachteilen verbunden sein - für Mütter und (bislang fast völlig übersehen!) auch für Väter. Für den diesen Beitrag anregenden Hinweis eines "Zahlvaters" bin ich daher sehr dankbar.

Einsame Weihnachten für viele Zahlväter

Denn die grundsätzlich auf Lebenslänge angelegte Alleinverdienerehe tauschte die (vom Mann im Alleingang zu schulternde) finanzielle Sicherheit von Mutter und Kindern gegen einen hohen Sozialstatus des Mannes ein. Ein emotionaler Zugang des Vaters zu den Kindern war wünschenswerter Luxus, aber im Zweifelsfall "gehörten" die Kinder laut gesellschaftlicher und implizit auch rechtlicher Norm zu den Müttern, der Vater hatte für das Materielle zu sorgen.

Im Fall von Trennungen hieß (und heißt!) das aber auch, dass meist dem Vater das Kind entzogen wurde - und wird. Selbst wenn gemeinsames Sorgerecht vereinbart wurde, so gingen (und gehen) Richter, Ämter und Öffentlichkeit immer noch meist implizit davon aus, dass Mütter im Zweifelsfall "besser wüssten", was gut für das Kind sei - und die Väter im übrigen weiterhin die Unterhaltspflichten zu leisten hätten.

In der gesellschaftlichen Realität heißt das heute, dass auch zu diesem Weihnachtsfest tausende von Vätern zwar für ihre Kinder zahlen, aber oft seit Jahren keinen Kontakt zu ihnen haben dürfen. Und nicht immer hat dies mit dem "Kindeswohl" zu tun - sehr häufig haben hier auch einfach Mütter im Trennungsstreit die klassische Rollenverteilung zur emotionalen Enteignung des Mannes verwendet. Für diese ist der Kindesentzug (nicht weniger wie für betroffene Mütter) eine "immer blutende Wunde", wie ein einfühlsamer Forschungsbericht von Werner Bartens (Süddeutsche) über eine Arbeit der Psychologin Esther Katona von der Universität Freiburg beschreibt. Gerade weil sie Gefühle haben, für die im klassischen Alleinverdienermodell wenig Platz und Verständnis war, verbleiben Väter, die ihre Kinder sehen wollen, ausgegrenzt und nicht selten auch verbittert.

Fazit

Der schnell steigende Anteil an väterlichen Anträgen auf Elterngeld weist auf einen sehr wichtigen Aspekt hin: auch immer mehr Väter wollen Anteil am Leben ihrer Kinder nehmen. Auch sie wollen sich nicht mehr mit der klassischen Rolle des Zahlmeisters und Wochenendonkels zufrieden geben. Auch Väter sind "natürlich" in der Lage, ein emotionales Band zu ihren Kindern aufzubauen - das nicht weniger Achtung, Förderung und wo nötig auch Schutz verdient.

Es gibt erste Anzeichen dafür, dass sich die moderne Familienpolitik in Deutschland demografisch auszuwirken beginnt. Demografie - mindestens so spannend wie DAX-Kurse! (-:

Zum Glück hat die Gesellschaft erkannt und darauf reagiert, dass die klassische Alleinverdienerehe manchmal auch mit Unterdrückung und Gewalterfahrungen von Müttern und Kindern einherging. Umgekehrt ist aber noch nicht ins öffentliche Bewußtsein gerückt, dass auch Väter unter finanzieller Alleinverantwortung einerseits und dem alltäglichen, immer häufiger aber auch trennungsbedingtem Enzug ihrer Kinder andererseits litten und leiden. Noch sind wir "auf einem Auge blind".

Zu Recht wird von heutigen Vätern verstärkt partnerschaftliche Verhandlung statt Patriarchat, emotionale Bindung an die Kinder und Zuwendung statt nur Geldüberweisung erwartet. Dann sollten wir aber umgekehrt auch die Situation der Väter in den Blick nehmen, denen das bisherige Familien- und auch Rechtsmodell genau diesen Umgang mit ihren Kindern verboten und sie zu Zahlvätern degradiert hat, mit allen damit verbundenen Schmerzen. Wo das Modell der Alleinverdienerehe heute nicht auf freiwilliger Basis beider Partner beruht, sind keinesfalls nur die Mütter diskriminiert.


Ich wünsche Ihnen allen frohe Weihnachten (den Muslimen ein gesegnetes Opferfest) - und hoffe, dass Sie -ob Mutter oder Vater- Ihre Kinder dazu sehen dürfen. Weil mir klargeworden ist, wie wenig selbstverständlich das in Deutschland längst geworden ist, werde ich meine noch etwas dankbarer als ohnehin in die Arme nehmen...

Mittwoch, 12. Dezember 2007

Mehr Kinder in Deutschland? Nach der Geburtenziffer steigt nun auch wieder die Geburtenzahl

Eine ganze Reihe von Medien, darunter der Spiegel bringen rechtzeitig zu Weihnachten eine gute Nachricht: mit Ende des dritten Quartals ist zum ersten Mal seit zehn Jahren die Zahl der Geburten in Deutschland wieder gestiegen! Von Januar bis September 2007 wurden 514.152 Mädchen und Jungen geboren, knapp 5.000 mehr als im Vergleichszeitraum 2006 (509.165). Und dies, obwohl aufgrund des langen Geburtenmangels die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter auch in den letzten Jahren weiter gesunken ist.

In diesem Blogeintrag waren bereits vor einigen Wochen erste Anzeichen für den Erfolg der modernen Familienpolitik aufgelistet und diskutiert worden. Dieser positive Trend scheint sich nun weiter zu bestätigen.

Es gibt erste Anzeichen dafür, dass sich die moderne Familienpolitik in Deutschland demografisch auszuwirken beginnt. Demografie - mindestens so spannend wie DAX-Kurse! (-:

Natürlich: noch immer liegt hier kein empirischer Beweis für die Annahme vor, dass die sich verändernden Rahmenbedingungen (Elterngeld, mehr Betreuungsangebote etc.) zu greifen beginnen, wohl aber zunehmend starke Argumente. Und auch andere Länder (wie Frankreich, Schweden, Island etc.) haben durch aktive und lebensnahe Familienförderung höhere Geburtenraten erreicht, ohne dass die Wertedimension (auch: der Zusammenhang von Religiosität und Kinderreichtum) dadurch in Frage gestellt würden. Vielmehr zeigt zum Beispiel auch die Geburtenentwicklung der Muslime in Deutschland und der Schweiz, dass auch Familienorientierung allein den Geburteneinbruch aufgrund familienfeindlicher Strukturen nicht dauerhaft aufhalten konnte.

Erfreulich ist neben den Anklängen einer Trendwende vor allem auch die zunehmende Berichterstattung über demografische Themen in den Medien, die darauf hindeuten, dass immer mehr Menschen erkennen: Demografische Daten haben für jede Gesellschaft viel umfassendere Langzeitwirkungen als Börsenkurse - und sollten also mindestens ebenso ernsthaft wahrgenommen, analysiert und diskutiert werden!

(Zum Blogeintrag: "Neue Geburtenziffern für Deutschland - Erste Hinweise auf Erfolge moderner Familienpolitik?" - hier)

Und zur demografischen Störche-Geburtenrate-Wette mit Ingo vom Studium Generale kommen Sie hier. Ingo, wir freuen uns auf Deinen Artikel! (-:

Dr. Blume

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