Unter den "Geheimtips" wissenschaftlicher Literatur nimmt bei mir Frau Prof. Beck-Gernsheim einen hohen Rang ein: Die Familiensoziologin beherrscht es, wissenschaftlich und inhaltlich kompakt Bekanntes mit historisch Neuem zu verbinden und damit den hundert Mal diskutierten Themen immer wieder eine neue Note zu geben - wenn sie auch religionsdemografische Kontexte bislang allenfalls streifte. Fulminant habe ich z.B. ihre Schilderungen des jahrhundertelangen, postmittelalterlichen Kindermangels in Paris, seiner Gründe und Ausgestaltung in Erinnerung. Und auch in ihrem Beitrag "
Störfall Kind: Frauen in der Planungsfalle" in der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte", einer Beilage der Wochenzeitung "Das Parlament", verknüpft sie wieder gekonnt heutige Diskussionen mit historischen Rückblicken.
Zwei Beispiele mögen als Leseprobe genügen.
So stellt Elisabeth Beck-Gernsheim
die fast kritiklose Geltung bestimmter Mutterrollen bis in die 70er Jahre anhand politischer Reden und Expertenberichte dar:
"Franz Josef Würmeling war der erste Familienminister der jungen Bundesrepublik, amtierend von 1953 bis 1962, Christdemokrat und Vater von fünf Kindern. In seinen Reden und Schriften zeigt sich exemplarisch ein konservativ ausgerichteter Zeitgeist, geleitet vom Glauben an eine naturgegebene Ordnung: Der Frau ist die Aufgabe der "Selbsthingabe und Selbstverleugnung" zugewiesen, ein Dienst an "höheren Zielen": Fürsorge für Mann und Kinder. Dementsprechend wird auch Gleichberechtigung verstanden: als Prinzip der Demokratie abstrakt und grundsätzlich bejaht, aber entschieden zurückgewiesen, wo immer sich damit ein Anspruch verbindet, die bestehende Geschlechterordnung zu verändern.
Solche Vorstellungen seien nicht nur fehlgeleitet, sie entsprächen, so Würmeling in einer Bundestagsdebatte zum Thema Gleichberechtigung und Familienpolitik, auch nicht dem inneren Wollen der Frauen: "Ich glaube kaum, dass irgendeine Frau und Mutter eine formale Gleichberechtigung, wie sie von einigen Seiten gefordert wird, überhaupt will."
Als fehlgeleitet gilt daher auch das Gleichberechtigungsgesetz der DDR, das verheirateten Frauen explizit ein Recht auf eigene Berufstätigkeit zuspricht: Das, so Würmeling, ist "eine Gleichberechtigung, vor der wir uns und unsere Frauen bewahren wollen", ein Irrdenken, weil es den Grundsatz der Gleichberechtigung von Mann und Frau isoliere von Wesen und Würde der Frau und von der naturgegebenen Ordnungsnorm der Ehe und Familie.
Als eine Gefährdung der Gesellschaft sieht Würmeling alle Ansprüche, die in Konkurrenz zum Mutterberuf stehen:. "Mutterberuf ist Hauptberuf (...) und hat höheren Wert als jeder Erwerbberuf. Und niemand kann zwei Hauptberufe gleichzeitig ausfüllen". Deshalb sei Müttererwerbstätigkeit "erzwungenes Unheil", dem mit aller Kraft entgegenzuwirken sei."
Wer jetzt aber meint, Frau Beck-Gernsheim einseitig einer bestimmten Konzeption des Feminismus zurechnen zu dürfen, wonach Freiheit in Bindungs- und Kinderlosigkeit bestehe, hat z.B. ihre
Reflektionen über den Einfluss der Pille auf die real existierenden Verhaltensnormen nicht gelesen:
"Indem die Pille enorm schnell in die Schlagzeilen der Massenmedien rückte und zu vehementen Diskussionen in der Öffentlichkeit führte, wurde zugleich ein Bewusstseinsprozess ausgelöst. Bis ins letzte Dorf hinein wurde unmittelbar sichtbar, dass die Biologie nicht mehr Schicksal ist, dass es vielmehr Optionen gibt: die Entscheidung für oder gegen ein Kind.
Und im Lauf der Jahre verschoben sich allmählich die Gewichte der "Beweislast". Unter der Hand bahnte sich eine Veränderung der gesellschaftlich herrschenden Moral an: Aus dem Entscheidenkönnen wurde die Pflicht zur bewussten Entscheidung. Oder noch pointierter gesagt, mit der Verfügbarkeit der Pille wurde die Entscheidung für oder gegen ein Kind weiter "privatisiert": aus den Zwängen der Biologie entlassen und in die Verantwortung von Frau und Mann gelegt.
"Die neue Moral heißt bewusste, rationale, technisch-sichere Verhütung. Ihr Leitbild ist der aufgeklärte moderne Mensch, der verantwortungsbewusst mit dem Akt der Zeugung umgeht (...) Fast wird derjenige verdächtig, der im Zeitalter der unbegrenzten Verhütungsmöglichkeiten keinen Gebrauch davon macht. Verhütung wird vom notwendigen Übel zur aufgeklärten Staatsbürgerpflicht"."
Letztlich gelingt Prof. Beck-Gernsheim, wozu m.E. Wissenschaftler vor allem da sein sollten: Erkenntnisse so zu vermitteln, dass sie für Leser verschiedenster Grundhaltungen echte Information und damit Zumutung enthalten. Wenn Sie also einen Moment Zeit und Lust darauf haben, die so häufig (eigentlich: ständig) diskutierten Demografie- und Familienthemen mit einigen neuen Akzenten zu durchdenken, kann ich Ihnen "Störfall Kind: Frauen in der Planungsfalle" (
per Klick hier) ausdrücklich empfehlen.