Christentum

Freitag, 13. Juni 2008

Älteste Kirche der Welt gefunden?

Aus Jordanien kommt die Nachricht eines Fundes, hier aufgegriffen von dpa und Spektrumdirekt. Demnach seien in der Ortschaft Rihab unter der Kirche St. Georg (aus dem 3. Jahrhundert nach Christus) Hinweise auf eine christlich-gottesdienstliche Nutzung eines Höhlengewölbes aus der Zeit von 33 bis 70 n.Chr. gefunden worden - also aus einer Zeit, in der die Christen noch als kleine, aber hoch missionarische Splittergruppe um das Überleben ihrer Botschaft rangen.

Das klingt spannend - und vielleicht gar so faszinierend, dass auch noch etwas Skepsis angebracht ist. Sollte es zu diesem Fund eine Bestätigung und mehr Informationen geben, erfahren Sie es (auch) hier im Blog.

Freitag, 25. April 2008

Baden: Katholisch-evangelische "Erklärung zur Zukunft der Familie"

Die Evangelische Landeskirche in Baden und die Erzdiözese Freiburg haben eine "Gemeinsame Erklärung zur Zukunft der Familie" (pdf-Download hier) verfasst. Unterzeichnet wurde sie von den beiden Bischöfen Dr. Ulrich Fischer (Landesbischof, ev.) und Dr. Robert Zollitsch (Erzbischof, kath.) sowie den beiden (weiblichen) Kirchenparlamentspräsidentinnen Margit Fleckenstein (Synodalpräsidentin, ev.) und Christel Ruppert (Diözesanratsvorsitzende, kath.).

Inhaltlich...

...enthält das Papier bemerkenswert neue Akzente, die in der Praxis (etwa der Kinderbetreuung, Schulen und Eheberatung) oft schon länger bekannt, in lehramtlichen Verlautbarungen aber lange unterbelichtet waren:

Veränderte Familienbilder und -realitäten werden zunächst einmal beschrieben, nicht mehr einseitig als Verfall beklagt. Die Kirchen halten am "Leben in Ehe und Familie" als "unersetzlicher Grundlage der Gesellschaft" fest, allerdings weniger als Einforderer gefälligst zu erfüllender Pflichten, sondern als Helfer und Unterstützer gelingenden Lebens und ohne Abwertung anders lebender Menschen. Statt einem - auch theologisch - überhöhten Idealbild, an dessen Maßstab Menschen scheitern, wenden sie sich den Realitäten zu, steigen vom hohen Roß. "Auch der Bibel ist die Familie nicht nur als Ort gelingenden Zusammenlebens vertraut, sondern auch als Ort des Misstrauens, Scheiterns, Versagens und des aneinander Schuldigwerdens." Über die Arbeit eigener Familien- und Kindereinrichtungen hinaus stellen sie auch Forderungen an die Politik, diese solle "Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit" schaffen. "Kinder und Familie dürfen kein Armutsrisiko sein."

Auch die oft beklagte Benachteiligung von Frauen, "wenn sie Erziehung und Pflege in der Familie leisten" wird durch die bemerkenswerte Feststellung ergänzt: "Eine Verbindung von Familienarbeit und Berufstätigkeit wird ihnen schwer gemacht." Nicht mehr das Vorschreiben einer bestimmten Arbeitsteilung, sondern die Schaffung und Anerkennung von Wahlfreiheit hat sich hier durchgesetzt.

Bewertung

Die gemeinsame Erklärung ist ein spannender Wurf, den wahrzunehmen ich Ihnen auch deswegen ans Herz legen möchte, weil die Kirchen hier ihre Kernkompetenzen als Förderer und Begleiter von Lebensentscheidungen zu entdecken beginnen. Religiös vergemeinschaftete Menschen schenken auch in Deutschland durchschnittlich mehr Kindern das Leben - und für die reale Entwicklung der Kirchen spielen die Entwicklungen von Geburtenzahlen und Familientrends eine sehr viel größere Rolle als die im Bereich weniger tausend Menschen pro Jahr verbleibenden Konversionsbewegungen. Ganz abgesehen davon, dass unterjüngende Gemeinden auch missionarische Ausstrahlung verlieren.

Leider wird aber gerade diese bestehende Stärke noch kaum erkannt: Auch in der gemeinsamen Erklärung tauchen die Kirchen vor allem als Institutionen auf, die "den Familien" mit Rat und Tat zur Seite stehen. Dass Familien, in denen geboren, gebetet, gesungen, geholfen, gescheitert, geliebt und letztlich (auch Glauben) gelebt wird, schon aus sich heraus wesentlicher Teil der Kirchen "sind" (oder sein könnten) ist noch nicht im Blick. Hier könnte auch ein Blick auf das religiöse Leben des Judentums helfen, in dem Familienrituale einen unverzichtbaren Platz einnehmen und beispielsweise im Pessachfest erst durch das Miteinander von Mutter, Kind und Vater Ritual und religiöse Erzählung in Gang gesetzt werden.

Auch wurde eine zweite Option christlichen Glaubens umgangen: die Schuldanerkenntnis. Es liest sich wunderbar, wenn die Kirchen nun wortmächtig die Verbindung von Familie und Beruf, ein familiengerechteres Steuerrecht und ein Ende der Überforderung von Eltern verlangen und von der Wirtschaft und Politik fordern. Noch beeindruckender wäre es gewesen, wäre auch kurz reflektiert worden, welche Rollen die Kirchen selbst in diesen Prozessen gespielt haben: Sehr häufig drängten gerade kirchliche Stellungnahmen zur Alleinverdienerehe, einer entsprechenden Ausgestaltung des Steuerrechts und manchmal wohlfeilen Appellen gutsituierter Mittel- und Oberschichtangehöriger "an die Elternverantwortung" auch prekär lebender Familien. Unter uns: Waren in der Anerkennung veränderter Realitäten hier wirklich stets die Kirchen der Politik voraus - oder eher umgekehrt? Der Glaubwürdigkeit der Erklärung hätte eine kleine Reflektion dazu gut getan.

Und dennoch... ist ein mutiger Schritt als mutiger Schritt zu sehen. Schon dass die in dieser Form erste, ökumenische Erklärung der beiden großen Kirchen in Baden Familien in den Blick nahm, signalisiert einen ermutigenden Prioritäten- und Perspektivenwechsel. Kinder und Kirchen - diese früher viel belächelte Verbindung wird als Zukunftsthema entdeckt. Bitte, liebe Kirchen, geht diesen Weg entschlossen weiter! (-:

Mittwoch, 9. April 2008

Anti-Kreationismus-Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) grenzt sich mit ihrer neuen Denkschrift "Weltentstehung, Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube in der Schule" vom Kreationismus ab. Der Text wurde von Prof. Dr. Michael Beintker und Prof. Dr. Friedrich Schweitzer im Auftrag des EKD-Rates entworfen.

Im Vorwort betont der EKD-Vorsitzende Bischof Wolfgang Huber die Unterscheidung religiöser und naturwissenschaftlicher Erkenntnis:

"Zwischen dem heute verfügbaren Wissen und der sinnstiftenden Deutung des Lebens aus der Perspektive des christlichen Glaubens wird in diesem Konzept von Bildung bewusst und deutlich unterschieden; doch diese Unterscheidung ermöglicht es gerade, beide in eine sinnvolle und geklärte Beziehung zueinander zu setzen. Viele Debattenbeiträge zum Verhältnis zwischen dem Schöpfungsglauben auf der einen und naturwissenschaftlichen Theorien über die Entstehung der Welt und des Lebens auf der anderen Seite sehen dagegen beide Seiten auf derselben Ebene. Deshalb gehen sie davon aus, dass entweder die Evolutionstheorie dem Schöpfungsglauben oder der Schöpfungsglaube der Evolutionstheorie weichen muss. Das wird jedoch weder der einen noch der anderen Seite gerecht."

Und die Verfasser stellen fest:

"Die aktuelle Auseinandersetzung um „Schöpfung und Evolution in der Schule“ hat sehr deutlich gezeigt, wie wenig die entsprechenden Fragen im Verhältnis zwischen Glaube und Naturwissenschaften tatsächlich geklärt sind. Zum Teil werden längst überwunden geglaubte Vorurteile erneut ins Feld geführt – sei es gegen die Evolutionstheorie und die Wissenschaftlichkeit der Biologie oder gegen die Theologie sowie gegen Kirche und Religionsunterricht. Es wäre jedoch ebenso unangemessen, die Erforschung von Evolutionsprozessen als Bekenntnis zum Atheismus zu verstehen, wie es umgekehrt verfehlt wäre, den in den USA verbreiteten Kreationismus einfach mit dem christlichen Schöpfungsglauben gleichzusetzen. Der Kreationismus ist vielmehr eine Verkehrung des Glaubens an den Schöpfer in eine Form der Welterklärung, die letztlich dazu führt, dass das Bündnis von Glaube und Vernunft aufgekündigt wird."

Der gesamte Text als pdf hier.

So erfreulich die deutliche Abgrenzung gegenüber vorwissenschaftlichen Kreationisten und die erste Klärung des EKD-Textes auch ist: letztlich hat sich die Kirche, ihren theologischen Fakultäten, Akademien und Gemeinden selbst eine drängende Aufgabe gestellt - endlich das Verhältnis zwischen Naturwissenschaft und Glaube entschlossen zu bearbeiten und die Menschen entsprechend zu informieren. Denn wie auch der Bertelsmann Religionsmonitor 2008 aufzeigte: auch unter der jüngeren und zunehmend religiöseren Generation in Deutschland wächst die Skepsis gegenüber den Naturwissenschaften und liberalen Theologien. Längst sind religiöser Fundamentalismus und Kreationismus keine rein amerikanischen Phänomene mehr, sondern haben Ableger in Europa und der islamischen Welt gefunden.

Titelzeilte "Religiöse Identität und Fundamentalismus", aus Heft 53 von Deutschland und Europa, S. 20 - 27. Per Klick zum Download.

Evolutionsbiologie der Religiosität?

Und wenn Sie sich für die Erforschung jener "Evolutionsprozesse" interessieren, die zur Entstehung der menschlichen Religiosität geführt haben, ist der Wissenslog "Natur des Glaubens" vielleicht etwas für Sie:
Im Wissenslog "Natur des Glaubens" im Rahmen der Science-Blogs von Spektrum der Wissenschaft möchte ich vor allem Arbeiten weiterer Evolution-Religion-Forscher vorstellen.

Montag, 18. Februar 2008

Angela Römelt: Das Leben ist ein Killerspiel

Ansichten zu einem aktuellen Thema aus dem theologischen Elfenbeinturm

Es passiert hin und wieder mal, meist, wenn man überhaupt nicht damit rechnet: dann verblüfft einen ein Text, der ganz konventionell beginnt.

Auch "Das Leben ist ein Killerspiel" von Angela Römelt beginnt "klassisch" theologisch-feministisch - und räumt danach sowohl im Umgang mit dem Thema (Gewalt in Computerspielen) wie mit der Bibel mit mancherlei Gewohntem auf...

Was mir an dem Text gefällt... ist jedoch nicht nur der ehrlich-theologische Umgang mit auch gewalthaltigen Bibelstellen, sondern vor allem die Forderung nach einem realistischen Blick auf Natur und Kultur des Menschen. Denn nirgendwo in der Evolution treffen wir nur auf Harmonisches oder Zerstörendes - stets haben wir es mit beiden Aspekten zu tun.

Wir haben zum Beispiel allen Grund, die Tiefe von Zuwendung und Familienleben zu bewundern, zu der Gorillas und Schimpansen in der Lage sind. Nur sollten wir dabei nicht übersehen, dass auch gewaltförmige Konflikte sowie Mord und sogar Kannibalismus beispielsweise an Kleinkindern verdrängter oder getöteter Rivalen sehr häufig vorkommen. Auch kommt es zu mitunter blutigen Konflikten zwischen Gruppen, vor allem zwischen Männchen um Territorien und Reproduktionschancen.

Wer entweder die Natur als vermeintlich "unschuldig" qualifiziert und dagegen die "verderbliche" Kultur stellt - oder umgekehrt die Natur als "grausam-animalisch" und erst die Kultur als "veredelt" betrachtet, geht an den Realitäten des Lebens vorbei. Und genau diesen Gedanken finde ich bei Angela Römelt aufgezeigt - und zwar konkret sowohl an Killerspielen wie an der Bibel!

Eine anregende Lektüre!

http://www.horx.com/Downloads/Das-Leben-ist-ein-Killerspiel.pdf

Dank an Reinhard Baumgarten für den interessanten Link, der für den SWR das Feature "Du sollst nicht töten" zum Thema produzierte.

Mittwoch, 23. Januar 2008

Zitat Magdalena Bogner (kfd) zu Kirche und Frauen

Magdalena Bogner ist die Bundesvorsitzende der katholischen Frauengemeinschaft (kfd) und Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Zitat

"Die katholische Kirche ist eine Kirche von Frauen, die von Männern geleitet wird."

Quelle: "Die eigenen Fähigkeiten einbringen dürfen", Interview in Herder Korrespondenz 1/2008, S. 15

Anm.: Empirisch hat Frau Bogner Recht. Sowohl von der Mitgliederstruktur wie vom freiwilligen Engagement (gemessen etwa im Rahmen der Freiwilligensurveys) dominieren Frauen klar die religiöse Landschaft in Deutschland und generell freiheitlicher Gesellschaften. Während Theologie(n), Soziologie, Psychologie etc. diesen Befund zwar messen, aber nicht gerne kommentieren, zeichnen sich evolutionsbiologische Erklärungen ab: Frauen bevorzugen Glaubensinhalte und Gemeinschaften, die Familien- und Sozialbeziehungen stabilisieren und damit das mütterliche Investment partnerschaftlich absichern.

Sexuelle Selektion in Daten: Frauenanteil an Kirchenmitgliedschaften sowie Konfessionslosigkeit in Bezug zu Anteil Ehen an Paarbeziehungen, Anteil Paaren mit Kindern, Anteil Single-Haushalten und Alleinerziehenden, Schweizer Zensus 2000

Dieser Befund lässt sich jedoch auch umgekehrt so verstehen, dass jede dauerhaft erfolgreiche Religionsgemeinschaft auf ihre weiblichen Mitglieder und (ehren- wie hauptamtlichen) Mitarbeiterinnen angewiesen ist. Von Männern dominierte Gemeinschaften wie der historische Mithras-Kult oder die neuen UFO-Glaubensgemeinschaften hatten bisher nie längerfristige Erfolge. Ohne aktive Frauen kein Bestehen im religiösen Wettbewerb. Insofern ist das Interview von Frau Bogner religiösen Verantwortungsträgern zur Lektüre zu empfehlen.

Sonntag, 25. November 2007

Das Familienbild der Mormonen (Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage)

Die Mormonen sind eine christliche Glaubensgemeinschaft, die Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Wirken von Joseph Smith (1805-1844) hervorging.

Neben der Bibel erkennen die Mormonen auch das Buch Mormon an, dessen Aufenthaltsort nach ihrem Glauben Smith vom Engel Moroni anvertraut worden war. Diese Schrift verpflanzte das israelische Heilsgeschehen geografisch teilweise in die USA, was vielen Anhängern entgegenkam, aber auch z.B. eine positive Haltung zu Indianern förderte.

Allerdings war Smith schon zu seinen Lebzeiten (insbesondere wegen seiner Bejahung der Polygamie, die er auch selbst praktizierte, wegen des Buches Mormon, einer erfolglosen Kandidatur als US-Präsident usw.) umstritten und zeitweise wegen eines Angriffs auf die lokale Pressefreiheit inhaftiert. Viele Lehren, darunter z.B. die Totentaufe, werden von anderen christlichen Konfessionen strikt abgelehnt, haben aber auch zu einem beeindruckenden, genealogischen Archiv geführt, an das sich Menschen aus aller Welt richten.

Trotz mancherlei Spaltungen und der schließlich erzwungenen Abkehr von der anfangs praktizierten Polygamie überlebte die Kirche, insbesondere aufgrund ihres missionarischen Einsatzes und ihres Kinderreichtums. Längst ist sie aus den USA heraus gewachsen und hat Tempel u.a. in Deutschland (davon den ersten in der ehemaligen DDR - da auch Mormonen kaum Auslandsreisen möglich waren) errichtet, geplant ist derzeit auch ein erster Tempelbau in der Ukraine.

Der erste deutsche Mormonentempel wurde 1985 in Freiberg (Sachsen) errichtet - da auch Mormonen aus der DDR heraus kaum Auslandsreisen unternehmen durften. 1987 kam ein Tempel in Hessen hinzu. Dass die Mormonen vor der Wiedervereinigung in der DDR körperschaftliche Anerkennung gefunden hatten, half ihnen beim Erwerb der Körperschaftsrechte in der Bundesrepublik.

Da dieser Blog sowohl die reproduktiven Potentiale religiöser Vergemeinschaftung evolutionstheoretisch wie auch die Entstehung und Veränderung von religiös legitimierten Familienbildern und ihren demografischen Auswirkungen erforscht, sind die Mormonen gerade auch in ihrer Entwicklung und Ambiguität ein interessanter Fall.

Kinderreiche Monogamie

So hat die Kirche 1995 eine Familienproklamation erlassen, die Ehe und Kinderreichtum ausdrücklich fordert. So heißt es zum Beispiel:

"Das erste Gebot, das Gott Adam und Eva gab, bezog sich darauf, dass sie als Ehemann und Ehefrau Eltern werden konnten. Wir verkünden, dass Gottes Gebot für seine Kinder, sich zu vermehren und die Erde zu bevölkern, noch immer in Kraft ist. Weiterhin verkünden wir, dass Gott geboten hat, dass die heilige Fortpflanzungskraft nur zwischen einem Mann und einer Frau angewandt werden darf, die rechtmässig miteinander verheiratet sind.

Wir verkünden, dass die Art und Weise, wie sterbliches Leben erschaffen werden soll, von Gott so festgelegt ist. Wir bekräftigen, dass das Leben heilig und in Gottes ewigem Plan von wesentlicher Bedeutung ist.

Mann und Frau tragen die feierliche Verantwortung, einander und ihre Kinder zu lieben und zu umsorgen. "Kinder sind eine Gabe des Herrn." (Psalm 127:3.) Die Eltern haben die heilige Pflicht, ihre Kinder in Liebe und Rechtschaffenheit zu erziehen, für ihre physischen und geistigen Bedürfnisse zu sorgen, sie zu lehren, dass sie einander lieben und einander dienen, die Gebote Gottes befolgen und gesetzestreue Bürger sein sollen, wo immer sie leben. Mann und Frau — Vater und Mutter — werden vor Gott darüber Rechenschaft ablegen müssen, wie sie diesen Verpflichtungen nachgekommen sind.

Die Familie ist von Gott eingerichtet. Die Ehe zwischen Mann und Frau ist wesentlich für seinen ewigen Plan. Das Kind hat ein Recht darauf, im Bund der Ehe geboren zu werden und in der Obhut eines Vaters und einer Mutter aufzuwachsen, die den Ehebund in völliger Treue einhalten. Ein glückliches Familienleben kann am ehesten erreicht werden, wenn die Lehren des Herrn Jesus Christus seine Grundlage sind."

Interessant ist aber auch ein Kurzfilm zur "Bedeutung der Familie", der das Selbstverständnis der Kirche wie auch deren familiäres Rollenbild darstellt.

Eine Splittergruppe und konfliktreiche Polygamie

Anfang des 20. Jahrhunderts spaltete sich eine weitere Gruppe, die "Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" mit später einigen tausend Mitgliedern von der Hauptkirche ab. In ihr wurde die Polygamie (genauer: die Polygynie, die Heirat eines Mannes mit mehreren Frauen) nicht nur erlaubt, sondern Männern sogar religiös empfohlen: nur wer mindestens drei Frauen geheiratet habe, sei auf dem Weg zur Göttlichkeit.

Unter dem seit 2002 amtierenden Leiter Warren Jeffs eskalierte die Lage. Unter anderem ließ Jeffs hunderte junger Männer und Jugendlicher wegen geringster Vergehen aus der Gemeinschaft und damit auch ihren Familien verstossen - um letztlich für den nötigen Frauenüberschuss in der Gemeinschaft zur Verheiratung der verbliebenen Anhänger zu sorgen. Über das Schicksal der "verlorenen Söhne", "Lost Boys" berichtete Alexander Schwabe 2005 in SPIEGEL online. Die teilweise brutalen Generationenkonflikte zwischen Älteren, die unbedingt drei Frauen erreichen wollten und damit Jüngere aus dem Heiratsmarkt zu drängen versuchten, zeigt die eskalierende Problematik der Polygamie in Zeiten niedriger Sterblichkeit (also in der entwickelten Welt) eindrucksvoll auf.

Selbst in den USA, mit der wohl umfangreichsten Religionsfreiheit innerhalb der Staatengemeinschaft, schritt schließlich der Staat ein. Da eine religiös erzwungene Vielehe inzwischen als Vergewaltigung erkannt wurde, wurde Warren Jeffs inzwischen zu lebenslanger Haft (mit frühester Begnadigung nach zehn Jahren) verurteilt.

Fazit

Die mormonischen Gemeinschaften zeigen sowohl in ihrer Geschichte wie Gegenwart einerseits auf, wie stark Religionsgemeinschaften Familienstrukturen prägen und damit reproduktiven Erfolg vermitteln können. Auch der missionarische Erfolg mormonischer Gemeinschaften entfaltet sich maßgeblich durch den Einsatz der Nachfahren kinderreicher Familien, denen Missionsdienste als junge Erwachsene empfohlen werden. Laut idea-spektrum 47/2007 brachten es die Mormonen so auf eine ratio von 411 Missionaren im Ausland pro 100.000 Mitgliedern - der Durchschnitt aller Kirchen liegt bei 37.

Und zum missionarischen Angebot gehören wiederum feste Gemeinschafts- und Familienstrukturen, wie sie derzeit nicht nur in Osteuropa vermisst werden.

Gleichzeitig wird aber auch die Problematik extremer Vergemeinschaftungen und fundamentalistisch erzwungener Familienformen augenfällig, die zu Gewalt nach innen und außen führen können. Auch Religionsgemeinschaften können fehlgehen, Religionsfreiheit ist ein unverzichtbares, aber kein schrankenloses Menschenrecht.

Mittwoch, 14. November 2007

Urwahl in der evangelischen Landeskirche Württemberg - und die Religionsdemografie

Ist man als schwäbischer Protestant unter Religionskundigen unterwegs, ist das augenzwinkernde Spasswort "Piet-Kong" nicht weit. Es zielt auf die vor allem im süddeutschen Raum entfaltete Frömmigkeitsrichtung des Pietismus, deren stark persönlich-emotionalisierte Bibelauslegung mit auch selbstgerechten Obertönen im Verbund mit dem Verteilen von Traktaten sowie eiserner Zähigkeit in Kirchengremien kirchlichen Modernisierern des 20. Jahrhunderts als hartnäckige Guerillataktik erschien.

Weitgehend in Vergessenheit ist in dieser Perspektive jedoch geraten, dass der Pietismus ursprünglich eine Reform- und Basisbewegung war und in Teilen wieder wird: nicht die Lehre der Obrigkeit, sondern die verantwortete Bibelauslegung war gefragt. Nicht das Nachbeten von Unklarem, sondern das Lehren und notfalls auch Erstreiten von Einsichtigem wurde gesucht. Und inner-, sowie notfalls auch außerhalb der Kirche galt es, zäh um die Wahrheit des Glaubens zu ringen und dem Guten stets noch etwas Besseres entgegen zu setzen.

Württembergisches Unikat: Die Urwahl der Landessynode

Logo zur Urwahl der Landessynode in Württemberg 2007. Eigentlich ein Glücksfall auch für die Religionswissenschaft...

Und siehe da: zu den erstaunlichen Folgen gerade auch pietistischen Einflusses gehört die Bedeutung der Ortsgemeinden und die Urwahl der Landessynode, des Kirchenparlamentes, das unter anderem den Bischof wählt. Läuft dies in den meisten anderen evangelischen Kirchen über komplexe Delegiertensysteme letztlich auf eine Selbstbespiegelung der kirchlichen Funktionäre hinaus, bietet die württembergische Urwahl der Basis immerhin die Chance, ihr eigenes Profil wirksam zu machen - wovon derzeit ein knappes Viertel der Berechtigten Gebrauch macht.

Wahlergebnisse und Religion-Demografie

Auch für die Religionswissenschaft sind kirchliche Urwahlen eigentlich ein (bislang leider fast unerschlossener) Glücksfall, lassen sich an ihnen doch kirchenbezogene Studien erstellen und Thesen testen.

So hatten wir an der Universität Tübingen letztes Jahr ein religionsdemografisches Seminar ausgerichtet, aus dem auch eine ALLBUS-Auswertung hervorging: "Religion als demographischer Faktor - ein unterschätzter Zusammenhang?".

Dabei kamen wir zu dem Ergebnis, dass dem Säkularisierungstrend in wohlhabenden Gesellschaften ein demografischer Trend entgegenwirke: religiös verbindliche Gemeinschaften erreichten und hielten durchschnittlich deutlich mehr Kinder als religiös-liberale oder gar säkulare Populationen. Aber: diese jungen, religiös sozialisierten Generationen würden keinesfalls einfach die Frömmigkeit ihrer Eltern übernehmen, sondern sich neue, auch moderne Lebens- und Gemeinschaftsformen schaffen.

Die Ergebnisse der Urwahl...

...zur 90-köpfigen Landessynode passen dazu erstaunlich präzise.

So hielt der traditional-konservative Gesprächskreis "Lebendige Gemeinde" um Volker Teich mit 40 Sitzen zwar seine Spitzenstellung, verlor aber drei Sitze gegenüber der letzten Wahl. Auch die liberal-progressive "Offene Kirche" um Rainer Weitzel verlor zwei Sitze auf nun noch 25 und kündigte an, statt des bisherigen Konsensmodells eine "Oppositionsrolle" annehmen zu wollen. Der mittig-moderierende Gesprächskreis "Evangelium und Kirche" um Winfried Dalferth konnte sich dagegen um einen Sitz auf nun 19 leicht verbessern.

Wer aber war der eigentliche Gewinner? Eine neue Gruppierung, die sich erst zur letzten Synodalwahl gegründet hatte und mit damals zwei Sitzen eingezogen war. "Kirche für morgen" um Friedemann Stöffler wurzelt vor allem in der Jugendarbeit der Gemeinden und verbindet überwiegend (neu-)pietistisch gefärbte Frömmigkeit mit der Kritik an kirchlichem Traditionalismus, dem Ruf nach noch mehr Basisorientierung (z.B. Wahl der Pfarrer) und der Konzentration auf Jugend- und Familienthemen. Und siehe da: obwohl von den anderen Gesprächskreisen bislang gemieden, konnte sie ihren Sitzanteil auf nun sechs Sitze verdreifachen und dürfte sich damit als "vierte Kraft" landeskirchlich etabliert haben.

Und da behaupte noch jemand, Kirchenwahlen seien nicht spannend! (-:

Sonntag, 14. Oktober 2007

Berlin: Zwei neuapostolische Kirchen werden zu Moscheen - Folge traditionalistischer Familienpolitik

Während ich dieser Tage in Berlin mit einem Seminar der Konrad-Adenauer-Stiftung arbeitete, beherrschte eine interessante Schlagzeile Berliner Zeitungen, Kommentare und manche Tischdiskussion: die Neuapostolische Kirche (NAK) verkauft zwei ihrer Kirchen an islamische Vereine, die diese in Moscheen umwandeln.

Den religionsdemografischen Beobachter überrascht diese Nachricht nicht, denn die Daten deuten schon länger darauf hin, dass die familienpolitisch sehr traditionalistische NAK (wie auch die Zeugen Jehovas) mangels Kindern vor einem Einbruch stehen. Auch die umfassenden Daten der Schweizer Volkszählung sind hier eindeutig: weibliche Mitglieder der NAK erreichen derzeit altersbereinigt gerade noch 1,39 Kinder, Zeuginnen Jehovas sogar nur noch 1,24. Damit liegen auch sie zwar noch deutlich vor den Konfessionslosen (1,11), aber hinter dem Schweizer Durchschnitt (1,43) und weit hinter z.B. freikirchlichen Pfingstgemeinden (1,96).

Lebendgeburten pro Frau nach Religionszugehörigkeit, Schweizer Zensus 2000, alle Kategorien. Es zeigt sich, dass "alle" religiösen Gemeinschaftskategorien durchschnittlich deutlich mehr Kinder erreichen als die Konfessionslosen.

Die folgende Grafik vergleicht die demografische Entwicklung verschiedener Religionsgemeinschaften in Schweizer Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern. Auch hier erkennen wir den reproduktiven Niedergang der NAK (orange) im Gegensatz z.B. zu evangelischen Freikirchen (ÜpK, rosa), die hohe Verbindlichkeit und moderne Familienrollen verknüpften.

Diese neu erstellte Grafik zeigt an, mit wie vielen Kindern Männer zwischen 35 und 46 Jahren in Schweizer Großstädten je in den Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 in einem Haushalt lebten. Man beachte die Unterschiede, z.B. den stabilen Verlauf der jüdischen Demografie (oben, rot) und die durchgängig schwache Performance der Konfessionslosen (unten, schwarz). Klick führt zum Gesamtskript des Vortrages.

Nur eine schockierende Zahl aus der Nahauswertung: Wo neuapostolischen Christen in Schweizer Städten Kinder geboren wurden, geschah dies meist im traditionell gewünschten Rahmen: nur 3,01% der Kinder wuchsen in einem nichtehelichen Haushalt auf und nur 12,0% ohne Geschwister. Aber sage und schreibe 55,61% der neuapostolisch-männlichen Haushaltsvorstände in Schweizer Städten zwischen 35 und 46 Jahren lebten zur Jahrtausendwende ohne Kinder - ein deutlicher Hinweis, dass ein Festhalten an früher erfolgreichen Traditionen wie der Alleinverdienerehe heute die Familiengründung massiv erschweren können. Einen entsprechend linearen, demografischen Rückgang wiesen auch die Zeugen Jehovas auf (1970: 1,78, 2000: 1,14).

Der Niedergang wird damit fast unausweichlich: denn wo erst einmal die Kinder und jungen Familien wegbleiben, verlieren die Gemeinden schnell auch jede missionarische Ausstrahlung. Eigene, junge Leute wandern ab und es kommen kaum neue hinzu. Altersdurchschnitt und Sterbeüberschuss steigen, schließlich beginnen die Finanzen zu bröckeln. Und irgendwann müssen dann die ersten Gebäude aufgegeben werden, nicht selten an demografisch aufstrebende, neue Gemeinschaften.

Religionen fördern reproduktiven Erfolg - wenn sie sich im fairem Wettbewerb immer wieder neu auf die Lebensrealität junger Familien einlassen, Angebote und Strukturen schaffen, die Eltern und Familien beistehen.

Familienpolitischer Traditionalismus, wie er derzeit (etwa auch von Eva Herman) historisch unrichtig als vermeintlich "christlich" vermarktet wird, führt dagegen in durchschnittlich absinkende Geburtenraten und den Verfall der entsprechenden Gemeinschaften. Als erfolgreich erweisen sich immer wieder jene Religionsgemeinschaften, die ihre Familien auf ihrem jeweiligen Weg unterstützen und ermutigen, statt Kinderwünsche durch harte Vorschriften und weltfremde Erwartungen zu unterdrücken.

Tradition und Religion sind ebensowenig einfach identisch wie Asche und Feuer. Wer lebendige Gemeinschaften und Gesellschaften will, darf sich nicht nur an früheren Erfahrungen orientieren, sondern muss die Lebenswelt heutiger Familien in den Blick nehmen. Ob der NAK eine innere Reform gelingt?

Donnerstag, 2. August 2007

Neue religiöse Vielfalt: Der Weg der Zwölf Stämme nach Deutschland. Vortrag von Florian Böhnhardt

Anfang Juni hatte ich vor den Hayek-Tagen in Potsdam noch empirisch und religionshistorisch (v.a. am Beispiel der deutschsprachigen Amish) über den Zusammenhang von religiöser Vielfalt und staatlich-gesellschaftlicher Freiheit gesprochen.

Hintergrund war die Beobachtung (die übrigens auch schon Adam Smith machte), dass Staaten und Gesellschaften mehr noch als durch Zuwanderung durch Neugründungen von Religionsgemeinschaften herausgefordert werden, mehr Freiheiten zu gewähren. Religionsfreiheit im Rahmen einer demokratisch-marktwirtschaftlichen Ordnung führt daher (in einem auch demografischen Prozess über Generationen hinweg) tendenziell zu mehr religiöser Vielfalt und Wettbewerb, was wiederum zu tendenziell mehr Optionen und Freiheitsrechten für die Bürgerinnen und Bürger insgesamt beiträgt. Die religiösen Minderheiten testen quasi die staatlichen Spielräume aus und erweitern sie durch eigenen Einsatz.

Die Anzeichen auf einen engen, wechselwirkenden Zusammenhang von Religionsfreiheit und anderen, auch wirtschaftlichen, Freiheiten verdichten sich. Der Dialog zwischen Ökonomie und Religionswissenschaft steht aber noch am Anfang. Steigen Sie mit ein!

Denn neue Religionsgemeinschaften festigen sich bzw. ihr dynamisches Wachstum durch Konvertiten regelmäßig dadurch, dass sie sich von den etablierten Konventionen (meist z.B. Wehrdienst, aber auch etwa Kleidung und Form des Wirtschaftens) abgrenzen und (insofern kinderreich) auch eigene Bildungssysteme entwickeln. Da sie in Marktwirtschaften leben, können sie auch eigene Wirtschaftsbetriebe (etwa auch als Gemeineigentum) betreiben, und dennoch am allgemeinen Wirtschaftsgeschehen teilhaben.

In Gesellschaften mit religiösen oder weltanschaulichen Monopolen oder Kartellen, wie derzeit im noch im Iran oder Nordkorea installiert und in fast allen europäischen Nationen nachwirkend, können dagegen allenfalls etablierte Minderheiten manchmal herablassend und mit Missionsverboten "geduldet" werden (man denke an das euopäische Judentum im Mittelalter). Neugründungen (man denke an die Amish) werden jedoch als potentielle Konkurrenten und Unruhestifter meist verfolgt, vertrieben oder unter Zwang assimiliert.

In zunehmend freiheitlichen Gesellschaften können dagegen Verhandlungslösungen gefunden werden, die einerseits berechtigte Sorgen der Mehrheiten (Kindeswohl und -bildung, staatliches Gewaltmonopol etc.) gewährleisten, aber andererseits auch eine Entfaltung der neuen Gemeinschaften durch ein Mehr an Freiheiten ermöglichen. Der hohe Freiheits- btw. niedrige Verstaatlichungsgrad der USA ist daher auch ein Ergebnis des entwickelten, religiösen Marktes, der quasi eine natürliche Lobby der Freiheit bildet.

Vortrag von Florian Böhnhardt zu den "Zwölf Stämmen in Deutschland"

Waren die taufkirchlichen Amischen, die im 18. Jahrhundert aus dem süddeutschen Bereich vetrieben und deren Reste bis ins 20. Jahrhundert vollständig assimiliert worden waren, noch im Juni mein eher trauriges Beispiel für den Zustand europäischer Religionsfreiheit gewesen, so verblüffte einige Wochen später der Leipziger Student Florian Böhnhardt auf einem meiner Seminare mit einem kundigen Vortrag über die Zwölf Stämme in Deutschland. Genauer hätten die Beobachtungen kaum passen können!

Und Florian konnte sich dabei nicht nur auf Quellenrecherchen, sondern auch auf mehrere Feldforschungen in der Gemeinschaft Klosterzimmern selbst beziehen.

Zusammenfassung, zum Originalvortrag hier.

Die Zwölf Stämme entstanden in der Tradition der Täufer erst in den 70er Jahren und vertreten einen bibel- und familienorientierten und vor allem gemeinschaftlichen Lebens- und Wirtschaftsstil einschließlich der Ablehnung etablierter Schulformen. Nachdem sie auch in den USA die häufigen Neugründungs-Konflikte mit Umgebung und Staatsmacht regeln konnten, breiteten sie sich vor allem durch Konversionen, aber auch durch religiös geförderten Kinderreichtum auf bereits mehrere Kontinente aus.

Erst in den 70er Jahren entstanden, verzeichnen die Zwölf Stämme sowohl durch Konversionen wie durch Kinderreichtum. Die bestehenden Gemeinschaften (Stand 2006) auf einer Weltkarte.

In Europa scheiterten mehrere Gründungsversuche, bevor eine aus Bremen zuwandernde Gemeinschaft in Klosterzimmern (Bayern) eine Bleibe fand.

Natürlich gab (und gibt) es auch hier seitens der etablierten Kirchen, der Bevölkerung und der Behörden massive Vorbehalte gegen die Gemeinschaft, die insbesondere um die Frage der Schulpflicht entbrannte. Abmahnungen, die Verweigerung von Gesprächen, schließlich Bussgelder und eine dramatische "Durchsetzung der Schulpflicht" durch Polizistinnen, die 2002 schreiende Kinder aus der Kirche in die Schule verbrachten (von wo diese gleich wieder wegliefen) und schließlich Beugehaft gegen Väter und Haftandrohungen an Mütter kennzeichneten die Eskalation. Die Stimmung schlug um, statt weiteren, obrigkeitsstaatlichen Durchgreifens entschieden sich die Verantwortlichen schließlich zu Verhandlungen.

Und es gelang eine Lösung: seit 2006 dürfen die "Zwölf Stämme" unter staatlicher Aufsicht eine "Ergänzungsschule" mit eigenen Lehrern und Lehrplänen entwickeln - ein Erfolg, über den sich auch die (wachsende) Heimschulbewegung freute.

Sollten sich die Zwölf Stämme des in sie gesetzten Vertrauens in den kommenden Jahren als würdig erweisen, so könnte die gefundene Lösung sowohl inhaltlich wie auch in der Form der Konfliktdeeskalation in Zukunft als Modellfall gelten. So könnte aus dem Zusammenwirken friedfertiger, religiöser Minderheiten und religionspolitisch kompetenter Behörden auch in Deutschland auf Dauer ein Mehr an Freiheit, Vielfalt und Eigenverantwortung erwachsen.

Dank

Florian Böhnhardt auch auf diesem Wege ein großes Lob für die eigenständige Recherche und die Bereitschaft, die Arbeit auf diesem Wege auch der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Gerne erinnere ich mich an die gute und intensive Debatte auch mit den anderen Teilnehmern des Seminars in Leipzig und hoffe, dass Florian und andere Wissenschaftler an diesem und anderen Themen dran bleiben, die die hoffentlich freiheitliche und vielfältige Entwicklung unserer Gesellschaft betreffen.

Freitag, 27. Juli 2007

Die Gerechten von Le-Chambon-sur-Lignon

In der Ausgabe 03/2007 des Freiburger Rundbrief - Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung berichtet Markus Engelhorn aus seiner Magisterarbeit (2005) über die Rettung von Juden in den Jahren in Frankreich 1940-1944.

Von den 330.000 Menschen jüdischen Glaubens, die zum Zeitpunkt der Invasion in Frankreich lebten, wurden 80.000 ermordet, drei Viertel aber überlebten.

Einen wichtigen Anteil daran hatte eine mutige Minderheit katholischer Bischöfe im besetzten Teil Frankreichs, während die Mehrheit und fast alle im kollaborierenden Vichy-Regime sich kaum gegen dessen Antisemitismus stellten. Verdient machten sich vor allem einfache Geistliche, Nonnen und Laien in katholisch-ländlichen Regionen, die sich jüdischer Flüchtlinge annahmen, sie versteckten oder ihnen sichere Ausreisen ermöglichten.

Die protestantische Gemeinde Le Chambon-sur-Lignon

Zu einem weltweit beachteten Symbol der Mitmenschlichkeit wurde aber das kleine, dominant protestantische Dorf Le Chambon-sur-Lignon. Die 3.000 Einwohner des Ortes in der Auvergne retteten insgesamt 5.000 Juden das Leben, indem sie sie versteckten und vielen über Kontakte zum Ökumenischen Kirchenrat in Genf Einreiseerlaubnisse in die Schweiz organisierten (wer ohne solche aufgegriffen wurde, wurde meist von den Schweizer Behörden nach Deutschland oder Frankreich ausgeliefert...).

Eine große Rolle spielte dabei der evangelische Pastor Andre Trocme, der auf die Warnung der Besatzungsbehörden, Juden seien "nicht Ihre Brüder" 1942 antwortete: "Wir wissen nicht, was Juden sind. Wir kennen nur Menschen." Dennoch war es letztlich die Gemeinde und das Dorf, die zusammenhielt, Menschen aufnahm und versorgte und sich nicht einschüchtern oder unterwandern ließ. Die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel ehrte die Gemeinde und auch beteiligte, benachbarte Dörfer 1988 und verlieh insgesamt 40 Personen die Auszeichnung "Gerechte unter den Völkern" (siehe Noachidische Gebote im Judentum) für ihren Mut und ihre Mitmenschlichkeit.

Der Garten der Gerechten in Yad Vashem, Israel, in dem bislang über 21.000 Nichtjuden gedacht wird, die Juden gerettet haben. Nach jüdischem Glauben können auch Nichtjuden als Kinder Noahs Anteil an der kommenden Welt erlangen.

Zum Vergleich: Protestanten in Deutschland und Frankreich

In Deutschland waren die (traditionell staatskirchlich verfaßten) Protestanten in Scharen dem NS-Regime verfallen, gegenüber dem Zulauf für die "Deutschen Christen" blieb der evangelische Widerstand lange und bis zum Ende klein (und umso bewundernswerter). Und auch heute sind Rufe zur Diskriminierung religiöser Minderheiten (derzeit vor allem Muslimen) unter deutschen Protestanten stärker verbreitet als unter deutschen Katholiken.

Woher rührte also die stärkere Sympathie französischer Protestanten (und teilweise auch Katholiken) für ihre jüdischen Mitmenschen?

Markus Engelhorn schreibt: "Die französischen Protestanten beteiligten sich während der Besatzungszeit maßgeblich an der Rettung von Juden. Als religiöse Minderheit waren sie seit der Reformation selbst Opfer von Diskriminierung und Verfolgung gewesen. Diese Erfahrung religiöser Verfolgung und die kollektive Erinnerung an die Leiden ihrer hugenottischen Vorfahren erwiesen sich als grundlegende Motivation, den notleidenden jüdischen Mitbürgern zu helfen."

Zutreffende Deutung

Diese Deutung kann ich auch aus international und interreligiös vergleichender Perspektive nachdrücklich unterstützen. Weniger nur die jeweilige Konfession, sondern vielmehr die konkrete, historische Ausprägung der Gemeinschaft im Verhältnis zum Staat bestimmen Symapthien oder Ressentiments gegenüber religiösen Minderheiten.

In Deutschland waren die meisten Protestanten durch jahrhundertelang etablierte, staatskirchliche Strukturen geprägt und empfanden religiöse Minderheiten häufiger als anmaßende, bedrohliche Verschwörer gegen die öffentliche Ordnung. Selbst evangelische Freikirchen wurden hier nicht selten verfolgt und vertrieben (vgl. das Schicksal der deutschsprachigen Amish). Die Katholiken waren dagegen bereits durch den deutsch-antikatholischen "Kulturkampf" gegangen und hatten (bis heute nachwirkende) Distanz zum Staat geschaffen - der freilich durch das Konkordat mit dem NS-Regime in einem entscheidenden Moment gravierend beeinträchtigt wurde und zum inneren wie äußeren Verfall der katholisch-demokratischen Zentrumspartei beitrug.

In Frankreich hatten die Protestanten dagegen als religiöse Minderheit Jahrhunderte der staatlichen Verfolgung erlebt. Der Mut, sich auch gemeinsam gegen Mehrheiten und staatliches Unrecht zu stellen, war Teil der evangelischen Identität geworden, in den Verfolgungen der anderen erkannte man sich wieder.

Auch die katholische Kirche war durch die Doktrin des Laizismus vom Staat getrennt und teilweise bekämpft worden und einige Bischöfe im besetzten Teil Frankreichs knüpften an ein notfalls widerständiges Bewusstsein an. Das mit Deutschland kollaborierende Vichy-Regime dagegen hofierte die katholischen Oberen - und erreichte prompt ein stärkeres "Stillhalten".

Fazit: Glaubwürdigkeit statt Privilegien!

Die Gerechten von Le-Chambon-sur-Ligne gaben uns ein Zeichen für Mitmenschlichkeit, Mut - und auch religiöse Glaubwürdigkeit. Wo immer sich dagegen Religionsgemeinschaften an das süße Gift staatlicher Privilegien gegenüber Andersglaubenden erst einmal gewöhnt hatten, gewannen sie an äußerlicher Pracht, verloren aber Teile ihrer Seele und vor allem ihre Fähigkeit zum Mitgefühl.

Das Christentum nach der konstantinischen Wende und protestantische Gemeinden nach der Verstaatskirchlichung, aber auch der schiitische Islam im Iran und nationalreligiöse Teile des Judentums in Israel zeigen auf, dass keine Religion (auch nicht eine früher Verfolgter) gegen Gewaltbereitschaft nach innen und außen gefeit ist, wenn sie sich den Versprechen staatlicher Macht erst einmal ausgeliefert hat. Und ausnahmslos hat die "Verstaatlichung der Religion" zu einem mittelfristigen Glaubwürdigkeitsverlust und Verfall nach der subventionierten Scheinblüte geführt.

Religionsfreiheit, die nicht für alle gleichermaßen gilt, höhlt die religiösen Werte und den Frieden zwischen Mehr- und Minderheiten aus. Wem es also wirklich um Glaube, Liebe und Hoffnung geht, der und die wird für seine Gemeinschaft nach Glaubwürdigkeit streben - und nicht (mehr) nach andere ausgrenzenden Privilegien.

Dr. Blume

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