Der Dalai Lama kommt - und er genießt (wie auch die
Süddeutsche Zeitung berichtet), unter Deutschen (wieder) größeres Vertrauen als der Papst. 44 Prozent erkennen im Dalai Lama, 42 Prozent im Papst "ein Vorbild" und der Buddhismus führt knapp vor dem Christentum als am "friedlichsten" geschätzte Religion.
Zu seinen langjährigen Freunden zählt auch Ministerpräsident Roland Koch, der sich mit einer
Einladung und klarem Bekenntnis zum Dalai Lama 2005 sowohl christlich-fundamentalistischen und chinesischen Widerspruch einfing.
Begründete Faszination?
Aber auch innerhalb des Buddhismus gibt es teilweise scharfe Kritik am Dalai Lama. Teilweise wird ihm vorgeworfen, die Religion aus vorwiegend politischen Gründen auf das Niveau von "Kalendersprüchen" herunter zu ziehen. Zudem wird auf vorbuddhistische Elemente in der tibetischen Tradition (z.B. die Verehrung von keinesfalls nur sanften Göttern und Dämonen), auf frauenfeindliche Traditionen und vor allem auf die keineswegs nur friedliche Rolle des tibetischen Staatsbuddhismus hingewiesen.
Denn es ist historisch richtig: die Gelugpa-Schule bildet nicht "den", sondern nur einen Zweig innerhalb des tibetischen Buddhismus, der wiederum viele vor- und nichtbuddhistische Elemente aufgenommen und sich teilweise weit von anderen Traditionen entfernt hat. Die besondere Rolle der Dalai Lamas innerhalb Tibets ging denn auch nicht auf freie Wahl, sondern auf blutige Kämpfe mit konkurrierenden Klostertraditionen zurück, in denen sich die Gelugpa vor allem durch ein Bündnis mit mongolischen Herrschern durchsetzen konnten. So entstand ein strikter Feudalstaat, in dem Massen nahezu rechtloser Bauern massive Abgaben für weltliche Adelige, vor allem aber für riesige Klöster (einschließlich derer Armeen!) zu erbringen hatten. Widerspruch oder gar Widerstand wurden auch mit Berufung auf religiöse Autoritäten gewaltsam unterbunden. Wie das frühe Christentum oder heute
zum Beispiel der schiitische Islam im Iran entwickelte auch der Gelug-Buddhismus nach wenigen Jahrzehnten des Staatskirchentums von einer Kraft der Erneuerung zu einer der Unterdrückung.
Und doch...
...sollte eine faire Würdigung des jetzigen Dalai Lamas differenziert ausfallen. Denn als das kommunistische Regime unter Mao die ausgehandelten kulturellen und religiösen Freiheiten der Tibeter mit dem Anspruch der "Befreiung" (der auch heute wieder verkündeten: Freiheit durch Sozialismus...) beschnitt, Land "kollektivierte" und es zu Aufständen kam, floh er unter Lebensgefahr mit inzwischen zehntausenden Anhängern nach Indien. Und es gelang ihm im indischen Exil, auch gegen erbitterte, interne Widerstände quasi im Schnelldurchgang nur einer Generation der Übergang von der
Staats- und Monopolkirche mit entsprechender Rückständigkeit und Gewaltbereitschaft hin zur
Minderheitenkirche in einem demokratischen Staatswesen mit entsprechender Dialogbereitschaft und Friedfertigkeit, für den andere Religionsgemeinschaften (auch viele christlichen Kirchen) nicht selten Jahrhunderte benötig(t)en. Auch Morde zwischen rivalisierenden Fraktionen und Skandale um Mönche, die sich an Kindern vergangen hatten, wurden schmerzhaft diskutiert und nicht mehr einfach vertuscht, wie es in der Vergangenheit üblich geworden war. Schließlich gehört die Ankündigung, die Rolle der buddhistischen Frauen aufzuwerten, gehört in diese Reihe.
Wenn also sicher auch ein Teil der Dalai-Lama-Begeisterung auf einen bequem-uninformierten Exotismus zurück zu führen ist, so ist es auch andererseits möglich, in ihm ein Vorbild für den
Erfolg von Demut und Reformbereitschaft im religiösen Wettbewerb zu erkennen. Er verkörpert eine Religion, deren Glaubwürdigkeit als Staatsmonopolist verfiel, die aber dann im demokratischen Rahmen und in scheinbarer Schwäche wieder zu den Menschen fand und global erblühte. Dass sich Religion von staatlichen Privilegien und Gewalt lösen und gerade darin moralisch erstarken kann - in dieser Hinsicht kann der Dalai Lama durchaus Vorbild sein.
Hoffen wir, dass auch das sich modernisierende und den religionsfeindlichen Sozialismus zunehmend abstreifende China den Dialog suchen und dem tibetischen Volk mehr Freiheit (gerade auch Religionsfreiheit) gewähren wird.