Ökonomie & Religion

Mittwoch, 16. April 2008

Gibt es in der deutschen Theologie stärkere Vorbehalte gegen Ökonomen?

Nicht selten sind es die kleineren, unauffälligen Debatten, aus denen neue Gedanken erwachsen. So brachte Edgar in der Wissenslogs-Debatte zur Religionstheorie des Wirtschaftsnobelpreisträgers Friedrich-August von Hayek den Begriff der "Wirtschaftstheologie" auf - wobei von Hayek darunter ausdrücklich nicht zu verstehen wäre.

Gibt es aus Unkenntnis verbreitete Vorbehalte deutscher Theologen gegenüber der Ökonomie?

Spannend war aber auch der Beitrag von Basty Castellio, außerhalb des Netzes ein süddeutscher Theologe und Pfarrer. Er hatte mehrere Hayek-Texte und den Hayek-Vortrag Markets and Morals von Oberrabbiner Jonathan Sacks gelesen - und dabei reflektierend auch bei sich antiökonomische Vorurteile festgestellt.

So fragte er hier:
"Den Jonathan Sacks las ich – deutlich dadurch geworden: von Hayek ist nicht für den a-moralischen liberalen Markt. Aber woher kommt das Missverständnis, nicht nur bei mir?"

Meine Vermutung dazu war:

"In Religionsgemeinschaften, die durch Beiträge und Spenden finanziert werden, erwächst ein Ethos der Bewunderung gegenüber wirtschaftlichen Leistungsträgern und Unternehmern, die auch teilen. In den steuerfinanzierten Kirchen und theologischen Fakultäten in Deutschland gilt dagegen eine verächtliche Haltung gegenüber Ökonomen und Ökonomie als schick. Da wurden tausende theologische Arbeiten zu Marx geschrieben, aber nach meiner Kenntnis bislang keine zu Friedrich August von Hayek..."

Theologie & Wirtschaft

Erfreulicherweise gibt es Theologen, die die ökonomische Unkenntnis zu durchbrechen versuchen und auch die Evangelische Akademie Bad Boll, deren Kuratorium ich angehöre, setzt hier einen Schwerpunkt und vermittelt z.B. Dialoge, Vikaren Einblicke ins Wirtschaftsgeschehen etc.

Warum ich das wichtig finde?

Zum einen erforschen Ökonomen entgegen gängigen Klischees längst nicht mehr nur, wie man Geld möglichst gewinnbringend investiert - die Ökonomie ist vielmehr eine der Disziplinen, aus denen die stärksten Innovationen in den Bereichen Selbstorganisation, Kommunikationsprozesse und Spieltheorie stammen. Umgekehrt verfällt sie jedoch allzu oft in rationalistische Engführungen und die Versuchung, ihre theoretischen Modelle für Realität zu halten - eine Entwicklung, die Friedrich August von Hayek beklagte und gegen die er (bislang ohne großen Erfolg) eine Öffnung der Disziplin zur Evolutionstheorie anregte. Auch Ökonomen sind immer wieder verblüfft, dass schon in seinen frühen Schriften (aufbauend auf Walter Eucken) Religionsfreiheit Teil seines Denkens war und der Einsatz für diese für ihn zum Beginn der liberalen Bewegung zählte.

Die Anzeichen auf einen engen, wechselwirkenden Zusammenhang von Religionsfreiheit und anderen, auch wirtschaftlichen, Freiheiten verdichten sich. Der Dialog zwischen Ökonomie und Religionswissenschaft steht aber noch am Anfang. Steigen Sie mit ein!

Es läge m.E. gerade auch an den Theologien und Religionswissenschaften, hier stärker einzusteigen - auch, damit es nicht länger unfreiwillig komisch wirkt, wenn Theologen hilflos Wirtschafts- und Finanzskandale kommentieren, die sie ganz offensichtlich kaum verstehen.

In einer Welt, in der die Schicksale von Menschen sowohl durch Wirtschaft wie Religionen längst weltweit im Guten wie im Bösen eng verknüpft sind, braucht es überzeugend verbindende Denker. Rabbiner Sacks hat gezeigt, dass es geht - und ich hoffe nach wie vor, dass er auch unter Christen und Muslimen deutscher Sprache Nachahmer finden wird.

Freitag, 16. November 2007

Die Value of Children (VOC) und der Bedeutungszuwachs der Religion(en)

Noch ignorieren es die Naturwissenschaften, namentlich die noch immer im Malthusianismus steckenden Biologen: aber aufgrund der empirischen Befunde haben sich in der Bevölkerungswissenschaft (wie von Adam Smith entworfen) nach einem soziologischen Zwischenspiel ökonomische Modelle durchgesetzt. Sie erkennen in der Frage der Elternschaft ein ökonomisches Entscheidungsproblem, in dem aber auch nichtmaterielle Werte in die Waagschale geworfen werden. Entsprechend lassen sich die Ansätze unter dem Kürzel "VOC" - Value of Children ("Wert von Kindern") zusammenfassen.

So ist es möglich, ökonomischen VOC-Erwägungen (Kinder als Altersversorgung, Arbeitskräfte) von emotionalen bzw. psychologischen VOC (Kinder bringen Freude, stärken die Familienbande) und schließlich normativen und also auch außerweltlich (transzendent) begründeten VOC (Pflicht gegenüber Ahnen, Gott, Familiennamen weiterführen etc.) zu unterscheiden.

Der demografische Value of Children-Ansatz untersucht, welche Wertargumente (potentielle) Eltern für Kinder benennen. Hier sind drei Dimensionen unterschieden.

Wie schon bei Herwig Birg von 1991 stieß ich auch bei Eckart Volands "Fortpflanzung: Natur und Kultur im Wechselspiel" (suhrkamp 1992) auf seit langem ruhende Schätze, hier insbesondere eine sorgfältige, empirische Arbeit von Bernhard Nauck "Fruchtbarkeitsunterschiede in der Bundesrepublik und in der Türkei. Ein interkultureller und interkontextueller Vergleich". So konnte Nauck, aufbauend auf Daten von Kagitcibasi, aufzeigen, wie sich die VOC türkischer Frauen von 1982 je nach dem Entwicklungsstand ihrer Wohnregion unterschied.

Die VOC von Frauen in der Türkei, nach Entwicklungsstand der Wohnregion 1982. In den noch agrarisch geprägten Regionen sprechen viel mehr ökonomische Gründe für Kinder, in den Großstädten gewinnen Emotionen und schließlich normative, d.h. auch religiöse Aspekte an relativem Gewicht für die reproduktive Entscheidung.

In den noch agrarisch geprägten Regionen sprechen viel mehr ökonomische Gründe für Kinder - 1983 erreichten die östlichen (anatolischen) Regionen der Türkei noch eine Geburtenrate von 6,5. Aus ökonomischer Sicht sind aber auch Töchter (die mit der Heirat den Hof verlassen) meist weniger lohnend als Söhne, von denen als Hoferben oder Wanderarbeiter auch eine direkte Unterstützung der Eltern erwartet werden kann. Die dominierende Familienform ist also die patriarchale Großfamilie.

In den Großstädten gewinnen Emotionen und schließlich normative, d.h. auch religiöse Aspekte an relativem Gewicht für die reproduktive Entscheidung - die sich dynamisch entwickelnde West-Türkei verzeichnete 1983 nur noch 2,7 Geburten pro Frau, in 2005 ist die Geburtenrate der Gesamttürkei sogar auf 2,2 gesunken. Denn in post-agrarischen Gesellschaften werden Kinder zunehmend von einem Ertrags- zum Kostenfaktor, sie werden seltener gewählt. Dafür werden sie aber als emotionaler und normativer "Gewinn" erlebt und entsprechend stärker gefördert. Hier haben wir also die Entwicklung zur neolokalen (sich agrar-unabhängige Wohnsitze schaffenden) Kleinfamilie mit mehr individueller Freiheit und stärkerer Gleichberechtigung der Geschlechter.

Zugleich gewinnen aber religiöse Gemeinschaften in zweifacher Hinsicht an Bedeutung: sie orientieren, wo traditionelle Zwänge und damit Wege nicht mehr bestehen. Und sie wirken sich reproduktiv stärker aus, da mit dem Wegfall ökonomischer Gründe das relative Gewicht normativer Familienbegründungen deutlich ansteigt.

Dieser Befund passt hervorragend nicht nur zur weltweiten Situation, sondern auch zur Geschichte der menschlichen Demografie - und erklärt auch, warum religiöse Vergemeinschaftung (also die Stärkung des normativen Faktors) in der Evolution des Menschen belohnt wurde - und belohnt wird.

Samstag, 10. November 2007

Spieltheorie & Vergemeinschaftung aus Glauben

In der Diskussion zur Gruppenselektion kritisierte Kunar mit Verweis auf die Spieltheorie die vermeintliche Rechtfertigung egoistischen Verhaltens durch die evolutionstheoretische Hypothesen Richard Dawkins.

Bisher nur in diesem Seminarvortrag angesprochen, gibt mir dieser Kommentar die Möglichkeit, auch im Blog das Thema einmal anzuschneiden.

Belohnt die Evolution Egoismus?

Dies ist ein Missverständnis, zu dem freilich nicht wenige Evolutionstheoretiker ihren Teil beigetragen haben. Auch Dawkins versucht sich in seinem Buch Gotteswahn z.B. davon zu distanzieren, dass der betrügerische Enron-Chef sich ausdrücklich auf sein Konzept und Frühwerk des "egoistische Gens" berief und meinte, dies habe ihm als Orientierung gedient.

Vielleicht sieht man sich im Leben mehr als einmal...

Kunar hatte dagegen den Aspekt der Wiederholungen (im spieltheoretischen Sprachgebrauch "iterierende Spiele" genannt) angeführt. Wenn sich die Gelegenheit zu einer Kooperation wiederhole, kann sich demnach frühe Kooperationsbereitschaft für alle Seiten lohnen, wogegen Nicht-Kooperierende abgestraft werden könnten.

Alexander Schmackpfeffer, ein befreundeter Bauingenieur, schilderte mir neulich eindrücklich, welche unterschiedlichen Herausforderungen sich im Brückenbau und im Hochbau ergeben können.

So wird der Brückenbau gewöhnlich als ein Gewerk von einem Firmenkonsortium erstellt. Das heißt: die Arbeitergruppen verschiedener Firmen arbeiten mehrere Monate zusammen und weil jeder mal die Hilfe des anderen brauchen könnte, besteht schnell eine hohe und unkomplizierte Kooperationsbereitschaft. Es entsteht ein Teamgeist, der noch dadurch verstärkt wird, dass die Mitwirkenden häufig vor Ort wohnen. Ein Bauleiter tut gut daran, sich als Teil dieses Teams zu verstehen und einzubringen.

Im Hochbau dagegen werden für Gebäude oft Dutzende Gewerke an verschiedenste Unternehmen der näheren und ferneren Umgebung vergeben. Jeder hat zunächst nur sein Gewerk im Blick und die Bereitschaft zur Kooperation ist eher niedrig, da man nur begrenzte Zeit vor Ort ist und sich mit höchster Wahrscheinlichkeit kaum wieder sieht. Die Folge: Es entsteht auch an einer großen Baustelle sehr viel seltener Teamgeist, oft werkeln die einzelnen Gruppen eher mißtrauisch für sich. Hier muss also Bauleitung ganz anders auftreten, moderieren, ggf. aber auch Kooperation erzwingen.

Dieses Beispiel gefällt mir auch deswegen so gut, weil es aufzeigt, dass es also nicht (nur) auf die moralische Qualität der Beteiligten ankommt, sondern auch auf den Rahmen, in dem sich Verhalten entfaltet. Auch beim Gutmütigsten bleiben Narben, wenn die Resultate von Kooperation überwiegend nur auf die eigenen Kosten gingen, vielleicht sogar der Ruf von Naivität ("Mit dem kann man's machen!") entsteht. Umgekehrt kann auch mancher Egoist lernen, dass Erfolg über vertrauensvolle Kooperation entsteht.

Zwei spieltheoretische Wirkwege von Religionsgemeinschaften

Soll ich kooperieren oder nutzt mich mein Gegenüber aus? Gemeinsame Glaubensüberzeugungen können helfen, dieses spieltheoretische Dilemma zu überwinden - ein wichtiger Baustein der Evolution von Religiosität.

Die Wirkung von Religionsgemeinschaften wird damit spieltheoretisch gleich zweimal fassbar: einmal vernetzen sie die Handelnden untereinander z.B. über regelmäßige Gottesdienste und erhöhen damit die Belohnungen für Kooperationen (z.B. Wohlwollen, Reputation) sowie die Bestrafungen für Nicht-Kooperationen (z.B. Verachtung). Diesen Effekt können auch säkulare Gemeinschaften wie Vereine, Lions-Clubs, Rotarier etc. erzielen.

Religionsgemeinschaften schalten aber zusätzlich eine transzendente Ebene ein: im gemeinsamen Glauben werden Werke der Liebe und Kooperation, wenn nicht im Diesseits, dann doch im Jenseits belohnt, Egoismus und Betrug dagegen bestraft. Und teure Aufwendungen (Rituale, Opfer an Zeit und Geld, Kleidungs- und Speisevorschriften etc.) dienen der Abschreckung von Trittbrettfahrern, die den Glauben nur heucheln, um an Kooperationschancen in der Gruppe zu gelangen.

Fazit

Aus heutigem evolutions- und spieltheoretischem Erkenntnisstand kann das "egoistische Gen" also bestenfalls als ergänzende Perspektive, keinesfalls aber mehr als ausreichende und schon gar nicht als normative Beschreibung des Evolutionsprinzips verstanden werden. Evolutionsprozesse entfalten sich über Erfolg: und der hatte und hat eben sehr viel öfter mit Modellen der Kooperation als mit blankem Egoismus zu tun.

Donnerstag, 11. Oktober 2007

Robert Malthus versus Adam Smith

Wahrscheinlich gibt es wenig Kontroversen, die die Geschichte der Wissenschaft bis in unsere Zeit so prägten wie die unterschiedliche Betrachtung der menschlichen Demografie durch die beiden Ökonomen Adam Smith und Thomas Robert Malthus.

Zwei unterschiedliche Perspektiven auch auf die menschliche Demografie, mit tiefgreifenden Folgen für Biologie, Sozial-, Geistes- und Religionswissenschaften: Adam Smith und Thomas Robert Malthus.

Bis heute dominiert in der Biologie des Menschen der "malthusianische Fehler", den schon der Mitentdecker der Evolutionstheorie Alfred Russel Wallace noch kurz vor seinem Tod 1913 als "die größte Täuschung von allen" erkannte, aber nicht mehr wirksam widerrufen konnte.

Malthus hatte Bruchsteine seiner These bei Adam Smith "geborgt", dessen "Wohlstand der Nationen" (1776) lange vor dem "Bevölkerungsgesetz" (1798) erschien, die Beobachtungen Smiths jedoch geradezu verdreht.

Smith

So hatte Smith (der auch selbst keine Familie gründete) angenommen, dass menschliche Erwachsene regelmäßig ihre Reproduktion vorausplanten. Er erklärte due Bevölkerungsverdopplung innerhalb von 25 Jahren in den nordamerikanischen Staaten mit dem hohen Bedarf an Arbeitskräften: die Löhne waren so hoch, dass eine große Kinderschar für Reichtum in der Familie sorgte. Auch alleinerziehende Mütter mit mehreren Kindern seien daher begehrte Partien gewesen. Mit Rückgang dieser ökonomischen Ausnahmesituation würde sich, so Smith, auch das Bevölkerungswachstum wieder verlangsamen: eine Voraussage, die eintraf.

Malthus

Was aber machte Malthus aus der Geschichte? Er, der in einer armen Landgemeinde mit großen Familien desillusioniert worden war, entwickelte eine pessimistische Sicht auf den Menschen. Dabei übernahm Malthus das Smithsche Beispiel, verdrehte aber seine Bedeutung ins glatte Gegenteil: diese außergewöhnliche, agrarische Bevölkerungsexplosion wurde bei ihm zum Standardbeispiel reproduktiven Verhaltens, Menschen verdoppelten sich (wenn ungebremst) exponentiell alle 25 Jahre. Denn die menschliche Reproduktion werde vorwiegend von mächtigen Trieben gesteuert, wie bei Tieren und Pflanzen auch.

Die niedrigen Geburtenraten von Jägern und Sammlern erklärte Malthus mit deren vermeintlichem Elend. Und die ihm vorliegenden Daten des deutschen Demografen (und evangelischen Probstes) Johann Süßmilch verkürzte er ebenfalls, um sie seiner Theorie "passend zu machen".

Die Folgen

Mit diesem "Argument" erreichte Malthus unter anderem die Einschränkung der Armenspeisung: denn diese zu versorgen bedeute ja, nur noch mehr Kinder zu ermöglichen. Später (und bis heute) würden sich Rassisten, Eugeniker und Hobbydemografen auf ihn berufen, um Maßnahmen gegen Fremde, Minderheiten, Arme und behinderte Menschen zu fordern, Grausamkeiten und Krieg zu rechtfertigen.

Genau dies bemerkte Wallace kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges noch und wies in diesem Interview darauf hin, dass der Mensch, wenn wohlhabend und gebildet, seine Reproduktion drosseln werde und es also keinerlei biologischen Grund für Krieg, Eugenik etc. geben müsse.

Wissensstand

Obwohl die malthusianische These derzeit völlig erkennbar auch in Deutschland nie zutraf und empirisch wieder und wieder belegt wurde, hält sie sich bis heute. Auch dass die menschliche Demografie inzwischen eine ganz klar ökonomische Disziplin geworden ist, die mit der Vorausplanung der Menschen arbeitet, hat den malthusianischen Irrtum bislang nicht aus der Biologie entfernen können.

Malthus in der Biologie

Der Grund: sie war genau der Baustein, den Malthus und Darwin benötigten, um die Evolution der Pflanzen und Tiere zu erklären! Wenn sich diese exponentiell vermehrten und stets die "Fittesten" "überlebten", dann war der Selektionsprozess verstanden. Und von hier, von den Pflanzen und Tieren, wurde diese Erkenntnis wiederum auf den Menschen rückübertragen. Bis heute glauben die meisten Biologen, gegen alle Daten, dass auch der Mensch dem "biogenetischen Imperativ" unterliege und sein Reproduktionsverhalten genetisch maximiert werde.

Mein persönlicher Forschungsansatz aber ist, dass mit der Entwicklung des Stirnhirns die Vorausplanung eintrat - und sich die genetische Struktur darauf logischerweise nicht "vorbereiten" konnte. Mit dem Überschreiten dieser demografischen Schwelle wurde menschliche Reproduktion eine wirtschaftliche und wertebezogene Entscheidung - und die Evolution der Religion(en) erfolgte, weil religiöse Glaubensauffassungen in mehr Kindern (reproduktivem Erfolg) resultieren konnten. Dies ist auch heute noch der Fall!

Lebendgeburten pro Frau nach Religionszugehörigkeit, Schweizer Zensus 2000, alle Kategorien. Es zeigt sich, dass "alle" religiösen Gemeinschaftskategorien durchschnittlich deutlich mehr Kinder erreichen als die Konfessionslosen.

Heutiger Stand

Es ist kein Zufall, dass mit Friedrich August von Hayek ein Wirtschaftsnobelpreisträger als erster einerseits den malthusianischen Irrtum erkennen und andererseits die reproduktive Funktion von Religion(en) erkennen würde. Und dennoch fürchte ich, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis sich ein realistischeres Bild des Menschen sowie bessere Begriffe und Theorien auch in der Biologie durchgesetzt haben werden...

Mittwoch, 22. August 2007

Die Rückkehr der Religiosität - jetzt auch in Schweden

Die Theorie religiöser Märkte wird inzwischen nicht nur von Soziologen wie Michael Zoeller (hier) und Ökonomen wie Rainer Hank (hier) auch in Deutschland zunehmend als theoretisch interessant diskutiert - es sammeln sich auch immer mehr Belege.

Wo ein religiöses Monopol wie z.B. in Griechenland oder der Türkei oder ein Kartell, wie derzeit noch in Deutschland, herrscht, werden Minderheiten ausgegrenzt, es dominiert das Kollektiv. Echte Freiheit entsteht dort, wo ein fairer, auch religiöser Wettbewerb entstanden ist und Vielfalt wirklich toleriert, ja geschätzt wird. (Klick führt zum Hayek-Vortrag Potsdam mit religionsdemografischen Daten.)

Ein neueres Beispiel ist Schweden, eindrücklich beschrieben in diesem Beitrag des Wall Street Journal.

Über Jahrzehnte das Vorzeigeland fortschreitender Säkularisierung, mit einer sich leerenden Staatskirche und moderner Sozial- und Familienpolitik, hat sich zum Jahr 2000 die evangelische Kirche (teilweise und bei Beibehaltung der meisten Privilegien) doch aus dem Staatsverband gelöst und begonnen, in den langsam zunehmenden, religiösen Wettbewerb wieder einzutreten.

Und vor wenigen Monaten brach (die schwedische Öffentlichkeit überraschend) um Bibeln in Hotelzimmern eine Debatte aus, die vor allem von aufstrebenden Freikirchen bestritten und glatt gewonnen wurde.

Persönlich bin ich der Auffassung, dass die Theorie des religiösen Marktes dann hervorragend trägt, wenn sie mit dem demografischen Erfolg von Religionsgemeinschaften (siehe Vortrag zu den Hayek-Tagen dazu) kombiniert wird. Will heißen: der religiöse Wettbewerb dreht sich nicht um als fix gedachte "religiöse Bedürfnisse", sondern ganz konkret um Erfahrungen und Lebensorientierung, die sich dann auch demografisch auswirken (siehe empirische Daten hier).

Entsprechend wächst die Religiosität und religiöse Vielfalt in den säkularen Ländern a) durch die Schrumpfung säkularer im Vergleich zu religiös entschiedenen Populationen von Inländern (siehe eine ALLBUS-Auswertung Deutschland hier) und b) durch internationale Zuwanderer, die zu einem immer höheren Anteil ebenfalls religiös sind und den religiösen Markt um neue Gemeinschaften erweitern.

Entsprechend verfallen die unterjüngenden säkularen und als Monopole verwöhnten Religionsgemeinschaften, während die aufstrebenden Gemeinschaften nicht nur mehr eigene Familien begründen, sondern (auch gerade dadurch) weitere für sich gewinnen.

Das kontinentale Modell säkular-absterbender Staatsmonopole (derzeit auch zu besichtigen im Iran) wird abgelöst durch das angelsächsische Modell wettbewerblicher Vielfalt (derzeit gegen zunehmend zermürbte Nationalisten sich auch durchsetzend in der Türkei). Auch in Zukunft wird gebetet werden - nur deutlich öfter, bunter und teilweise auch fundamentalistischer, als wir es bislang gewohnt waren...

Samstag, 28. Juli 2007

Zeitpräferenzrate und Religiosität

Zu den originellen Beobachtungen aus dem Bereich der Ökonomie zum Phänomen der Religion(en) gehört die These vom Zusammenhang von Religiosität und Zeitpräferenz, wie sie beispielsweise Richard Reichel in Wertewandel, gesellschaftliche Zeitpräferenz und Kirchenaustritte im 20. Jahrhundert vertritt.

Die (signifikanten) Korrelation zwischen Austritten aus den evangelischen Landeskirchen und dem Zinsniveau nach Richard Reichel. Ein origineller Beitrag zum Dialog von Ökonomie und Religion(swissenschaft)!


Die These dieses Zusammenhangs verknüpft zwei Beobachtungen:

1. Es gibt unter Menschen eine große Bandbreite der Variable "Zeitpräferenz" - einige tendieren zu sehr zeitnahem Konsum (höhere Zeitpräferenz, d.h. auch niedrigere Sparneigung), wogegen andere stärker bereit sind, jetzigen Bedürfnissen zugunsten späterer Erwägungen zu entsagen (niedrige Zeitpräferenz, auch höhere Sparneigung).

2. Bei religiösen Menschen ist zu beobachten, dass sie durchschnittlich niedrigere Zeitpräferenzen vertreten, d.h. im Hinblick auf zukünftige (wenn nicht sogar jenseitige) Erwartungen auch gegenwärtigen Konsum einschränken.

Richard Reichel vermutet auf dieser Basis eine nicht-zufällige Wechselwirkung hoher Zinsen und hoher Kirchenaustrittsraten: in Zeiten, in denen das gesellschaftliche Klima zum direkten Konsum (und sei es auf Kredit auch mit höheren Zinsen) tendiere, seien Kirchen weniger gefragt als in Zeiten, in denen auch Sparen und also Konsumverzicht (und damit insgesamt niedrigere Nachfrage nach Krediten und also niedrigere Zinsen) die Gesellschaft prägten.

Durchaus konvergenter Aspekt

Mir erscheint dieser Zusammenhang in einem gewissen Umfang durchaus plausibel: religiöse Kulturen predigen regelmäßig auch Konsumverzicht und ein (v.a. im Hinblick auf Familien) nicht-verschwenderisches, verantwortliches Handeln. Zudem passt auch diese Theorie zur menschlichen Hirnentwicklung, nach der das Auftreten von Religiosität sowohl beim Homo Sapiens wie beim Neandertaler auf ein starkes Anwachsen des präfrontalen Cortex (zuständig u.a. für Abwägen und Impulskontrolle) folgte. Jetzt erst wurde der Mensch zu so etwas wie "bewusstem Nein auch zu starken Wünschen" fähig, sei es in ökonomischer oder sexueller Hinsicht.

Beim modernen Menschen wuchs das Stirnhirn und hier vor allem der präfrontale Cortex, der u.a. Vorausplanung, (moralische) Abwägungen, Impulskontrolle und die Konstruktion von Identität bewerkstelligt. (Klick führt zum Lexikon eines Facharztes über den präfrontalen Cortex.)

Also, ja, ein guter Teil der biologischen Wirkung vergemeinschafteter Religiosität besteht im Nein zu oder wenigstens Aufschub von Optionen - allerdings im Hinblick vor allem auch auf Themen wie Sexualität vor oder neben der Ehe, die stärker in Richtung Reproduktion bzw. Demografie als (nur) ins Ökonomische zielen. Das bloße Anhäufen von Reichtümern wird sogar meist ausdrücklich verdammt und der Verzicht auf oder gar der Mord an Kindern aus ökonomischen Gründen findet zunehmenden Widerspruch. So appelliert der Koran an die Eltern (Sure 17:31): "Tötet eure Kinder nicht aus Furcht vor Armut; Wir sorgen für sie und für euch."

Beispielhaft erwähnt sei auch der Rat Jesu: "Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen." (Mt 6,31 f.)

Erst aus der demografischen Perspektive wird der Zusammenhang einsichtig: weil religiöse Menschen durchschnittlich deutlich häufiger Familien mit (mehr) Kindern gründen als ihre säkularen Nachbarn, wird auch darin und dadurch eine Neigung zum Konsumverzicht gefördert. Es gilt, fortan mehr hungrige Mäuler zu stopfen und früher waren die Kinder zudem die primäre Form der Altersversorgung - die Eltern konnten also die Hoffnung haben, für den Konsumverzicht in Zukunft eine Gegenleistung zu erfahren.

Gerade in entwickelten, marktwirtschaftlichen Gesellschaften erfüllen jedoch Kinder heute auch diese ökonomische Sparfunktion kaum mehr - im Gegenteil. In entwickelten Marktwirtschaften mit Kapitalmärkten spart ökonomische Ressourcen, wer keine Kinder mehr bekommt, sondern das Geld gewinnbringend anlegt bzw. schließlich für den Eigenkonsum ausgibt. Insbesondere für junge Leute kann es (und hier weiß ich aus Erfahrung, wovon ich spreche (-; ) ökonomisch höchst unvernünftig (und dennoch ggf. richtig!) sein, den Kinderwunsch vor das ökonomische Sparen zu stellen. Empirisch messbar entscheiden sich religiöse Menschen hierbei häufiger für Kinder, gehen also über das rein ökonomische Kalkül hinaus.

Der Zusammenhang von Religiosität und (ökonomischer) Zeitpräferenzrate erweist sich damit als ein interessanter und teilweise zutreffender Aspekt, erfasst aber für sich noch nicht die Fülle religiöser Wirkwege. Religionen befassen sich mit Fragen der Zeit und Ökonomie und orientieren ihre Mitglieder auf entsprechende "Investments" anstelle sofortigen Konsums, aber Themen rund um Sexualität, Familien und Gemeinschaftspflege spielen dabei regelmäßig sehr viel bestimmendere Rollen als Geld- und Zinsfragen.

Sie erweisen sich sogar in der Lage, auf verschiedene Bedingungen zu reagieren: sie fördern Kinder, wenn diese als Altersversorgung dienen (die Ökonomie also "Kinder als Anlage" und damit eine niedrige Zeitpräferenzrate nahelegt), als auch in modernen Gesellschaften, in denen Kinder keinen wirtschaftlichen Ertrag mehr bringen, sondern um des Kinderwunsches selbst angestrebt werden (wir es, ökonomisch gesehen, also mit einer absehbaren Kostenentscheidung gegen Sparvermögen und also hoher Zeitpräferenzrate zu tun haben).

Den von Richard Reichel im Deutschland des 20. Jahrunderts empirisch beobachteten Zusammenhang zwischen Zinsniveau und Kirchenaustritt würde ich daher auch nur zu einem kleineren Teil auf gesellschaftliche Werteprozesse zurückführen: stärker scheint mir die Deutung angebracht, dass manche Häuslebauer und sonstige Schuldner angesichts steigender Kreditzinsen dringend ihre monatlichen Belastungen reduzieren mussten. Wenn die Kirchenbindung schon zuvor nachgelassen hatte (wie es nach religiösen Monopolen und Kartellen regelmäßig der Fall ist), war die Einsparung der Kirchensteuer durch Austritt dazu eine naheliegende Möglichkeit. Ihre Zukunft sichern Religionsgemeinschaften weniger (wie Herr Reichel anregt) durch kluge Kapitalanlagen, als vielmehr durch Kinderreichtum und (auch dadurch) eine dynamische, einladende Ausstrahlung.

Montag, 23. Juli 2007

Ökonomie-Demografie: Entwicklung der Geburten nach künstlicher Befruchtung in Deutschland

Manchmal trifft man auf Bestätigungen für wissenschaftliche Hypothesen, wo man sie nie vermutet hätte - und die einen doch auch zu weitergehendem Nachdenken bringen. Gestern war wieder so ein Tag, als ich die aktuelle Bild der Wissenschaft (08/2007, S. 43) durchblätterte.

Wie Leser dieses Blogs vielleicht wissen, erforsche ich den Zusammenhang menschlicher Demografie und der Evolution von Religiosität und gehe maßgeblich davon aus, dass auf den nur ökonomisch rationalen Mensch evolutiv Religion folgen musste, da religiöse Menschen auch transzendente Zusatzargumente für Kinder gelten lassen und also evolutionsbiologischen Erfolg verzeichnen.

Ein Kind als auch maßgeblich ökonomische Entscheidung?

Ökonomische Theorien der Demografie stellen also Kosten- und Nutzenfunktionen potentieller Eltern eines (weiteren) Kindes gegenüber und können vor diesem Hintergrund etwa auch Verhütung und Kindesaussetzung beginnend bei Wildbeutervölkern wie auch etwa den biblischen Bericht zum Kalkül des Onan, vor allem aber auch den starken Geburtenrückgang in freiheitlich-kapitalistischen Gesellschaften, in denen Kinder mehr Kosten als Arbeits- und Vorsorgenutzen verursachen, erklären. Es wird auf dieser Basis verstehbar, warum sich bei sonst gleichen, wirtschaftlichen Verhältnissen empirisch belegt religiöse Menschen durchschnittlich früher und häufiger für Kinder entscheiden. Religion(en) bieten Motivationen über die rationale Ökonomie hinaus.

Ein rein ökonomisch rationaler Mensch wird durchschnittlich weniger Kinder haben als einer, der transzendent begründete Zusatzargumente für ein Leben mit Ehe und Kindern gelten lässt. (Klick führt zu einem entsprechenden Vortrag vor dem Eucken-Institut.)

Entwicklung von Geburten nach künstlicher Befruchtungen, vor und nach der Kostenübernahme

Nun hat das Deutsche IvF-Register (IvF = In-Vitro-Fertilisation, d.h. künstliche Befruchtung) Daten vorgelegt, die eindrucksvoll aufzeigen, wie sich ökonomische Veränderungen auf die Realisierung von Kinderwünschen auswirken können: seit Januar 2004 übernehmen die Krankenkassen nur noch die Hälfte der Behandlungskosten von durchschnittlich 10.000 Euro.

Das Ergebnis:

Geburten nach künstlicher Befruchtung in Deutschland. Datenquelle: Bild der Wissenschaft 08/2007 nach Deutsches IvF-Register 2006. Man beachte den Einfluss der halbierten Kostenübernahme durch die Krankenkassen zum Januar 2004.

Wir können klar erkennen, wie zum Jahr 2003 (in dem die Kosten noch voll übernommen wurden) ein Rekordstand und also ein Vorziehen des mit medizinisch-technologischer Hilfe realisierten Kinderwunsches erfolgte. In den nachfolgenden Jahren brachen die Geburten aufgrund künstlicher Befruchtung dagegen ein.

Die Grundannahme, dass der Mensch auch ökonomisch über Kinderwünsche entscheide, wird damit eindrucksvoll bestätigt.

Zwischengedanken: Ethik

Rein deskriptiv gesehen, belegen diese Daten also eindrucksvoll, wie stark gerade auch familienbezogene Entscheidungen (weiterhin) von ökonomischen Rahmenbedingungen abhängen. Beklemmend deutlich wird aber auch, dass sich hinter diesen Zahlen je Biografien und Entscheidungen verbergen, die sich jeder vorschnellen Kategorisierung vollziehen. Haben Menschen ihre reproduktiven Entscheidungen verändert, weil sie sich die Behandlung nicht mehr leisten konnten? Weil ihnen andere Prioritäten wichtiger waren? Ist die Absenkung angesichts einer noch wachsenden Weltbevölkerung zu tolerieren? Oder wären nicht gerade Wunschkinder häufiger lohnende "Investitionen" auch für die Gesellschaft und sogar die Kassen? Was würden Sie davon halten, wenn Religionsgemeinschaften den Kinderwunsch ihrer Mitglieder bezuschussen würden? Wäre das ein skandalöses Verzwecken menschlichen Lebens auf die eigene Mitgliederbasis hin? Oder mitmenschliche und zusätzlich gemeinschaftlich kluge Hilfe?

Fazit

Da dieser Blog der empirischen Wissenschaft gewidmet und ist und auch mangels entsprechenden, medizinisch-psychologischen Sachverstandes möchte ich die hier beschriebende Entwicklung nicht abschließend werten. Aber er erscheint mir doch als ein weiterer, starker Beleg dafür, dass der Mensch (und aufgrund seiner Hirnentwicklung nur der Mensch) reproduktive Entscheidungen nach auch ökonomischer Vorabwägung trifft.

Religiosität und religiöse Vergemeinschaftung werden auf dieser Basis als biologische Erfolgsfaktoren verstehbar.

Gleichzeitig wird aber (so hoffe ich) auch deutlich, dass jedes Nachdenken über die menschliche Biologie und Demografie auch immer mit ethisch-normativen Fragen verbunden bleibt und bleiben sollte.

Donnerstag, 19. Juli 2007

Die Theorie des religiösen Marktes

Durch einen Tip bin ich auf den hochkarätigen Blog Wirtschaftliche Freiheit gestossen, der mit Artikeln von renommierten Ökonomen bestückt wird.

Und prompt fiel mir der spannende Artikel von Rainer Hank zu Die säkulare Täuschung: Anmerkungen zur Theorie religiöser Märkte ins Auge.

Die Theorie vom Markt der Religionen...

...hat soviel Erklärungs- und Sprengkraft, dass sie von ihren Gegnern meist besonders heftig attackiert wird. Es freute mich daher ungemein zu lesen, dass es heute noch (und wieder) Ökonomen gibt, die den Mut haben, diesen Ansatz weiter zu verfolgen!

Worum geht es? Kritiker des "religiösen Marktes" werfen natürlich schnell ein, jetzt solle wohl auch noch die Religion "ökonomisiert" und "verwertet" werden. Dabei ist das komplette Gegenteil der Fall:

Die Theorie des religiösen Marktes nimmt stattdessen einfach Ernst, dass Menschen sehr unterschiedliche religiöse Bedürfnisse haben: die eine sucht vielleicht eine intensive und verbindliche Gemeinschaft, der andere eher unverbindliche Anregungen für die persönliche Sinnsuche in frei gewählten "Auszeiten", eine dritte die Betonung von Familienwerten, ein vierter Denkwege und Rituale für die individuelle Erlösung etc.

Die Überlegung ist jetzt: wenn es nur einen oder sehr wenige entwickelte Anbieter gibt (also ein Monopol oder Kartell herrscht), werden sich auf Dauer mangels geeigneter Angebote "weniger" Menschen religiös betätigen als wenn es eine Angebotsvielfalt gibt, die auch ganz unterschiedliche Menschen anspricht.

...entsteht durch und dient der Freiheit der Menschen

Es geht also gerade darum, den Menschen davor zu schützen, von (monopolistisch herrschenden) Institutionen verzweckt zu werden, sondern ihm umgekehrt zu erlauben, in Freiheit selbst zu entscheiden, ob und wo sie oder er sich religiös betätigen. Und damit werde, so die Theorie, auch die Qualität der Anbieter verbessert: denn Gemeinschaften, die sich "am religiösen Markt" behaupten müssten, könnten nicht mehr einfach mit den Mächtigen kuscheln und die einfachen Leute verachten, sondern müssten sich darauf konzentrieren, überzeugend und glaubwürdig zu sein.

Wo ein religiöses Monopol wie z.B. in Griechenland oder der Türkei oder ein Kartell, wie derzeit noch in Deutschland, herrscht, werden Minderheiten ausgegrenzt, es dominiert das Kollektiv. Echte Freiheit entsteht dort, wo ein fairer, auch religiöser Wettbewerb entstanden ist und Vielfalt wirklich toleriert, ja geschätzt wird. (Klick führt zum Hayek-Vortrag Potsdam mit religionsdemografischen Daten.)

Hank formuliert prägnant: "Je offener und wettbewerblicher eine Gesellschaft religiösen Angeboten ihren Raum lässt, die religiöse Nachfrage der Bürger zu befriedigen, umso dynamischer wird das religiöse Leben ausfallen."

Und inzwischen spricht eine wachsende Zahl empirischer Befunde dafür, dass dieser Zusammenhang tatsächlich besteht - etwa die anhaltend religiöse Lebendigkeit der USA oder Indiens gegenüber dem Verfall religiösen Lebens zum Beispiel im Iran. Auch die Entwicklung Südamerikas und Europas kann so erklärt werden: durch Monopol- und Kartellkirchen sowie atheistische Ideologien lange unterdrückt, bricht sich jetzt gerade auch durch die (in Europa v.a. demografisch !) wachsende Vielfalt Religiosität zunehmend wieder Bahn und führt zu einer merkbaren, diesmal pluralen Wiederbelebung von Religiosität. Erste Angebote von Freikirchen, Islam oder Buddhismus sind inzwischen in fast allen Großstädten Deutschlands zu finden und wecken auch die "etablierten" (und rechtlich noch klar privilegierten) Kirchen zunehmend aus ihrer Trägheit.

Erweiterung um die reproduktive Funktionalität

In einem gewissen Sinne muss man die Theorie des religiösen Marktes nur noch (wie auch von Friedrich August von Hayek vermutet) um den reproduktiven Nutzen ergänzen: dauerhaft erfolgreiche Religionsgemeinschaften zeichnen sich durch ebenso verbindliche wie lebensnahe Familienmodelle aus und erreichen so weit überdurchschnittliche Geburtenraten. Dann wird auch klar, warum Homo Oeconomicus das Beten lernte - wer religiös ist, ist (natürlich nur durchschnittlich) biologisch klar im Vorteil. Das gilt über indirekte Verwandtenselektion sogar häufig für Märtyrer und Menschen im Zölibat.

Oder, in Kurzform aufgezeigt: Die (um Demografie erweiterte) Theorie des religiösen Marktes erklärt nicht nur empirische Beobachtungen sehr genau, sondern zeigt darüber hinaus auf, warum Religion(en) dann (und nur dann!) lebensförderlich wirken können, wenn sie sich in Vielfalt und Wettbewerb in einem rechtsstaatlich-freiheitlichen Rahmen bewähren. Bestimmte Religionen staatlich zu privilegieren oder sogar Konkurrenten mit staatlicher Gewalt "auszuschalten" ist dagegen der sicherste Weg, um Religionen, Religiosität und schließlich auch die Demografie der betroffenen Völker schwer zu beschädigen.

Mittwoch, 18. Juli 2007

Neuer Religion - Homo Oeconomicus - Vortrag am Eucken Institut Freiburg

Gestern hatte ich die wunderbare Gelegenheit, vor dem Walter Eucken Institut in Freiburg zu sprechen. Es handelt sich hierbei um eine der traditionsreichsten, ökonomischen "Denkfabriken" der Republik, und entsprechend hatte ich (das sei eingeräumt) durchaus auch Herzklopfen vorab.

Thema war dabei einmal die Rationalität religiöser Entscheidungen (bzw. der Entscheidung für Religion(en)), aber eben auch eine Vertiefung des evolutionsbiologisch-reproduktiven Vorteils auf Basis des Homo Oeconomicus.

Den Vortrag "Ist religiöses Verhalten rational? Warum Homo Oeconomicus das Beten lernte" können Sie hier herunterladen.

Es war ein außerordentlich spannendes und für mich auch wissenschaftlich ergiebiges Ereignis, für das ich den Kolleginnen und Kollegen der Ökonomie von Herzen danke. Die spannenden Debatten mit Dr. Michael Wohlgemuth, die präzise bohrenden Fragen und Hinweise von Prof. Vanberg und Nils Goldschmidt und auch die freundschaftliche Nach-Auswertung mit Sara Borella und Roman Leistenschneider seien beispielhaft genannt.

Positiv habe ich erlebt, dass der empirische Befund (Religiosität führt zu durchschnittlich höheren Geburtenraten) inzwischen als empirisch gut belegt Anerkennung findet. (Datenquellen hier)

Umso entscheidender werden jetzt, soviel habe ich mitgenommen, zunehmend präzisere Klärungen etwa zum Begriff der Rationalität. Und wenn eine religionspolitische Ordnung je diskutiert werden soll, braucht es normative Denkarbeit - für einen Religionswissenschaftler (die wir strikt die Konstruktion und Legitimation von Normen zu "beobachten" gewohnt sind und der Ökonomie vergleichbare Beratungsaufgaben bisher kaum wahrgenommen haben) eine ganz neue Herausforderung.

Für die freundlichen Rückmeldungen danke ich also sehr: die Fahrt nach Freiburg (und der letzte Vortragstermin vor der Sommerpause bis September) haben sich wirklich gelohnt! Ein Dank also an die munteren Vertreter der "Freiburger Schule"! (-:

Sonntag, 15. Juli 2007

Freiheit oder Leben?

Die Anzeichen auf einen engen, wechselwirkenden Zusammenhang von Religionsfreiheit und anderen, auch wirtschaftlichen, Freiheiten verdichten sich. Der Dialog zwischen Ökonomie und Religionswissenschaft steht aber noch am Anfang. Steigen Sie mit ein!

Auf Einladung der Friedrich August von Hayek-Stiftung hatte ich vom engen Zusammenhang von Religionsfreiheit, religiösem Wettbewerb und anderen (auch wirtschaftlichen) Freiheiten berichtet, die der Wirtschaftsnobelpreisträger und Sozialphilosoph zunehmend aufgedeckt hatte.

Debatte beim gemütlichen Beisammensein...

Abends saßen wir dann zusammen, ein buntes Häuflein von Ökonomen, aber auch vereinzelt anderer Fächer wie der Philosophie oder eben der Religionswissenschaft.

Und plötzlich entzündete sich die Debatte - und tobte Stunden, wie ein Sturm. Auf der einen Seite stand die Mehrheitsmeinung um Athanassios Pitsoulis, Juniorprofessor für Mikroökonomie an der Universität Cottbus, die Auffassung vertretend, dass "Freiheit" auch bei Hayek ein absoluter Wert sei, dem sich jeder andere notfalls einzufügen habe. Auch die treffsicheren Beiträge des Wiener Ökonomen Rahim Taghizadegan und Einwürfe einiger anderer (darunter eines schwäbisch-schottischen Philosophen, dessen Nachnamen ich zu notieren vergaß) verfehlten ihre Wirkung nicht.

Auf der anderen Seite standen neben mir wenige Vertreter vor allem der evolutorisch denkenden "Freiburger Schule" (danke Sara Borella und Roman Leistenschneider, ohne Euch hätte ich kapituliert ! (-: ), als wir die Auffassung vertraten, dass auch bei Hayek eher "das Leben" als höchster Wert zu gelten habe, in dessen Dienst die Freiheit stünde. Immerhin konnten wir uns in unserer deutlichen Unterzahl auf ein Zitat aus Hayeks "Fatal Conceit" (dtsch: "Die verhängnisvolle Anmaßung") stützen: "Life has no purpose but itself." - "Leben hat keinen Zweck außer sich selbst."

Die Debatte tobte über Stunden bis zur Erschöpfung. Im wesentlichen warf uns die "Freiheit"s-Fraktion vor, eine Verabsolutierung des Lebens könne sehr leicht wieder in einen freiheitsfeindlichen Totalitarismus umschlagen, Freiheit sei als Wert per se über alle Nützlichkeitserwägungen hinaus zu verteidigen.

Wir von der "Leben"s-Fraktion hielten dagegen, das erstens Freiheit nur durch Leben ihren Wert erhalte (Kann Unbelebtes "frei" sein?) und dass gerade auch ein Freiheitsverständnis, das sich nicht in den Dienst am Leben stelle, das Leben und den Menschen "verzwecken" könne (man denke z.B. an den "Freiheitsbegriff" des Sozialismus und der Neokomms oder auch einer totalen Ökonomisierung...).

Irgendwann um Mitternacht, die Argumente waren ausgetauscht und die Reihen hatten sich nach dem harten Tag schon arg gelichtet, kamen Athanassios und ich dann plötzlich auf unseren ganz persönlichen, gemeinsamen Nenner:

In evolutorischer Perspektive können die beiden Begriffe gar nicht getrennt betrachtet werden, sondern bilden eine unauflösbare Wechselwirkung. Das Leben kann sich nur in der Freiheit entwickeln (keine Freiheit -> keine Vielfalt -> kein Wettbewerb -> nichts Neues kann sich durchsetzen -> keine Evolution), die Freiheit nur im Leben verwirklichen. Leben und Freiheit sind also immer, von der ersten Zelle an, miteinander verbunden - das o.g. Schwungrad nach Hayek ist nicht Ausnahme, sondern nur mikroskopischer Teil eines sehr viel umfassenderen Prinzips.

Dialog mit der Ökonomie lohnt

An diesem Abend und in dieser Debatte haben sich nicht nur Kontakte und Freundschaften begründet. Mir ist vor allem bewusst geworden, wie spannend der Dialog gerade auch mit der Ökonomie sein kann. So würde ich zu Hayeks "Life has no purpose but itself" noch hinzufügen, dass dies für die empirische Biologie gilt, wir gerade aber beim Menschen auch religiöses Verhalten beobachten, das über das diesseitige Leben hinausreicht (und gerade darin evolutiven Erfolg verkörpert). Und auf den Vortrag übermorgen beim Eucken-Institut Freiburg zum Homo Oeconomicus und Religion freue ich mich auch schon sehr!

In diesem Thread möchte ich also Aspekte der entstehenden Zusammenarbeit zwischen unseren Disziplinen immer wieder aufgreifen. Dabei freue ich mich auf spannende Denker der Geschichte (wie z.B. F.A. von Hayek) und Gegenwart (siehe oben (-: ), aber auch auf faszinierende Themen wie die Spieltheorie oder den von Pitsoulis untersuchten Theorien des Systemwettbewerbs, die ich für die Religionswissenschaft für außerordentlich wichtig halte.

Für einen der spannendsten Debattenabende, die ich bisher erleben durfte, auf jeden Fall allen Mitwirkenden ein ganz herzliches "Danke"!

Dr. Blume

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