Zu den originellen Beobachtungen aus dem Bereich der Ökonomie zum Phänomen der Religion(en) gehört die These vom Zusammenhang von Religiosität und Zeitpräferenz, wie sie beispielsweise Richard Reichel in
Wertewandel, gesellschaftliche Zeitpräferenz und Kirchenaustritte im 20. Jahrhundert vertritt.
Die These dieses Zusammenhangs verknüpft zwei Beobachtungen:
1. Es gibt unter Menschen eine große Bandbreite der Variable "Zeitpräferenz" - einige tendieren zu sehr zeitnahem Konsum (höhere Zeitpräferenz, d.h. auch niedrigere Sparneigung), wogegen andere stärker bereit sind, jetzigen Bedürfnissen zugunsten späterer Erwägungen zu entsagen (niedrige Zeitpräferenz, auch höhere Sparneigung).
2. Bei religiösen Menschen ist zu beobachten, dass sie durchschnittlich niedrigere Zeitpräferenzen vertreten, d.h. im Hinblick auf zukünftige (wenn nicht sogar jenseitige) Erwartungen auch gegenwärtigen Konsum einschränken.
Richard Reichel vermutet auf dieser Basis eine nicht-zufällige Wechselwirkung hoher Zinsen und hoher Kirchenaustrittsraten: in Zeiten, in denen das gesellschaftliche Klima zum direkten Konsum (und sei es auf Kredit auch mit höheren Zinsen) tendiere, seien Kirchen weniger gefragt als in Zeiten, in denen auch Sparen und also Konsumverzicht (und damit insgesamt niedrigere Nachfrage nach Krediten und also niedrigere Zinsen) die Gesellschaft prägten.
Durchaus konvergenter Aspekt
Mir erscheint dieser Zusammenhang in einem gewissen Umfang durchaus plausibel: religiöse Kulturen predigen regelmäßig auch Konsumverzicht und ein (v.a. im Hinblick auf Familien) nicht-verschwenderisches, verantwortliches Handeln. Zudem passt auch diese Theorie zur
menschlichen Hirnentwicklung, nach der das Auftreten von Religiosität
sowohl beim Homo Sapiens wie beim Neandertaler auf ein starkes Anwachsen des präfrontalen Cortex (zuständig u.a. für Abwägen und Impulskontrolle) folgte. Jetzt erst wurde der Mensch zu so etwas wie "bewusstem Nein auch zu starken Wünschen" fähig, sei es in ökonomischer oder sexueller Hinsicht.
Also, ja, ein guter Teil der biologischen Wirkung vergemeinschafteter Religiosität besteht im Nein zu oder wenigstens Aufschub von Optionen - allerdings im Hinblick vor allem auch auf Themen wie Sexualität vor oder neben der Ehe, die stärker in Richtung
Reproduktion bzw. Demografie als (nur) ins Ökonomische zielen. Das bloße Anhäufen von Reichtümern wird sogar meist ausdrücklich verdammt und der Verzicht auf oder gar der Mord an Kindern aus ökonomischen Gründen findet zunehmenden Widerspruch. So appelliert der Koran an die Eltern (Sure 17:31): "Tötet eure Kinder nicht aus Furcht vor Armut; Wir sorgen für sie und für euch."
Beispielhaft erwähnt sei auch der Rat Jesu: "Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen." (Mt 6,31 f.)
Erst aus der demografischen Perspektive wird der Zusammenhang einsichtig: weil religiöse Menschen
durchschnittlich deutlich häufiger Familien mit (mehr) Kindern gründen als ihre säkularen Nachbarn, wird auch darin und dadurch eine Neigung zum Konsumverzicht gefördert. Es gilt, fortan mehr hungrige Mäuler zu stopfen und früher waren die Kinder zudem die primäre Form der Altersversorgung - die Eltern konnten also die Hoffnung haben, für den Konsumverzicht in Zukunft eine Gegenleistung zu erfahren.
Gerade in entwickelten, marktwirtschaftlichen Gesellschaften erfüllen jedoch Kinder heute auch diese ökonomische Sparfunktion kaum mehr - im Gegenteil.
In entwickelten Marktwirtschaften mit Kapitalmärkten spart ökonomische Ressourcen, wer keine Kinder mehr bekommt, sondern das Geld gewinnbringend anlegt bzw. schließlich für den Eigenkonsum ausgibt. Insbesondere für junge Leute kann es (und hier weiß ich aus Erfahrung, wovon ich spreche (-; ) ökonomisch höchst unvernünftig (und dennoch ggf. richtig!) sein, den Kinderwunsch vor das ökonomische Sparen zu stellen. Empirisch messbar entscheiden sich religiöse Menschen hierbei häufiger für Kinder,
gehen also über das rein ökonomische Kalkül hinaus.
Der Zusammenhang von Religiosität und (ökonomischer) Zeitpräferenzrate erweist sich damit als ein interessanter und teilweise zutreffender Aspekt, erfasst aber für sich noch nicht die Fülle religiöser Wirkwege. Religionen befassen sich mit Fragen der Zeit und Ökonomie und orientieren ihre Mitglieder auf entsprechende "Investments" anstelle sofortigen Konsums, aber Themen rund um Sexualität, Familien und Gemeinschaftspflege spielen dabei regelmäßig sehr viel bestimmendere Rollen als Geld- und Zinsfragen.
Sie erweisen sich sogar in der Lage, auf verschiedene Bedingungen zu reagieren: sie fördern Kinder, wenn diese als Altersversorgung dienen (die Ökonomie also "Kinder als Anlage" und damit eine niedrige Zeitpräferenzrate nahelegt), als auch in modernen Gesellschaften, in denen Kinder keinen wirtschaftlichen Ertrag mehr bringen, sondern um des Kinderwunsches selbst angestrebt werden (wir es, ökonomisch gesehen, also mit einer absehbaren Kostenentscheidung gegen Sparvermögen und also hoher Zeitpräferenzrate zu tun haben).
Den von Richard Reichel im Deutschland des 20. Jahrunderts empirisch beobachteten Zusammenhang zwischen Zinsniveau und Kirchenaustritt würde ich daher auch nur zu einem kleineren Teil auf gesellschaftliche Werteprozesse zurückführen: stärker scheint mir die Deutung angebracht, dass manche Häuslebauer und sonstige Schuldner angesichts steigender Kreditzinsen dringend ihre monatlichen Belastungen reduzieren mussten. Wenn die Kirchenbindung schon zuvor nachgelassen hatte (wie es
nach religiösen Monopolen und Kartellen regelmäßig der Fall ist), war die Einsparung der Kirchensteuer durch Austritt dazu eine naheliegende Möglichkeit. Ihre Zukunft sichern Religionsgemeinschaften weniger (wie Herr Reichel anregt) durch kluge Kapitalanlagen, als vielmehr durch Kinderreichtum und (auch dadurch) eine dynamische, einladende Ausstrahlung.