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Montag, 30. März 2009

Anmerkungen zu David Voas: The Rise and Fall of Fuzzy Fidelity in Europe

Dank der Chronologs-Kommentatorin BeateT bin ich auf den Heise-Artikel von Florian Rötzer aufmerksam geworden, der sich wiederum auf diese Studie von David Voas bezieht.

Sehr interessiert habe ich mir die Studie sofort herunter geladen - und war dann doch etwas überrascht von der dort präsentierten Datenauswahl. Kritische Leser mögen dies selbst nachvollziehen

Was alles ausgelassen wurde...

Obwohl die Veröffentlichung 2008 erfolgte, wurden die nur die Daten der European Social Survey bis 2003 verwendet. Die darauf folgende Befragungswelle von 2005 klammerte Voas komplett aus (S. 156).

Zur Messung der Religiosität bildet Voas einen Index aus sechs Variablen, die er dann nicht mehr getrennt betrachtet (S. 156). Das will ich nicht kritisieren, ist okay, sollte man aber im Hinterkopf behalten.

Bei den 22 ESS-Ländern wirft er sodann gleich mal zwei Länder raus: Israel und Luxemburg. Für das religiös vielfältige Israel räumt er dabei gewunden ein, dass es z.B. dort überhaupt keinen Rückgang von Religiosität gebe. (S. 158, S. 160)

Bei den verbleibenden 20 Ländern misst er bei vier eine überdurchschnittlich hohe Religiosität in der jüngsten Generation (S. 160). Auch seine (bereits vorausgewählte) Grafik auf S. 159 weist in einigen Ländern durchaus eine Wiederbelebung der Religiosität in der jüngsten Generation auf - und man hätte dann doch zu gerne die Daten von 2005 gesehen...

Wirklich verblüffend wird es dann aber bei Voas Aussagen über die "fuzzy fidelity" (deutsch etwa: neblige Frömmigkeit) in Europa. Das Konzept an sich ist ganz interessant, aber ohne nähere Erläuterungen beschränkt Voas seine Auswertung plötzlich auf europäische Christen und (zahlenmäßig sehr gering) Juden! Andere, religiöse Minderheiten - vor allem, aber nicht nur Muslime - werden lautlos ausgeklammert. (S. 165, siehe Bildunterschrift)

Die Gründe liegen hier schon allzu deutlich auf der Hand: Wie wir z.B. aus Sonderstudien zu Muslimen in Deutschland wissen, gibt es auch unter jungen Muslimen Veränderungen der Religiosität, keineswegs aber eine einfach lineare Abnahme. Und demografisch legen sie trotz insgesamt angleichenden Geburtenverhaltens als Anteil an den jungen Generationen noch zu. Weil die religiösen Minderheiten also die linearen Abnahmestatistiken verunschönt hätten, werden sie hier selektiv rausgeschnitten - das ist, nun ja, bemerkenswert.

Was bleibt...

Religiosität ist - zumal interkulturell und in Befragungen - extrem schwer zu messen und es ist völlig legitim, dass Wissenschaftler Datensätze und Perspektiven auswählen. Kohärente Bilder ergeben sich dann erst, wenn mehrere Studien kontrastierend betrachtet und diskutiert werden.

David Voas ist freilich mit der Auswahl manchmal sehr weit gegangen und was sich als Bestätigung der klassischen Säkularisierungstheorie lesen sollte, wurde dadurch zu einem Befund abgekürzt, dem kein mir bekannter Religionswissenschaftler überhaupt widersprechen würde: Dass wir im 20. Jahrhundert in Europa (und fast nur dort...) einen allgemeinen Niedergang der kirchlichen Regionalmonopole und eine Zunahme von Konfessionslosigkeit wie auch zunehmend religiöser Vielfalt (Islam, Buddhismus, neue Religionen, individualisierte Spiritualität usw.) beobachten. Das war und ist eigentlich fast unstrittig. Was Voas durchaus weiter schwächen kann, ist z.B. die Alterseffekt-Hypothese, die aber m.W. schon längst keine dominante Rolle (mehr) spielt.

Der spannenden Frage (gerade auch aus Sicht der Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen), ob auf die Phasen des Niedergangs Anfang des 21. Jahrhunderts eine sektorale Belebung der Religionslandschaft durch Wettbewerb, Zuwanderung und die höheren Geburtenraten religiöser Menschen gerade in den jüngeren Generationen erfolgt, weicht Voas durch Ausblenden der letzten Befragungswelle und dann auch noch der neuen, religiösen Minderheiten dagegen erstaunlicherweise gerade aus. Er legt damit den Verdacht doch nahe, dass diese Datensätze nicht mehr so einfach in sein lineares Abnahmeschema passen. Dass die großen Mainstream-Kirchen und ihre Milieus weiter bröckeln ist nicht strittig - sondern ob nur Konfessionslosigkeit oder auch eine neue und (auch demografisch) dynamische, religiöse Vielfalt an ihre Stelle tritt, das ist die Frage, die sich eigentlich stellt.

David Voas Studie ist damit sehr wertvoll - auch in den Aspekten, die sie offenkundig bewusst ausblendet...

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/5616169/modTrackback

mona (Gast) - 31. Mrz, 08:26

Noch mehr Statistiken!

Hier die Hauptstatistik über Religionen in der Welt. Diese Seite ist die umfassendste, die ich kenne. Es lohnt sich hier zu stöbern!
http://www.adherents.com/Religions_By_Adherents.html

Gruß Mona

Basty Castellio - 6. Apr, 15:32

Zur „fuzzy fidelity“...

...doch noch eine Bemerkung. Der Artikel von Florian Rötzer in TP hat schon auch mein Interesse geweckt. Er berührte eigene Eindrücke. Ich habe dafür natürlich keinerlei Statistik aufzuweisen, nicht einmal eine lückenhafte oder eine merkwürdig zurechtgestutzte... Nur eben persönliche Eindrücke, Beobachtungen:
Dass den Sonntagschristen werktags das meiste schnuppe ist, wird von Pfarrern schon lange beklagt. Das heißt ja, dass die sonntäglich akzeptierten Glaubensaussagen im Alltag sich nicht besonders stark auswirken müssen. Öfters eben auch gar nicht.
Meine zusätzliche Beobachtung, Vermutung, Unterstellung: Sehr viele Kirchgänger akzeptieren Glaubensaussagen – doch nur, solange sie von Pfarrern ausgesprochen werden. Sie unterstellen sehr oft auch, dass die Pfarrer „sowieso so sprechen müssten“. Sie würden aber von sich aus, sie könnten diese Glaubensaussagen selber so nicht sagen. Man könnte auch so zuspitzen: Viele *dulden* Glaubensaussagen, die sie selber nicht vertreten würden; aber in der Kirche lassen sie sich das selbstverständlich gefallen und sie erwarten nichts anderes, nichts Neues. Im Religionsunterricht haben sie es doch so oder so ähnlich mal gehört...
Zusatzeffekt: Wenn Pfarrer aufklärerisch versuchen, am Lack dieser Selbstverständlichkeiten zu kratzen, dran weiter zu denken und Glaubensaussagen zeitgemäß zu übersetzen (entmythologisieren ff) , werden auch Leute verunsichert, und u.U. auch unwirsch, ärgerlich..., die ihre eigene Welt eigentlich längst anders lackiert haben. In der Kirche soll es so bleiben, wie es schon immer war. Kirche wird als konservative Institution auf konservative Weise geschätzt – auch von ansonsten Weltoffenen. Pfarrer wissen dann, dass sie lieber nicht so weit, jedenfalls nicht „zu weit“ gehen sollten.
„Fuzzy fidelitiy“ heißt deshalb für mich auch: Abgeschobener, delegierter „Glaube“; bzw als Notration konservierter Glaube: Das Grundgefühl, dass es gut ist, wenn er noch vertreten wird, vielleicht gegen den ja sonst auch öfters beklagten Werteverfall; oder als Notkonserve, wenn einmal sonst alles schief geht. Man möchte ihn insbesondere auch Kindern zukommen lassen, vielleicht als eine die Moral ff prägende Kraft: „Das kann den Kleinen ja nur gut tun“. Ebenso für Alte und Kranke etwas, das man ihnen gerne zugesteht. Aber für erwachsene Leute, die mitten im Leben stehen, sind die durchaus zugestandenen Abgründe des Lebens ja glücklicherweise nicht permanent sichtbar. Und deshalb können die „mitten im Leben Stehenden“ so was wie Religion gar nicht brauchen. Man möge sie damit in Ruhe lassen – sie in Ruhe weiterhetzen lassen?
Nur, Religion deshalb abschaffen? Das ginge den meisten von ihnen denn doch zu weit. Ist gut, dass der Glaube derweil in einem Depot lagert, eben bei den „Gläubigen“ und ihren Pfarrern. Und auf Verlangen dann zur Ausgabe bereit liegt.
Meine Frage gegenüber dieser „fuzzy fidelity“: Kann eine Konserve frisch sein?! Kann ein delegierter Glaube zum Leben helfen?

Ne schöne Karwoche und danach ne schöne Osterwoche wünscht
Basty

Erdlicht (Gast) - 7. Apr, 09:19

@ Basty.....Abgründe

Abgründe des Lebens sind für Erwachsene nahezu permanent sichtbar, wenn an der Front gearbeitet wird Kinderheime, Kranken-, Alten-, Behinderteneinrichtungen, Psychiatrie, Gefängnisse, Feuerwehr,...Die Frage ist nur wie lange?

Abhänigigkeit ist zu örtlichen Klimaverhältnisse, des Weiteren Stoffwechsel-, Sinnes-, ...Gehirnfunktionen, Gewohnheit, örtlichen menschliche Rahmengesetze. Buchstabennudeln gehen vor


Wert, Bedeutung, Nutzen, Wichtigkeit einer Sache, Information, Leistung, bestimmt in der Regel aber außerfamilär, direkt und indirekt der tatsächliche oder potentionelle Empfänger, der zahlen muss. Oder?

3,98 Euro, einschließlich Porto u. Verpackung (Konservendose) kostete 2005 ein im Wattebauch festgehaltenes Abgas des Kultobjekt "Trabant"
Käufer fanden sich auch.

Shalom

@ Basty: Zustimmung

Lieber Basty,

ja, die "fuzzy fidelity" finde ich auch ein sehr spannendes Konzept! Ärgerlich ist nur, dass David Voas völlig willkürlich die Datensätze so ausgewählt hat, dass es die von ihm gewünschten Abwärtskurven ergab. Spannend wäre doch gewesen, die Entwicklungen z.B. in den Groß- und Freikirchen, in jüdischen und muslimischen Gemeinden analysierend zu vergleichen. Ich finde das Konzept sehr spannend und bedauere, dass Voas für den kurzfristigen Effekt hier viel verschenkt hat. Er oder andere werden hoffentlich noch inhaltlich und empirisch nachlegen.

Dr. Blume

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Bei der Auswertung der deutschen ALLBUS-Daten 2002 zeigte sich, dass in der Generation der 35- bis 45jährigen kein linearer Zusammenhang von Religiosität und Schulabschluss (mehr?) bestand.

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