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Freitag, 13. Februar 2009

Lawinenopfer waren Mitglieder der Pius-Bruderschaft. Deutungen als göttliche Strafe?

Die Opfer des Lawinenunfalls im Kanton Wallis vom Mittwoch waren Mitglieder der Pius-Bruderschaft aus Frankreich. Das bestätigte die Bruderschaft heute laut Medienberichten. Bei dem Lawinenabgang waren vier Menschen verschüttet worden. Ein Verschütteter starb, ein zweiter konnte verletzt geborgen werden. Zwei weitere Teilnehmer der siebenköpfigen Wandergruppe wurden am Donnerstag noch vermisst.

Die Pius-Bruderschaft war durch antisemitische, islamophobe und antiökumenische Äußerungen mehrerer führender Mitglieder zuletzt scharf in die Kritik geraten, besonders durch die Leugnung des Holocausts durch den (nicht mehr exkommunizierten, aber weiter suspendierten) Bischof Richard Williamson. Der Literaturblog SideEffects vermerkte zum Lawinenunfall als Untertitel: Böse Zungen sprechen von einer "Strafe Gottes" (Beitrag hier). Zeit für eine religionswissenschaftlich-beobachtende Reflektion.

Das Deuten von Unglück als göttlicher Strafe ist ein häufiges Merkmal v.a. konservativ-traditionalistischer Theologien. Damit wird ein rigides Moralsystem durch Strafandrohung abgesichert, auch werden Buße und Umkehr als Mittel zur Strafabwehr empfohlen. Zuletzt hatte z.B. für eine Debatte gesorgt, dass der neu ernannte, katholische Weihbischof von Linz Gerhard Wagner den Hurrikan Katrina über New Orleans als eine göttliche Strafe für die Stadt gedeutet hatte (Beitrag hier).

Andere, v.a. auch zeitgenössische Theologien weisen dagegen darauf hin, dass Menschen die letzten Gründe göttlichen Handelns und damit auch von Glück oder Unglück nicht erkennen und sich nicht zu Richtern übereinander aufschwingen sollten. Statt über den von Unglück Befallenen auch noch zu urteilen, seien vielmehr gerade auch Nicht-Betroffene zu Mitgefühl und Hilfe aufgerufen, also ihrerseits geprüft. Solche Deutungen verweisen z.B. auf die biblische Hiob-Geschichte, in der auch dem Gerechten Unrecht widerfährt. Dies wird zunächst selbst von Freunden als Sündenstrafe ausgelegt, erweist sich aber schließlich als Prüfung durch Gott und Teufel. (z.B. Evangelische Hiob-Predigt hier)

Wenn die persönliche (und damit post-religionswissenschaftliche) Bewertung am Ende gestattet sei: Mir liegt die zweite Variante näher. Aus dem Unglück anderer (seien es die Einwohner von New Orleans oder die Opfer einer Lawine) hämische Urteile abzuleiten, scheint mir fragwürdig (also in der Tat: "böse Zungen"...) und auch theologisch weniger überzeugend zu sein.

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/5512219/modTrackback

ElsaLaska - 13. Feb, 20:38

Hiob ist ein schlechtes Beispiel, weil Hiob tatsächlich ein Gerechter war. Sowohl im zitierten Fall von New Orleans als auch im Zusammenhang mit dem Piusbrüder gehen aber Menschen davon aus, dass Gott für irgendwelche Sünden gestraft hat. Dies entspricht einer uralten Menschheitserfahrung, die auch in zahlreichen Geschichten des Alten Testamentes niedergelegt ist. Der Bogen spannt sich von Noah und seiner Arche (die Sintflut als Strafe Gottes für die sündige Menschheit) über Sodom und Gomorrha bis zur Geschichte von Jona im Walfisch (der Ninive erretten sollte und Ninive kehrte um und wurde errettet), praktisch durch das ganze Alte Testament.
Hiob ist eher ein gutes Beispiel dafür bzw. ein Erklärungsversuch, warum auch vollständig sündenfreie Menschen leiden und Katastrophen erfahren müssen.

Im Fall von Weihbischof Wagner ist es erhellend, sein Originalzitat zu New Orleans zu kennen, welches in dem von dir verlinkten Beitrag nicht zu finden ist. Auch wenn man es kennt, kann man natürlich entgegengesetzter Meinung sein.
Im Falle der Piusbruderschaft wäre ich persönlich froh, wenn nicht ausgerechnet im Namen von political correctness nun aller Orten eine religiöse Minderheit von 600.000 Gläubigen unter Pauschalverdacht gerät, an einigen Stellen sogar kriminalisiert wird. Über die unsäglichen Äußerungen von Herrn Williamson brauchen wir natürlich nicht diskutieren. Der Mann hat in einer Kirche, die den interreligiösen Dialog forciert und dabei sowohl von Rabbinern wie auch islamischen geistlichen Oberhäuptern gelobt und geachtet wird, überhaupt gar nichts verloren - jedenfalls als Bischof (wobei die Gefahr auch gar nicht besteht - er bleibt suspendiert).

LG
Elsa

Hmmm...

Liebe Elsa,

im Grundsatz kann ich Dir folgen - Hiob wird von der Bibel selbst als Gerechter identifiziert, das macht einen Teil der Geschichte aus. Aber wer hätte das Recht, den (allen!?) Menschen von New Orleans oder den von der Lawine getroffenen Wanderern das abzusprechen? Mir widerstrebt einfach zutiefst der Ansatz, dass wir Menschen meinen "an Gottes statt" richten zu können. Schon unsere notwendigen, weltlichen Urteile - von Experten in oft jahrelangen, intensiven Verfahren gefasst - erweisen sich doch schon oft als fehlerhaft. Deswegen habe ich natürlich zu Personen und Ereignissen genauso persönlich eingefärbte Perspektiven und Meinungen wie jeder andere auch - nur gelingt es mir einfach nicht, mir einzureden, Gott müsse unbedingt der gleichen Auffassung sein. ;-)

Um es in einem Zitat von Lincoln auszudrücken, den ich auch dafür sehr bewundere: "Wir sollten nicht darum beten, dass Gott auf unserer Seite sei; sondern darum, dass wir auf seiner seien." Diese Haltung sagt mir persönlich sehr zu.
ElsaLaska - 14. Feb, 20:20

Lieber Michael,

ich rede ja nicht von Recht oder Unrecht und wie man sich als Christ am vorbildlichsten verhalte sollte, sondern setze Hiob an seinen Platz und verweise auf das gesamte Alte Testament.

Da Weihbischof Wagner in seinem Originalzitat von Abtreibungskliniken und Bordellen gesprochen hat, die zerstört worden sind und, jedenfalls nach meinem Leseverständnis, nicht geurteilt, sondern überlegt hat, ob Umweltkatastrophen nicht eine Folge "geistiger Umweltverschmutzung" seien (also nicht das sie es SIND), sehe ich nicht, wo genau er eigentlich einen Stab über eine ganze Stadt und ihre Bewohner gebrochen hätte. Es ist wie gesagt hilfreich, sich einmal anzusehen, was die Leute denn im Zusammenhang wirklich sagen.

Ansonsten stimme ich dir natürlich zu deiner persönlichen und richtigen "Haltung" in unserem Verhältnis mit Gott und den Mitmenschen bei (habe nur versucht, die Ebenen zu trennen).

LG
Elsa

Ach so...

...naja, ich bin halt kein Theologe, sondern Religionswissenschaftler (und wäre wahrscheinlich auch kein guter Prediger geworden ;-) ).
Ingo (Gast) - 14. Feb, 14:45

Religionswissenschaftliche Analyse ...

Lieber Michael,

Du warst in den USA und hast da ja einiges verpaßt auf dem Gebiet der Entwicklung deutscher "Zivilreligion" in den letzten Wochen. Aber vor dem Hintergrund des Falles Williamson ließe sich hervorragend die Diskussion bei Yoav Sapir über den "Holocaust-Kult" weiterführen, die einmal hier geführt worden war:

http://www.chronologs.de/chrono/blog/un-zugeh-ouml-rig/holocaust/2008-03-08/der-holocaustkult-skizze-einer-analyse

- meinst Du nicht? Ist es nicht erstaunlich, daß jetzt die Deutschen selbst unter Führung ihrer (evangelischen) Bundeskanzlerin "päpstlicher als der Papst" sein wollen? Ich finde das: SEHR erstaunlich.

Schließlich hätte man sich auch einmal von Bundeskanzler-Seite aus auf den (Historiker-)"Appell von Blois" vom letzten Jahr berufen können,

http://www.lph-asso.fr/articles/50.html
http://www.welt.de/...n-die-Geschichtspolizei.html
(und anderes, etwa
http://endstation-rechts.de/index.php?option=com_content&view=article&id=2357:europaeische-historiker-gegen-wissenschaftliche-zensur-durch-das-recht&catid=37:straftaten&Itemid=410
)

der schließlich auch von einem Berater eines ehemaligen Bundeskanzlers unterzeichnet worden ist (dem Historiker Heinrich August Winkler), außerdem unter anderem von Jan und Aleida Assmann. Und man hätte mal mit diesem ganzen Unfehlbarkeits-Gerede in Sachen "Holocaust" aufhören können.

Der Umstand, daß man gerade das NICHT tat, SCHREIT ja geradezu nach religionswissenschaftlicher Analyse ... Denn die Erkenntnis-Werkzeuge jeder anderen Wissenschafts-Disziplin müssen da wohl früher oder später scheitern.

ElsaLaska - 14. Feb, 18:50

Hallo Ingo,

auf dem Blog commentarium catholicum gibt es dazu einen interessanten Beitrag mit dem Titel: Deutschland hat eine Staatsreligion.

Ingo, Elsa

Nun ja, mit der Obama-Inauguration gab es natürlich in den USA eine geballte Menge amerikanischer Zivilreligion zu erleben! :-)

Den Streit um die Piusbrüder habe ich mitbekommen, der schwappte bis in die USA. Und dort wurden die Worte der Kanzlerin sehr positiv aufgenommen, da sie damit dem Verdacht entgegen wirkte, mit einem deutschen Papst sei Geschichtsblindheit in die Kirche eingezogen. (In den USA wird die katholische Kirche traditionell noch kritischer gesehen als in Europa, zugleich sind bedeutende Minderheiten katholisch.)

Was mich aber sehr interessiert hätte, war der Streit um die nationale Gedenkfeier im Bundestag, die m.W. dieses Jahr von einigen Vertretern des Zentralrats der Juden boykottiert worden war. M.E. sieht man hier vor allem, dass die Diskussion(en) keinesfalls festgefahren sind, sondern sich da auch bei uns viel in den Wahrnehmungen und Erwartungen aller Seiten verändert. Hätte ich noch ein Forscherleben, würde ich es wohl den spannenden Fragen der Zivilreligionen der Völker widmen...
;-)
ElsaLaska - 14. Feb, 23:34

Jetzt ich: HMMM ...

>>Und dort wurden die Worte der Kanzlerin sehr positiv aufgenommen, da sie damit dem Verdacht entgegen wirkte, mit einem deutschen Papst sei Geschichtsblindheit in die Kirche eingezogen.<<
Auf so eine Idee kann man wohl nur kommen, wenn man ansonsten nicht verfolgt hat, was der Heilige Stuhl alles für den jüdisch-christlichen Dialog unternommen und eventuell den Auschwitz-Besuch des Hl. Vaters verpasst hat. War aber meines Wissens auch nie Titelstory vom Spiegel. :-/
Ob ich damit jetzt Merkel meine oder die US-Katholiken, lasse ich jetzt einfach mal dahingestellt*gg*
LG
Elsa

Wagner doch nicht Weihbischof

Der designierte Weihbischof Wagner hat nach massiver Kritik außer- und innerhalb der Kirche den Vatikan gebeten, von der Ernennung abzusehen. Der Vatikan hat dem Wunsch entsprochen.

Meldung hier:
http://www.faz.net/s/RubC4DEC11C008142959199A04A6FD8EC44/Doc~E96018EC7E5B2489584A0B02AB5953F3C~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_aktuell
ElsaLaska - 16. Feb, 00:03

Ich gehe auch davon aus

dass die Ernennung zurückgezogen wird, aber der Vatikan hat immer noch nicht offiziell bestätigt.
Ingo (Gast) - 15. Feb, 08:22

Nietzsche: "Die Renaissance, ein großes Umsonst"

Na, das war ja jetzt nicht sehr tiefgehend "analysiert", Michael, noch nicht mal oberflächlich. Solltest Du da in den USA etwas verlernt haben? (Oder GElernt haben???)

Um es noch besser auf den Punkt zu bringen und um einen Bezug herzustellen zu der Tatsache, daß unter anderem auch Jan Assmann den "Appell von Blois" unterschrieben hat:

An dem Williamson-Skandal kann man HERVORRAGEND studieren die noch heute wirksame monotheistische Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch im Unterschied zur wissenschaftlichen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch.

So wie dieser neue "Staatskult" funktioniert, diese neue "Zivilreligion", genauso hat Jahrhunderte lang der Monotheismus funktioniert. Mit staatlich vorgegebenen Denkmustern, Denkverboten, Bestrafungen, Inquisitions-Gerichten etc. pp.. Mit einem Bündnis zwischen Thron und Altar. Letztlich hat Merkel doch den Papst zur Raison gerufen, als wäre er ein Mitglied ihrer Regierung, sozusagen: Minister für religiöse Angelgenheiten ...

Und das zu einer Zeit, als der Papst von immer mehr alteingefressenen Monotheismen scheint Abschied nehmen zu wollen. Man HINDERT ihn!!!! WAHNSINN. Wem da nicht Nietzsches "Antichrist" einfällt: "Ein deutscher Mönch, Luther, kam nach Rom ..." Und die Folge: "Die Renaissance ... ein großes Umsonst ..."

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Der+Antichrist/61-62

Ingo (Gast) - 15. Feb, 13:06

Mensch, Benedikt,

ich meine Michael (grins),

hast Du schon das neueste Interview von Ulrich Schnabel mit Richard Sosis über die gegenwärtigen Entwicklungen in der katholischen Kirche gelesen? Finde ich einfach nur noch Wahnsinn, dieses Interview

http://www.academics.de/wissenschaft/der_angepasste_glaube_was_macht_den_erfolg_einer_religion_aus_36005.html

Die Theorie "teurer Signale" auf die gegenwärtigen Entwicklungen angewandt - super!

Das bestätigt meine Aussage von oben, daß die gegenwärtigen Entwicklungen richtiggehend nach religionswissenschaftlicher Analyse SCHREIEN, Mensch, Benedikt, bzw. Michael!

Erdlicht (Gast) - 19. Feb, 21:51

Gott = Wasser, blaues Licht (Himmel) = Geist (Wind, Atem, Hauch)
Hurrikan Katrina
http://de.wikipedia.org/wiki/Hurrikan_Katrina

Gemessen an Definitionen für Gott, hat er etwas mit Hurrikan gemeinsam. In der Religion der Yezidin, kennt man keinen Bösewicht (christlichen Teufel). Das Wort Böse erwähnen gilt schon als Fehler. Auch im Judentum, ist letztlich Gott der Verursacher von Allem. Jeshua: "Führe uns nicht in Versuchung!" Ein Gott, der nur Liebe ist, führt nicht in Versuchung.Aus einem Gott der Gut ist kann nichts Böses werden, niemals Solches ausgesucht werden. Ich denke, gut und böse wird erst durch des Menschen bewerten. Es ist kein rauskommen, weil wir nichts anderes gelernt haben. Ohne ein Minimum an Ordnung kann der Mensch gar nicht.
Vulkane, Plattenbewegungen, etc. kamen nie von einem Meerungeheuer, waren vor Menschen. Im Gegensatz zu Naturkatastrophen haben Klimakatastrophen und Krankheiten aber durchaus etwas mit der Lebensweise von Menschen zu tun. Wo es auf Menschen zurückzuführen ist, sind aber nicht unbedingt diejenigen Verursacher, welche letztlich der Schaden trifft. Das geschieht alles reichlich willkürlich.


Prüft alles und behaltet das Gute! 1.Thessalonicher 5 Vers 21:

Wenn Codierung und Decodierung von Sender und Empfänger nicht übereinstimmen, ist kein Informationsaustausch. Zeitlich eingeschränktes Wissen ergibt sich aus Greifen (prüfen) subjektive Beschreibung, objektives Vermessen, inneren Aufbau untersuchen, prozentualer Anteil an der Gesamtmasse feststellen.,Verarbeitung, Begreifen, Abwägen von Behauptung und Gegenbehauptung, dem Wahrheitsgehalt Näheres finden, wiederspruchsfreier Definition.Bestrebunng liegt im wechselseitigen Nutzen, Anpassung und Erneuerung. Es sind ständig physikalische, biologische, chemische, soziale Systeme und Prozesse unabhängig von Fürwahrhalten in Bewegung. Es war, ist, wird, in uns, um uns., in Allem, rot, blau, grün. Vollkommen Güte (Licht, Geist) Wohlwollen. "Wollen" ist immer im Einsatz, aber nicht perfekt = fertig. Deshalb ist nicht alles Wohl. Wenn Tautropfen, Tränen verdunsten, sie später aus Wolken regnen ist das auch Umkehr. Wer die wahre Sonnenzeit feststellen will, muss den Kompass im Augenblick nutzen.

Wahrheit leidet oft mehr durch den Übereifer ihrer Verteidiger als durch die Argumente ihrer Gegner.
William Penn (* 1644-†1718)

„ Irrational verteidigte Wahrheiten können schädlicher sein als vernünftig begründete Irrtümer“"
Thomas Henry Huxley (* 1825 i † 1895 )

Es fließen ineinander
Traum und Wachen,
Wahrheit und Lüge.
Sicherheit ist nirgends.

Wir wissen nichts von anderen,
nichts von uns.
Wir spielen immer,
wer das weiß ist klug.
(Paracelsus , * 1493 † 1541g)

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