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Freitag, 6. Februar 2009

USA - Deutschland: Zurück in die Heimat

Um auf dem 70. Geburtstag meines Doktorvaters sprechen zu können, habe ich heute die USA-Reise einen Tag vorher beenden dürfen. Danke, liebe Gastgeber, dass dies möglich war!

Wenn diese Zeilen erscheinen befinde ich mich (hoffentlich ;-) ) bereits im Flugzeug von Washington über Frankfurt ins geliebte Stuttgart. Ja, dazu stehe ich: Nach dreieinhalb Wochen Intensiv-Fernreise, unzähligen Eindrücken der USA und Gesprächen mit Freunden von China bis Malawi sehne ich mich nach unserer kleinen, großen Region mit ihren Menschen, Eigenheiten und Problemen, die sich andere Erdteile nur wünschen können.

Hat sich die Reise gelohnt? Mehr als das. Ich hatte ehrlich befürchtet, das State Department würde uns nur die schönen Seiten Amerikas zeigen wollen. Und die Inauguration des neuen US-Präsidenten war sicher auch ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Dabei waren es gar nicht die politischen Termine oder Analysen, sondern vor allem die Begeisterung der einfachen Menschen, die sich mir einbrannte.

Obama-T-Shirts am Rande der Inauguration des neuen Präsidenten. Die Begeisterung wird abflachen und hoffentlich wird sich doch ein Teil der Hoffnungen erfüllen.

Aber wir sahen eben auch die Schattenseiten der USA, besuchten Obdachlosen- und Minderheitenvertreter, sogar Sexualstraftäter in einer Art Verbannungslager unter einer Brücke Miamis. Wir sahen nicht nur schimmernde Symbole aus Glanz und Macht, sondern auch die letzten Überreste "durch Entwicklung zerstörter", afroamerikanischer Stadtteile und diskutierten mit Journalisten, Politikern und Wissenschaftlern auch über Fragen der Korruption, Konzentration von Medienmacht und unternehmerischer wie außenpolitischer Lobbyarbeit. Hier wurde gar nicht versucht, die USA als perfektes Land, als perfekte Gesellschaft zu präsentieren - sondern als eine Demokratie, die immer wieder (und manchmal auch über Irrwege) nach dem Besseren strebt. Und wenn es etwas Ur-amerikanisches immer wieder zu erleben gab, dann war es eben diese Überzeugung: Dass jeder etwas verändern könne und müsse, dass die Regierung bestenfalls Partner, niemals Ersatz der eigenen Anstrengungen sein dürfe.

Diese Überzeugung bekamen wir in den Armenvierteln ebenso eindrucksvoll vorgelebt und erzählt wie auf Demonstrationen auf der Straße und in den Palästen der Mächtigen. In gewisser Hinsicht ist meine Haltung zu den USA einerseits realistisch-nüchterner und dabei gleichzeitig tiefer geworden - es sind die Menschen in all ihrer Vielfalt, die die USA ausmachen. Es sind keine besseren Menschen, als in Europa oder anderen Erdteilen leben - aber eben doch überwiegend Menschen, die sich darauf eingelassen haben, miteinander zu leben und eine gemeinsame Zukunft zu bauen. Werden auch wir demografisch längst implodierenden Deutschen und Europäer zu dieser Zuversicht, zur Freude an Leben und Familie und einem integrierenden Wir-Gefühl finden? Ich will es hoffen, weil ich glaube, dass unsere Völker und lebendigen Kulturen der Welt noch viel zu geben hätten.

Inhaltlich...

...haben sich meine Erwartungen bezüglich (Religions-)Wissenschaft und entsprechender Literatur großteils erfüllt, die Eindrücke bezüglich Politik und Kommunikation die Erwartungen aber weit übertroffen. Selbst Blogger, hätte ich doch im Traum nicht gedacht, welche Rolle Blogs und soziale Netzwerke in der Politik und Alltagskultur der USA bereits spielen, wie tiefgreifend sie die Institutionen verändern und jene unterspülen, die sich nicht auf den offenen Dialog einlassen wollen. Sowohl die USA wie auch erst Recht wir Europäer stehen erst am Anfang einer Entwicklung, deren Folgen wir in der Mediennutzung der schon geborenen Generationen allenfalls erahnen können.

Großartig...

...waren aber auch die so unterschiedlichen Menschen, die zeitweise oder auf Dauer die Reise begleiteten - und von denen einige zu Freunden wurden. Einzelne habe ich vorgestellt, aber jeden vorher gefragt und auf Gruppenfotos verzichtet - denn wir hatten auch Freunde aus Ländern hier, die ein Risiko eingehen, wenn sie auch nur im Gespräch mit "Westlern" oder gar in den USA gesehen werden. Beim Austausch mit Leuten aus afrikanischen, arabischen und fernöstlichen Diktaturen und Krisenregionen habe ich mich mehr als einmal über unser deutsches Alltags-Jammern geschämt. Wir hätten wohl allen Grund, glücklicher zu sein und unsere Freiheiten stärker zu feiern und auszufüllen.

Ihnen, liebe Leser, vielen Dank...

...dass Sie den Blog auf diesem Reisebericht begleitet haben. Ab Montag wird es dann wieder wie gewohnt religionswissenschaftliche Forschungs- und Nachrichtennotizen sowie Links und Rezensionen rund um unsere faszinierende Spezies Mensch und unser religiöses Verhalten geben. Dass "Gott, Gene und Gehirn" auch in den letzten Wochen von der Kritik freundlich aufgenommen, zunehmend intensiv diskutiert und weiter rege nachgefragt wurde, nehme ich als gutes Omen für ein lebendiges Darwinjahr - und würde mich freuen, wenn Sie auch in Zukunft hin und wieder zu fernen Ländern und Kulturen, (religions-)wissenschaftlichen Studien und Entdeckungen der neueren Evolutionsforschung mitkommen.

Um es - ihnen dankend - in den Worten der hiesigen Gastgeber zu schreiben: May God bless you - and may God bless all the people on the small and precious planet we share!

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