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Montag, 26. Januar 2009

Edward Humes: Monkey Girl - Evolution, Education, Religion, and the Battle for America's Soul

Da heute die Weiterreise von Miami nach Tulsa in Oklahoma anstand (USA-IVLP-Reisebericht hier), möchte ich die Chance nutzen, ein Buch zu rezensieren, dass mir in Washington in die Hände gefallen ist.



Der (u.a. bereits mit einem Pulitzer ausgezeichnete) Sachbuchautor Edward Humes schildert in "Monkey Girl" Vorgeschichte und Verlauf des Dover-Gerichtsprozesses um Kreationismus und (dessen Variante) Intelligent Design in staatlichen Schulen der USA. Spannend wie ein Thriller wird deutlich, wie religiöse Fundamentalisten 2003 den gewählten Schulrat ("School board") der Kleinstadt Dover übernahmen und versuchten, die Evolutionstheorie im Rahmen des Biologie- bzw. Wissenschaftsunterrichts zu attackieren und durch Intelligent Design, eine Variante des Kreationismus, zu "eränzen". Schnell sammelten sich mächtige und finanzstarke Vertreter der religiösen Rechten, das ID-Discovery Institute mit einer handvoll auch in Deutschland "bekannter" ID-Vertreter (z.B. Michael Behe, William Dembski) und das Thomas More Law Center, um dem Dover-Board taktische und rechtliche Unterstützung zu geben. Und aus der Überzeugung heraus, den christlichen Glauben und Amerika gegen "die atheistische Evolutionstheorie" zu verteidigen, setzten führende Vertreter dieses Lagers schnell auch auf Druck, Lügen und Finten, um die Gesetzgebung und Rechtsprechung zur Trennung von Staat und Kirche(n) zu unterlaufen und "Gott wieder ins Klassenzimmer zu bringen". Der Titel des Buches bezieht sich auf den Spottnamen, den Fundamentalisten einer jungen Christin verpassten, die an der Vereinbarkeit von Evolutionstheorie und Glauben festhält.

Aber auch die aufgeklärte Seite organisierte sich: Empörte Eltern, Biologielehrer, Wissenschaftler (einschließlich des Wissenschaftsbloggers Nick Matzke, dessen Beiträge und Recherchen den Fall maßgeblich beeinflußten), Theologen und die Bürgerrechtsvereinigung ACLU (American Civil Liberties Union) gingen vor Gericht, kostenlos vertreten durch eine pro Bono-Entscheidung der Anwaltskanzlei Pepper Hamilton in Philadelphia. Und schon in der Schilderung auch dieser Personen erwarten die Leser handfeste Überraschungen - so waren die meisten der ID-Gegner keineswegs glaubensfeindlich, sondern selbst praktizierend religiös (v.a. Katholiken, Lutheraner und Juden), die aber eben keinen Widerspruch zwischen Evolutionsforschung und Glauben sahen und die Unterscheidung von Kirche und Staat, Religion und Wissenschaft gerade auch als Schutz- und Freiheitsrechte verteidigt wissen wollten. Die vermeintlich zwingende Folgerung von Atheismus aus der Evolutionstheorie, wie sie religiöse Fundamentalisten und polemische Religionskritiker gleichermaßen behaupten - sie erweist sich als eine der Irreführungen, die in Dover (erneut) widerlegt wurde.

So kam es also zum Dover-Prozess (nach Ansicht vieler Beobachter eine fundiertere Neuauflage des weitgehend inszenierten "Affenprozesses" in Scope 1925) und die Anfangsbedingungen sahen eher gut für die Vertreter von ID aus: Deutliche Mehrheiten in lokalen Wählerbefragungen, der politische Aufstieg der Neokonservativen einschließlich des Präsidenten George W. Bush, der sich öffentlich für die Einbeziehung von ID im Schulunterricht aussprach, die Ernennung rechtskonservativer Richter, eine seit Jahren auf ihre Chance wartende, kreationistische Lobby - und dann noch ein per Losentscheid bestimmter Richter John E. Jones, der als republikanischer Kommunalpolitiker Karriere gemacht hatte...

Die spannungsreiche 40-tägige Verhandlung, das dramatische Pro und Contra vor und hinter den Kulissen und schließlich die klare Entscheidung von Richter Jones gegen Intelligent Design im staatlichen Schulwesen (das komplette Urteil Kitzmiller vs. Dover School District übrigens zum Download hier) werden durch Humes umfassende Recherchen und spannenden Schreibstil zum psychologisch unterfütterten Gerichtsthriller, zum faktenreichen Geschichtsbuch und, ja, auch zur gelungenen Einführung in Wissenschafstheorie und Evolutionsforschung, ihre Chancen und Grenzen. Wahrscheinlich dürfte es derzeit keine bessere Fallstudie zur Auseinandersetzung zwischen Fundamentalismus und reflektierter Wissenschaft geben. Wer zu diesen Themen ernsthaft informiert sein will, sollte Monkey Girl unbedingt gelesen haben.

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http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/5469121/modTrackback

Ritter*kunibert (Gast) - 26. Jan, 17:04

Monkey Girl

Hallo Michael,

interessanter Artikel. Habe heute wieder länger bei Dir reingeschaut.
Am Mittwoch den 28.01.2009 gehen Mom, Zehra die Kinder und ich für 3 Tage ins Allgäu zum Skifahren oder rodeln. Sonne ist angesagt. Melde mich daher erst wieder am Sonntag dem 01.02.2009..

Für die verbleibene Zeit wünschen wir Dir viel Spaß, Gesundheit und noch viele schöne Tage in USA..

Viel Spass Euch!

Sitze ja auch gerade im Schnee... ;-)

Freue mich und wünsche Euch viel Freude! Bis bald!
Svenja (Gast) - 27. Jan, 09:35

Das hört sich wirklich interessant an, ich glaube, das Buch sollte ich auch unbedingt mal lesen. Danke für das Posting, dann hab ich zumindest die nächste Lektüre gefunden.

Rui (Gast) - 27. Jan, 13:31

An sich finde ich es ja schon mal sehr bemerkenswert, was man aus ganz normalen Dingen denn so zaubern kann. Vor allem dann auch noch die Umsetzung. Ich denke, so wie Sie hier das Buch und auch die „Geschichte“ beschreiben und erzählen könnte es sich wirklich lohnen es zu kaufen. Die Frage ist nur, wie soll man es auffassen? Man kann schon sagen es ist nur ein Buch, aber ich glaube, dass es schon schwierig wird. Ich werde es denke ich schon lesen. Mal schauen was ich danach zu dem Buch sage.

@ Svenja, Rui

Danke für die Rückmeldung. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, könnten Sie ja nach Lesen des Buches Ihre Meinung oder Rezension posten. Ich überlege ohnehin, ob der Vorstellung und Diskussion von Büchern im Rahmen dieses Blogs noch mehr Platz eingeräumt werden sollte.

Herzliche Grüße!

M.B.

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