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Montag, 9. Februar 2009

Ein Ehepaar, 16 Kinder

In Cicero 1/2009 berichtete Nicole Alexander (Homepage hier) im Artikel "Wir freuen uns auf Enkelkinder" (S. 124) vom Alltag einer der "kinderreichsten Familien Deutschlands", den Schmeichels aus Pfungstadt bei Darmstadt. Den Absatz über Religion möchte ich gerne zitieren.

""Der Glaube spielt eine große Rolle", sagt Susanne Schmeichel. Ihr Mann und sie sind Baptisten. Die größte evangelische Freikirche in Deutschland spricht Ehe und Familie einen hohen Stellenwert zu, Kinder gelten als höchstes Gut, ganz im Gegensatz zu den Glaubensbekenntnissen des hedonistischen Egoismus, den viele für die niedrige Geburtenrate in Deutschland verantwortlich machen. "Denn siehe, Kinder sind eine Gabe Gottes, und Leibesfrucht ist ein Geschenk" heißt es in Psalm 127, der bei Schmeichels in der Küche hängt. Das feste Wertesystem der Religionsgemeinschaft hat das Ehepaar übrigens auch seinen Kindern erfolgreich vermittelt: Alle besuchen sonntags die Kirche, die Älteren engagieren sich im sozialen Bereich, statt in die Disco gehen sie zur "Jugendstunde" der Brüder-Gemeinde."

Ein Einzelfall sind die Schmeichels nicht - weltweit pflanzen sich religiös vergemeinschaftete Menschen durchschnittlich erfolgreicher fort, Religiosität erweist sich interessanterweise als evolutionsbiologisch erfolgreiches Merkmal.

Ein Kurzartikel zur Evolutionsgeschichte der Religion als pdf hier, das Buch zur Forschung hier:
Von Rüdiger Vaas und Michael Blume: Die interdisziplinäre und internationale Evolutionsforschung zur Religiosität, von der Neurotheologie bis zur Religionsdemografie, in einem Band.

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/5430511/modTrackback

Scrutograph (Gast) - 9. Feb, 12:48

Religiöser Biologismus?

Nur muss "evolutionsbiologischer Erfolg" nicht alles im Leben sein. Gerade aus egoistischer Sicht ist er es nicht.

Und manche scheinen bei der Fortpflanzung auf die Konzentration ihrer Ressourcen auf wenige Kinder zu setzen, was auch "erfolgreich" sein kann.

Ich halte ihre Forschungsergebnisse abseits der (metaphorischen?) Bewertung allerdings für sehr hilfreich für Demographen. Sind die USA wegen der größeren Religiosität der jüngere Kontinent als Europa?

Schön wäre es :-)

Lieber Scrutograph,

danke für den Beitrag! "Religiösen Biologismus" fände ich sehr spannend, ironischerweise erweisen sich aber bislang ja vor allem jene Gemeinschaften als reproduktiv besonders erfolgreich, die andererseits die Evolutionstheorie ablehnen. Man kann z.B. den Amischen viel vorwerfen - Biologismus sicher nicht... ;-)

Das ist schon ein Paradox, das mir auch als Wissenschaftler zu denken gibt: Diejenigen, die den Reproduktionserfolg als maßgeblichen, darwinschen Fitnessindikator erkennen verhalten sich durchschnittlich biologisch weniger erfolgreich als jene, die Evolutionsforschung oft weder verstehen noch verstehen wollen. Hier fallen natürlicher Erfolg und naturwissenschaftliche Erkenntnis bislang erkennbar auseinander - ein Befund, über den ich als Wissenschaftler wahrlich nicht jubele, aber auch gerade deswegen dennoch darstelle und diskutiert wissen will. Die Leute wollen zwar stets lieber hören, was ihnen in die Weltanschauung passt, aber so funktioniert Wissenschaft halt nicht...

Dass Erfolg im Evolutionsprozess weder ein absolutes Wahrheits- noch Werturteil darstellt - darüber sind wir uns auf jeden Fall einig. Eine Menge kinderreicher Eltern, hier im Blog z.B. die Kommentatorin Merve, wissen ein Lied davon zu singen, dass sich dies nicht automatisch z.B. in Lebensglück oder "-erfolg" umsetzt! Das muss sich nicht widersprechen (auch die Glücksforschung erkennt einen insgesamt positiven Zusammenhang von Glück und Religiosität), ist aber klar analytisch und natürlich in jedem Einzelfall zu unterscheiden!

Religiosität ist biologisch adaptiv und erfolgreich - das ist eine empirisch-deskriptive Aussage auf Basis Dutzender Zählungen und Fallstudien. Ob sie wahr und gut ist muss im Rahmen von Erkenntnistheorie bzw. Philosophie und Theologie auf Basis der wissenschaftlichen Befunde erst einmal diskutiert werden. Das beginnt gerade erst und da bin ich als empirischer Forscher natürlich mit am meisten gespannt. Mal schauen, was die draus machen! ;-)

Sie schrieben:
"Und manche scheinen bei der Fortpflanzung auf die Konzentration ihrer Ressourcen auf wenige Kinder zu setzen, was auch "erfolgreich" sein kann."

Ja, aber natürlich nur, wenn die Konzentration dann wieder den Überlebens- und Reproduktionserfolg naher verwandter oder nachfolgender Kinder erhöht. Sonst wirds auf Dauer ausgemendelt, Punkt. Ein wohl erfolgreiches Beispiel aus den Religionen selbst sind Zölibatäre. In einigen Fällen kann deren Verzicht auf eigene Kinder zugunsten des Dienstes an der Gemeinschaft (und damit indirekt auch wieder ihren Verwandten) soziobiologisch und inzwischen sogar demografisch als erfolgreich beschrieben werden.

"Ich halte ihre Forschungsergebnisse abseits der (metaphorischen?) Bewertung allerdings für sehr hilfreich für Demographen. Sind die USA wegen der größeren Religiosität der jüngere Kontinent als Europa?"

Danke und ja. Gibt auch schon unabhängige Forschungen dazu und einen Beitrag mit Grafik und Link dazu z.B. hier:
http://www.chronologs.de/chrono/blog/natur-des-glaubens/grundlagen/2008-06-02/religionsdemografischer-fanpost

In den USA selbst wird das auch diskutiert, siehe hier:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/5388988/

Herzliche Grüße!

Michael Blume

Dr. Blume

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