Donnerstag, 8. Januar 2009

Evolution der Rituale - Eine Studie von Daniel Böttger

Auf das kommende Blogseminar Ende Februar (hier) an der Universität Leipzig freue ich mich wieder sehr - denn am dortigen Institut für Religionswissenschaft haben sich einige sehr kreative und mutige Lehrende und Forschende versammelt. Und dass das Institut für Religionswissenschaft Heidelberg über die Organisation der Ritualkonferenz der im folgenden vorgestellten Studie von Daniel Böttger Plattform und Veröffentlichungschance eröffnete, macht die Freude komplett.

Worum geht es?

Faszinierende, experimentell-psychologische Studie

Daniel Böttger hat eine experimentelle, empirische Studie mit Religionspsychologen der Universität Trier vollbracht. Darin erforscht er die Wechselwirkung von Vokalverwendung und Gesichtsausdruck ("facial expression") einerseits mit dem Wohlbefinden der Probanden und damit der Auswahl (kulturellen Evolution) des "Ritualmaterials" andererseits.

Masterarbeit als pdf online

Aus der lesenswerten Masterarbeit "Empirische Prüfung der Auswirkung von facial feedback auf die subjektive Wahrnehmung von Ritualen" - ein Auszug aus Ergebnisbericht, den ich vollinhaltlich unterschreiben würde, z.B. hier:

"Dass, wie in Abschnitt 2.1 umrissen, Religionstheorien den Faktor Freude regelmäßig ausklammern, mag innerhalb soziologischer Theoriebildung gut und richtig sein. Aus psychologischer Perspektive jedoch ist es nicht einzusehen: Hier sind Emotionen und die Motivation von Verhalten als so eng gekoppelt bekannt, dass Emotions- und Motivationspsychologie häufig als eine einzige Subdisziplin der Psychologie betrachtet werden. Selbstverständlich werden positive Affekte gezielt gesucht und motivieren Verhalten, das geeignet scheint, den positiven Affekt zu wiederholen. Ebenso selbstverständlich motivieren negative Affekte vermeidendes Verhalten. Es ist zu erwarten, dass das auch für religiöses Verhalten gelten sollte!

Eine religiöse Praxis, die positiven Affekt erzeugt, dürfte deshalb mit höherer Wahrscheinlichkeit repliziert werden als eine, die das nicht tut. Sie hätte in einer Evolution der Religion also einen klaren Vorteil, der sich durch die ganze Religionsgeschichte hindurch ausgewirkt haben könnte."

Die Masterarbeit als pdf zum Download hier.

Englischsprachige Präsentation als YouTube-Video

Und damit noch nicht einmal genug: Erneut hat Daniel Böttger eine konzentriert-inhaltliche Präsentation seiner Studie auch als (englischsprachigen) YouTube-Clip online gestellt!



Klasse! Und Daniels Homepage hier.

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/5429989/modTrackback

Basty Castellio - 10. Jan, 11:30

Insgesamt spannend

Mehrere Unterthemen:
Sieht ein bisschen so aus als ob der blinde Fleck gegenüber dem Freude-Effekt auch daran liegen könnte, dass entsprechende Pioniere der Religionswissenschaft eher protestantisch nüchtern waren (und vom Weberschen Arbeits-Ethos beseelt), und als Protestanten sowieso nicht gut auf Riten, sofort mit Liturgie assoziert, zu sprechen.
Und könnte einem Protestanten auch plausibel machen, warum entsprechende Konkurrenz-Traditionen sich trotz kognitiver Problematik fröhlich durchhalten.
Könnte auch damit zusammenhängen, dass Religionswissenschaft gegenüber anderen Wissenschaften öfters unter Rechtfertigungsdruck steht; und darum will man sich lieber mit Inhalten beschäftigen, die ernsthafter aussehen als Lautformen mit freudigen Effekten.

Nicht zu vergessen, dass auch der Ausdruck von Trauer ernst genommen werden muss. Böttger vergisst es nicht, aber seinen Ausdruck "Spaßeffekt" halte ich deshalb für verkürzend bzw. er deckt nicht die ganze Breite der notwenidgen Diskssuion über Riten ab. Besser wäre vielleicht Befriedigungseffekt - man kann von manchen Riten in der Trauer auch befriedigt werden, gerade auch dann wenn sie nicht spaßig sind. Aber ist schon klar, da gibt es dann schnell ein anderes Missverständnis.

Und bitte das Ganze komplementär zu den Erkenntnissen Sosis' halten: Die Mühen aufwendiger Riten haben ja auch ihren Sinn.
Als Theologe könnte ich da von Dialektik reden.

Ich versuche heute noch was abzusetzen zu dem anderen - das mit dem "Pantheismus". Aber das hakt noch etwas.

Basty

Basty Castellio (anonym) - 10. Jan, 22:23

Puh...?

... das fällt mir noch ein:
Den Teilnehmern wurde zwar gesagt, dass die Silbenkombinationen keinerlei Bedeutung hätten und es wurde darauf geachtet, dass sie keinem Wort in einer bekannten Sprache entsprechen.
Aber bei „Puh-tüh-kuh“ scheint nicht darauf geachtet worden zu sein, dass es auch Wort-Assoziationen gibt. Also, wenn ich ("nur" für die *zweite* Gruppe eingeteilt wäre und darin) so oft nacheinander etwas sagen sollte, das mit puh anfängt und mit einer Bezeichnung für ein bekanntes landwirtschaftliches Tier aufhört - ich würde dabei etwas unangenehme Assoziationen haben.
Könnte doch was dran sein - oder ?

Basty
zuckerwattewolkenmond - 12. Jan, 18:25

Dürfte

religiöse Praxis nicht sogar generell aus dem Wunsch heraus entstanden sein, positive Emotionen zu erzeugen? Das wage ich jetzt einmal, hier so hinzustellen, zumal Religionen in ihren Ritualen ja auch immer etwas mit Bewußtseinsveränderung zu tun haben.

Basty Castellio - 14. Jan, 20:22

Religion u positive Emotionen

Deine, @zuckerwattewolkenmond, fragende These (dürfte...?), dürfte in die richtige Richtung weisen, aber gleichzeitig zu engführend sein.
Sag ich's so: Den Wunsch, positive Emotionen zu erzeugen, gibt es natürlich überall, bei allen Menschen - jeder Religion und auch ohne Religion.
Nun, Religion kann *eine* der möglichen Methoden dafür sein, und das jeweils im Rahmen umfassenderer Konzepte: Religionen wollen insgesamt mit den verschiedensten Emotionen umzugehen lehren, z.B. in den Riten einen angemessenen Umgang mit der ganzen Bandbreite der Emotionen einüben, auch mit den Emotionen der Trauer. Aber auch darauf lassen Religionen sich nicht beschränken. Es geht in ihnen auch um Außer-Emotionales, z.B. um Gerechtigkeitssinn oder andere Sinnfragen.
Und ich finde den, zB bei PBoyer aufgeschnappten, Gedanken nicht so ohne: Nicht fragen, wie Religionen (wann denn eigentlich? oder gar über welche Entwicklungs-Schritte ) entstanden sein könnten sondern aus welchen anthropologischen Wurzeln sie (ständig) sich speisen. Ganz parallel offensichtlich zur Musik, der man ja auch attestieren kann, dass sie dazu da sei, positive Emotionen zu erzeugen, die aber nicht in dieser Funktion aufgeht.

Basty

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