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Samstag, 22. November 2008

Wie US-amerikanische Juden wählten

Der Rückblick auf das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen der USA nach Religionen (siehe hier) ist eine gute Gelegenheit, Annahmen z.B. auch über Juden zu hinterfragen, die in der deutschen Öffentlichkeit und Berichterstattung weit verbreitet sind.

So wird angenommen...

1. ...dass sich US-amerikanische Juden stärker auf Seiten republikanischer Kandidaten engagierten, die einseitiger israelische Interessen verträten und dem Dialog mit Arabern bzw. Muslimen generell kritischer gegenüber stünden.

2. ...dass es eine enge, politische Allianz jüdischer und christlich-evangelikaler Kreise gebe.

3. ...dass US-amerikanische Juden stärker in den Leitungsetagen von Handels- und Finanzbranchen vertreten seien und auch deshalb marktradikaleren Konzepten positiver gegenüber stünden als Konzepten der sozialen Marktwirtschaft.

Natürlich wird es in jeder größeren und vielfältigen Religionsgemeinschaft immer Fälle und wortmächtige Lobbyorganisationen geben, an denen sich Klischees vermeintlich bestätigen lassen. Das Wahlverhalten der US-amerikanischen Juden bei der Präsidentschaftswahl 2008 schwächt jedoch die gängigen Stereotype (Daten und Links zu Datenquellen siehe hier).

1. Auch bei dieser Wahl unterstützten fast 80% der jüdischen Wähler den demokratischen Kandidaten: Weder der auch muslimische Familienhintergrund des Christen Barack Hussein Obama noch seine Haltung stärkeren Dialoges gegenüber den arabischen Staaten und dem Iran führten zu einem Umschwenken amerikanisch-jüdischer Stimmen zu John McCain.

2. Die US-Evangelikalen unterstützen dagegen mit über 70% den Baptisten John McCain und die pfingsktkirchliche Sarah Palin. Obama erhielt hier nur 26%. Von einer maßgeblichen Allianz kann zumindest im Hinblick auf diese Wahl nicht gesprochen werden...

3. Juden wie auch Konfessionslose gehören in den USA zu den durchschnittlicher gebildeten und auch wirtschaftlicher erfolgreichen Segmenten der Gesellschaft. Das hinderte beide Denominationen nicht daran, mit deutlicher Mehrheit den gleichen Kandidaten zu wählen wie Afroamerikaner und Latinos: Barack Obama. Dass sich Wahlpräferenzen allein aus sozioökonomischen Indikatoren ablesen lassen, ist ein Mythos.

Und wo wir beim Hinterfragen populärer Mythen sind...

...wussten Sie, dass auch die Integration der (überwiegend aus arabischen, asiatischen und afrikanischen Regionen stammenden) Muslime in den USA auf Basis deutlich höherer Religiosität insgesamt besser verläuft als in Europa?
(Ein pdf-Skript dazu per Klick hier)

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/5317503/modTrackback

MMarheinecke - 22. Nov, 09:08

Das die Intergration in den USA besser klappt

... liegt meines Erachtens nicht in erster Linie daran, dass die Bevölkerung der USA im Durchschnitt religiöser ist, als die Bevölkerung der meisten europäischen Staaten.
Für entscheidend halte ich, dass die USA eine auf "universalistischer" Grundlage gebildete Nation ist, die von ihrem Anspruch her für alle Menschen jeder ethnischen und kulturellen Herkunft offen ist (und diesem Anspruch im zunehmenden Maße gerecht wird) - während die europäischen Nationalstaaten sich auf "gewachsene" Traditionen gründen - oder besser: auf die Fiktion einer "gewachsener" Tradition.

Das heißt, dass islamische Einwanderer in den USA, solange sie sich an den bestehenden "Gesellsschaftsvertrag" halten, einfach eine weitere Einwanderergruppe von vielen sind, die das Selbstverständnis der "Eingessenen" nicht gefährden, während sie in Europa als Bedrohung der "eingeborenen" "Leitkultur" wahrgenommen werden. (Stichwort: "Eurabien".)

Selbstverständlich trägt aus die völlig andere Struktur der Kirchen in den USA zu der größeren Toleranz gegenüber Muslimen bei: zahlreiche staatsferne religöse Gemeinschaften stehen einem konfessionellen Oligopol in Europa gegenüber - das in vielen Fällen, vor allem in Deutschland, auch noch mit dem Staat verwoben ist.
Bezeichnenderweise wir man in Deutschland meistens gefragt, ob man in der Kirche sei, während man in den USA gefragt wird, ob man in einer Kirche sei - und dann, in welcher. Speziell in Deutschland ist das religiöse Bekenntnis eine "Ja / Nein"-Entscheidung - "für" oder "gegen" die Kirche, wobei die Frage, ob röm. kath. oder ev. luth. zweitranging ist.
In Deutschland ist außerdem bei vielen gesellschaftlichen Gruppen noch nicht angekommen, dass Religionsfreiheit auch "Sektenfreiheit" ist. Die Akzeptanz der Moslems als Glaubensbekenntnis wächst in dem Maße, in dem sie "ordentlich", nach dem Vorbild der "richtigen" Kirchen organisiert sind.

Ja, da...

...würde ich - siehe den verlinkten Vortrag - durchaus zustimmen (und als Ergänzung z.B. noch den höheren Bildungsgrad muslimischer Zuwanderer in die USA erwähnen). Genau das zeigt aber auf, dass nicht Religiosität per se für Integrationsschwierigkeiten sorgt, sondern das Setting, in dem sie sich entfaltet. Denn wäre der Islam selbst das Problem, könnten sich die (durchschnittlich deutlich religiöseren) Muslime in den USA kaum so erfolgreich einbringen.

Dr. Blume

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