Das US-Wahlergebnis nach Religionen
Es sah wie eine sichere Bank für die Republikaner aus: Wenn sie sich fortan auf die streng gläubigen Christen stützten (kinderreich, organisiert in demografisch erfolgreichen Gemeinschaften und nicht zuletzt patriotisch-pflichtbewusst und damit stets wahlbereit), so würden die US-Demokraten in zersplitterten Koalitionen verschiedenster ethnischer und religiöser Minderheiten sowie der Konfessionslosen mit dem Nimbus der unsicheren Kantonisten verbleiben - und gegen einen nichtglaubenden US-Präsidenten sprachen sich noch 2007 fast zwei Drittel der Wähler aus (vgl. hier).
Barack Obama gelingt Erfolg in beiden Lagern
Dem erfolgreichen Kandidaten der Demokraten, Barack Hussein Obama, ist es jedoch gelungen, diese Klammer zu sprengen: Er mobilisierte sowohl die religiösen und ethnischen Minderheiten einschließlich der Konfessionslosen und gewann gleichzeitig in den strenger glaubenden Wählermilieus.
So erreichte er die stärksten Zugewinne unter den ohnehin demokratisch orientierten Konfessionlosen (75%, + 8%), den Katholiken, deren Mehrheit er gewann (54%, + 7%) und den republikanischen Hochburgen der Protestanten insgesamt wie auch den Evangelikalen und "wiedergeborenen" Christen (45% bzw. 26%, je + 5%). Ein Teil dieser Zugewinne geht dabei auf die Mobilisierung nichtweißer Wähler, ein anderer aber auch auf Zugewinne in der weißen Wählerschaft zurück.

Das gleiche Bild zeigt sich auch, wenn nicht die Religionszugehörigkeit und Ethnie, sondern die religiöse Praxis betrachtet wird. Den größten Sprung gegenüber Kerry 2004 machte Obama dabei bei denjenigen, die mehr als einmal pro Woche einen Gottesdienst besuchten - unter ihnen erzielte er 43%, + 8%. Bei jenen, die nur selten im Jahr oder nie einen Gottesdienst besuchten, legte er ebenfalls leicht überdurchschnittlich zu: + 5%, gegenüber + 4% insgesamt.
Fazit: Ein Erfolg religiöser Integrations- gegen Polarisationsstrategien
Religiöse, weltanschauliche und ethnische Vielfalt lässt sich in Wahlkämpfen stets in zwei Richtungen thematisieren: Integrierend, indem der gegenseitige Respekt als Basis einer gemeinsamen Identität gefeiert wird oder polarisierend, indem "die anderen" (die Un- oder Andersgläubigen, die Fundamentalisten usw.) als Negativbild zur Mobilisierung eigener Milieus abgewertet werden. Der Wahlerfolg Obamas stellt einen deutlichen Erfolg der integrierenden gegenüber der polarisierenden Strategie dar. Er hat gezeigt, dass sich so auch sehr unterschiedliche Milieus ansprechen lassen - und die (schon aus demografischen Gründen) wachsende religiöse und ethnische Vielfalt in freiheitlichen Demokratien dürfte die integrierende Strategie auch längerfristig begünstigen.
Aber die Widerstände waren und sind nicht zu unterschätzen, die Unterschiede bleiben gewaltig: So gewann Obama 78% der jüdischen und 75% der konfessionslosen Wähler (John McCain hier 21% bzw. 23%), wogegen trotz seiner Zugewinne nur 26% der Evangelikalen und nur 34% der weißen Protestanten (nach US-Zählung inkl. Mormonen) für ihn stimmten, gegenüber 73% bzw. 65% für McCain. Die politische Kunst erfolgreich verbindender Politiker besteht also weiterhin nicht darin, Unterschiede und Gräben zu ignorieren, sondern sie immer wieder so gut wie möglich anzugehen und auch emotional zu überwinden.
Datenquelle: Pew Forum on Religion and Public Life, 2008
Barack Obama gelingt Erfolg in beiden Lagern
Dem erfolgreichen Kandidaten der Demokraten, Barack Hussein Obama, ist es jedoch gelungen, diese Klammer zu sprengen: Er mobilisierte sowohl die religiösen und ethnischen Minderheiten einschließlich der Konfessionslosen und gewann gleichzeitig in den strenger glaubenden Wählermilieus.
So erreichte er die stärksten Zugewinne unter den ohnehin demokratisch orientierten Konfessionlosen (75%, + 8%), den Katholiken, deren Mehrheit er gewann (54%, + 7%) und den republikanischen Hochburgen der Protestanten insgesamt wie auch den Evangelikalen und "wiedergeborenen" Christen (45% bzw. 26%, je + 5%). Ein Teil dieser Zugewinne geht dabei auf die Mobilisierung nichtweißer Wähler, ein anderer aber auch auf Zugewinne in der weißen Wählerschaft zurück.

Das gleiche Bild zeigt sich auch, wenn nicht die Religionszugehörigkeit und Ethnie, sondern die religiöse Praxis betrachtet wird. Den größten Sprung gegenüber Kerry 2004 machte Obama dabei bei denjenigen, die mehr als einmal pro Woche einen Gottesdienst besuchten - unter ihnen erzielte er 43%, + 8%. Bei jenen, die nur selten im Jahr oder nie einen Gottesdienst besuchten, legte er ebenfalls leicht überdurchschnittlich zu: + 5%, gegenüber + 4% insgesamt.
Fazit: Ein Erfolg religiöser Integrations- gegen Polarisationsstrategien
Religiöse, weltanschauliche und ethnische Vielfalt lässt sich in Wahlkämpfen stets in zwei Richtungen thematisieren: Integrierend, indem der gegenseitige Respekt als Basis einer gemeinsamen Identität gefeiert wird oder polarisierend, indem "die anderen" (die Un- oder Andersgläubigen, die Fundamentalisten usw.) als Negativbild zur Mobilisierung eigener Milieus abgewertet werden. Der Wahlerfolg Obamas stellt einen deutlichen Erfolg der integrierenden gegenüber der polarisierenden Strategie dar. Er hat gezeigt, dass sich so auch sehr unterschiedliche Milieus ansprechen lassen - und die (schon aus demografischen Gründen) wachsende religiöse und ethnische Vielfalt in freiheitlichen Demokratien dürfte die integrierende Strategie auch längerfristig begünstigen.
Aber die Widerstände waren und sind nicht zu unterschätzen, die Unterschiede bleiben gewaltig: So gewann Obama 78% der jüdischen und 75% der konfessionslosen Wähler (John McCain hier 21% bzw. 23%), wogegen trotz seiner Zugewinne nur 26% der Evangelikalen und nur 34% der weißen Protestanten (nach US-Zählung inkl. Mormonen) für ihn stimmten, gegenüber 73% bzw. 65% für McCain. Die politische Kunst erfolgreich verbindender Politiker besteht also weiterhin nicht darin, Unterschiede und Gräben zu ignorieren, sondern sie immer wieder so gut wie möglich anzugehen und auch emotional zu überwinden.
Datenquelle: Pew Forum on Religion and Public Life, 2008
blume-religionswissenschaft - 7. Nov, 06:50
3 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
saibot (Gast) - 7. Nov, 16:24
sehr interessante Zusammenstellung bzw. Analyse. Dennoch: Das McCain in diesen Wählerschichten erfolgreich war, ist nicht zu bezweifeln. Obama gelang eben "nur" eine starke Mobilisierung "seiner" Wähler. Er hat sich eben als "Brückenbauer" verkauft.
Daher kann ich deinen letzten Satz nur voll und ganz unterstützen.
Daher kann ich deinen letzten Satz nur voll und ganz unterstützen.
blume-religionswissenschaft - 7. Nov, 17:08
Danke!
Wichtig scheint mir festzuhalten: "Nur" mit der Mobilisierung der eigenen Wählermilieus hätte es Obama womöglich nicht geschafft - sein prozentual recht niedriger, aber nach Staaten beeindruckender Wahlerfolg war nur erzielbar, weil er auch in die republikanischen Milieus einbrach (wenn auch von oft niedrigem Niveau aus).
In Deutschland beobachte ich das Nebeneinander von Polarisations- und Integrationsstrategien seit längerem: Vor allem in ländlichen und ostdeutschen Gebieten mit konfessionell noch recht einheitlichen Wählerschaften (je katholisch, protestantisch oder konfessionslos) wird gerne Stimmung gegen religiöse Minderheiten gemacht, die stellvertretend der Ablehung anderer oder aller Religion dienen. In städtischen und generell pluralen Regionen dagegen setzen sich (insbesondere bei den in direkten Persönlichkeitswahlen ermittelten (Ober-)Bürgermeistern) sehr viel stärker integrierende Strategien, die die verschiedenen Milieus einzubeziehen versuchen, durch.
Demografisch gesehen wird die integrierende Strategie dabei immer stärker nachgefragt, noch fehlt es ihren Protagonisten aber an inhaltlichem und emotionalem Tiefgang. Der positiv-patriotische Mythenschatz von Einwanderung, Integration und Voranschreiten in Vielfalt, der einem US-Politiker zur Verfügung steht, ist in Deutschland (und Europa generell) noch kaum entwickelt. Unsere Geschichtsbilder schwanken zwischen der Ausgrenzung und Verfolgung von Minderheiten und dem schlechten Gewissen darüber, "gemeinsamer Erfolg durch Vielfalt" wird nur sporadisch zum Beispiel im Bezug auf Al-Andalus oder den Stauferkaiser Friedrich gefeiert, ist aber in der Breite bislang kaum präsent.
In Deutschland beobachte ich das Nebeneinander von Polarisations- und Integrationsstrategien seit längerem: Vor allem in ländlichen und ostdeutschen Gebieten mit konfessionell noch recht einheitlichen Wählerschaften (je katholisch, protestantisch oder konfessionslos) wird gerne Stimmung gegen religiöse Minderheiten gemacht, die stellvertretend der Ablehung anderer oder aller Religion dienen. In städtischen und generell pluralen Regionen dagegen setzen sich (insbesondere bei den in direkten Persönlichkeitswahlen ermittelten (Ober-)Bürgermeistern) sehr viel stärker integrierende Strategien, die die verschiedenen Milieus einzubeziehen versuchen, durch.
Demografisch gesehen wird die integrierende Strategie dabei immer stärker nachgefragt, noch fehlt es ihren Protagonisten aber an inhaltlichem und emotionalem Tiefgang. Der positiv-patriotische Mythenschatz von Einwanderung, Integration und Voranschreiten in Vielfalt, der einem US-Politiker zur Verfügung steht, ist in Deutschland (und Europa generell) noch kaum entwickelt. Unsere Geschichtsbilder schwanken zwischen der Ausgrenzung und Verfolgung von Minderheiten und dem schlechten Gewissen darüber, "gemeinsamer Erfolg durch Vielfalt" wird nur sporadisch zum Beispiel im Bezug auf Al-Andalus oder den Stauferkaiser Friedrich gefeiert, ist aber in der Breite bislang kaum präsent.
saibot (Gast) - 9. Nov, 11:11
hmmm... wahrscheinlich ist das richtig. Anbei noch ein Fundstück. Ich weiß nicht ob du es schon kennst.
http://www.dokumentarfilm24.de/2008/10/31/die-jesus-jugend-deutschlands-jugend-auf-der-suche-nach-einem-neuen-fuehrer/
http://www.dokumentarfilm24.de/2008/10/31/die-jesus-jugend-deutschlands-jugend-auf-der-suche-nach-einem-neuen-fuehrer/



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