Reinhard Wolf: Respekt
Die Politikwissenschaft war mein zweites Hauptfach, aber ihre Literatur hatte ich nur noch teilweise verfolgt. Als ich auf der Frankfurter Buchmesse die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift für Internationale Beziehungen (ZIB - Homepage hier) in die Hand nahm, stieß ich auf einen interessanten Beitrag mit dem schlichen Titel "Respekt" von Prof. Dr. Reinhart Wolf (Frankfurt) auf S. 5 - 42.
Absolute Positivüberraschung!
Und dieser Artikel war von einer Qualität, wie ich sie lange nicht mehr erlebt hatte! Ganz nüchtern geht Wolf davon aus, dass die klassischen Motivannahmen Macht, Sicherheit und Wohlfahrt in der Analyse internationaler Beziehungen (Fachjargon: IB-Theorien) nicht ausreichen, kam es doch auch in der Evolution des Menschen (einzeln und in Gemeinschaft) auf etwas Entscheidendes weiteres an: Respekt!
Individuelle und vor allem (!) kollektive Akteure waren und sind dringend darauf angewiesen, von anderen als eigenständig und bedeutungsvoll Handelnde auf Augenhöhe anerkannt zu werden - und waren und sind also bereit, zur Erlangung von Respekt Enormes zu leisten. Zitat-Kostprobe:
"Kaum jemand weiß dies besser als Professorinnen und Professoren, die als "ihre eigenen Chefs" gut dotierte Lebenszeitstellen bekleiden und trotzdem immer noch genauso um die Aufmerksamkeit und Wertschätzung ihrer Kollegen bemüht sind wie junge Wissenschaftlerinnen, die noch am Beginn einer unsicheren Karriere stehen. [...] Von anderen respektiert zu werden, ist ganz offensichtlich ein grundlegendes menschliches Bedürfnis (Sennett 2004:49, ähnlich Goffman 1967: Kap. 1)"
Wolf macht hier auf eine Wahrnehmungs- und Forschungslücke aufmerksam (die auch damit zusammen hänge, dass amerikanisch-europäische Wissenschaftler das Respekt-Gefälle in den internationalen Beziehungen weniger wahrnähmen als jene andere Kontinente) und belegt seine These anhand von Fallbeispielen und Befragungsdaten.
Wie begründeten die Warschauer Juden den letztlich aussichtslosen Aufstand oder die Palästinenser die zweite Intifada? Warum jubelten zunächst viele Muslime (und auch Nichtmuslime!) in der 3. Welt Bin Ladens Schlag gegen die USA zu? Warum nimmt Russland so enorme Kosten auf sich, um militärisch wieder auf Augenhöhe mit der NATO zu kommen?
Sind schon diese Einzeluntersuchungen bedenkenswert, so noch mehr die globalen Daten des Pew Research Center, mit denen auch dieser Blog schon mehrfach gearbeitet hatte. Warum wünschen sich klare Mehrheiten der Befragten (auch Europäer inkl. Deutsche), dass es zu den USA eine Gegenmacht gebe - obwohl sie keinen Wunschkandidaten benennen können und bei Alternativvorschlägen (Russland, China, EU etc.) zurück schrecken? Warum wiesen nicht nur Muslime, sondern auch hinduistische Inder dem Westen die Schuld an der Karikaturenkrise zu (siehe auch Blogbeitrag hier)?

Wolf meint: Hier spielte jeweils nicht ein direktes Streben nach Macht, Sicherheit oder Wohlfahrt die Hauptrolle, sondern das Streben nach Respekt - das auch oft explizit so thematisiert wird. Werde es ignoriert, so seien in den IB folgenschwere Fehlanalysen und -entwicklungen die Folge.
Fazit
Persönlich gesprochen halte ich Wolfs Artikel für einen der besten, politikwissenschaftlichen Texte, die ich in den vergangenen Jahren lesen durfte. Er enthüllt eine Variable nicht nur des individuellen, sondern auch des kollektiven Handelns (und, ja, ich würde es auch bei Religionsgemeinschaften attestieren), das im Rahmen der bisherigen, pseudo-rationalistischen Annahmen analytisch übersehen wurde. Politiker und mehr noch ihre Anhängerschaften betreiben Politik auch als emotionales Geschäft - und der hohe, ritualisierte Formalisierungsgrad gerade auch der internationalen Diplomatie verweist auf die Kunst, diese Emotionen nach Möglichkeit in konstruktive Rahmen zu lenken. Kleine Gesten (Kanzler Brandts Kniefall in Warschau, Premier Scharons "Besuch" auf dem Tempelberg, die Regensburger Rede des Papstes, die Eröffnung der Duisburger Moschee durch Ministerpräsident Rüttgers etc.) können hier große Wirkung entfalten.
So habe ich an Reinhard Wolfs Text eigentlich nur eines auszusetzen: Dass die Respekt-These zwischen Menschen und Menschengruppen noch nicht weiterentwickelt und in Buchform vorgelegt ist! Denn das Potential dazu hat sie, sogar weit mehr als das! Bravo, Prof. Wolf! Oder, als höchstes Lob in den Worten heutiger Jugend: Respekt!!!
Absolute Positivüberraschung!
Und dieser Artikel war von einer Qualität, wie ich sie lange nicht mehr erlebt hatte! Ganz nüchtern geht Wolf davon aus, dass die klassischen Motivannahmen Macht, Sicherheit und Wohlfahrt in der Analyse internationaler Beziehungen (Fachjargon: IB-Theorien) nicht ausreichen, kam es doch auch in der Evolution des Menschen (einzeln und in Gemeinschaft) auf etwas Entscheidendes weiteres an: Respekt!
Individuelle und vor allem (!) kollektive Akteure waren und sind dringend darauf angewiesen, von anderen als eigenständig und bedeutungsvoll Handelnde auf Augenhöhe anerkannt zu werden - und waren und sind also bereit, zur Erlangung von Respekt Enormes zu leisten. Zitat-Kostprobe:
"Kaum jemand weiß dies besser als Professorinnen und Professoren, die als "ihre eigenen Chefs" gut dotierte Lebenszeitstellen bekleiden und trotzdem immer noch genauso um die Aufmerksamkeit und Wertschätzung ihrer Kollegen bemüht sind wie junge Wissenschaftlerinnen, die noch am Beginn einer unsicheren Karriere stehen. [...] Von anderen respektiert zu werden, ist ganz offensichtlich ein grundlegendes menschliches Bedürfnis (Sennett 2004:49, ähnlich Goffman 1967: Kap. 1)"
Wolf macht hier auf eine Wahrnehmungs- und Forschungslücke aufmerksam (die auch damit zusammen hänge, dass amerikanisch-europäische Wissenschaftler das Respekt-Gefälle in den internationalen Beziehungen weniger wahrnähmen als jene andere Kontinente) und belegt seine These anhand von Fallbeispielen und Befragungsdaten.
Wie begründeten die Warschauer Juden den letztlich aussichtslosen Aufstand oder die Palästinenser die zweite Intifada? Warum jubelten zunächst viele Muslime (und auch Nichtmuslime!) in der 3. Welt Bin Ladens Schlag gegen die USA zu? Warum nimmt Russland so enorme Kosten auf sich, um militärisch wieder auf Augenhöhe mit der NATO zu kommen?
Sind schon diese Einzeluntersuchungen bedenkenswert, so noch mehr die globalen Daten des Pew Research Center, mit denen auch dieser Blog schon mehrfach gearbeitet hatte. Warum wünschen sich klare Mehrheiten der Befragten (auch Europäer inkl. Deutsche), dass es zu den USA eine Gegenmacht gebe - obwohl sie keinen Wunschkandidaten benennen können und bei Alternativvorschlägen (Russland, China, EU etc.) zurück schrecken? Warum wiesen nicht nur Muslime, sondern auch hinduistische Inder dem Westen die Schuld an der Karikaturenkrise zu (siehe auch Blogbeitrag hier)?

Wolf meint: Hier spielte jeweils nicht ein direktes Streben nach Macht, Sicherheit oder Wohlfahrt die Hauptrolle, sondern das Streben nach Respekt - das auch oft explizit so thematisiert wird. Werde es ignoriert, so seien in den IB folgenschwere Fehlanalysen und -entwicklungen die Folge.
Fazit
Persönlich gesprochen halte ich Wolfs Artikel für einen der besten, politikwissenschaftlichen Texte, die ich in den vergangenen Jahren lesen durfte. Er enthüllt eine Variable nicht nur des individuellen, sondern auch des kollektiven Handelns (und, ja, ich würde es auch bei Religionsgemeinschaften attestieren), das im Rahmen der bisherigen, pseudo-rationalistischen Annahmen analytisch übersehen wurde. Politiker und mehr noch ihre Anhängerschaften betreiben Politik auch als emotionales Geschäft - und der hohe, ritualisierte Formalisierungsgrad gerade auch der internationalen Diplomatie verweist auf die Kunst, diese Emotionen nach Möglichkeit in konstruktive Rahmen zu lenken. Kleine Gesten (Kanzler Brandts Kniefall in Warschau, Premier Scharons "Besuch" auf dem Tempelberg, die Regensburger Rede des Papstes, die Eröffnung der Duisburger Moschee durch Ministerpräsident Rüttgers etc.) können hier große Wirkung entfalten.
So habe ich an Reinhard Wolfs Text eigentlich nur eines auszusetzen: Dass die Respekt-These zwischen Menschen und Menschengruppen noch nicht weiterentwickelt und in Buchform vorgelegt ist! Denn das Potential dazu hat sie, sogar weit mehr als das! Bravo, Prof. Wolf! Oder, als höchstes Lob in den Worten heutiger Jugend: Respekt!!!
blume-religionswissenschaft - 10. Nov, 06:07
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Ingo (Gast) - 13. Nov, 13:44
Respekt in der Erziehung
Dem Begriff Respekt wird ja bspw. gegenwärtig in der schulischen Erziehung hohe Bedeutung beigemessen, also das Erlernen, daß man den anderen (Mitschüler, Lehrer, etc.) schlichtweg respektiert als eigentständige, eigenwertige Persönlichkeit.
Bei Kindern und Jugendlichen fängt Respektlosigkeit bei vielen, vielen, sehr kleinen Dingen an. Und Erwachsene können - wie ich denke - viel über ihre eigene (allerdings inzwischen eher verborgene) Respektlosigkeit lernen, wenn sie (z.B. auch eigene) Kinder beobachten. Der Unterschied zu den Erwachsenen ist meiner Meinung nach nur einer: Jugendliche sind ehrlicher und offener. Sie zeigen ihre Respektlosigkeit offen, während wir zwar dem Gegenüber oft auch keinen Respekt empfinden (keinen echten) - aber im "easygoing" der Dienstleistungsgesellschaft darüber schnell hinweggehen und uns das selbst gar nicht mehr klar machen, wie respektlos wir uns selbst und anderen gegenüber EIGENTLICH sind und denken.
Ja, Respekt ist ein unglaublich wesentliches, bedeutendes Konzept, wie ich auch denke. Allerdings kann gerade bei einem so wesentlichen Phänomen deutlich werden, daß die kulturellen Unterschiede sehr groß sein können.
Die westliche, abendländische Kultur könnte unter Respekt in vielerlei Hinsicht etwas völlig anderes verstehen als andere Kulturen - und umgekehrt. Respekt vor der Schöpfung beispielsweise geht noch über "Ehrfurcht" vor ihr hinaus, nicht wahr?
Bei Kindern und Jugendlichen fängt Respektlosigkeit bei vielen, vielen, sehr kleinen Dingen an. Und Erwachsene können - wie ich denke - viel über ihre eigene (allerdings inzwischen eher verborgene) Respektlosigkeit lernen, wenn sie (z.B. auch eigene) Kinder beobachten. Der Unterschied zu den Erwachsenen ist meiner Meinung nach nur einer: Jugendliche sind ehrlicher und offener. Sie zeigen ihre Respektlosigkeit offen, während wir zwar dem Gegenüber oft auch keinen Respekt empfinden (keinen echten) - aber im "easygoing" der Dienstleistungsgesellschaft darüber schnell hinweggehen und uns das selbst gar nicht mehr klar machen, wie respektlos wir uns selbst und anderen gegenüber EIGENTLICH sind und denken.
Ja, Respekt ist ein unglaublich wesentliches, bedeutendes Konzept, wie ich auch denke. Allerdings kann gerade bei einem so wesentlichen Phänomen deutlich werden, daß die kulturellen Unterschiede sehr groß sein können.
Die westliche, abendländische Kultur könnte unter Respekt in vielerlei Hinsicht etwas völlig anderes verstehen als andere Kulturen - und umgekehrt. Respekt vor der Schöpfung beispielsweise geht noch über "Ehrfurcht" vor ihr hinaus, nicht wahr?




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