Donnerstag, 30. Oktober 2008

NRW-Ministerpräsident Rüttgers und Zentralrat-Vize Korn fordern mehr sichtbare Moscheen für Deutschland

Gegen die teilweise massiven Ängste gegen Religion(en) im Allgemeinen und den Islam im Besonderen hat der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers (CDU) Stellung bezogen. Anläßlich der Eröffnung der DITIB-Moschee in Duisburg Marxloh forderte er am Sonntag, dem 26.10.2008, es müsse mehr islamische Gotteshäuser in Deutschland geben - sichtbar, nicht in den Hinterhöfen. (RP-Online-Bericht hier)

Starke Widerstände

In europäischen Gesellschaften gibt es massive Vorbehalte gegenüber Muslimen, in Deutschland äußerte sich 2008 jeder zweite Befragte negativ.

Wie zu erwarten schlug dem Politiker neben demokratischer Zustimmung auch eine Welle der Ablehnung entgegen, darunter "böse und hasserfüllte Briefe", wie Rüttgers berichtete. Auch der Islamkritiker Ralph Giordano forderte erneut Einschränkungen der Religionsfreiheit für Muslime einschließlich eines "Baustopp für Großmoscheen". (RP-Online-Bericht hier)

Plädoyer von Salomon Korn: Islam längst Teil Europas

Aber das Plädoyer für eine zukunftsorientierte Moscheedebatte fand auch prominente Unterstützung: Prof. Dr. Salomon Korn, u.a. Vize-Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, plädierte am Montag in einem Essay für die Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Offenheit und verglich die Erfahrungen der deutschen Juden im 19. und der deutschen Muslime im 21. Jahrhundert je im Ringen um bürgerschaftliche Akzeptanz und Gleichberechtigung: "Je weniger Muslime in Europa als Teil der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft empfunden werden, desto stärker bildet sich Widerstand gegen ihre Moscheen. ... Im historischen Maßstab betrachtet, hat der öffentliche Streit über die Integration muslimischer Einwanderer und ihrer Moscheen in Europa gerade erst begonnen. Und wie nicht zuletzt die Auseinandersetzungen um den Bau neoislamischer Synagogen im 19. Jahrhundert in Deutschland belegen, wird trotz heute weitgehend veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse noch viel Zeit vergehen, bis Moscheen mit einiger Selbstverständlichkeit neben Stadt- und Dorfkirchen aufragen werden. Wenn es denn eines Tages so weit sein sollte, dass im kollektiven Gedächtnis der Europäer die Türken nicht mehr vor Wien stehen und die hier lebenden Muslime sich vorbehaltlos zu Europa und seinen Werten bekennen, dann könnten die Zwiebeldächer der Barockkirchen und die geometrische Ornamentik der Moscheen unvoreingenommen von dem künden, was im Bewusstsein des Westens nur unzureichend verankert ist: wie lange Orient und Islam – über Kunst und Architektur hinaus – bereits Teil der europäischen Geschichte und des abendländisch-kulturellen Erbes sind." (Den ganzen Artikel für Abonennten oder 2 € im FAZarchiv)

In den deutscherseits gerne belächelten USA...

...wären solche Debatten übrigens schwer denkbar. Stattdessen tourte eine Ausstellung über US-amerikanische Moscheebauten im letzten Jahr durch die Botschaften der Vereinigten Staaten, darunter jene in Berlin. In den USA ist der Islam längst Teil auch der politischen Kultur - und auch muslimische Abgeordnete werden nicht nur gewählt, sondern legen ihren Amtseid auch auf ihre heilige Schrift, den Koran, ab.

Der frisch gewählte, US-demokratische Kongressabgeordnete Keith Ellison schwört zum Amtsantritt auf seine heilige Schrift den Koran. Von rechts nach links: Keith Ellison, seine (nichtmuslimische) Frau Kim Ellison, Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi. Der Schwur erfolgte auf eine Koranausgabe, die US-Präsident Jefferson gehörte.

Und auch die Integration der (durchschnittlich deutlich besser gebildeten, aber auch deutlich religiöseren) Muslime in den Vereinigten Staaten verläuft bislang deutlich erfolgreicher als in den säkular-europäischen Gesellschaften. Es lohnt, darüber nachzudenken...

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