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Montag, 15. September 2008

Friedrich Wilhelm Graf: 10 Thesen zur Religion im 21. Jahrhundert

In der aktuellen Geokompakt (Nr. 16) zum Thema "Glaube und Religion. Götter, Rituale, Spiritualität: Die Faszination des Übersinnlichen" finden sich einige interessante Artikel (und eindrucksvolle Fotos). Inhaltlich besonders interessant fand ich die 10 Thesen des Münchner Theologen Friedrich Wilhem Graf, die ich hier kurz vor- und zur Diskussion stellen möchte.



1. Die Gegenwartsmoderne ist keine gottlose Zeit. Sondern stark geprägt durch eine Attraktivität religiösen Glaubens.

Hier verabschiedet Prof. Graf die linearen Säkularisierungsthesen. Und schließt mit der bemerkenswerten Feststellung: "Denn schon aus demografischen Gründen wird Religion weiter an Gewicht gewinnen: Die besonders Frommen zeugen in allen Weltteilen und in allen Religionen mehr Kinder als andere."

Da sage ich wohl mal einfach: "Danke!" Und: Ja! :-)

(Artikel dazu z.B. hier)

2. Neue Formen des Christentums wachsen mindestens ebenso stark wie der Islam – und sie missionieren aggressiver.

Hier weist Prof. Graf m.E. zu Recht sowohl auf das dynamische Wachstum christlicher Gemeinschaften auf der Südhalbkugel wie auch in Ländern wie Südkorea hin - und auf den Aufstieg verbindlicher, teilweise auch fundamentalistischer Gemeinschaften in nahezu allen westlichen Ländern, während die liberalen Mainstream-Kirchen schrumpfen. Auch hier: meinerseits Zustimmung.

(Vgl. Artikel "Religiöse Identität und Fundamentalismus in Europa" hier)

3. Durch Migration gewinnt Religion neue Bedeutung.

Menschen, die ihre Heimat wechseln, wenden sich auf der Suche nach Verwurzelung oft besonders intensiv mitgebrachten oder neuen Religionsgemeinschaften zu. Und globale Migrationsströme nehmen zu. Auch hier also: Zustimmung.

(Vgl. Kategorie Migration und Religion)

4. Im globalen Kapitalismus müssen Gott, die Götter und der Glaube vermarktet werden.

5. Auf Religionsmärkten sind „harte“ Formen des Glaubens erfolgreicher als weiche, liberale.

Der (auch demografische) Wettbewerb der Religionen und auch der nachweisbare Nutzen verbindlicher Normen und Regeln, die von übernatürlichen Akteuren erlassen seien, spielten hier mehrfach eine Rolle, beispielsweise auch in der Frage der "Bio-Logik der 10 Gebote" oder der religionshistorisch und experimentell belegten Ritualtheorie des Anthropologen Richard Sosis. Auch hier also: meinerseits volle Zustimmung!

6. Die Religionskulturen des 21. Jahrhunderts leben in permanenter Wechselwirkung. Das führt zu Konflikten.

Das ist wohl selbsterklärend. Die Zahl der mit Religion(en) verbundenen Konfliktthemen reicht von Alltags-, Kleidungs- und Bauthemen bis zu internationalen Spannungen und Gewalt. Auch atheistische Regime (z.B. China, Nordkorea, Birma) und Bewegungen gerieren sich dabei zunehmend intolerant gegenüber dem Aufleben religiöser Bewegungen. In Deutschland äußert sich Religionsfeindlichkeit noch immer antisemitisch, "mutiger" aber auch islamophob und fast als Allgemeingut auch antiamerikanisch (als Chiffre für antichristlich). Dass beispielsweise in den USA die Integration der Muslime bislang weit besser gelingt als im säkularen Europa hat sich noch kaum herumgesprochen. Noch sind wir Europäer dabei, zu lernen, mit dem Wiederaufleben von Religionen umzugehen. Auch hier also: Klare Zustimmung zur These Grafs.

7. Das Christentum, den Islam oder den Buddhismus gibt es nicht.

Tja, für Religionswissenschaftler, die mit der Vielfalt der Ausprägungen auch innerhalb einzelner Weltreligionen zu tun haben, eine Selbstverständlichkeit. Man vergleiche zum Beispiel die katholische Weltkirche mit den deutschsprachigen Amischen, um nur zwei christliche Gemeinschaften zu vergleichen, die sich wiederum in zahlreiche Untergruppen aufgliedern. Auch hier also: Zustimmung.

8. Europa wird zum Einwanderungskontinent für Muslime. Aber die islamischen Lebenswelten in Europa sind bunt und vielfältig.

Zur Integration des Islam in Europa vertritt Prof. Graf eine klare Position: "Stereotype wie „der europäische Islam“ müssen vermieden, Bildungs- und Aufstiegschancen eröffnet werden. Es hängt von den Nichtmuslimen ab, ob die zunehmende Präsenz von Muslimen in Europa zur Erfolgsgeschichte wird."

Naja, hier würde ich ein wenig einschränken: Es hängt von beiden Seiten ab, wie sich das Miteinander entwickelt. Den Muslimen jede Selbstverantwortung und jede Chance auf Selbstgestaltung abzusprechen halte ich für etwas paternalistisch. Aber mir scheint, Prof. Graf will hier vor allem auch an den gängigen Klischees rütteln, nach denen nur "die Muslime" sich zu bewegen hätten. Und wie hartnäckig sich Stereotype halten, erlebe ich immer wieder am Erstaunen darüber, dass auch die Geburtenraten von Muslimen weltweit rapide sinken. Mancher will von kruden Feindbildern einfach nicht lassen. In diesem Sinne: Zustimmung zur Grafschen Grundthese.

9. Viele Glaubenssucher verknüpfen Elemente unterschiedlicher religiöser Überlieferungen miteinander.

Ja. Auch in Europa breitet sich auch das Phänomen von Mehrfachmitgliedschaften aus - Menschen beschreiben sich z.B. gleichzeitig als Christen und Buddhisten oder gehören einer Gemeinschaft an, nehmen aber auch Elemente der anderen in ihr Leben auf. Fachbegriffe dafür lauten religiöses Patchworking oder Bricolage. Längst gibt es auch etablierte Gemeinschaften auf Basis religiöser Kombinationen, z.B. die anthroposophische Christengemeinschaft, die über Rudolf Steiner auch hinduistische Lehren (wie Karma und Wiedergeburt) rezipiert hat. Zustimmung.

10. Deutsche Christen leben in überlegter Distanz zu den Kirchen – und sind dennoch religiöser, als viele meinen.

In der Tat. Schon bei unserer ALLBUS-Auswertung 2006 erlebten wir ein sehr viel breiteres, religiöses Spektrum (und sehr viel deutlichere, demografische Auswirkungen) als wir erwartet hatten. Zustimmung.

Fazit

Den 10 Thesen von Prof. Graf stimme ich ausnahmslos zu, wenn ich auch im Detail manchmal einige Akzente anders setzen würde. Was meinen Sie?

(Gesamttext der 10 Thesen hier.)

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