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Mittwoch, 27. August 2008

Wolfgang Bossinger und die Evolution von Musikalität und Religiosität

Auf den möglichen Zusammenhang von Musikalität und Religiosität stieß bereits Max Weber. Dieser Klassiker der deutschen und internationalen Religionssoziologie arbeitete, was weniger bekannt ist, auch in einigen Studien zur Soziologie der Musik - und prägte, wissend, wovon er schrieb und sprach, u.a. Begriffe wie "religiöser Virtuose" oder "religiös unmusikalisch" sein.

Und, seltsam, ja: Begriffe wie "religiöser Hochleister" oder "religiös unsportlich" wirken nicht in gleicher Weise "stimmig", bringen nicht vergleichbar "Saiten zu schwingen"... Fast ist es, als hätte Weber und würden auch wir heutigen Menschen eine tiefe Verbindung erahnen, die evolutionswissenschaftlich zu erforschen bisher noch nicht gelungen ist.

Ein sehr praktisch orientierter Musiktherapeut, Wolfgang Bossinger, überraschte und begeistert viele Menschen durch ein Buch, in dem er die gesundheitliche Kraft des Singens darstellte und immer wieder Bögen zu Religionskulturen schlägt. Denn es ist ja kein Geheimnis, dass in Religionsgemeinschaften weltweit Musik, Chorgesang etc. gerade auch im Bezug auf Heilung und Gemeinschaft tragende Rollen spielt.

Und Bossinger arbeitet keinesfalls mit esoterischen Spekulationen, sondern nüchtern durch die gelungene Verknüpfung von Evolutionsforschung (z.B. an der Musikalität von Walen und Primaten), ethnologischen Beobachtungen, eigenen Erfahrungen und Interviews sowie soziologischen wie medizinischen Studien renommierter Forscher. Und dann ist der Band auch noch so bunt gestaltet und reich bebildert, dass man ihn richtig gerne in die Hand nimmt. Kurz: Für Praktiker und Theoretiker ist das originelle Buch gleichermaßen anregend.

Ein praktisch orientierter Entwurf evolutionärer Musikwissenschaft. Schön gestaltet und noch schöner geschrieben. Wolfgang Bossinger: Die heilende Kraft des Singens.

Nach einer Akademietagung, zu der wir unterschiedliche Vorträge beisteuerten, hatte ich das Glück einer Zugfahrt mit dem Autor, bei der wir uns prächtig unterhielten und austauschten. Seitdem bin ich mir noch sicherer: Eines Tages wird die Wissenschaft auf Webers Spuren aufregend Neues zur (wechselwirkenden?) Evolution von Musikalität und Religiosität entdecken! :-)

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