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Montag, 18. August 2008

Zitat zu Kirchenaustritten von Renate Köcher (Allensbach)

Frau Prof. Dr. Renate Köcher ist Geschäftsführerin des Institutes für Demoskopie in Allensbach.

Zitat:

"Insbesondere die Distanzierung der Jüngeren in den siebziger und achtziger Jahren war ein Menetekel für die Kirchen, verminderten sich doch drastisch die Chancen, daß diese Generation ihre Kinder religiös erziehen würde. (...)
Doch entgegen aller Erwartung und Wahrscheinlichkeit kam dieser Prozess Mitte der neunziger Jahre zum Stillstand, so, als sei der Kreis religiöser Gebundener auf einen stabilen Kern abgeschmolzen. Die weiterhin erfolgenden Kirchenaustritte verdeckten die Stabilisierung, widerlegen sie jedoch nicht. Die Zahl der Konfessionsmitglieder war stets weitaus größer als der Kreis, für den der Glauben existentielle Bedeutung hat. Die Kirchenaustritte stehen damit eher für eine - abseits der für die Kirchen ungünstigen finanziellen Folgen - durchaus auch heilsame Bereinigung, bei der aus einer Konventions- eine Konfessionsmitgliedschaft wird."

Fundstelle

Renate Köcher, Die neue Anziehungskraft der Religion - Wachsendes Interesse an Glaube und Kirche, INFO 35, 4/2006, S. 177 Download hier.

Ergänzender Hinweis: Im gleichen Vortrag findet sich auch die mögliche Erklärungsvariable Demografie: Religiöse unter 30 Jahren geben zu 61% an, dass ihnen Kinder haben wichtig sei - ihre nichtreligiösen Altersgenossen nur zu 42% (S. 178).

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/5058062/modTrackback

Thilo (Gast) - 18. Aug, 10:46

Heilsame Bereinigung ????

Zitat: "Die Kirchenaustritte stehen damit eher für eine - abseits der für die Kirchen ungünstigen finanziellen Folgen - durchaus auch heilsame Bereinigung, bei der aus einer Konventions- eine Konfessionsmitgliedschaft wird."

Mit Verlaub, das ist schon eine merkwürdige Sichtweise. Ich würde es eher so sehen, daß es gerade die "Konventionsmitglieder" sind, die den Unterschied zwischen einer Volkskirche und einer Sekte ausmachen.

Claudia (Gast) - 19. Aug, 09:58

Wenn jemand aus der Kirche austritt, weil er sich in keiner Weise mit der Kirche identifizieren kann, ist das für die Kirche m.E. besser, als wenn er bleibt. Sonst ist sie irgendwann ein Verein, dessen Mitglieder in der Mehrzahl gar nicht im Verein sein wollen. Die Auswirkungen für die Glaubwürdigkeit der Kirche dürften nicht die besten sein.

Perspektiven

Lieber Thilo, liebe Claudia,

klingt vielleicht doof, ist aber so: Da kann ich nur beiden Recht geben. Denn es ist natürlich eine Frage der Perspektive. Aus der Innenperspektive einer Religionsgemeinschaft ist es natürlich wünschenswert, einen hohen Anteil "entschiedener" Mitglieder zu haben (weswegen z.B. die christlichen Täuferbewegungen von Erwachsenen eine Taufentscheidung zur Mitgliedschaft verlangten und verlangen). Aus Sicht der Umgebung aber erhöht sich damit auch die Unterscheidbarkeit: die verbindlichen Gemeinschaften sind nicht mehr nur Traditionsvereine, sondern stellen den Mainstream und andere stärker in Frage bzw. grenzen sich deutlicher ab.

In der Tendenz gehen wir sowohl innerkirchlich wie interreligiös deutlich in die Richtung des religiös-demografischen Marktes, wie er in den USA besteht, siehe z.B. hier
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4783108/

und da die Landeskirche Württemberg ihre Synode (ihr Kirchenparlament) per Urwahl bestellt, können wir den Effekt auch innerkirchlich beobachten, siehe z.B. hier
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4442263/

Persönlich sehe ich in dem Prozess sowohl Chancen (z.B. ein vielfältigeres und engagierteres, religiöses Leben) wie auch Probleme (z.B. ein Erstarken fundamentalistischer und kreationistischer Positionen). Und ich hoffe, ein ganz klein wenig zu frühzeitiger Reflektion darüber beitragen zu können.

Mit Dank für das Interesse und herzlichen Grüßen

Michael Blume
Claudia (Gast) - 20. Aug, 19:05

Lieber Michael,
das klingt durchaus nicht doof, sondern nach einem achtsamen Abwägen und Bedenken, nicht meine allergrößte Stärke. :-)

Dr. Blume

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