[>>]

Donnerstag, 11. September 2008

Zitat zu Kinderarmut von Uta Rasche

Gefunden im Kommentar "Arme Kinder" in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, FAZ, vom 11.07.2008:

"Das größte Armutsrisiko für Kinder überhaupt sind aber Scheidungen. Vierzig Prozent der Kinder von Alleinerziehenden leben in dauerhafter Armut, aber nur fünf Prozent der Kinder, die mit beiden Eltern aufwachsen. Hier wird offenkundig, dass es eine Elternverantwortung gibt, die kein Sozialstaat abnehmen kann: Blieben mehr Kinder zusammen, gäbe es deutlich weniger arme Kinder - von den seelischen Kosten einer Trennung ganz zu schweigen."

Aus religionsdemografischer Sicht ist zu ergänzen, dass Mitglieder gewachsener Kirchen und Religionsgemeinschaften durchschnittlich deutlich niedrigere Scheidungs- und Alleinerziehendenraten aufweisen als Konfessionsfreie. So weisen die Einwohnerinnen der Schweiz ohne Religionszugehörigkeit gleichzeitig die niedrigste Kinderzahl und den höchsten Anteil an Alleinerziehenden auf. (Daten und Diskussion dazu z.B. in diesem Vortrag (pdf, 1 MB), S. 14 - 20.

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/5052727/modTrackback

Ingo Bading - 12. Sep, 17:23

Um des Geldes willen?

1. Natürlich kann die Schlußfolgerung nicht sein, daß Paare zusammen bleiben sollen, damit es keine oder weniger Kinderarmut in unserer Gesellschaft gibt. Oder läuft darauf tatsächlich das Argument der Frau Rasche hinaus?

2. Vielleicht ist es auch so, daß auch wirtschaftlicher Wohlstand die Ehestabilität verbessert? Und die Scheidungsrate eben auch davon abhängig ist? (Also vielleicht einfach mal die Hartz IV-Bezüge deutlich heraufsetzen, statt diese Kindergeld-mäßig auch noch zu bestrafen?)

3. In unserer Kultur werden NIRGENDS die verhaltensbiologisch bekannten Signale gegeben, die zu sozialer - ich möchte auch sagen: beseelter - Verantwortung auffordern, was zu höherem monogamem Verhalten führen würde bei Menschen, insbesondere bei Männern. Überall in unserer zutiefst von Zynismus durchtränkten, wenn nicht verseuchten Gesellschaft (und diese wird von den Millionen Namenschristen mitgestaltet, auch in Talkshows) wird zu polygamem Verhalten aufgefordert.

Da dazu Männer sowieso deutlich stärker neigen als Frauen, ist die Bestrafung der Frau, die im Vertrauen auf einen Mann Kinder bekommt, der sie dann vielleicht "leichtfertiger" verläßt, geradezu inhärent vorprogrammiert.

In einer solchen Gesellschaft wird es Männern und Frauen sehr, sehr schwer gemacht, Eltern-Verantwortung zu übernehmen. Nur zu sagen, daß Religiosität alles verbessern würde, reicht nicht. Es muß konkret gesagt werden: WELCHE Religiosität eigentlich? Doch nicht etwa die, die Harald Schmidt in seiner Jugendzeit versuchte zu studieren?

Nicht normativ

Lieber Ingo,

danke für Deinen Beitrag! Ich fand die FAZ-Beobachtung, die ja auch Miegel aufgezeigt hat, vor allem deswegen interessant, weil sie in knapper Form ausdrückt, wie sich die Stabilität von Familien wiederum auf die wirtschaftlichen Bedingungen und Chancen kommender Generationen auswirken. Und es ist klar festzuhalten, dass die Ehestabilität mit steigenden Wohlstand "gesunken" ist - Ehen waren früher in erster Linie Wirtschaftsgemeinschaften zu denen idealerweise auch Zuneigung treten konnte, auch waren massive, kirchliche Scheidungsverbote rechtlich und gesellschaftlich wirksam.

"Welche Religiosität eigentlich?" - Nun, laut Schweizer Volkszählung war die Rate an Alleinerziehenden quer durch die Weltreligionen niedriger als im Bereich der Konfessionslosen - obwohl diese eigentlich auch die niedrigsten Geburtenraten aufwiesen. Das kann aber nicht mehr als nur ein vorläufiger Befund sein - nähere Untersuchungen müssten z.B. wirtschaftliche Hintergründe, Bildungs- und Verstädterungsgrade sowie Frömmigkeitsstile unterscheiden. Und um normative Aussagen ("besser - schlechter") machen zu können, wären z.B. auch Kenntnisse über das Befinden der Paare und Kinder notwendig - die in vielen Fällen durch Scheidungen ja auch verbessert werden können. Bitte verzeih, dass ich da nicht aus der Hüfte schießen kann, noch will. Da bleibt m.E. noch sehr viel zu forschen und zu klären.

Herzliche Grüße

Michael
saibot (Gast) - 13. Sep, 20:32

"Vierzig Prozent der Kinder von Alleinerziehenden leben in dauerhafter Armut, aber nur fünf Prozent der Kinder, die mit beiden Eltern aufwachsen"
Nun... das ist allein sagt eben noch nicht viel aus. So werden einige Bedingungen ausgeklammert, die sicherlich auch in Zusammenhang zu bringen wären (z.B.Steuervorteile in der Ehe usw.). Andererseits kann der Schluß auch nicht lauten: "Bleibt unter allen Umständen zusammen". Es müssten viel mehr die echten Gründe für eine solche wirtschaftliche Diskrepanz untersucht werden (sozial- und wirtschaftswissenschaftlich). Des weiteren scheint auch eine besondere Förderung von (diesen, offenbar benachteiligten) Kindern sinnvoll, oder?

Hmmm...

Das Interesse an diesen Themen scheint in der Tat sehr groß zu sein. Mir liegt noch eine weitere Studie zum Thema vor, die ich bei Gelegenheit auch mal vorstellen wollte. Und vielleicht wäre es auch mal angebracht, Befunde der Ehe- und vor allem Scheidungsforschung weiter zu vertiefen...

"Es müssten viel mehr die echten Gründe für eine solche wirtschaftliche Diskrepanz untersucht werden (sozial- und wirtschaftswissenschaftlich)."

Absolut. Wobei jetzt schon empirisch unstrittig ist, dass Wertefragen hier eine große Rolle spielen. Gerade in freiheitlichen Gesellschaften heiraten religiös vergemeinschaftete Menschen durchschnittlich eher und stabiler und laut Schweizer Volkszählung weisen die Konfessionslosen "sowohl" die niedrigste Geburtenzahl "wie auch" den höchsten Anteil an Alleinerziehenden auf.

"Des weiteren scheint auch eine besondere Förderung von (diesen, offenbar benachteiligten) Kindern sinnvoll, oder?"

Da sind wir uns absolut einig. Denken wir nur an das deutsche Halbtagsschul-System, das für eine gut verdiendende Familie mit Papa, Mama und Kind(ern) toll sein kann, aber eine Alleinerziehende (meist sind Mütter betroffen) sowohl von beruflichen Optionen wie auch die Kinder von Fördermöglichkeiten abschneidet. Hier ist gerade auch in den Großstädten noch viel zu leisten...

Damit zeigt sich aber übrigens (auch) hier das interessante Gesamtparadox: Umso schwächer die freiheitlichen Selbstorganisationen der Menschen werden (Familien, Gemeinschaften, Nachbarschaften etc.), umso lauter wird der Ruf nach dem Staat. So führt der atomistische Individualismus paradoxerweise gerade nicht zu mehr Freiheit, sondern zu einer zunehmenden Verstaatlichung auch des privaten Lebens, von wachsenden Steueranteilen ganz zu schweigen...
Bernd Weiss (Gast) - 14. Sep, 12:33

Forschungsstand zu den Folgen der (elterlichen) Scheidung

Das Thema "Konsequenzen der (elterlichen) Ehescheidung" ist nun wirklich gut bearbeitet. Es gibt eine Reihe von Befunden, welche die ökonomische Auswirkungen darlegen (u.a. mal nach "Wenn aus Liebe rote Zahlen werden" suchen) oder die Folgen für die Partnerschaftsstabilität von Scheidungskindern (Stichwort "Transmissionseffekt"). Auch existieren diverse Arbeiten, die belegen, dass "unglückliche" Familien ähnlich negative Effekte auf das Wohlbefinden der Kinder haben wie solche, die eine Trennung verkraften mussten (exemplarisch sind hier Arbeiten von Walper oder Amato anzuführen).

Der positive Zusammenhang zwischen Ehestabilität und Religiosität ist unbestritten -- auch dazu gibt es weiter mehr, vor allem elaboriertere Arbeiten. Ständig auf die schweizer Volkszählung zu verweisen, ist auf Dauer doch langweilig, oder?[1] Theoretisch wird übrigens argumentiert, dass Religion als "Trennungsbarriere" fungiert; die Paare bleiben also nicht zusammen, weil sie es wollen, sondern weil sie nicht anders können.

[1] Zweifellos ist ein Vorzug der schweizer Daten, dass sie repräsentativ sind und vor allem auch kleinere Religionsgemeinschaften in ausreichernder Zahl erfassen kann. Der Nachteil ist, dass sie, was die Anzahl der Personenmerkmale angeht, relativ dünn ist und selten mehr als bivariate Auswertungen zulässt. Wie wichtig auch komplexere (multivariate/multiple) Verfahren sind, zeigen die Analysen -- um beim Thema zu bleiben -- von Brüderl et al. zu den Effekten des vorehelichen Zusammenlebens (Kohabitation) auf die Ehestabilität. Doch ich schweife ab... sorry.

Zustimmung

Lieber Bernd,

da stimme ich Dir zu! Bisher habe ich die Scheidungsforschung nicht als Schwerpunkt betrachtet und am Zitat hat mich vor allem die Verschränkung mit der Ökonomie interessiert. Denn es ist ja m.E. unbestritten, dass früher Ehen oft vor allem auch aus wirtschaftlichen Gründen "durchgehalten" wurden - es ging oft weniger ums Wohlbefinden sondern (vor allem für Mütter und Kinder) ums Überleben. Und auch heute ist die Trennung offensichtlich ein wirtschaftliches Risiko.

Obwohl sich bei mir die Arbeit türmt, spiele ich tatsächlich mit dem Gedanken, doch noch etwas tiefer in diesen Themenkomplex einzudringen. Hättest Du mir einen Tip zu Studien, Büchern o.ä. mit "empirischen" Daten zu Eheverläufen und Religiosität?

Dr. Blume

Religionswissenschaft aus Freude
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de

kostenloser Counter

Bloggeramt.de

Gott, Gene und Gehirn - Von Rüdiger Vaas und Michael Blume

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Kommentare

Danke, Elsa!
Dein Wunsch hat sich erfüllt! :-) Auch Dir ein...
blume-religionswissenschaft - 12. Apr, 20:05
Ich wünsche dir...
Ich wünsche dir Frohe Ostern und schöne Feiertage...
ElsaLaska - 12. Apr, 17:02
@itz: Sehr gerne!
Und ich würde fast sagen, dass wir beide auch...
blume-religionswissenschaft - 12. Apr, 12:01
Erkenntnis!?
Lieber Sapere Aude, es freut mich, dass Sie anfangen...
blume-religionswissenschaft - 12. Apr, 11:58
Everybody be cool,......
“Nothing does reason more right, than the coolness...
itz (Gast) - 12. Apr, 10:17
http://www.blog.dignitatis .com/wordpress/
Dass Sie sich gegenseitig mit Genuss die Flöhe...
sapere aude (Gast) - 12. Apr, 00:26
Danke, Ihr zwei!
Bin gerade aus Stuttgart zurück - so schnelle...
blume-religionswissenschaft - 11. Apr, 21:25
Doller Vortrag!
Hallo Herr Dr. Blume, vielen Dank für den ebenso...
Astrofan (Gast) - 11. Apr, 19:27

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (summary)

twoday.net AGB

Aus den Alben

Laut Prognosen der UN und des BAMF wird die Weltbevölkerung noch im 21. Jahrhundert in die Schrumpfung übergehen. Die Grafik verteilt die Altersverteilung in Europa und weltweit 2005 und 2050.

Suche

 

Status

Online seit 1056 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 2. Sep, 12:39
    Hier gehts zu Twitter