Zentralrat der Juden in Deutschland will Konversionen erleichtern
Über Jahrhunderte hinweg hat das Judentum in der christlichen und islamischen Welt als (vor allem in Europa) oft bedrängte Minderheit, der die Werbung oder auch nur Aufnahme von Neumitgliedern untersagt war, durch Kinderreichtum und religiös erfolgreich geförderte Endogamie (Heirat in der Gemeinschaft) überlebt. Auch aufgrund der orthodoxen Strömungen wiesen beispielsweise die jüdischen Gemeinden der Schweiz laut Volkszählung 2000 noch immer die höchste Geburtenrate aller mehrheitlich inländischen Religionen auf (siehe hier, S. 4).
Und doch haben, nicht zuletzt aufgrund der Überwindung von Ausgrenzung und des starken Bildungs- und Wirtschaftsaufstiegs in freiheitlichen Gesellschaften, Säkularisierung und Individualisierung längst auch die jüdischen Gemeinden erreicht: Geburtenrückgang, Ehen mit Nichtjuden und auch Konversionen zu anderen Religionen sind längst keine Ausnahmeerscheinungen mehr.
Dies bringt insbesondere in Deutschland, in denen vielerorts ein Gegenüber mehrheitlich liberaler Gemeindemitglieder und orthodoxer Rabbiner besteht, eine Vielzahl von Konflikten und menschlicher Tragödien mit sich: Ehepartner und Kinder, die zur Gemeinde gehören wollen, aber deren Übertrittswünsche nicht erfüllt werden, Zuwanderer v.a. aus Russland, die dort beispielsweise aufgrund eines jüdischen Vaters zeitlebens als Juden galten und nun beschieden bekommen, im halachischen Sinn (in dem die Religionszugehörigkeit nur über die Mutter vererbt wird) nichtjüdisch zu sein und auch kaum übertreten zu können, Abgewiesene, die sich schließlich auf der Suche nach einer akzeptierten Identität und Gemeinschaft judenchristlichen, messianischen Freikirchen anschließen und sich fortan sowohl antijüdischen wie antichristlichen Vorurteilen zu erwehren haben usw. Vor allem aufgrund solcher Prozesse und des Geburtenrückgangs sehen viele jüdische Gemeinden sogar mittel- und längerfristig ihre demografische Existenz bedroht.
Vielfalt zulassen & Übertritte erleichtern
Sowohl in den israelischen, US-amerikanischen wie auch deutschen Gemeinden erfolgte in den letzten Jahren eine intensive Debatte über die Zukunft des Judentums. Dabei wurde erkannt, dass einerseits eine breitere, durchaus auch wettbewerbliche Akzeptanz der innerjüdischen Vielfalt, die weitere Förderung von Familien, aber eben auch eine Erleichterung von Konversionen für das Überleben des Judentums in modernen Gesellschaften nötig werde. Die Aufnahme liberaler Gemeinden in die Strukturen des Zentralrats und die Etablierung je einer liberal-konservativen und orthodoxen Rabbinerkonferenz in Deutschland waren Schritte auf diesem Weg.
Einen Durchbruch in der Konversionsfrage brachte nun der Entscheid des Oberrabbinats in Israel, "Konversionskurse" anzubieten, mit denen tausende Übertrittswillige das Judentum annehmen können. Auf Basis dieser Kurse sollen auch die Konversionszahlen bei orthodoxen Rabbinern von bislang 100 bis 200 Menschen pro Jahr etwa verzehnfacht werden - mit entsprechenden Auswirkungen etwa wiederum auf die Kinder dann legitim konvertierter Mütter etc.
Die Jüdische Allgemeine brachte Anfang Juli zu all dem ein Interview mit dem zuständigen Präsidiumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, Nathan Kalmanowicz (Download hier).
Strukturell...
...verbessert diese spannende Weichenstellung zunächst einmal die Situation vieler tausend Menschen, die das Judentum annehmen bzw. als Juden akzeptiert werden wollen. Eine Vielzahl menschlicher Tragödien und Identitätskonflikte könnte auf diesen Wegen geheilt und Übertretende häufiger zu einem anerkannten Teil deutsch-jüdischen Lebens werden.
Zugleich stärken die jüdischen Gemeinden auch in Deutschland nicht nur ihre Zukunftschancen, sondern bringen sich auch sichtbarer in den freiheitlichen Wettbewerb der Religionen ein. Sie werden, ggf. gerade auch wegen ihres Verzichts auf aktive Mission, als religiöse Alternative erkennbarer und zugänglicher, ihre Gemeindezusammensetzungen und wohl auch Strukturen und Angebote dürften sich noch vielfältiger ausprägen. Sicher werden auch diese Prozesse von teilweise heftigen Kontroversen begleitet sein. Aber auch diese sind Ausweis einer erfreulichen Lebendigkeit, wie sie noch vor wenigen Jahrzehnten dem Judentum in Deutschland wenige zugetraut hätten.
Und doch haben, nicht zuletzt aufgrund der Überwindung von Ausgrenzung und des starken Bildungs- und Wirtschaftsaufstiegs in freiheitlichen Gesellschaften, Säkularisierung und Individualisierung längst auch die jüdischen Gemeinden erreicht: Geburtenrückgang, Ehen mit Nichtjuden und auch Konversionen zu anderen Religionen sind längst keine Ausnahmeerscheinungen mehr.
Dies bringt insbesondere in Deutschland, in denen vielerorts ein Gegenüber mehrheitlich liberaler Gemeindemitglieder und orthodoxer Rabbiner besteht, eine Vielzahl von Konflikten und menschlicher Tragödien mit sich: Ehepartner und Kinder, die zur Gemeinde gehören wollen, aber deren Übertrittswünsche nicht erfüllt werden, Zuwanderer v.a. aus Russland, die dort beispielsweise aufgrund eines jüdischen Vaters zeitlebens als Juden galten und nun beschieden bekommen, im halachischen Sinn (in dem die Religionszugehörigkeit nur über die Mutter vererbt wird) nichtjüdisch zu sein und auch kaum übertreten zu können, Abgewiesene, die sich schließlich auf der Suche nach einer akzeptierten Identität und Gemeinschaft judenchristlichen, messianischen Freikirchen anschließen und sich fortan sowohl antijüdischen wie antichristlichen Vorurteilen zu erwehren haben usw. Vor allem aufgrund solcher Prozesse und des Geburtenrückgangs sehen viele jüdische Gemeinden sogar mittel- und längerfristig ihre demografische Existenz bedroht.
Vielfalt zulassen & Übertritte erleichtern
Sowohl in den israelischen, US-amerikanischen wie auch deutschen Gemeinden erfolgte in den letzten Jahren eine intensive Debatte über die Zukunft des Judentums. Dabei wurde erkannt, dass einerseits eine breitere, durchaus auch wettbewerbliche Akzeptanz der innerjüdischen Vielfalt, die weitere Förderung von Familien, aber eben auch eine Erleichterung von Konversionen für das Überleben des Judentums in modernen Gesellschaften nötig werde. Die Aufnahme liberaler Gemeinden in die Strukturen des Zentralrats und die Etablierung je einer liberal-konservativen und orthodoxen Rabbinerkonferenz in Deutschland waren Schritte auf diesem Weg.
Einen Durchbruch in der Konversionsfrage brachte nun der Entscheid des Oberrabbinats in Israel, "Konversionskurse" anzubieten, mit denen tausende Übertrittswillige das Judentum annehmen können. Auf Basis dieser Kurse sollen auch die Konversionszahlen bei orthodoxen Rabbinern von bislang 100 bis 200 Menschen pro Jahr etwa verzehnfacht werden - mit entsprechenden Auswirkungen etwa wiederum auf die Kinder dann legitim konvertierter Mütter etc.
Die Jüdische Allgemeine brachte Anfang Juli zu all dem ein Interview mit dem zuständigen Präsidiumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, Nathan Kalmanowicz (Download hier).
Strukturell...
...verbessert diese spannende Weichenstellung zunächst einmal die Situation vieler tausend Menschen, die das Judentum annehmen bzw. als Juden akzeptiert werden wollen. Eine Vielzahl menschlicher Tragödien und Identitätskonflikte könnte auf diesen Wegen geheilt und Übertretende häufiger zu einem anerkannten Teil deutsch-jüdischen Lebens werden.
Zugleich stärken die jüdischen Gemeinden auch in Deutschland nicht nur ihre Zukunftschancen, sondern bringen sich auch sichtbarer in den freiheitlichen Wettbewerb der Religionen ein. Sie werden, ggf. gerade auch wegen ihres Verzichts auf aktive Mission, als religiöse Alternative erkennbarer und zugänglicher, ihre Gemeindezusammensetzungen und wohl auch Strukturen und Angebote dürften sich noch vielfältiger ausprägen. Sicher werden auch diese Prozesse von teilweise heftigen Kontroversen begleitet sein. Aber auch diese sind Ausweis einer erfreulichen Lebendigkeit, wie sie noch vor wenigen Jahrzehnten dem Judentum in Deutschland wenige zugetraut hätten.
blume-religionswissenschaft - 22. Jul, 09:30
3 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
Edgar (Gast) - 22. Jul, 15:43
Die "Übertrittsfrage" in Chronologs
Bei den Chronologs wird von Yoav Sapir die "Übertrittsfrage" übrigens auch behandelt:
Die Übertrittsfrage. Teil I: Vom biblisch-religiösen Blickpunkt aus
http://www.chronologs.de/chrono/blog/un-zugeh-ouml-rig/judische-religion/2008-03-29/die-bertrittsfrage.-teil-i-vom-biblisch-religi-sen-blickpunkt-aus
Die Übertrittsfrage. Teil II: Vom kritisch-philosophischen Blickpunkt aus
http://www.chronologs.de/chrono/blog/un-zugeh-ouml-rig/judische-religion/2008-04-08/die-bertrittsfrage.-teil-ii-vom-kritisch-philosophischen-blickpunkt-aus
Die Übertrittsfrage. Teil I: Vom biblisch-religiösen Blickpunkt aus
http://www.chronologs.de/chrono/blog/un-zugeh-ouml-rig/judische-religion/2008-03-29/die-bertrittsfrage.-teil-i-vom-biblisch-religi-sen-blickpunkt-aus
Die Übertrittsfrage. Teil II: Vom kritisch-philosophischen Blickpunkt aus
http://www.chronologs.de/chrono/blog/un-zugeh-ouml-rig/judische-religion/2008-04-08/die-bertrittsfrage.-teil-ii-vom-kritisch-philosophischen-blickpunkt-aus
Claudia (Gast) - 22. Jul, 18:07
Ob diese Erleichterung der Konversion nur günstige Folgen haben wird? Bei den großen christlichen Konfessionen wird durch die Kindertaufe die Mehrheit ungefragt und ahnungslos in die Gemeinde aufgenommen - und ziemlich ahnungslos in Bezug auf das Christentum bleibt dann auch die Mehrheit. Im Judentum ist das bisher, soweit ich weiß, anders - wer dazugehört, muß wenigstens die wichtigsten Grundsätze der Religion samt ihrer Begründung aus der Schrift kennen. (Bitte berichtige mich, wenns nicht stimmt!) Ich bin mir keineswegs sicher, daß es irgendeiner Religion gut tut, den Übertritt besonders leicht zu machen.
In dem verlinkten Artikel über Gamaliel schreibst Du, es "wurde anerkannt, dass Gamaliel auch seinen Einsatz für Religionsfreiheit aus jüdischer Weisheit geschöpft hatte". Aber aus jüdischer Weisheit geschöpft hatten doch z.B. auch "die Zwölfe" und Paulus, und allen voran Jesus. Sosehr ich gegen eine christliche Vereinnahmung Gamaliels bin, dies Argument zählt für mich nicht recht. :-)
In dem verlinkten Artikel über Gamaliel schreibst Du, es "wurde anerkannt, dass Gamaliel auch seinen Einsatz für Religionsfreiheit aus jüdischer Weisheit geschöpft hatte". Aber aus jüdischer Weisheit geschöpft hatten doch z.B. auch "die Zwölfe" und Paulus, und allen voran Jesus. Sosehr ich gegen eine christliche Vereinnahmung Gamaliels bin, dies Argument zählt für mich nicht recht. :-)
blume-religionswissenschaft - 22. Jul, 19:55
:-)
Liebe Claudia,
danke für den Beitrag! An Deiner Einschätzung, dass "niedrige Zugangskosten" einer Religionsgemeinschaft nicht gerade gut tun müssen, ist einiges dran! Siehe z.B. die Forschungen von Richard Sosis, dargestellt hier:
http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/natur-des-glaubens/grundlagen/2008-04-12/gebote-rituale-was-nichts-kostet-ist-nichts-wert
Allerdings ist auch der "erleichterte" Übertritt immer noch mit einer intensiven Lehr- und Bewährungszeit verbunden. Und das Problem, das Religionen nur noch zu Traditionen erstarren, haben ja gerade Gemeinschaften, in die man fast ausschließlich hineingeboren wird, der sich also kaum "entschiedene" Glaubende anschließen. Insofern dürfte der höhere Anteil von Konvertiten (die sich zum Beitritt entschlossen und die entsprechenden Kurse absolviert haben) dem religiösen Leben wohl eher gut tun.
Zu Gamaliel: Da sind wir uns ganz einig! Ich bin auch der Meinung, dass man das Christentum und insbesondere Jesus selbst aus den jüdischen Wurzeln heraus verstehen muss. Und auch Jesus spricht sich, ganz ähnlich wie Rabbiner Gamaliel, für Pluralismus aus, beispielsweise im Gleichnis vom Weizen und Unkraut (Mt 13, 24 ff.) - der erst "zur Zeit der Ernte" (also am jüngsten Tag) zu unterscheiden sein wird und also vorher nicht angerührt werden soll. Auch im Islam gibt es die "Wettbewerbsverse" (Sure 5:49), die Lessing mit zur Ringparabel animiert haben.
Ich will damit sagen: Sowohl aus Judentum, Christentum wie Islam lässt sich Religionsfreiheit schlüssig begründen. Und Rabbiner Gamaliel ist auch deswegen ein besonders interessanter Fall, weil seine Argumentation in einer Schrift der Ablösung des Christen- aus dem Judentum dennoch gerühmt wird. Das finde ich faszinierend und viel zu wenig erforscht & bekannt.
Herzliche Grüße!
Michael
danke für den Beitrag! An Deiner Einschätzung, dass "niedrige Zugangskosten" einer Religionsgemeinschaft nicht gerade gut tun müssen, ist einiges dran! Siehe z.B. die Forschungen von Richard Sosis, dargestellt hier:
http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/natur-des-glaubens/grundlagen/2008-04-12/gebote-rituale-was-nichts-kostet-ist-nichts-wert
Allerdings ist auch der "erleichterte" Übertritt immer noch mit einer intensiven Lehr- und Bewährungszeit verbunden. Und das Problem, das Religionen nur noch zu Traditionen erstarren, haben ja gerade Gemeinschaften, in die man fast ausschließlich hineingeboren wird, der sich also kaum "entschiedene" Glaubende anschließen. Insofern dürfte der höhere Anteil von Konvertiten (die sich zum Beitritt entschlossen und die entsprechenden Kurse absolviert haben) dem religiösen Leben wohl eher gut tun.
Zu Gamaliel: Da sind wir uns ganz einig! Ich bin auch der Meinung, dass man das Christentum und insbesondere Jesus selbst aus den jüdischen Wurzeln heraus verstehen muss. Und auch Jesus spricht sich, ganz ähnlich wie Rabbiner Gamaliel, für Pluralismus aus, beispielsweise im Gleichnis vom Weizen und Unkraut (Mt 13, 24 ff.) - der erst "zur Zeit der Ernte" (also am jüngsten Tag) zu unterscheiden sein wird und also vorher nicht angerührt werden soll. Auch im Islam gibt es die "Wettbewerbsverse" (Sure 5:49), die Lessing mit zur Ringparabel animiert haben.
Ich will damit sagen: Sowohl aus Judentum, Christentum wie Islam lässt sich Religionsfreiheit schlüssig begründen. Und Rabbiner Gamaliel ist auch deswegen ein besonders interessanter Fall, weil seine Argumentation in einer Schrift der Ablösung des Christen- aus dem Judentum dennoch gerühmt wird. Das finde ich faszinierend und viel zu wenig erforscht & bekannt.
Herzliche Grüße!
Michael




Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/5048261/modTrackback