Auf nach Basel - mit deutsch-türkischer Hymne! :-)
Schon in den schwarz-rot-goldenen Stammesfarben gewandet und bemalt, mache ich mich jetzt auf den Weg zum Geburtstagsgeschenk: Dem Fussball-Halbfinale Deutschland - Türkei in Basel!
Und wie es sich für einen christlichen Gutmenschen gehört, fahre ich gemeinsam mit einem lieben, deutsch-türkischen Freund (Zusatzvorteil: Keinerlei Gefahr von wegen Alkohol am Steuer! :-) ) und schwenke die deutsche Fahne der Freundschaft mitten im türkischen Block. Arkadaslar, mutluyum!
Zur Einstimmung schonmal die deutsche Nationalhymne in türkischer Gesangsversion! (Die türkischen Textteile sind übrigens ein Liebeslied...)
Und wie es mir ergangen ist, berichte ich vielleicht auch.
So, und jetzt das Ganze nochmal in "religionswissenschaftlich":
Heute nachmittag steht eine religionssoziologisch-ethnologische Exkursion in die benachbarte Republik der Schweiz an, deren religionsdemografische Zusammensetzung schon bislang den Schwerpunkt meiner wissenschaftlichen Forschungstätigkeit bildete. Der Zweck dieses Projekts, das durch Zuwendungen im Rahmen eines privaten Jahresrituals (Geburtstag) ermöglicht wurde, ist jedoch die teilnehmende Beobachtung an einem rituellen Spielereignis, das unter Einbeziehung mehrerer zehntausend Menschen vorwiegend christlicher, islamischer und konfessionsloser Religionszugehörigkeit in einem eigenes für rituelle Zwecke gestalteten Kultgebäude ("Stadion") begangen werden soll. Zur Einstimmung werden die identifikatorischen Hymnen der beiden beteiligten Stämme gespielt und gesungen, auch der demografische Aspekt des zivilreligiösen Aktes wird durch das demonstrative Mitführen von Kindern auf den Ritualplatz unterstrichen. Interessant wird auch selbst, sowohl in der Außen- wie Innenperspektive zu beobachten, wie sich die Identifikation mit dem deutschen Stamm gestaltet, die bis vor kurzem mit schweren und gut begründeten, zivilreligiösen Tabus belegt war.
Der Anteil der spielenden und in Stammes-Symbolfarben einheitlich gekleideten Akteure wird hierbei, wie seit Jahrzehnten etabliert, auf je 11 Spieler (ausnahmslos männlichen Geschlechts, die Frauen haben inzwischen eigene, entsprechende Rituale) beschränkt sein, die einen Ball mit ihren Füßen in einen eingenetzten Zielbereich (Tor) zu bugsieren haben. Spielbeginn und erfolgreiche, vom Schiedsrichter anerkannte Torschüsse dürfen durch religiöse Symbolhandlungen (Beten, Kreuzeschlagen etc.) markiert werden. Den Trainern steht das Recht der Nominierung zur Ritualteilnahme zu, sie sind aber während des Spiels auf einen markierten Bereich am Platzrand beschränkt - und Zuwiderhandlungen können mit Ritualausschlüssen geahndet werden.
Aber auch die zehntausenden Zuschauer werden als "zwölfter Mann" (man beachte die Analogie zu den Aposteln) ihrer jeweiligen Mannschaft betrachtet und es wird erwartet, dass sie durch Kleidung, Bemalung und ritualisierte Rufe und Gesänge Stammeszugehörigkeit und motivierende Unterstützung für "ihre" Mannschaft bekunden. Dabei bringen es die Migrationsprozesse der letzten Jahrzehnte mit sich, dass durchaus auch Trainer und Spieler mit Lebensmittelpunkten je in anderen Stammesgebieten dennoch zu Akteuren bestimmter Zugehörigkeit ernannt werden.
Über den spielerischen Ritualablauf hinaus ist natürlich auch das Umfeld von besonderem, religionssoziologischen Interesse: Wie werden die Gruppen interagieren? Wie wirkt sich der im Spielverlauf nachweisbar steigende Testosteronspiegel gewichtiger Männer auf deren Sozialverhalten aus? Wird Bundeskanzlerin Angela Merkel erneut durch sachdienliche Hinweise zum Ritualgeschehen ihre auch zivilreligiöse Kompetenz unterstreichen können? Und werden die Menschen verschiedener Herkunft, Stammeszuschreibung und Religion(en) friedlich interagieren, vielleicht gar ein Gemeinsamkeiten betonendes Ritualereignis begehen können? Diese Fragen sind durch Feldforschung zu beantworten, ggf. würden die gewonnen Erkenntnisse zu einem Paper dar- und zur Diskussion gestellt.
Und wie es sich für einen christlichen Gutmenschen gehört, fahre ich gemeinsam mit einem lieben, deutsch-türkischen Freund (Zusatzvorteil: Keinerlei Gefahr von wegen Alkohol am Steuer! :-) ) und schwenke die deutsche Fahne der Freundschaft mitten im türkischen Block. Arkadaslar, mutluyum!
Zur Einstimmung schonmal die deutsche Nationalhymne in türkischer Gesangsversion! (Die türkischen Textteile sind übrigens ein Liebeslied...)
Und wie es mir ergangen ist, berichte ich vielleicht auch.
So, und jetzt das Ganze nochmal in "religionswissenschaftlich":
Heute nachmittag steht eine religionssoziologisch-ethnologische Exkursion in die benachbarte Republik der Schweiz an, deren religionsdemografische Zusammensetzung schon bislang den Schwerpunkt meiner wissenschaftlichen Forschungstätigkeit bildete. Der Zweck dieses Projekts, das durch Zuwendungen im Rahmen eines privaten Jahresrituals (Geburtstag) ermöglicht wurde, ist jedoch die teilnehmende Beobachtung an einem rituellen Spielereignis, das unter Einbeziehung mehrerer zehntausend Menschen vorwiegend christlicher, islamischer und konfessionsloser Religionszugehörigkeit in einem eigenes für rituelle Zwecke gestalteten Kultgebäude ("Stadion") begangen werden soll. Zur Einstimmung werden die identifikatorischen Hymnen der beiden beteiligten Stämme gespielt und gesungen, auch der demografische Aspekt des zivilreligiösen Aktes wird durch das demonstrative Mitführen von Kindern auf den Ritualplatz unterstrichen. Interessant wird auch selbst, sowohl in der Außen- wie Innenperspektive zu beobachten, wie sich die Identifikation mit dem deutschen Stamm gestaltet, die bis vor kurzem mit schweren und gut begründeten, zivilreligiösen Tabus belegt war.
Der Anteil der spielenden und in Stammes-Symbolfarben einheitlich gekleideten Akteure wird hierbei, wie seit Jahrzehnten etabliert, auf je 11 Spieler (ausnahmslos männlichen Geschlechts, die Frauen haben inzwischen eigene, entsprechende Rituale) beschränkt sein, die einen Ball mit ihren Füßen in einen eingenetzten Zielbereich (Tor) zu bugsieren haben. Spielbeginn und erfolgreiche, vom Schiedsrichter anerkannte Torschüsse dürfen durch religiöse Symbolhandlungen (Beten, Kreuzeschlagen etc.) markiert werden. Den Trainern steht das Recht der Nominierung zur Ritualteilnahme zu, sie sind aber während des Spiels auf einen markierten Bereich am Platzrand beschränkt - und Zuwiderhandlungen können mit Ritualausschlüssen geahndet werden.
Aber auch die zehntausenden Zuschauer werden als "zwölfter Mann" (man beachte die Analogie zu den Aposteln) ihrer jeweiligen Mannschaft betrachtet und es wird erwartet, dass sie durch Kleidung, Bemalung und ritualisierte Rufe und Gesänge Stammeszugehörigkeit und motivierende Unterstützung für "ihre" Mannschaft bekunden. Dabei bringen es die Migrationsprozesse der letzten Jahrzehnte mit sich, dass durchaus auch Trainer und Spieler mit Lebensmittelpunkten je in anderen Stammesgebieten dennoch zu Akteuren bestimmter Zugehörigkeit ernannt werden.
Über den spielerischen Ritualablauf hinaus ist natürlich auch das Umfeld von besonderem, religionssoziologischen Interesse: Wie werden die Gruppen interagieren? Wie wirkt sich der im Spielverlauf nachweisbar steigende Testosteronspiegel gewichtiger Männer auf deren Sozialverhalten aus? Wird Bundeskanzlerin Angela Merkel erneut durch sachdienliche Hinweise zum Ritualgeschehen ihre auch zivilreligiöse Kompetenz unterstreichen können? Und werden die Menschen verschiedener Herkunft, Stammeszuschreibung und Religion(en) friedlich interagieren, vielleicht gar ein Gemeinsamkeiten betonendes Ritualereignis begehen können? Diese Fragen sind durch Feldforschung zu beantworten, ggf. würden die gewonnen Erkenntnisse zu einem Paper dar- und zur Diskussion gestellt.
blume-religionswissenschaft - 25. Jun, 12:20
4 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
Alexander Ebel (Gast) - 25. Jun, 16:58
Köstlich!
Nach diesem "Teaser" bin ich sehr auf die Analyse gespannt. :-)
Kunar - 26. Jun, 00:15
Deutsche Nationalhymne
Ich hatte erst gedacht, bei der Datei handele es sich um eine Aufnahme der Deutschen Nationalhymne auf Türkisch. Inzwischen gibt es nämlich mehrere Übersetzungen, so zumindest Hans-Christian Ströbele, der auf seinem Internetauftritt sowohl den Text als auch eine Aufnahme im MP3-Format veröffentlicht. Wer es lieber offizieller will: Der Deutsche Bundestag hat offenbar bereits im Jahr 2000 eine türkische Übersetzung veröffentlicht. Vor dem Halbfinalspiel gegen die Türkei wurde im ZDF-Videotext auf Seite 888 der Text der deutschen und der türkischen Nationalhymne auf Deutsch und Türkisch angezeigt, so dass man während des Abspielens der Hymnen den Originaltext und eine Übersetzung mitlesen konnte.
Um aber die zunächst lustig erscheinende Idee aufzugreifen, die deutsche Nationalhymne mit Folklore zu verknüpfen: Das ist gar nicht so weit hergeholt. Es gibt ein kroatisches Volkslied namens "Vjutro rano se ja stanem" (etwa "Früh am Morgen steh ich auf"), in dem eine lange Passage wie der Anfang des Liedes der Deutschen klingt. Als Kostprobe eine MP3-Datei des Volksliedes. Dafür, dass sich Joseph Haydn, der die Melodie ursprünglich für die österreichische Kaiserhymne komponierte, dort Anleihen geholt hat, habe ich keinen Beweis. Die Ähnlichkeit ist jedoch verblüffend.
Interessant, dass zwei EM-Gegner Kroatien und Österreich waren. Vor dem Duell gegen den großen Nachbarn wurden übrigens österreichische Fußballfreunde gebeten, die alte Kaiserhymne zu singen. Und siehe da, sie konnten erstaunlich gut "Gott, erhalte Franz, den Kaiser" intonieren, obwohl die Melodie vom sportlichen Konkurrenten des damaligen Abends als Hymne auf dem Rasen benutzt wurde.
Die deutsche Nationalhymne hat ihren melodischen Ursprung in Österreich und zeigt mindestens Einfärbungen kroatischer Folklore. So "urdeutsch" sind also nicht einmal die Dinge, die man zur Identifikation benutzt.
Um aber die zunächst lustig erscheinende Idee aufzugreifen, die deutsche Nationalhymne mit Folklore zu verknüpfen: Das ist gar nicht so weit hergeholt. Es gibt ein kroatisches Volkslied namens "Vjutro rano se ja stanem" (etwa "Früh am Morgen steh ich auf"), in dem eine lange Passage wie der Anfang des Liedes der Deutschen klingt. Als Kostprobe eine MP3-Datei des Volksliedes. Dafür, dass sich Joseph Haydn, der die Melodie ursprünglich für die österreichische Kaiserhymne komponierte, dort Anleihen geholt hat, habe ich keinen Beweis. Die Ähnlichkeit ist jedoch verblüffend.
Interessant, dass zwei EM-Gegner Kroatien und Österreich waren. Vor dem Duell gegen den großen Nachbarn wurden übrigens österreichische Fußballfreunde gebeten, die alte Kaiserhymne zu singen. Und siehe da, sie konnten erstaunlich gut "Gott, erhalte Franz, den Kaiser" intonieren, obwohl die Melodie vom sportlichen Konkurrenten des damaligen Abends als Hymne auf dem Rasen benutzt wurde.
Die deutsche Nationalhymne hat ihren melodischen Ursprung in Österreich und zeigt mindestens Einfärbungen kroatischer Folklore. So "urdeutsch" sind also nicht einmal die Dinge, die man zur Identifikation benutzt.
blume-religionswissenschaft - 26. Jun, 20:48
Bin wieder zurück...
...und noch etwas erschöpft, ein erster Eindruck hier:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/5022041/
Danke für die netten Kommentare! :-)
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/5022041/
Danke für die netten Kommentare! :-)
Marc | Wissenswerkstatt (Gast) - 28. Jun, 15:37
Fairer Sport - Faire Fans
Köstliche Analyse! Ganz dickes Kompliment mal wieder.
Wenn ich rechtzeitig hier reingeschaut hätte, dann hätte ich während der Übertragung natürlich noch genauer den türkischen Block inspiziert, ob ich da irgendwo Dich erblicke.
Ansonsten war ich mindestens ebenso erfreut wie Du, daß dieses Aufeinandertreffen im Halbfinale soviele positive Randaspekte mit sich brachte. Sogar unsere große BILD konnte sich auf einen fairen Völkerverständigungskurs einlassen - und die unvermeidlichen Spinner wurden (wie Du in deiner ersten nachberichterstattung schreibst) ja schnell wieder "eingefangen". Rundum also ein positives Ereignis. Man fragt sich nur, weshalb so etwas nicht häufiger vorkommt.
Wenn ich rechtzeitig hier reingeschaut hätte, dann hätte ich während der Übertragung natürlich noch genauer den türkischen Block inspiziert, ob ich da irgendwo Dich erblicke.
Ansonsten war ich mindestens ebenso erfreut wie Du, daß dieses Aufeinandertreffen im Halbfinale soviele positive Randaspekte mit sich brachte. Sogar unsere große BILD konnte sich auf einen fairen Völkerverständigungskurs einlassen - und die unvermeidlichen Spinner wurden (wie Du in deiner ersten nachberichterstattung schreibst) ja schnell wieder "eingefangen". Rundum also ein positives Ereignis. Man fragt sich nur, weshalb so etwas nicht häufiger vorkommt.




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