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Mittwoch, 25. Juni 2008

Bislang isolierte Stämme in Lateinamerika - Was tun?

Berichte und besonders Fotos von der Entdeckung indigener Stämme im Amazonasgebiet von Brasilien, die bislang keinen Kontakt mit der "zivilisierten" Welt gehabt hätten und offensichtlich auch ablehnten, haben weltweit Interesse gefunden und Debatten ausgelöst. Schon gibt es eine ganze Reihe auch selbstgebastelter Fan-Videos, die eine eigenständige Faszination mit der Existenz dieser Menschen und ihrer Kultur belegen:



Und es wird - nicht nur in Brasilien und Peru - intensiv diskutiert: Soll man diese Stämme und die von ihnen bewohnten Regionen "in Ruhe lassen"? Warum? Und was ist von der These zu halten, die unkontaktierten Stämme seien nur eine Erfindung von Umweltschützern, um die Erschließung der Gebiete zu verhindern?

Ein Pro-Contra-Bericht von Nationalgeographic dazu:

http://video.nationalgeographic.com/video/player/news/culture-places-news/peru-indians-apvin.html

Persönlich habe ich durchaus eine Meinung zu diesem Thema, möchte aber zunächst einfach einmal hören (bzw. lesen), was Sie dazu denken. Wie sollte Ihrer Meinung nach der Umgang mit diesen Stämmen gestaltet (oder unterlassen?) werden?

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/5013703/modTrackback

Quintus (Gast) - 24. Jun, 00:36

Meine ganz persönliche Meinung

Von meinem kleinen kleinen Aussichtsturm betrachtet möchte ich diese Menschen unbehelligt lassen. Bestenfalls eine Beobachterperspekive, wie sich Menschen geben, die nicht durch äußere Einflüsse der "zivilisierten Welt" geprägt sind. Alleine um die Kenntnis, was wir da im Spiegel sehen.

Eine Frage, die sich aber ohne Kontakt nicht beantworten läßt, ist die Frage: Fühlen sich diese Menschen glücklich?

Wirklich sehr zweischneidig, dieses Thema ...

Treibgut - 24. Jun, 22:45

Stämme

... ohne die Diskussion verfolgt zu haben, bin ich auch der Auffassung, dass diese Stämme in Ruhe zu lassen sind - ganz einfach, weil ich den ganz überwiegenden Eindruck habe, dass durch die Ausbreitung der großen Religionen in den letzten Jahrhunderten Vieles unwiederbringlich zerstört worden ist. Über unendlich viele Mythen, Daseins- und Jenseitsvorstellungen, Überlebenstechniken etc. der untergegangene oder von der "Zivilisation" komplett "aufgesogenen" Völker kann man heute nur noch auf den vergilbten Seiten alter ethnologischer Bücher etwas nachlesen - die Welt ist dadurch ärmer und langweiliger geworden.

Gregor Keuschnig - 25. Jun, 17:12

Ich habe die Diskussion auch nicht verfolgt. Intuitiv meine ich jedoch, dass man vielleicht eine Delegation entsenden sollte - die "Stämme" sollen dann selber bestimmen, ob sie in Kontakt treten wollen oder nicht.

Inwiefern es sich um Fakes handelt, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen. Viele projizieren in solchen archaischen Strukturen offensichtlich eine gewisse Idyllik - andere wiederum entdecken ihren Missionierungsdrang. Beides läuft wohl irgendwann auf das Gleiche hinaus.

Basty Castellio - 26. Jun, 11:39

Menschen "entdecken" oder begegnen?!

Das Wichtigste wäre, den Urwaldmenschen nicht so bedrohlich zu kommen, dass es Angst- und Abwehrreaktionen auslösen muss. Ich bin über das Video erschrocken. Was tut man denn da den Leuten an?! Siehe zB Minute 1:18 bis 1:24.
Gefahren gibt es vielerlei, eine der möglichen ist eine gewisse Missionierung. Dass aber die als Hauptgefahr genannt wird - das lässt tief blicken. Wie wäre es, auch andere Gefahren zu nennen: Indianerschutzbehörde, wen schützt sie eigentlich? Wie ist es mit gewissen Plantagen-Konzernen bzw. hier realistischer mit Holz-Konzernen? Ich sah mal eine schöne Karikatur, wie Afghanistan nach der Eroberung aussehen würde: Alles zum Parkplatz planiert, lauter McDonalds-Filialen. Die Gier der weißen Herrenmenschen ist unersättlich. Wer schützt die Ureinwohner vor Übergriffen - vielleicht einmal (weiße) Missionare?!
Wenn man fremden Menschen begegnet, sollte das erste wohl aufmerksames Einfühlen, Empathie... sein. Vom Hubschrauber aus gelingt das sicher nicht. Und das Schwierige: Selbst wenn man den Urwaldwenschen auf gleicher Augenhöhe begegnen will, es kann eine vielfältige (kulturelle/zivilisatorische) Kontaminierung stattfinden. Die hat mit den Hubschraubern aber schon begonnen. Man wird wohl weiter begegnen - behutsam?

Basty
Claudia (Gast) - 27. Jun, 13:00

Ganz kann ich an eine "völlige Isolation" nicht glauben. Denn es ist unwahrscheinlich, daß es eine sehr große Gruppe von Menschen ist. Eine kleine Gruppe aber überlebt m.E. nicht lange ohne schwerste Schäden durch Inzucht. Aber das ist meine laienhafte Einschätzung, die vielleicht ganz falsch ist.
Mich würde es freuen, wenn es gelänge, hier mit Achtung und Behutsamkeit einen Kontakt aufzubauen. Wer weiß, vielleicht gelingts ja mal - obwohl ich eher annehme, daß einige große Konzerne auch hier wieder über Leichen gehen werden.
Eine Mission, die die Menschen nicht platt macht, sondern ihnen neue Wege zeigt und freistellt, ob sie die auch gehen wollen, gibt es ja durchaus, und vermutlich nicht nur ausgerechnet in den Grenzen der paar Städte, die ich kenne. Ich fände dies auch hier wünschenswert.

Zunächst einmal...

...ein herzliches Dank an alle, die ebenfalls zum Thema nachgedacht und geschrieben haben!

Es ist ja tatsächlich ein interessantes Phänomen (und ggf. auch eine weise Intuition), dass sich weltweit Menschen empathisch für die Rechte isolierter Stämme aussprechen. Das Motiv des vermeintlich "edlen Wilden" scheint dabei durchaus verblasst zu sein - längst hat sich herum gesprochen, dass es keine wirklich paradiesischen, etwa gewaltfreien Zustände in Menschengesellschaften gab und gibt.

Die Sorge aber um die Vielfalt menschlichen (Kultur-)Lebens scheint mir durchaus klug: Leben entfaltet sich umso besser und sicherer, umso mehr Vielfalt besteht. Monokulturen sind anfälliger.

Allerdings teile ich einen gewissen Paternalismus nicht, wonach wir für diese Menschen entscheiden dürften, ob Kontakt entsteht: Wenn wir sie als vollgültige und mit Würde begabte Erwachsene betrachten, erscheint mir eine solche Fern-Entmündigung als ungerechtfertigt.

Auch das Gerücht einer vermeintlichen Erfindung lässt sich m.E. nur dadurch ausschließen, dass eine internationale Delegation von Experten den Kontakt sucht - und die Betroffenen dann selbst entscheiden lässt. So können wir etwas über diese Menschen erfahren, ihre Existenz verifizieren und ihnen das Recht belassen, das Leben zu leben, das sie wünschen. Eine solche Expedition würde ggf. auch die notwendige, internationale Unterstützung (und ggf. Entschädigung Brasiliens) für die Ausweisung von Schutzgebieten hervorbringen.

Dr. Blume

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