Dienstag, 24. Juni 2008

Zentralrat der Muslime für, Türkische Gemeinde in Deutschland gegen Einbürgerungsfragen

Zu den beliebten Klischees in Deutschland gehört, dass säkulare Menschen (da beispielsweise in Kleidung und Auftreten assimilierter) per se besser integriert seien als Gläubige religiöser Minderheiten. Gelebte Religiosität gilt demnach als problematische Abweichung von der Mehrheitsnorm.

Die Diskussion darüber, ob es statthaft ist, Einbürgerungswilligen Wissensfragen über die deutsche Gesellschaft und Geschichte zu stellen, ist jedoch ein schönes Beispiel dafür, dass dies so einfach nicht ist: dass Säkularität auch mit Ideologien wie Nationalismus aufgeladen und Religiosität auch mit einer verbindlichen Haltung zur (ggf. neuen) Heimat einhergehen kann.

Türkische Gemeinde in Deutschland dagegen

So hat sich die säkulare, türkisch-national orientierte Türkische Gemeinde in Deutschland scharf gegen die Befragung ausgesprochen. So äußerte der Sprecher des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg (TBB), Safter Çinar, Zweifel, ob gebürtige Deutsche den Test bestehen könnten - und griff die deutsche Staatsministerin für Integration scharf an.

Ihre Unterstützung der Wissenstests zeige wieder einmal nachdrücklich, dass Prof. Böhmer mit ihrer Aufgabe überfordert sei, ließ sich Çinar auf der TBB-Homepage zitieren - und schloss mit der Frage: „Wie viele Fragen könnten Sie beantworten, Frau Prof. Böhmer?“

Empört nahm die Türkische Gemeinde Deutschland zur Kenntnis, dass die Staatsministerin nach diesen Äußerungen ihre Teilnahme auf dem TGD-Bundeskongress absagte.

Zentralrat der Muslime in Deutschland dafür

Im Kontrast zu diesem Streit hatte sich der Zentralrat der Muslime für die Einführung eines Wissenstests ausgesprochen (FOCUS-Bericht hier). Der Test gehe „eindeutig in die richtige Richtung“, sagte Generalsekretär Aiman A. Mazyek. „Wir haben immer gesagt, dass Fragen zu Staatskunde, deutscher Geschichte und Verfassung nicht nur zulässig, sondern auch notwendig sind.“ Im Tagesspiegel vertrat Mazyek außerdem: „Ein angemessenes Einbürgerungsritual“ sei „wichtiger Bestandteil einer Kultur der Anerkennung“, gegen den man „nicht per se aus Parteitaktik oder aus fehlgeleitetem Lobbyinteresse polemisieren sollte“ sagte Mazyek. Ein feierlicher Akt, mit dem ein Einbürgerungswilliger seinen Beitritt zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik bekunde, trage zur Identitätsstiftung bei, „und ich kann das nur gutheißen“. Es sei auch gut, wenn man sich auf diesen Akt gründlich vorbereite.

Einen Gesinnungstest hatte auch der Zentralrat stets abgelehnt, nun nahm er aber Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (aktuelles Interview zum Islam hier) gegen Kritik auch der türkischen Gemeinde in Schutz.

Fazit

Im internationalen Vergleich fällt auf, dass die Integration der Muslime auch in staatsbürgerlicher Hinsicht in den USA besser zu gelingen scheint als in Europa - trotz deutlich höherer Religiosität der überwiegend arabischen und asiatischen Zuwanderergemeinschaften. Die Bildungsauswahl erweist sich dabei als ein wesentlicher Faktor. Es zeigt sich aber auch, dass religiöse Vielfalt in gegenseitigem Respekt und in einem freiheitlichen Rahmen kein Integrationshindernis sein muss.

Vortragsskript "Islam in Deutschland - Islam in den USA", vom März 2008. Download als pdf per Klick.

Nachtrag

Anlässlich des Bundeskongresses der TGD am Samstag (21. Juni 2008) in Berlin erklärte Böhmer bei Regierung online hier:

"Ich bin jederzeit bereit, sachlich darüber zu diskutieren, wie wir die Lebenssituation der 2,7 Millionen türkischstämmigen Menschen in unserem Land verbessern können. Ihre Integration und ihr Wohlergehen liegen mir sehr am Herzen. Polemik, wie es sie in jüngster Vergangenheit aus den Reihen der TGD gegeben hat, führt uns aber in dieser Debatte nicht weiter. Auf diesem Niveau möchte ich nicht diskutieren, deshalb bin ich dem Bundeskongress der TGD ferngeblieben."

Böhmer fügte hinzu: "Ich finde es bedauerlich, dass die unsachlichen Äußerungen auf dem Bundeskongress erneuert wurden. Ich hoffe, dass wir in naher Zukunft wieder zu dem sachlichen und konstruktiven Austausch zurückkehren können, der die bisherige Zusammenarbeit zwischen der TGD und mir über weite Strecken geprägt hat. Die TGD ist ein wichtiger Partner bei der Umsetzung des Nationalen Integrationsplanes. Wenn wir an einem Strang ziehen, können wir viel für die türkischstämmigen Bürgerinnen und Bürger unseres Landes tun. Die TGD sollte sich dieser Verantwortung zu jeder Zeit bewusst sein."

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