Religiosität & Intelligenz: Sind Gläubige dümmer?

Richard Lynn hat wieder einmal zugeschlagen: In der Vergangenheit hatte der emeritierte Professor für Psychologie schon verkündet, dass sich Menschen"rassen" in ihrem IQ unterschieden, Afrikaner beispielsweise sehr viel weniger intelligent als Europäer seien (englische Buchzusammenfassung hier), dass Frauen einen durchschnittlich geringeren IQ als Männer aufwiesen (BBC-Bericht hier) und dass es außerdem an der Zeit sei, wieder über Eugenik und pränatale Diagnostik auch zum Zweck der Intelligenzsteigerung nachzudenken (BBC-Bericht dazu hier).

So etwas liest man in der deutschsprachigen Blogosphäre nicht gerne. Aber nun hat Richard Lynn, so eine Vorankündigung zum Journal Intelligence, ebenfalls behauptet, dass Religiosität mit niedriger Intelligenz korreliere - das wird (hier von Florian Rötzer) gerne aufgegriffen. Denn Lynn meint, dass es einen starken Zusammenhang zwischen dem IQ und dem Glauben an einen Gott gebe. Man könne sogar vom durchschnittlichen IQ den Anteil der Atheisten in 137 Ländern ablesen.

Neu..?

...ist das nicht. Entsprechende Grafik-Korrelationen und Tabellen finden sich seit Jahren im Internet.

Die Grafik korreliert den durchschnittlichen IQ der Einwohner von Ländern mit deren Anteil, die Religion in ihrem Leben als "sehr wichtig" einschätzten. Rot umkreist sind die USA, die als religiös-demografischer Markt aus dem Schema fallen.

Die Crux bei dieser Korrelation hat mit einem spezifischen Problem zu tun, mit dem Lynn schon des öfteren zu kämpfen hatte: In reichen und wohlhabenden Gesellschaften steigt der durchschnittliche IQ. Denn hier erhalten die Menschen von klein auf bessere Nahrung, medizinische Versorgung sowie Frühförderung und Bildung im Rahmen von Kompetenzen, wie sie IQ-Tests abfragen. Gleichzeitig bieten diese Länder rechtlichen und sozialen Schutz und machen damit eine Funktion von Religionsgemeinschaften als Netzwerke gegenseitiger Hilfe obsolet, zudem gehen mit steigender Bildung mehr lebensweltliche und weltanschauliche Optionen einher - Säkularisierung setzt ein.

Entsprechend steigen IQ und sinkt der Religiositätslevel jeweils aufgrund derselben gesellschaftlicher Prozesse, bis ein religiös-demografischer Markt wie in den USA das Nachwachsen junger, religiöser Generationen ermöglicht (mehr dazu hier). Und siehe da: Auch die obere Grafik räumt ein, dass die rot umrandete USA aus dem Raster fällt - die Vereinigten Staaten weisen sowohl hohe IQ wie auch hohe Religiosität auf.

Gegen eine allzu einfache Korrelation...

...sprechen aber auch weitere Untersuchungen. So konnten Carsten Ramsel, Sven Graupner und ich bei einer Auswertung deutscher ALLBUS-Daten 2002 keinen linearen Zusammenhang von Religiosität und Bildung ausmachen.

Bei der Auswertung der deutschen ALLBUS-Daten 2002 zeigte sich, dass in der Generation der 35- bis 45jährigen kein linearer Zusammenhang von Religiosität und Schulabschluss (mehr?) bestand.

Der Bildungserfolg war übrigens ein Problem, auf das Lynn auch schon beim Männer-Frauen-Thema gestoßen war: der Befund, dass in immer mehr Ländern mehr Frauen als Männern der Bildungsaufstieg bis in die Universitäten gelang, stieß sich doch sehr direkt mit seiner These geringerer, weiblicher Intelligenz. Im Bezug auf Religionen zeigt sich das gleiche Problem.

Und auch bei der Auswertung der Schweizer Volkszählung 2000 ergab sich, dass Juden und einige kleinere, christliche Gemeinschaften nicht nur wesentlich mehr Kinder als Konfessionslose bekamen - sondern dabei auch höhere Anteile an Akademikern und Inhabern leitender Berufspositionen verzeichneten.

Dass Lynn in seinem o.g. Buch aschkenasischen Juden mehr IQ als Europäern und einen sehr viel höheren IQ als Arabern zuerkannte, zeigt übrigens ebenfalls auf, dass auch er selbst nicht an eine lineare Verknüpfung von Intelligenz und Religiosität über alle Weltreligionen hinweg glaubt - ein gewisser Eindruck von Willkür ist kaum von der Hand zu weisen.

Fazit

Es bleibt hoch umstritten und zu überprüfen, ob und wie der Intelligenzquotient (IQ) je unabhängig mit ethnischer Herkunft, Geschlecht oder eben Religiosität korreliert. Auch bleibt unklar, inwiefern der IQ nicht nur eine sehr spezifische Weise der Problemlösung "mißt", die sich kaum absolut aus den Anforderungen heutiger oder vergangener Lebenswelten ableiten läßt. Warum IQ überhaupt ein besserer Maßstab für menschliches Leben sein sollte als z.B. emotionale Intelligenz (EQ), Spiritualität, Musikalität, Familiensinn oder Leistungsbereitschaft, erscheint mir nirgendwo schlüssig begründet. Letztlich macht Lynn auch hier bereits in seinen Arbeiten Schlenker: So attestiert er "Ostasiaten" höhere Intelligenz als Europäern, vermutet dann aber im Hinblick auf die unterschiedlichen, zivilisatorischen und wissenschaftlichen Erfolge, dass Asiaten eben "konformistischer" seien und ihren Intelligenzvorsprung daher nicht innovativ nutzen würden. Selbst wer ihm bis hierher folgen wollte, müßte also einräumen, dass auch nach Lynn IQ keinesfalls der einzige Erfolgsindikator ist, wie auch Religiöse (z.B. aschkenasische Juden) durchaus intelligent sein können...

Übrigens: Ganz hart evolutionsbiologisch gesprochen, ist der natürliche, biologische Erfolgsmaßstab schlicht der Reproduktionserfolg - und hier zeigen sich die nach Lynn angeblich weniger intelligenten "Rassen" und die Religiösen weltweit "intelligenten" Rationalisten klar überlegen. Die eugenischen Fantasien erhalten hier eine beklemmende Note.

Wer sich also nicht blamieren will, sollte auf eine unkritische Rezeption Lynns ebenso verzichten wie auf Denk- oder Forschungsverbote: Die wirklich überzeugenden Befunde zum Zusammenhang von Intelligenz und Religiosität (wie auch zu mutmaßlichen Unterschieden zwischen Ethnien und Geschlechtern) sowie deren Sinnhaftigkeit harren noch ihrer Entdeckung, Veröffentlichung und Diskussion. Es bleibt der schale Nachgeschmack, dass mit doch eher umstrittenen Datensätzen und Schlussfolgerungen nacheinander anderen Völkern, Frauen und nun eben Religiösen mangelnder IQ attestiert wurde - was je mancher nur zu gerne glauben wollte...

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