Mittwoch, 28. Mai 2008

Sternschnuppen - Von Anne Hertz

Wie biokulturell fixiert sind Familienrollen? Zu dieser und anderen Fragen Zehras erster Buchtip:

Sternschnuppen. Von Anne Hertz

Der Roman "Sternschnuppen" von Anne Hertz, Zehras erster Blog-Buchtip.

Begeistert hat mich an diesem Buch immer wieder die Überlegung der Ich-Erzählerin Svenja, ob Kinder und Beruf vereinbar sind. Sie -frischgebackene Hoteldirektorin eines first-class Hotels- wird völlig unerwartet schwanger. Da sie sehr hart für ihren beruflichen Erfolg gearbeitet hat, möchte sie ihn nicht aufgeben, vor allem, da sie plötzlich auch noch Alleinerziehende ist.

So begibt sie sich noch während der Schwangerschaft auf Kinderbetreuungssuche und stößt dabei immer wieder an Grenzen: Kitas haben nicht lange genug geöffnet und sind oft erst ab drei Jahren, Au-Pairs bekommen kein Visum, Tagesmütter sind viel zu teuer für eine Rundumbetreuung… Dennoch schafft sie es mit Hilfe von Sascha, ihrem männlichen russischen Kindermädchen. Ihr etwas unkonventioneller Weg trifft nicht überall auf Zustimmung und so sorgen Überlegungen, ob eine berufstätige Mutter eine Rabenmutter ist, nicht nur einmal für Diskussionsstoff.

Leseprobe

„Sascha schüttelt den Kopf „Rabenmutter? Das Wort habe ich noch nie gehört. Was heißt das?“ „Na, das ist eine Mutter, die ihre Kinder schlecht behandelt. Wie die Rabenfrau, die ihre frisch geschlüpften Küken gleich aus dem Nest schmeißt.“ „Aha, seltsamer Begriff. Gibt’s auf Russisch gar nicht. Ich finde, du machst toll mit deinen Kindern. Du liebst sie, du kümmerst dich. Und dass du mit Papa nicht zusammen bist, ist nicht deine Schuld. Das passiert auch anderen. Du hast das Beste aus der Situation gemacht. Mach dir keine Sorgen.“ „Ja, aber verstehst du mein Problem?“ „Nein. Weißt du, was ich glaube, was dein Problem? Das ist nicht, dass du Mutter bist. Nein, das Problem ist, dass du so deutsch bist.“ Das verstehe ich nun wieder nicht und schaue entsprechend ratlos. „Na“, fährst Sascha fort, als ich ihm einen fragenden Blick zuwerfe, „ich wohne schon sehr lange hier, aber eines werde ich nie verstehen: Deutsche sehen immer Problem. Immer. Und überall. Selbst wenn alles läuft gut. Sieh dich an: Du hast eine gute Arbeit und verdienst gutes Geld. Die Babys sind gesund - und du hast tollsten Babysitter de Welt. Wärst du Russin, du wärst glücklich. Als Deutsche – nein. Da musst du so lange suchen, bis endlich anderes Problem auftaucht, über das du dir Sorgen machen kannst. Ihr Deutschen könnt nicht ohne Sorgen leben, da fehlt euch etwas. Seltsames Volk. Rabenmutter. So eine große Scheiß!“

Zitat Ende

Dieser Roman bewirkt, dass wir unsere festgefahrenen Rollenbilder überdenken und auch mal über unkonventionelle Wege nachdenken. Einfach toll! Gewidmet ist er übrigens Ursula von der Leyen – sehr passend!

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