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Mittwoch, 21. Mai 2008

Hyperion von Dan Simmons

Arvid Leyh vom Scilog Braincast verdanke ich einen Literaturtip zum Thema Religion(en) und Science-Fiction, der mir nach Jahren relativer Abstinenz wieder gezeigt hat, wie anregend, spannend und anspruchsvoll das Genre sein kann.



Rezensionen von Romanen beginnen gerne mit der Floskel, der Autor "entführe" uns in diese oder jene Welt. Dan Simmons entführt nicht, er reißt den Leser hinein in ein Zukunftsuniversum atemberaubender Dichte. Die alte Erde wurde verlassen (und vernichtet?), die Menschheit breitet sich mittels Raumschiffen und der Teleportations-Farcaster-Technologie über hunderte von Welten aus. Dutzende unterschiedlicher Kulturen, ein komplexes, politisches System samt Online-Parlament, eine virtuelle Computermatrix mit drei unterschiedlichen Ebenen, Sternenreisen, bei denen die Altersverzögerung bei nahe Lichtgeschwindigkeit in Jahren berechnet wird und geheimnisvolle Labyrinthe und Artefakte auf einigen Planeten, darunter vor allem auf dem eigentlich randständigen Hyperion - auch fortgeschrittene Science-Fiction-Leser werden hier gefordert, zumal sich Simmons mit Erklärungen und Beschreibungen kaum aufhält.

Und die komplexe Welt der Religionen ist noch gar nicht erwähnt: Da ist die schrumpfende, katholische Kirche auf dem Vatikanplaneten Pax, aber auch Judentum und Islam haben Planeten besiedelt, ein ökologisch orientierter Templerorden bereist das Universum mit Baumschiffen, dominierender sind aber Zen Gnostizismus und ein neuer, geheimnisvoller Kult der Shrike Kirche, die ein furchtbares Wesen auf Hyperion für den Boten der Läuterung hält.

Wissenschaft und Theologie werden in komplexen Dialogen um Evolution und Teilhard de Chardin, Zeit und Gerechtigkeit, die Opferung Abrahams und die Frage, ob und wie Gott evolviert immer wieder überraschend neu zueinander in Stellung gebracht - atemberaubend.

Im Mittelpunkt der Handlung der ersten zwei von vier Bänden steht eine siebenköpfige Pilgergruppe, die die Rätsel von Hyperion zu lösen versucht. Jedem dieser sieben verlieh Simmons eine völlig eigene, packende Geschichte und auch noch klar unterscheidbare Erzählstimmen. Und auch dabei verbindet er Science-Fiction, Religion(en) und Wissenschaft - so gehören zu den sieben ein Jude mit seiner kleinen Tochter, ein Jesuitenpater, ein Kämpfer und Nachfahre palästinensischer Flüchtlinge, ein Templer sowie ein Politiker, eine Detektivin und ein Poet. Die Poesie, insbesondere von Keats, spielt eine zentrale Rolle in der Verbindung in der Durchleuchtung der Begriffe von Zeit, Identität, Wissenschaft und Glauben, von Schöpfung, Zerstörung, Krieg und Neubeginn.

Hyperion ist kein Zyklus für Science-Fiction-Einsteiger und wird auch manchen fortgeschrittenen Leser überfordern. Der uferlos komplexe Erzählstrom windet sich in immer wieder überraschenden Wendungen, eröffnet hinter jedem gelösten Rätsel drei neue Geheimnisse, tost einmal turbulent dahin und verlangsamt dann wieder auf gemächliche, fast irritierend langsame Strecken. Wer Offenheit und Begeisterungsfähigkeit für Science-Fiction bewahrt hat, wer bereit ist, auch Religion(en) unter ganz neuen Blickwinkeln zu sehen (vielleicht mit Ausnahme des Islam, der auch bei Simmons leider in Klischeebildern erstarrt - wenn man vom Mut absieht, einen Palästinenser vorbehaltlos als Helden gelten zu lassen) und wer vor allem Geduld und Zähigkeit aufbringt - den entführt Dan Simmons auf eine Lese-Pilgerreise, nach der sich "Gott und die Welt" anders anfühlen als zuvor. Derzeit wandere ich in den beiden Folgebänden, in denen die Kirche... Ach, das wird eine eigene Rezension werden. Danke für diesen Lese-, eigentlich Pilgertip, Arvid!

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ElsaLaska - 22. Mai, 07:44

Ich bin ebenfalls ziemlich begeistert von Dan Simmons, aus den Gründen, die du oben anführst. Ich wünsch dir noch viel Spaß beim Weiterlesen! Und dann nochmal von vorne anfangen. Da ist Stoff genug drin ...

Treibgut - 27. Mai, 01:16

Hyperion

... der erste Teil ist wirklich Klasse, aber der zweite vielleicht doch etwas "größenwahnsinnig"? Ich erinnere mich aber auch nur noch dunkel an die wüste Zerstörungsorgie - ist 15 Jahre her, wo ich das gelesen habe.

Ja...

...habe gerade gelesen, wie die halbe Schweizergarde ausgelöscht wurde. Und warte jetzt, wann (und ob) es endlich mit den wirklich interessanten Inhalten weiter geht...
docque (Gast) - 21. Aug, 10:25

Ich habe alle 4 Bände gelesen und muss sagen ich bin begeistert. Das war eigentlich mein erstes wirkliches Science Fiction Buch aber wer sich auch nur ansatzweise für Philosophie und ähnliches interessiert sollte viel Freude an den Büchern haben. Mir haben glaube ich die beiden letzten Bände am besten gefallen, aber ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber ich bin mir sicher das ich unbedingt alle Bände bei Gelegenheit nochmal lesen muss, da man bestimmt noch viel neues entdecken kann wenn man sie nochmal mit mehr Gefühl für die Feinheiten liest – nächster Versucht würde ich sagen – unbedingt empfehlenswert!

Zustimmung...

...@docque, habe gerade im Urlaub Endymion bzw. die beiden letzten Teile (rund 1500 Seiten...) beendet. Die vier Bände fordern einen schon, haben auch Längen - aber es ist ein literarisches, intellektuelles und auch wissenschaftliches Abenteuer mit unglaublich faszinierenden Charakteren, frischen Ideen und evolutions- und religionsphilosophischen Debatten und Spekulationen vom Feinsten. Ja, so gut kann Science-Fiction sein!

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Die VOC von Frauen in der Türkei, nach Entwicklungsstand der Wohnregion 1982. In den noch agrarisch geprägten Regionen sprechen viel mehr ökonomische Gründe für Kinder, in den Großstädten gewinnen Emotionen und schließlich normative, d.h. auch religiöse Aspekte an relativem Gewicht für die reproduktive Entscheidung.

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