Mittwoch, 30. April 2008

Die kulturelle Evolution der Sprache & Wörter mit Migrationshintergrund

Wie kam es eigentlich, dass der Ökonom Friedrich August von Hayek den Mut und Ansatz fand, den Evolutionsgedanken auch auf kulturelle Artefakte und schließlich auf religiöse Überzeugungen anzuwenden?

Ihn faszinierte, von jungen Jahren an, die Evolution der Sprache(n): Großartige, unübersehbar komplexe Kommunikations- und Symbolsysteme, die von keinem einzelnen intelligenten Designer geplant werden konnten, sondern immer und Tag für Tag aus der Interaktion der Menschen selbst emergierten.

Ja, Religionsgemeinschaften, Staaten und (Medien-)Unternehmen können Sprachen tiefgreifend beeinflussen, wirklich steuern können sie sie aber nicht. Und nicht selten entwickeln Sprachen sogar ganz eigene Widerständigkeiten gegen politische Bevormundung - man denke nur an den sächsisch-berlinerischen "Ballast der deutschen Republik" (anstelle "Palast..."), die berühmten Radio-Eriwan-Witze u.v.m.

Wörter mit Migrationshintergrund

Und wie die biologische Evolution (etwa der Homo Sapiens-Population der britischen Inseln) wird auch die kulturelle Evolution der Sprachen durch ständige Anreicherung und Vermischung geprägt. So hatte das Goethe-Institut die pfiffige Idee, einen Wettbewerb zu "Wörtern mit Migrationshintergrund" auszuschreiben. Gewonnen haben:

Wörter mit Migrationshintergrund, eine pfiffige Idee des Goethe-Instituts, die wunderbar dokumentiert, dass auch Sprachen (wie Religionen) Produkte biokultureller Evolution sind - und sich ebenso häufig vermischen, wie sie offiziell auch der Abgrenzung dienen.

1. Platz: Tollpatsch, aus dem Ungarischen

Von "Talpas" = breitfüßig, schwerfällig. Aha!

2. Platz: Currywurst, aus dem Tamil

Eine indisch-germanische Wortvermählung, vermittelt über das Englische. Lecker, oder!?

3. Platz: Engel, aus dem Griechischen

Mit einem speziellen Dank des bloggenden Religionswissenschaftlers an den Einsender nach Maxhütte!

Schulklassenwettbewerb: Milchshake, aus dem Englischen

Umwerfende Begründung der 8a aus Gersthofen: Es gibt einfach kein deutsches Wort dafür!

Jugendwettbewerb: Chaos, aus dem Griechischen

Mit einem wunderbaren Essay des Einsenders über den Zusammenhang von Chaostheorie und seinem Zimmer...

Link mit den lesenswerten Begründungen der Einsender hier.

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4897916/modTrackback

MMarheinecke - 30. Apr, 09:17

Milchshake

Umwerfende Begründung der 8a aus Gersthofen: Es gibt einfach kein deutsches Wort dafür!

Auf "Verordnungsdeutsch" schon: Milchmischgetränk

Und wie...

...grenzt sich das vom Kakao ab? :-)
Kunar - 16. Mai, 09:34

"Gibt's nicht" ist Quatsch

Laut Verein Deutsche Sprache ist Milchmischgetränk ein früher verwendetes Wort, welches von "Milchshake" zunehmend verdrängt wird. Falls das so ist, wäre das traurig, denn warum soll man etwas bereits Bestehendes ersetzen? Beurteilen, ob das der Fall ist, kann ich nicht - dafür bin ich mehrere Jahrzehnte zu jung.

Die Begründung "Es gibt einfach kein deutsches Wort dafür!" ist herrlich unsinnig. Wenn es kein Wort gibt, dann überlegt man sich einfach eins. So passiert es in anderen Sprachen auch. Viele haben die Vorstellung, eine Sprache wachse wie eine Pflanze und man dürfe daran nichts verändern. Wo kommen jedoch die neuen Wörter im Englischen her? Fallen sie vom Himmel? Wachsen sie auf Bäumen?

Falsch ist auch die Begründung für viele Anglizismen, man müsse ein ursprüngliches Wort so übernehmen, weil die wörtliche Übersetzung zu lang oder umständlich klinge. Eine vernünftige Übersetzung besteht nie in einem roboterhaften 1:1-Übernehmen, sondern einer sinnvollen Übertragung.

Umgekehrt sieht man das schnell ein: Wer Englisch so spricht wie Deutsch mit englischen Wörtern, erntet viele Lacher. Korrekt ist, die Feinheiten der jeweiligen Sprache zu beachten und die jeweiligen Vokabeln zu kennen. Das erfordert oft, sich einen völlig anderen Ausdruck für dieselbe Sache einzuprägen.
Edgar (anonym) - 30. Apr, 15:37

Süßspeisen

Mir begegnete kürzlich eine "Süßspeise mit Migrationshintergrund" ;-)

http://www.mundmische.de/entry/show/18715-Suessspeise_mit_Migrationshintergrund

Claudia (anonym) - 30. Apr, 20:55

Es gibt auch ein Buch dazu -

"Eingewanderte Wörter" (Hueber Verlag) - mit den schönsten Einsendungen zum Wettbewerb. Außerdem gibts hier noch was zum Thema: http://kalliopevorleserin.wordpress.com/2008/04/25/das-beste-eingewanderte-wort/

kp (anonym) - 1. Mai, 23:18

Integrierte Wörter

Eigentlich muss man gar nicht bis in die gedanklichen Tiefen des Milchshakes gehen. Am Ende muss man dafür noch auf den Kaffee (arab) verzichten, der einen gedanklich bei einer guten Partie Schach beflügeln kann, den Gegner Schachmatt (arab) zu setzen, statt ihn in Watte (arab) zu packen. Selbstverständlich kann sich das natürlich auch zum Bumerang (austral./polynesisch) entwickeln. Aber man muss im Leben manchmal auch ein Risiko (arab.) eingehen und zwar bevor man den Zenit (arab.) überschritten hat. Hilfreich kann natürlich auch ein Talisman (arab.) sein, den man in seiner Jacke versteckt hält.

Wörter haben es mit der Integration immer schon einfacher als Menschen gehabt: http://www.wispor.de/wpx-ku1.htm.

Kunar - 17. Mai, 14:21

Sprachplanung und Plansprachen

"die Evolution der Sprache(n): Großartige, unübersehbar komplexe Kommunikations- und Symbolsysteme, die von keinem einzelnen intelligenten Designer geplant werden konnten, sondern immer und Tag für Tag aus der Interaktion der Menschen selbst emergierten."

Richtig ist: Kein einzelner Mensch kann eine Sprache komplett erfinden und mit Leben füllen. Allerdings sind Sprachen viel stärker das Produkt bewusster Eingriffe, als es viele Menschen wissen. Auch ist der Einfluss einzelner Personen mitunter sehr groß.

Insbesondere die Hochsprachen sind immer das Werk von Normierung und nicht "nebenbei" oder "zufällig" aus der alltäglichen Kommunikation entstanden. Einige Beispiele, bei denen die Planung besonders ausgeprägt war: Hebräisch (als gesprochene, alltägliche Sprache), Norwegisch (Nynorsk und Bokmål) und Indonesisch.

Sprachplanung wird oft als Bevormundung empfunden. Die Motive dahinter stehen jedoch oft für das Gegenteil: Man möchte der breiten Bevölkerung Zugang zu Bildung verschaffen (z.B. ein Grund für das koreanische Schriftsystem). Immer wieder gab es folgenden Vorgang: Die Sprache der einfachen Leute, bisher gerne als "Dialekt" oder "Sprache der Bauern" verpönt, soll in allen Bereichen des Lebens eingesetzt werden. Dafür ist ein Ausbau des Vokabulars unumgänglich, um die Wörter der bisherigen Prestigesprache zu ersetzen, denn große Teile der Bevölkerung verstehen diese Sprache nicht und können sie auch nicht lernen. Parallel dazu muss die Sprache für Wissenschaft und Kunst tauglich gemacht werden. Hierbei spielt ein geändertes (oder neu gefundenes) Selbstbewusstsein eine Rolle, etwa bei Unabhängigkeit oder Abschütteln einer Hegemonialmacht.

Der extremste Fall von Sprachplanung besteht darin, eine Sprache von Anfang an neu zu entwickeln. Das bekannteste Beispiel ist Esperanto.

Dr. Blume

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