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Samstag, 26. April 2008

Ein Lob der Lokalzeitung(en)

Okay, ich weiß - Lokalzeitungen werden in der akademischen Welt gerne belächelt und wer sich über "wissenschaftliche" Berichterstattungen darin freut, bekommt den Stempel "provinziell".

Heute möchte ich mich jedoch als Lokalzeitungs-Fan gerade auch in der Wissenschafts-Berichterstattung outen! Warum? Weil viele Lokalzeitungen Leser erreichen, die spezialisierte Fachliteratur (bislang) kaum interessiert. Weil Lokalzeitungen oft sehr intensiv gelesen werden. Und weil die Berichte aus Lokalzeitungen von Mensch zu Mensch diskutiert werden.

So verdanke ich einen Moment echten Glücksgefühls diesem Bericht der Filder-Zeitung (einer Lokalbeilage der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten). Schon der Bericht der Autorin Frederike Poggel war sehr nett, die Redaktion hatte auf Basis der Daten aus dem ALLBUS-Artikel eine schöne Grafik gestaltet und es gab eine Umfrage auf der Straße sowie Leserbriefe.

Aber wohl nie vergessen werde ich den Moment, als ich am Erscheinungstag in der Schlange am Postschalter stand - und zufällig mitbekam, wie zwei Kundinnen weiter vorne das Thema diskutierten. ("Glaubsch Du das auch, dass die in dr Kirch mehr Kender hän?" - "Hajo, klar, da musch doch no gucke, wo dr Kender rumspringe. Bei denne, wo d Kirch hoch halte. Koiner will doch viel Kender, wenn er von Gemeinschaft ond Regle nix hält.")

Wenn ich jetzt manchmal nachts über Daten oder Texten brüte und befürchte, es sei doch alles umsonst, für Fakten interessiere sich doch eh keiner - dann denke ich immer wieder an dieses kleine (und für mich große) Ereignis zurück. Und seitdem haben Lokalzeitungen, gerade auch in der Wissenschafts-Berichterstattung, für mich einen ganz besonderen Stellenwert - dazu stehe ich. (-:

Wie ich heute darauf komme?

Christoph Schmitt von der Kreisausgabe des Schwarzwälder Boten hat unter dem Titel "Bildungsgrad ist eine wichtige Säule der Integration" einen Vortrag von mir zum Thema Islam in Deutschland und den USA konzise zusammengefasst, den ich diese Woche in Calw gehalten habe.



Und, ja, ich freue mich über die Berichterstattung in der Kreiszeitung ebenso sehr wie über die in einem akademisch anerkannten Journal. Wer das provinziell nennen mag, soll das ruhig tun. Denn ich finde: erst wenn Wissenschaft auch am Küchentisch, an der Laden- und Wirtstheke diskutiert wird, ist sie bei den Menschen, in dessen Dienst sie stehen sollte, wirklich angekommen.

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http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4888789/modTrackback

ElsaLaska - 26. Apr, 00:35

Ich freue mich mit und kann das darüber hinaus sehr gut verstehen. Mir ist es auch einmal passiert, dass man mich auf einen Fachartikel sozusagen bei einem Sonntagsspaziergang angesprochen hat. Regionalzeitungsleser sind nicht blöd und Regionalzeitungsjournalisten leisten teils bessere Arbeit, als das, was ich manchmal so im Spiegel geboten kriege. (Manchmal natürlich auch weitaus schlechtere, aber darum geht es hier nicht). Die Begebenheit auf der Post ist ermutigend und ganz sicher mindestens so zufriedenstellend, wie ein gelungener Vortrag vor Fachpublikum. Nee, wer das provinziell nennt, ist ein saurer Tropf ohne Herzensbildung.:-)
*Wieso schreibst du den Smilie eigentlich hebräisch?*gg*

Dann kann man ja nur noch ein verdientes und entspanntes Wochenende wünschen!
Lieben Gruß
Elsa

Danke, Elsa!

Es ist schön, auch mal verstanden zu werden! Und was war denn Thema Deines Fachartikels, auf den Du dann angesprochen wurdest?

Übrigens: Dir zu Ehren werde ich versuchen, mir fortan das Lächelmännchen richtig rum anzugewöhnen! :-)

Herzliche Grüße an den Vatikan!

Michael

the medium is not the message

Nette Begebenheit - ich sollte mich vielleicht auch häufiger in die Postschlange stellen?

Ich möchte Dir aber auch nochmals nachdrücklich zustimmen: man soll und darf sich doch bitteschön darüber freuen, wenn in Lokal- und Regionalzeitungen solide recherchierte Wissenschaftsmeldungen und -Texte zu lesen sind. Diese Medien (weshalb überhaupt?) weniger ernstzunehmen, ist doch auch von gestern. Klar, die Reichweite ist geringer, dort sind nicht die Edelfedern beschäftigt und "Multiplikatoren" (im engeren Sinne) lesen den Filderboten nicht.

Aber wir sollten nicht vergessen: die erreichen momentan noch deutlich mehr Leser, als wir mit unseren Wissenschaftsblogs. Und auch 500 Leser des Regionalblatts, die gut informiert wurden, sind wichtig!

Ja, bei der Post...

...geht manchmal die Post ab! Ich war noch ganz schläfrig aber nach diesem Ereignis den ganzen Tag in Hochstimmung! ;-)

Und Dein Beitrag hat mich zu einer kleinen Träumerei angestiftet: Wie wäre es eigentlich, wenn es eines Tages eine enge Kooperation zwischen der deutschen Wissenschafts-Blogosphäre und Lokalredaktionen geben würde?

Die Blogger könnten Leser ansprechen, die sonst nie auf den Gedanken kämen und die Redaktionen günstig an interessante Stories kommen. Lokalbezüge ließen sich jeweils über die Person des Bloggers ("Von XY-stadt aus speist sie Wissen ins Web") oder über Themen ("Die XY-hofer Burg sorgt für Debatten im Internet") herstellen...

Hmmm... Ob diese Idee in Zukunft etwas taugen könnte?

Dr. Blume

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